Gruppenbild mit Kanzlerin: Österreichs Regierungschef Sebastian Kurz, SAP-Chef Bill McDermott, Angela Merkel, Wirtschaftsrat-Präsident Werner Bahlsen (v.l.) | Foto: Wirtschaftsrat der CDU e.V./ Christian Kruppa, Hans-Christian Plambeck, Jens Schick

Wirtschaftstag: Handelskrieg und Künstliche Intelligenz

Ein wenig Beschwörung lag schon in seiner Stimme, als Werner Bahlsen die Kanzlerin einen „Garanten für Stabilität“ nannte. Allerdings war nicht ganz klar, ob der Präsident des Wirtschaftsrates der CDU diese Feststellung an Angela Merkel adressierte, die gleich ihre Rede halten sollte – oder ob er damit die 3.500 Teilnehmer des Wirtschaftstages einstimmen wollte. Bekanntlich steht der unionsnahe Unternehmerverband seit jeher Merkels Wirtschaftspolitik kritisch gegenüber – sie ist ihnen zu sozialdemokratisch eingefärbt.

Auch diesmal war das Jahrestreffen des Wirtschaftsrats am 12. Juni im Berliner Maritim Hotel ein hochrangiges Stelldichein von Politik und Business. Unter dem Motto „Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit, Währungsunion – Zukunftsthemen anpacken, Marktkräfte stärken“ wurden auf den verschiedenen Podien über den drohenden Handelskrieg mit den USA, das gemeinsame Vorgehen Europas und die Innovationsfähigkeit für die digitale Zukunft diskutiert. Angesichts spürbarer Verunsicherungen bei den Unternehmern waren vor allem die Referenten aus der Politik bemüht, Optimismus zu verbreiten.

Europa als Schlüssel zur Zukunft

So betonte die Kanzlerin ihre Grundüberzeugung, dass sich die gegenwärtigen Probleme von Flüchtlingskrise bis Handelsstreit mit den USA nur lösen lassen, wenn die EU Geschlossenheit zeigt. „Der Schlüssel für unsere Zukunft ist Europa“, so Merkel. Der Konflikt mit dem US-Präsidenten Donald Trump zeige nun auch vielen Europa-Skeptikern die großen Vorteile der EU.

Trumps Kritik an der deutschen Exportstärke konterte Merkel mit der Forderung nach einer Neuberechnung der internationalen Handelsbilanzen: „Die Handelsbilanzen werden heute relativ altmodisch berechnet.“ Bislang werde nur der Warentausch einbezogen. „Wenn Sie mal nach den Dienstleistungen fragen und wenn die mit in die Handelsbilanz einbezogen würden, dann gibt es einen großen Überschuss der USA gegenüber Europa. Und der Anteil der Dienstleistungen wird steigen.“

 

„Der Schlüssel für unsere Zukunft ist Europa“: Rednerin Merkel | Foto: Wirtschaftsrat der CDU e.V./ Christian Kruppa, Hans-Christian Plambeck, Jens Schick

„Der Schlüssel für unsere Zukunft ist Europa“: Rednerin Merkel | Foto: Wirtschaftsrat der CDU e.V./Christian Kruppa, Hans-Christian Plambeck, Jens Schick

 

Digitalisierung lebensnotwendig

Entsprechend dringlich sei es, sagte die Kanzlerin, dass Europa seine Wettbewerbsfähigkeit bei den Schlüsseltechnologien verbessere, um auf dem Weltmarkt gegen Asien und USA konkurrieren zu können. „Mutig und entschlossen“ müsse Europa vorangehen. Insbesondere die Digitalisierung und die Künstliche Intelligenz seien hierbei Schicksalsfragen und für Deutschland „lebensnotwendig“. Denn, so warnte Merkel, „wir haben bestimmte Fähigkeiten nicht mehr. Kann es gutgehen, wenn wir als ein Kontinent, der Autos herstellt, die Batteriezellen aus Asien kaufen und die digitale Infrastruktur eines Autos irgendwoher aus Asien oder Amerika?“ Dann gebe es bei uns keine Wertschöpfung mehr.

