Westkreuz-Areal: Bezirk ist gegen den Bau von 1.000 Wohnungen | Foto: Allgemeine Immobilien-Börse GmbH/Christian Gérôme

Westkreuz-Areal: Bezirk ist gegen den Bau von 1.000 Wohnungen

Das ehemalige Bahngelände am Westkreuz ist kaum bekannt. Das ist nicht verwunderlich, liegt es doch seit Jahren brach. Müllberge, Verwahrlosung und Ruinen ehemaliger Gebäude sind dort die Realität – wenig attraktiv für Investoren und Projektentwickler. Doch das soll sich nun ändern: Investor Christian Gérôme, Geschäftsführer der Allgemeinen Immobilien Börse (AIB), plant einen Gebäudekomplex auf dem Areal. Das Konzept sieht vor, 1.000 Wohnungen zu errichten. Geplant sind 500 Sozialwohnungen sowie zusätzliche 500 Wohnungen für Familien mittleren Einkommens.

Entstehen werden aber mehr als nur Wohnungen: Investor Gérôme setzt sich für den Ausbau der Infrastruktur ein. Dazu gehören auch Einrichtungen wie eine Kita und Sportplätze. So soll ein lebendiges Stadtquartier am Westkreuz entstehen. Selbst naturverbundene Bewohner kommen auf ihre Kosten: ein Park mit 20.000 Quadratmeter Fläche soll für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Auch die bereits vorhandenen Kleingärten sollen erhalten bleiben. Doch nicht alle Berliner Parteien zeigen sich von den Plänen der Allgemeinen Immobilien-Börse begeistert.

Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf lehnt Bebauung am Westkreuz ab

Der von rot-rot-grün geführte Bezirk hat ganz andere Pläne für die Brache. Sie befürworten den sogenannten „Westkreuzpark“, der für die Zeit nach 2030 geplant ist. Die Charlottenburger Linke argumentiert, die Fläche am Westkreuz sei wichtig für die Kaltluftzufuhr der Stadt. Einigkeit besteht mit den Investoren nur bei einer Sache: In Charlottenburg-Wilmersdorf fehlt es an bezahlbaren Wohnungen. Instrumente wie Milieuschutzgebiete oder die Mietpreisbremse bekämpfen die Wohnungsnot nachhaltiger und effektiver als der reine Neubau von Wohnungen, so die Aussage vom Linke-Fraktionschef Niklas Schenker. Wie gut diese Instrumente in der Umsetzung funktionieren, zeigt die gegenwärtige Zuspitzung der Wohnungsnot.

Es stellt sich die Frage, mit welcher Begründung das Land Berlin über die Pläne entscheiden möchte – es besitzt die Fläche nicht. Eigentümer der strittigen Brachfläche ist die Deutsche Bahn AG. Und diese würde einen wesentlichen höheren Verkaufspreis bei einer Bebauung ihres Grundstücks erzielen. Für etwa 20 Millionen Euro soll das Grundstück am Westkreuz den Besitzer wechseln. Noch gibt es allerdings keine Aussage der Bahn zu einem möglichen Verkauf.

Opposition kritisiert die Politik des Bezirks

Von der Opposition erhalten die Pläne der Bezirkspolitiker allerdings Gegenwind. Die FDP kritisiert vor allem, dass der „Westkreuzpark“ erst für 2030 vorgesehen ist. Bis dahin verwahrlose die Fläche weiter, so die Befürchtung von Johannes Heyne, FDP-Fraktionschef in der Charlottenburg-Wilmersdorfer Bezirksverordnetenversammlung (BVV). „Die Brachflächen bieten sich aufgrund ihrer Lage für kostengünstigen Wohnraum geradezu an“, sagt Heyne. Vor allem, da ein Anschluss an den ÖPNV bereits vorhanden ist – das Areal ist an die Ringbahn angeschlossen. Der FDP-Fraktionschef betonte, dass „es an der Zeit ist, Lösungen für den Druck auf dem Wohnungsmarkt zu finden“.

Gerade Bezirke wie Charlottenburg-Wilmersdorf benötigen solche Lösungen dringend. Hier gibt es wenige erschwingliche Wohnungen, neue werden kaum gebaut. Dennoch betonte Bezirksbürgermeister Reinhard Neumann (SPD), der „Westkreuzpark“ sei „nicht verhandelbar“. Dies scheint besonders schwer nachvollziehbar, haben die Bewohner Charlottenburgs doch schon den Lietzenseepark zum Erholen. Wieso weitere Grünflächen? Katrin Lompscher (Linke), Senatorin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, befürwortet die Umwandlung in eine Grünfläche, um eine „inselartige Struktur inmitten von Bahnlärm“ durch die Bebauung zu vermeiden, ließ sie der Berliner Morgenpost von Pressesprecherin Petra Rohland mitteilen.

Entwicklung in der Stadt, Stillstand im Senat

Selbst wenn die Beweggründe des Senats, die Stadt nicht vollkommen „zubauen“ zu wollen, plausibel erscheinen, so muss doch die Gesamtsituation kritisch betrachtet werden. Es gibt tausende Familien, Studenten und ältere Menschen, die zurzeit keine bezahlbaren Wohnungen finden. Die Stadt wächst rasant und der Bedarf an Wohnungen steigt stetig, doch scheint der Senat sich nicht mit zu entwickeln. Vor 20 Jahren hätte man eine Politik, die nicht jede freie Fläche als Bauland ansieht, vertreten können; heute sieht es allerdings etwas anders aus. Um den Ansprüchen aller, Wohnungssuchende ebenso wie Naturverbundene, gerecht zu werden, müssen kreative Lösungen gefunden und angewandt werden. Alternative Lösungen für die Frischluftzufuhr wie Dachbegrünungen sind seit langem bekannt und gewährleisten Wohnraum sowie Grünflächen in einem. Es wird Zeit, solche Konzepte konsequent umzusetzen. Und es wird Zeit, an das Wohl aller Berliner, statt nur der eigenen Wählergruppe zu denken. (ke)

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