Verabschiedetes Mobilitätsgesetz und geplante digitale Infrastruktur für Berlin. | Foto: pexels.com

Mobilitätsgesetz und digitale Infrastruktur als Chance für Berlins Klima

Pünktlich zur Verabschiedung des Berliner Mobilitätsgesetzes am Donnerstag, werden in Berlin weitere Lösungsansätze für die Mobilität der Zukunft diskutiert. Deutschlandweit ist der Gesetzesentwurf, der einen Vorrang für klimaschonende Verkehrsarten vorsieht einmalig. „Das Mobilitätsgesetz läutet das Ende der autoprivilegierten Stadt ein“, kommentierte Verkehrssenatorin Regine Günther den rot-rot-grünen Erfolg. Die Opposition aus CDU und FDP sowie die AfD stimmten dagegen. Für letztere Parteien stehe die bundesweite Einmaligkeit des Gesetzes auf dem Prüfstand und könne einer wachsenden Stadt nicht gerecht werden. Zudem ist sich die Bundesregierung einig, dass eine digitale Infrastruktur, in welche die Mobilitätskonzepte einer pulsierenden Stadt eingebunden sind, nicht mehr aus dem modernen Berlin wegzudenken sei.

Zwei kürzlich durchgeführte Studien beleuchten sowohl die reale Berliner Mobilitätssituation als auch den deutschlandweiten Verkehr. Eine Umfrage der Berliner Sparkasse analysierte die am häufigsten genutzten Verkehrsmittel und gewünschten Reformen der Berliner. Während eine bislang unveröffentlichte Studie des Bundesverkehrsministeriums, die der Morgenpost vorliegt, die bundesweite Mobilität unter die Lupe nahm. Im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums befragte das Institut Infas 2017 mehr als 300.000 mobile Bundesbürger. Zusätzlich bot das Barcamp #mobltcamp Diskussionsteilnehmern in Berlin letzte Woche die Möglichkeit sich über aktuelle Themen der Mobilitätswende auszutauschen. Unter dem Titel „rethink mobility“ setzte die Mitmach-Konferenz den Schwerpunkt vor allem auf Chancen einer ausgebauten digitalen Infrastruktur. Diese würde das Auto nicht von der Straße „verbannen“, sondern auf intelligente und klimaneutrale Elektromobilität setzen.

Digitale Infrastruktur nötig, Skepsis angebracht

Die Ergebnisse des #mobltcamp unterstützen die Erkenntnis der Bundesregierung zur Digitalisierung. Denn die Bundesregierung möchte in den nächsten Jahren einen zweistelligen Milliardenbetrag in den Ausbau der digitalen Infrastruktur, mit Schwerpunkt Verkehrspolitik investieren. Laut #mobltcamp erkannten die Teilnehmer und Experten wie Staatssekretär Dr. Gerhard Schulze, des Verkehrsministeriums, die digitale Vernetzung innerhalb der Stadt als wichtigsten Fortschritt an. Zukunftsweisende Mobilitätskonzepte und die Digitalisierung seien nicht nur eng verzahnt, sondern nicht mehr voneinander trennbar. In diesem Zusammenhang wurde vor allem autonomes Fahren und Elektromobilität, aber auch die Fahrradinfrastruktur thematisiert.

Autonome Autos der Zukunft werden durch digitale Daten zukünftig verstärkt miteinander kommunizieren müssen, um beispielsweise Staus und Unfälle zu vermeiden. Auch die Auskunft über das Verhalten des Fahrers und seine exakten Aufenthaltsorte und –zeiten sind dabei von Bedeutung. Die Süddeutsche Zeitung berichtete kürzlich, dass die Deutschen selbstfahrenden Autos bislang jedoch skeptisch gegenüberstehen. Befürworten 75 Prozent der Chinesen und 85 Prozent der Inder die Technologie, sind es in Deutschland lediglich 45 Prozent. Bei der Sparkassen-Umfrage gaben sogar nur 17 Prozent der Berliner an, selbstfahrende Autos nutzen zu wollen, wären sie in Deutschland zugelassen. Diese Umfragewerte würden vor allem auf die unausgereifte Technik angesichts zahlreicher Unfälle, zurückgehen.

 

Die Deutschen stehen selbstfahrenden Autos bisher jedoch skeptisch gegenüber. | Foto: pexels.com

Die Deutschen stehen selbstfahrenden Autos bisher skeptisch gegenüber. | Foto: pexels.com

 

Trotz starken Autoverkehrs am Ball bleiben

Nach Bremen ist Berlin gemeinsam mit Hamburg das Bundesland in dem die meisten Strecken mit dem Fahrrad zurückgelegt werden. 15 Prozent der Berliner legen viele Wege bereits mit dem Fahrrad zurück, bundesweit sind es elf Prozent der Strecken. Dieser Anteil ist seit 2002 bundesweit jedoch lediglich um zwei Prozent gestiegen – trotz der oft angekündigten Verkehrswende. Das Auto dominiert mit 60 Prozent weiterhin das Verkehrsgeschehen in Deutschland. Vor allem in ländlichen Regionen, in denen der Arbeitsweg durchschnittliche 16 Kilometer lang ist, wird zumeist der motorisierte Individualverkehr favorisiert.