Also sei eine „Aufholjagd“ geboten. „Dann müssen wir halt über eine Legislaturperiode einen Plan machen.“ Nein, sie meine damit keine Planwirtschaft wie in China. „Aber wir können auch nicht in den Tag hineinleben. Bestimmte strategische Investitionen entwickeln sich über eine Dekade und nicht über zwei oder drei Jahre.“

 

Digitale Aufholjagd: Kanzlerin Merkel umwirbt die Manager und Unternehmer | Foto: Wirtschaftsrat der CDU e.V./Christian Kruppa, Hans-Christian Plambeck, Jens Schick

 

Transatlantische Wertegemeinschaft

Kämpferisch gab sich auch Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier. Er sprach sich mit Nachdruck für eine Abschaffung der Zölle aus und kündigte an, mit der US-Regierung weiter über Wege aus dem Handelskonflikt zu verhandeln. Zugleich erinnerte Altmaier an den hohen Wert des transatlantischen Bündnisses. In Anspielung auf die Amtszeit von Politikern rief er aus: „Die Wertegemeinschaft ist stärker als einzelne Politiker.“

Fast euphorisch quittierten die Teilnehmer des Wirtschaftstags den Auftritt des österreichischen Bundeskanzlers Sebastian Kurz. Die Stichworte des 31-jährigen Regierungschefs zu Europa sprachen vielen Managern und Unternehmern aus dem Herzen. Österreich übernimmt ab 1. Juli für sechs Monate die EU-Ratspräsidentschaft. Kurz versprach, die europäischen Wettbewerbsfähigkeit voranbringen zu wollen, den bürokratischen Apparat der EU zu verschlanken und dafür zu sorgen, dass sich Brüssel stärker den wesentlichen Themen widme: Stärkerer Schutz der Außengrenzen, „mehr Europa“ bei Verteidigung, Sicherheit und Migration. Für die Wettbewerbsfähigkeit riet Kurz zu Steuersenkungen, Haushaltsdisziplin und vermehrten Investitionen in Bildung und Forschung.

Digitaler Masterplan

Solche Investitionen sind vor allem zu einer Offensive auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz notwendig. Bundesforschungsministerin Anja Karliczek beschrieb Chancen wie Risiken der digitalen Technologien. Gleichzeitig machte sie aber auch klar, dass wir einer Auseinandersetzung nicht ausweichen dürfen, wenn wir zukunftsfähig bleiben wollen. Bis zum Herbst, so Karliczek, werde sie einen Masterplan vorlegen, der sowohl digitale Bildung in den Schulen umfasse als auch die Forschungs- und Wirtschaftsakteure miteinander vernetzen solle, um aus Forschungsergebnissen schnellstmöglich anwendbare Produkte zu machen.

Auch in der Immobilienwirtschaft ist das Thema Digitalisierung nicht zuletzt durch die wachsende Anzahl von PropTech-Unternehmen erkennbar. Projektentwickler stellen sich mehr und mehr darauf ein. „Es geht schon bei der Kommunikation mit den Mietern los. Hier müssen vermehrt digitale Lösungen angeboten werden“, erklärt Andreas Schrobback, Geschäftsführer der AS Unternehmensgruppe, am Rande der Veranstaltung. Schrobback ist mit seinem Unternehmen auf die Sanierung von denkmalgeschützten Immobilien spezialisiert. „Den ein oder anderen mag es überraschen, doch auch in Denkmalschutzimmobilien können digitale Lösungen integriert und so deren Wohnqualität erhöhen werden.“

 

Unternehmen Andreas Schrobback im Gespräch mit dem österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz | Foto: Dirk Lässig

Unternehmer Andreas Schrobback im Gespräch mit dem österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz | Foto: Dirk Lässig

 

(hf)

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