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Was bewegt uns in 2020? – Die Lage bleibt vertrackt
Philosoph und Autor Philipp Hübl | Foto: Juliane Marie Schreiber

Was bewegt uns in 2020? – Die Lage bleibt vertrackt

17. Januar 2020

Welche Themen beschäftigen Deutschland in diesem Jahr? Klimawandel, Digitalisierung und Rechtsruck? Um diese Fragen zu beantworten, hat die BERLINboxx mit Philipp Hübl, Philosoph und Autor von Werken wie „Die aufgeregte Gesellschaft“, „Bullshit-Resistenz“ oder „Der Untergrund des Denkens“ gesprochen und einen spannenden, aber auch kritischen Ausblick in das Jahr 2020 erhalten.

Was wird Deutschland im Jahr 2020 umtreiben?

Vor allem der Klimawandel wird Deutschland in den nächsten Jahren weiter polarisieren. Die junge, gut ausgebildete und progressive Generation der unter 30-Jährigen ist für den Naturschutz besonders sensibilisiert. Die Älteren, Konservativen und Rechten sehen in den Forderungen der Klimaschützer die Signatur der urbanen Eliten, von denen sie sich nichts sagen lassen wollen – schon gar nicht, dass wir alle über unsere Verhältnisse gelebt haben. Diese Trotzhaltung ist absurd, nicht nur, weil sich die Experten selten so einig sind wie beim menschengemachten Klimawandel, sondern auch, weil Naturkatastrophen und daraus resultierende Migrationsbewegungen uns alle betreffen, ganz unabhängig vom Parteibuch.

„Vor allem der Klimawandel wird Deutschland in den nächsten Jahren weiter polarisieren“, ist sich Hübl sicher. | Foto: ubicroot via Pixabay

Die Lage bleibt vertrackt: Deutschland sollte als eine der führenden Industrienationen eine Vorbildfunktion einnehmen, wird aber Gefahr laufen, durch notwendige drastische Maßnahmen in wichtigen Wirtschaftszweigen wie der Automobilindustrie an globalem Einfluss zu verlieren, während die Hauptverursacher China und die USA ihren CO2-Ausstoß kaum oder gar nicht zurückfahren. Andererseits verstricken sich auch Lifestyle-Klimaschützer oft genug in Widersprüche. Sicher, SUVs braucht praktisch niemand. Aber kosmopolitische Städter, die ein autofreies Deutschland fordern, haben auf dem Land noch nie stundenlang auf den Bus gewartet – und hinterlassen trotzdem mit ihren Flügen nach Bangkok und Tulum einen riesigen CO2-Fußabdruck, der größer ist als beim brandenburgischen Jeep-Besitzer, der zweimal im Jahr Urlaub an der Ostsee macht.

Die Klimakatastrophe verhindern wir nur, wenn wir aufhören, die Handlungen einzelner zu verdammen und stattdessen als Gesellschaft weltweit radikal umdenken. Die Bundesregierung muss zum Beispiel massiv in die Entwicklung von Öko-Technologien investieren, statt immer noch Braunkohlebergbau zu subventionieren.

Stichwort Digitalisierung: Wird Deutschland bzw. Europa weiter abgehängt oder bekommen wir die Kurve?

Viele, die die Digitalisierung in Europa kritisieren, denken zuerst an fehlende Glasfaserkabel oder das schlechte WLAN im ICE. Doch der Erfolg der amerikanischen GAFA-Unternehmen (Google, Amazon, Facebook, Apple) gründet nicht primär auf neuen Technologien, sondern vor allem auf dem Lebensstil der Gründer: radikale Offenheit. Ihr Geschäftsmodell funktioniert nicht nach der alten BRD-Logik, alles Schritt für Schritt zu optimieren. Sie wollen „Disruption“ – und zwar um jeden Preis. Und dafür werden sie belohnt, frei nach ABBA: „The winner takes it all“.

Noch vor einigen Jahren war der Blick in die Vergangenheit vorteilhaft, um den Schritt in die Zukunft zu meistern. Heute geht das nicht mehr. Weniger Tradition ist gefragt, dafür mehr Antizipation. Weniger Verwaltung, mehr Entscheidung. Das ist, um mit Immanuel Kants Worten zu sprechen, keine Frage des Verstandes, sondern eher eine Frage des Willens. In Deutschland und Europa müssen Unternehmen zuallererst deutlich offener, mutiger, individueller und kreativer werden. In der Schule und den Universitäten wird das dem Nachwuchs bisher eher abtrainiert.

