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Lesen schadet der Dummheit
Kommunikationsberater und ehemaliger Pressechef der Buchverlagsgruppe Ullstein Frank Schmeichel | Foto: BERLINboxx

Lesen schadet der Dummheit

29. Juni 2020

Eine gute Entwicklung in diesen Monaten ist die Hinwendung zum Buch. Der Buchmarkt bringt im Jahr mehr als 70.000 Neuerscheinungen in den Handel. Frank Schmeichel, in Wirtschaft und Politik gefragter Kommunikationsberater war Anfang der 1990er Jahre Pressechef der Buchverlagsgruppe Ullstein und ist studierter Literaturwissenschaftler. In dieser Zeit traf er bedeutende Autoren wie Ephraim Kishon, Henry Kissinger, Ronald Reagan und Boris Jelzin, die in der Verlagsgruppe publizierten. Frank Schmeichel macht für die BERLINboxx einen kleinen Literaturspaziergang und empfiehlt lesenswerte Bücher für eine hoffentlich anhaltende Leserenaissance.

Power von Verena Güntner

Die vielfach ausgezeichnete Berliner Autorin Verena Güntner erzählt eine Dorfgeschichte, die einen Ausnahmezustand beschreibt. Der Hund namens Power der alten Witwe Hitschke ist verschwunden und das eigenwillige elfjährige Mädchen mit dem Spitznamen Kerze veranstaltet eine obsessive Suche, der sich nach und nach alle Kinder des Ortes anschließen. Dabei verlassen sie ihre Familien, werden zu Waldkindern, die auf allen Vieren laufen und sich durch Bellen verständigen. Die Dorfgemeinschaft reagiert panisch auf den unheimlichen Exodus der Kinder, alte und schwelende Konflikte reißen auf und nichts ist mehr wie es war. Sprachgewaltig und einfühlsam beschreibt Verena Güntner das Psychogramm eines Dorfes und die Radikalisierung seiner Bewohner.

Stern 111 von Lutz Seiler

Ein weiterer Familienroman von hoher atmosphärischer Dichte aus der Nachwendezeit konfrontiert Carl, das Alter Ego des Autors Lutz Seiler, mit seinen Eltern, die zu einem Roadtrip um den halben Erdball auf-brechen. Dabei wird die Bewältigung des Zusammen-bruchs und Zusammenwachsens nach 1989 mit hoher Authentizität aus der Perspektive von zwei Generationen erzählt: Das anarchisch-chaotische Leben des Sohnes im Berlin der Aufbruchszeit und die Sehnsucht der Eltern nach Freiheit und Abenteuer nach einem angepassten und repressivem Leben in der DDR. Dieser originelle Roman der Wendezeit erhält durch die lebendige Schilderung des Straßenlebens im Kreis des „klugen Rudels“, im Häuserkampf und Künstlermilieu auch eine bedeutende historische Komponente. Wie aus Orientierungs-losigkeit, Chaos und lustvoller Anarchie ein neuer Lebensentwurf für die auseinandergerissene Familie Bischoff wird, ist ein optimistisches Zeichen dafür, dass historische Disruptionen immer auch Chancen aufzeigen.

Sieben Versuche zu lieben - Familiengeschichten von Maxim Biller

Der scharfzüngige Autor und Kritiker Maxim Biller zeigt in diesen skurrilen Familiengeschichten seine tiefgründige Empathie und Sensibilität. Das ganze emotionale Spektrum des menschlichen Daseins von Liebe bis Hass, von Leid bis Lust, Vergangenheitsbewältigung mit historischen Brüchen und immer wieder durchschimmernd – ein intelligenter subtiler Humor! Die jüdischen Familiengeschichten erzählen von den Spätfolgen der Emigration, vom Prager Frühling, von Stalins Moskauer Terror, vom chaotischen Berlin der Nachwendezeit und auch von Tel Aviv, dem verklärten Sehnsuchtsort seiner Protagonisten. Die mit großer Menschlichkeit und Liebe gezeichneten Väter, Mütter und Söhne tragen an ihrem schweren oftmals traumatisiertem Schicksal, stellen sich aber mehr oder weniger bravourös den Herausforderungen des Lebens in der neuen Heimat. Die in diesem Band erstmals versammelten Familien-geschichten gehören zu den anspruchsvollsten Texten der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.

