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Wohnraum für Berlin – aber wie und wieviel?
Wie soll sich Berlin in den nächsten Jahren entwickeln? Schwachstellen und Potenziale offenbarte die Veranstaltung „Stadt im Gespräch - Berlin Im Wandel: Stadt weiterentwickeln“ | Foto: Jonas Denil on Unsplash

Wohnraum für Berlin – aber wie und wieviel?

06. Mai 2021

Wie soll Berlin in zehn oder zwanzig Jahren aussehen? Zu dieser Frage sprachen am Montagabend Sebastian Scheel, Senator Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen und Christine Edmaier, Architektin und Präsidentin der Architektenkammer Berlin in der Urania im Rahmen der Veranstaltung „Stadt im Gespräch - Berlin Im Wandel: Stadt weiterentwickeln“.

Nachhaltige Stadtquartiere

Im Rahmen der Reihe „Stadt im Gespräch – Berlin im Wandel“, die seit vielen Jahren von der Urania, der Architektenkammer und dem Tagesspiegel veranstaltet wird, ging es am Montag um das Thema „Stadt weiterentwickeln“. Mit einem kurzen Vortrag führte Bärbel Winkler-Kühlken, Stadtplanerin und Mitglied des Vorstands der Architektenkammer Berlin in das Thema ein. Ihr Hauptaugenmerk lag auf den Bedingungen für nachhaltige Stadtquartiere. Dabei sei der Dreh- und Angelpunkt der Boden- und Flächenschutz, so die Architektin. Der Versiegelungsgrad liege bei bereits bei rund 35 Prozent. So weiterzumachen, sei in ihren Augen nicht tragbar. Darum schlug Winkler-Kühlken die Einführung einer "Flächen-Kreislauf-Wirtschaft" vor, in der etwa leerstehende Parkhäuser eine Umnutzung erfahren oder Brachen weiterentwickelt werden. Beim Wohnungsbau ginge es darum auch vor allem um Qualität statt Quantität, eine proaktive Planungskultur statt Bündelung von Bauaufträgen und kleinteilige Vergaben nach Wettbewerben oder Konzeptverfahren.

Kooperation statt Konfrontation

Nach dem Vortrag stieg Moderator Robert Ide, geschäftsführender Redakteur des Tagesspiegels mit der wenig überraschenden Frage an Senator Scheel in die Diskussion ein, wer denn die politische Verantwortung für das Mietendeckel-Debakel übernehme. Als Antwort darauf, verteidigte Scheel erneut das Vorgehen des Berliner Senats, verwies auf den Hilfe-Fonds, der geschaffen wurde, um hier betroffene Mieter*innen zu entlasten und bemerkte, dass nun mehr Druck auf den Bund für eine vernünftige Regelung ausgeübt werden müsse. Ebenso wenig überraschend folgte dann die Frage nach mehr Neubau: Ob Scheel denn nicht mal die Strategie wechseln wolle, nicht nur für Bestandsmieter*innen der Stadt da zu sein, sondern auch zu bauen. Auch hier wieder eher eine Standardantwort auf eine Standardfrage. Man verfolge sehr wohl eine doppelte Strategie, zu der auch der Neubau gehöre. Man werde zum Ende der Legislaturperiode 90.000 Wohnungen gebaut haben, wolle aber mehr leistbaren Wohnungsbau. Der Druck auf dem Wohnungsmarkt soll in der Zwischenzeit durch Regulationen genommen werden, zu denen nicht nur der Mietendeckel gehöre. Scheel verwies auf die vielen neuen Milieuschutzgebiete.

Um mehr Wohnraum zu schaffen, wird immer auch von Nachverdichtung gesprochen. Potenziale etwa im Westen der Stadt, wo es wenige Dachausbauten auf Altbauwohnungen gibt, würden nicht genutzt, so Ide. Außerdem stocken gerade große Projekte, etwa im Berliner Norden. Wo ist hier mehr Turbo möglich? Edmaier erwiderte auf diese Frage, dass das Interesse der Architekten durchaus bauen, bauen, bauen sei, aber viele Versuche schnell zu bauen, in der Regel scheitern würden. Sie stimmte Ide zu, dass es viele Nachverdichtungspotenziale gebe, hier müsse allerdings die Genehmigungspraxis entgegenkommender sein. Zudem sei es gerade bei Nachverdichtung in Großsiedlungen eine gute Lösung für alle Beteiligten wichtig. Große Stadtquartiere bräuchten ihre Zeit. Es braucht Bebauungspläne, Beteiligungsprozesse müssen absolviert werden und auch die Infrastruktur muss mitwachsen.