Rechtsruck, Antisemitismus, hetze in den sozialen Medien – in welche Richtung entwickelt sich die deutsche Gesellschaft?

Auch wenn die Nachrichten und die öffentliche Diskussion einen anderen Eindruck erwecken: Laut der „Mitte-Studie“ (im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung) gehen Antisemitismus und andere Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in der Gesamtgesellschaft eher zurück. So fiel Muslimfeindlichkeit in Deutschland im Jahr 2018 etwas geringer aus als im Jahr 2002 und auch der Antisemitismus war 2004 noch fast doppelt so hoch wie in den Jahren 2018/2019.

Doch jetzt kommt das große Aber: Die absoluten Zahlen sind immer noch sehr hoch. So haben etwa ein Fünftel der Deutschen antisemitische Einstellungen sowie negative Vorbehalte gegenüber Muslimen. Antisemitische Straftaten erreichten im letzten Jahr den Höchstwert seit Anfang des Jahrhunderts. Und auch wenn offenbar nur eine kleine Gruppe hauptsächlich rechtsradikaler Täter verantwortlich ist: Die Wirkung ist verheerend für die in Deutschland lebenden Minderheiten. Auch in den sozialen Medien produziert eine winzige Gruppe am rechten Rand (2 Prozent) den Großteil des Hasses und der Fake News (80 Prozent), wie Studien in Deutschland und den USA zeigen. Aber auch hier betrifft der Effekt uns alle. Deshalb müssen gerade die (halb-)anonymen Straftaten im Netz konsequenter verfolgt und geahndet werden, zum Beispiel mit neuen Online-Meldestellen bei den Strafverfolgungsbehörden.

„In Deutschland und Europa müssen unternehmen zuallererst deutlich offener, mutiger, individueller und kreativer werden“, sagt der Philosoph. | Foto: Jannoon028/Freepik.com

Andererseits werden die Menschen in Deutschland, aber auch weltweit immer weltoffener und toleranter. Die Kriminalität ist hierzulande auf dem niedrigsten Stand seit Daten erhoben werden. Und dass wir so viel und intensiv über Hass im Netz, Diskriminierung und einzelne politische Straftaten diskutieren, zeigt: Wir sind insgesamt moralisch anspruchsvoller geworden. Zur Erinnerung: Im Bundeswahlkampf 1969 zwischen CDU und SPD gab es bei Auseinandersetzungen mehr als 200 Verletzte auf beiden Seiten.

Ist das Projekt GroKo gescheitert und ein Ende der bürgerlichen Parteien eingeläutet?

Der Ausdruck „GroKo“ ist schon seit einigen Jahren nicht mehr zeitgemäß, denn die sechs Parteien im Bundestag nähern sich in den Prozentzahlen allmählich einander an, vor allem bei den jungen Wählern. So hat die CDU allein bei der letzten Bundestagswahl über 1,2 Million Wähler an den Tod verloren. Bei der SPD waren es 760.000, und ebenso viele wanderten zu den Grünen ab.

Die Statistiken zeigen auch, dass der Ausdruck „bürgerliche Parteien“ als Sammelbezeichnung für Union und FDP dem sozialen Wandel nicht mehr gerecht wird. Die Grünen sind die bürgerlichste aller Parteien: Sie haben nicht nur einen höheren Bildungsstand und ein höheres Einkommen als beispielsweise CDU- und CSU-Wähler, sondern sie leben auch mehrheitlich in Städten. Die Parteienvielfalt hat ihren Preis: Selbst wenn die GroKo bis zum Jahr 2021 hält, müssen sich die Wähler in Zukunft auf schmerzhafte Kompromisse einstellen. Für die Regierungsbildung gibt es bald zwar mehr Kombinationsmöglichkeiten, aber gleichzeitig wird sich der Zwang verstärken, ungewohnte Zweier- und Dreier-Koalitionen zu bilden. (aw)

Zur Person

Philipp Hübl ist 1975 in Hannover geboren. Von 2012 bis 2018 war er Junior-Professor für theoretische Philosophie an der Universität Stuttgart. Zuvor hatte er bereits Philosophie an der RWtH Aachen und an der Humboldt-Universität zu Berlin gelehrt, danach an der Universität der Künste Berlin. Heute lebt er in Berlin, schreibt zu gesellschaftlichen und politischen Themen unter anderem in der Zeit, FAZ, taz, NZZ sowie im Philosophie Magazin und hält Vorträge.