Blinder Galerist von Johann König und Daniel Schreiber

Die Lebensgeschichte eines der erfolgreichsten Galeristen Deutschlands, der willensstark seine Blindheit besiegt und nie aufgibt, im Gegenteil, eine übermenschliche Energie aufbringt – das ist der große Mutmacher des Jahres 2020. Johann König, den ich persönlich gut zu kennen glaubte, verdient nach der Lektüre seines kämpferischen und stets optimistischen Lebens allerhöchsten Respekt über die bisher entgegengebrachte Wertschätzung hinaus. Mit 20 Jahren gründet der fast blinde Johann, Sohn des Kunstkurators Kasper König seine erste Galerie. Ein Paradox! Doch die Kunst wurde seine Rettung. Heute gilt Johann König als der Popstar der Galeristen mit der spektakulären Berliner Galerie in der St. Agnes-Kirche in Kreuzberg und Dependancen in London und Tokio. Seine Künstlerinnen und Künstler wie Jorinde Voigt oder Alicja Kwade gehören zu der ersten Liga der Gegenwartskunst, Katharina Grosse gilt als bedeutendste Künstlerin des 21. Jahrhunderts. Das beeindruckende Buch ist keine Leidensgeschichte, sondern eine Lebensgeschichte voller Kraft, Kampfgeist und Phantasie!

Das neue Berlin aus der Luft-Architektur im Wandel von Reimer Wulf

Im Jahr 30 der Deutschen Einheit macht der großformatige Bildband das neue Berlin erlebbar. Luftaufnahmen von höchster Präzision dokumentieren die städte-baulichen Veränderungen der Haupt-stadt. „Die Flugroute“ führt entlang der großen Ost-West-Achse und zeigt die Neue Mitte ebenso wie das Regierungsviertel, aber auch die Entwicklungen in den Bezirken wie Friedrichshain-Kreuzberg. Zum ersten Mal kann der Betrachter das wieder aufgebaute Stadt-schloss mit dem Humboldt Forum aus der Vogelperspektive sehen. Stadtreparatur in historisierender Form! Ein Bildband, der Lust aufs Entdecken macht.


Zu guter Letzt – Ein Klassiker: Candide oder Der Optimismus von Voltaire in der Reihe „Kleine Bibliothek der Weltweisheit 12“

Mein Optimismus-Dope aus dem 18. Jahrhundert ist zugleich eines der einflussreichsten Bücher der Weltliteratur und garantiert immer wieder höchsten Lesegenuss: Voltaires scharfsinnige Satire entlarvt die Idee vom Paradies auf Erden als Illusion und zerstört das optimistische Leibniz’sche Weltbild von der guten, der besten aller möglichen Welten. Der gutgläubige Candide erlebt auf seinen abenteuerlichen Reisen alles nur erdenkbar Schlechte in der Welt: Grausamkeit, Krankheit und Krieg. Jeglicher Optimismus wird zerstört und ad absurdum geführt. Nachdem Candide am Ende seiner Reise seine Liebe Cunégonde wiedertrifft, die grauenhaft verstümmelt ist, heiratet er sie dennoch und widmet sich der Landwirtschaft. Seinem Lehrer Pangloss, der noch immer das Gute propagiert und unerschütterlich am Lebensoptimismus festhält, entgegnet Candide mit dem großen gelassenen philosophischen Satz: Gut gesagt, aber es ist notwendig unseren Garten zu bestellen. Ein welthistorisches Beispiel für die Selbstbeschränkung und Eskapismus. (fs)