Edmaier stellte außerdem in Frage, ob wirklich so viele neue Wohnungen benötigt werden und spricht dabei den demografischen Wandel an. Auch von gegenseitigen Zuschreibungen und dem Festhalten an Zahlen hält sie nichts. Sie warnte sogar davor, Stadtquartiere zu schaffen, denen die soziale Mischung fehlt.

Wie auch schon im Einstiegsvortrag ging es auch während des Gespräches immer wieder darum, bereits versiegelte Flächen besser zu nutzen. So sprach Scheel von einer besseren Verbindung von Industrie- und Wohngebieten. Dem stimmte auch Edmaier zu, fügte aber an, dass hier Bauverordnungen von Gewerbe und Wohnen besser vereinbar sein müssen, um gemeinsame Konzepte möglich zu machen.

Schön und ökologisch – nicht schnell bauen

Durch eine Zuschauerfrage, die den ansehnlichen Bau der 1910er, 20er und 30er Jahre den heutigen „Blöcken“ gegenüberstellte, würde ein weiterer zentraler Aspekt des Gespräches eingeleitet, nämlich die Frage: Wie soll gebaut werden?

Im Laufe der Diskussion wurde klar, dass heute andere Bedingungen herrschen. Flächen sind heute deutlich teurer, darum wird auf „schön“ häufig nicht geachtet. Aber auch hier gibt es bereits Förderprogramme. Denn in Zukunft muss es darum gehen, lebenswerte Stadtquartiere zu schaffen, in denen es grüne Freiräume und eine soziale Mischung gibt. Scheel betonte, dass das Ziel sei, die Metropolenpolitik sozial zu gestalten. So geht es ihm darum zum einen das Niveau des sozialen Wohnungsbauanteils zu halten, aber auch den Bau von Wohnungen mit „mittleren Mieten“, mit circa acht Euro den Quadratmeter zu fördern.

Auch dafür gäbe es bereits Programme. Es muss vor allem darum gehen, dass die Stadt schöner und besser wird und nicht immer unbedingt größer, konstatierte Edmaier. So ist sie auch der Meinung, dass es bei der (Rand-)Bebauung des Tempelhofer Feldes nicht um eine schnelle Bebauung der Ränder gehen kann. Wenn man das Gelände anfasse, müsse man es als Ganzes denken – wo kann man bauen? Wie viel und was? Edmaier wünscht sich eine solide Planung und geht davon aus, dass die Entwicklung des Geländes, falls es dazu kommt, ein Generationenprojekt sein wird.

Auch zeichnet sich schon heute ab, dass es darum gehen wird, Ressourcen zu schonen. Durch Corona sei hier ein Prozess in Gang gesetzt – denn „auch beim Klimaschutz könne nicht gewartet werden“, betonte Edmaier. Darum dürfe es auf keinen Fall darum gehen bestehende Gebäude abzureißen. Auch wird es notwendig, dass alternative Baustoffe vielmehr gefördert und zertifiziert werden.

In Bezug auf die Frage nach einer besseren Verbindung von Berlin und Brandenburg betonten Edmaier und Scheel, dass der Schwerpunkt auf einer besseren Anbindung an den bestehenden Achsen liegen sollte.

Das Gespräch hat gezeigt, dass es bei der weiteren Entwicklung sowohl um Klimaschutz als auch soziale Fragen gehen muss. Eine hitzige Debatte, die immer wieder durch die Fragen des Moderators forciert wurden, blieb jedoch aus. Vielmehr wurde konstruktiv über Schwachstellen und Potenziale in der Stadtentwicklung gesprochen. (aw)