Verkehrssenatorin Günther begründete die Relevanz des Berliner Mobilitätsgesetzes  am Donnerstag damit, nicht den Anschluss an die weltweite Mobilitätswende verlieren zu wollen. Auch die fahrradfreundliche Hauptstadt und eine „Vision Zero“, für eine Stadt ohne Verkehrstote, sind erklärte Ziele. „Wir haben ein klares Ziel: eine lebenswerte Stadt“, so Günther. Laut der Sparkassen-Umfrage nutzen jedoch nur neun Prozent der Berliner üblicherweise das Fahrrad. Jeder dritte Berliner hält einen Ausbau der Radwege jedoch direkt nach der Erweiterung des öffentlichen Nahverkehrs für die wichtigste Maßnahme der neuen Verkehrspolitik. 39 Prozent geben zudem an, sich für das Rad zu entscheiden, gäbe es sichere Verkehrswege. Die Zahlen sprechen Bände. Trotz der deutschlandweiten Zahlen erinnern die umweltnahen Berliner Umfrageergebnisse  daran, dass die Mobilitätswende mithilfe sicheren Verkehrs für alle Verkehrsteilnehmer nur einen Schritt entfernt sein kann.

 

Berliner geben an öfter das Fahrrad zu wählen, gäbe es sichere Verkehrswege. Bisher ist der Ausbau der Berliner Fahrradinfrastruktur dürftig umgesetzt worden. | Foto: pixabay.com/ timelynx

Berliner geben an öfter das Fahrrad zu wählen, gäbe es sichere Verkehrswege. Bisher ist der Ausbau der Berliner Fahrradinfrastruktur dürftig umgesetzt worden. | Foto: pixabay.com/ timelynx

 

Nur Ansätze einer Verkehrswende sichtbar

Während bundesweit nur ca. 11 Prozent  der Deutschen Bus und Bahn wählen, sind die Öffentlichen die bevorzugten Verkehrsmittel der Berliner. 44 Prozent nutzen den ÖPNV der Hauptstadt. Das Berliner Mobilitätsgesetz gestattet Bussen nicht nur ein schnelleres Abschlepprecht bei Falschparkern, sondern möchte die BVG bis 2030 auch komplett klimaneutral fahren lassen. Zudem wird im Senat kontrovers über den Ausbau des Straßenbahn- und U-Bahn-Netzes diskutiert. Mehr als die Hälfte der Berliner halten den Ausbau des ÖPNV für die wichtigste Maßnahme der Berliner Verkehrsinfrastruktur. 58 Prozent würden ihn auch häufiger nutzen, setze man die oft erwägte Maßnahme des kostenlosen Nahverkehrs durch.

Die Zahlen der Berliner Sparkasse zeigen für Berlin einen sehr umweltbewussten Umgang mit den mobilen Möglichkeiten. Die bundesweite Studie erkennt die Verkehrswende im Rahmen der oft erwarteten Gesamtdynamik nur in Ansätzen. Dass mehr Menschen auf Bus, Bahn und das Rad umsteigen, liege weniger an erfolgreichen politischen Weichenstellungen. Der Zuzug in die Großstadtregionen und ein dementsprechender Anstieg an Beschäftigungen seien stattdessen verantwortlich, zitierte die Morgenpost die Studienautoren.

 

Der öffentliche Nahverkehr rangiert auf Platz Eins der beliebtesten Berliner Verkehrsmittel. Auch bundesweit nimmt die Nutzung von Bus und Bahn zu. | Foto: pixabay.com

 

Klimafreundlich im Rahmen der Möglichkeiten

Emissionsfreien Autoverkehr innerhalb des S-Bahnrings wünschen sich 38 Prozent der 1000 befragten Berliner. Die BVG plant die Anschaffung von eigenen Abschleppwagen, um die mehr als 8000 Behinderungen des letzten Jahres schneller zu beheben. Das Mobilitätsgesetz sieht 100 Kilometer lange Radschnellwege vor. Vier Millionen der 72 Millionen Fahrräder in Deutschland haben bereits einen Elektroantrieb. Jeder 5. Berliner gibt an auf diese Variante umzusteigen, würden E-Bikes günstiger werden. Einige Arbeitgeber stellen diese bereits auf dem Unternehmenscampus zur Verfügung.

Kurzum: Vor allem in der grünen Hauptstadt wird immer besonnener mit dem Thema Mobilität umgegangen – bundesweit dagegen eher den Möglichkeiten entsprechend. Den bisherigen Finanzspritzen, Entwürfen und Trends werden deutschlandweit noch viele „Zwischenreformen“ folgen, ist sich Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) trotzdem sicher. „Wir werden  bis 2030 eine Revolution der Mobilität erleben“, so Scheuer. Mit Vorantreiben der klimafreundlichen Elektromobilität und der in Zukunft vorausschauenden Fahrweise der autonomen Autos, muss sich hoffentlich nicht mehr um Sicherheit, Platz und Verdrängung gestritten werden. (cn)

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.