Baulandreserve: Vielen Berliner Laubenpieper-Parzellen droht das Aus | Foto: pixabay.com/javallma

Wohnungsbau statt Schrebergärten: Mehrheit der Berliner ist dafür

Wenn Arne Piepgras an die Wohnraumsituation in Berlin denkt, schaudert es ihn. „Es ist ein Desaster“, sagt der langjährige Sozialdemokrat. Seit 17 Jahren führen seine Genossen den Senat, aber der Wohnungsmarkt findet nicht aus der Krise. Der 61-jährige Piepgras ist Projektentwickler, er kennt die Misere im Wohnungsbau genau.

Berlin ist eine wachsende Stadt, rund eine Viertel Millionen Menschen werden sich in den kommenden 15 Jahren zusätzlich ansiedeln. Bis 2020 braucht die Bundeshauptstadt mindestens 137.000 neue Wohnungen, bis 2030 müssen etwa 194.000 sein. Nur so kann das Wohnangebot mit dem Bevölkerungswachstum Schritt halten und den ohnehin bereits angespannten Wohnungsmarkt entlasten. Aber wo soll gebaut werden?

Wohnungsbau braucht neue Flächen

Projektentwickler Piepgras hat sich mit einer unkonventionellen Idee an die Öffentlichkeit gewagt. Rund drei Prozent der Stadtfläche, etwa 3.000 Hektar, werden von Kleingartenkolonien belegt. Die Gelände waren immer sogenannte Baulandreserve, Laubenpieper-Parzellen also seit jeher Idyllen auf Zeit. „Auf dieser Fläche könnten an die 400.000 Wohnungen errichtet werden“, hat Piepgras errechnet. Er weiß, dass er sich mit seinem Vorschlag unbeliebt macht. Kleingärten sind für Berliner Herzenssache. Wer Gartenkolonien planieren und bebauen will, muss mit Widerstand von Bürgerinitiativen rechnen.

Piepgras wollte es genau wissen und gab eine Umfrage in Auftrag, um die Stimmung in der Bevölkerung zu ermitteln. Und siehe da: 54,4 Prozent der Befragten würde eine teilweise oder vollständige Bebauung von Schrebergärten gutheißen. In der Altersgruppe 18 bis 29 Jahre würden sogar 71,2 Prozent eine Bebauung begrüßen. Hingegen lehnen mehr als 60 Prozent der über 50-Jährigen eine Bebauung entschieden ab.

 

Kämpft für gerechtes Wohnen: Immobilieninvestor Arne Piepgras | Foto: BERLINboxx

Kämpft für gerechtes Wohnen: Immobilieninvestor Arne Piepgras | Foto: BERLINboxx

 

Generationenkonflikt um Wohnraum

Dies macht den Generationenkonflikt sichtbar, der sich um das Thema rankt. Während sich alteingesessene Berliner im Stadtgebiet in ihren grünen Laubenpieper-Oasen erholen, werden junge Familien aus der Stadt gedrängt, weil die Mietpreise explodieren. Piepgras will eine „Gerechtigkeitsdiskussion“ anstoßen: „Ist es gerecht, dass absehbar hunderttausende Berliner Bürger das Stadtgebiet wegen steigender Mieten verlassen müssen? Wäre es nicht gerechter, die Kleingärten ins Umland umzusiedeln und damit hier Platz zu schaffen für eine Wohnungsbauinitiative, die diesen Namen auch verdient?“

In zwei offenen Briefen auf Zeitungsanzeigenseiten hat sich Piepgras in den vergangenen Wochen an die Bausenatorin Katrin Lompscher gewandt. „Rufen Sie zu einem Masterplan ,Bezahlbaren Wohnraum schaffen‘ auf“, lautet sein Appell. „Wenn wir nicht aufpassen“, warnt Piepgras, „werden wir Verhältnisse wie in München oder London bekommen, wo sich kein Normalverdiener mehr innerstädtischen Wohnraum leisten kann.“ Berlin werde „seinen Charakter als bezahlbare und damit liebenswerte Großstadt verlieren und zu einer unbezahlbaren Metropole“ werden.

Ausschließlich günstige Wohnungen

Vom rot-rot-grünen Senat erwartet er den Mut zu einer „Politik über den Tellerrand hinaus“. Piepgras spekuliert sogar auf eine breite Zustimmung seitens betroffener Kleingärtner: „Wenn sichergestellt wird, dass auf den Grundstücken ausschließlich günstige Wohnungen sowie Schulen und Kitas entstehen, wäre dann nicht auch ein Großteil der Kleingärtner bereit, auf ihre Privilegien zu Gunsten der Allgemeinheit zu verzichten?“

Für die Bausenatorin könnte Piepgras’ Vorschlag der Ausweg aus einem Dilemma sein. Soeben hat sie amtlich bestätigen müssen, dass der Senat das im Koalitionsvertrag vereinbarte Wohnungsbauziel verfehlen wird. Die Unterhändler von SPD, Linke und Grüne hatten sich auf „mindestens 30.000 Neubauwohnungen“ verständigt. In einem von Lompscher vorgelegten Bericht geht der Senat nun von 26.514 fertigen Neubauwohnungen in kommunaler Hand bis 2021 aus. Höchste Zeit also für einen Neustart in der Berliner Wohnungsbaupolitik. (hf)

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