Die Gefahr der Krankenhauskeime. | Foto: pixabay.com

Uneinheitliche Standards und Personalmangel: Die Gefahr der Krankenhauskeime

Keime, die gesunde Menschen ohne gesundheitliche Folgen mit sich herumtragen, können für immun geschwächte Patienten in Krankenhäusern lebensgefährlich werden. Sogenannte Krankenhauskeime werden durch mangelnde Hygienestandards in Berliner Krankenhäusern und Resistenzen gegenüber Antibiotika zur Bedrohung. Offizielle Zahlen belegen 534 Todesfälle durch derartige multiresistente Erreger. Zudem erfassten die Gesundheitsämter in den vergangenen Jahren 3428 meldepflichtige Infektionen, die ausschließlich durch Krankenhauskeime hervorgerufen wurden. CDU-Abgeordneter Florian Graf erhielt diese Zahlen auf seine parlamentarische Anfrage an die Senatsgesundheitsverwaltung.

Demnach erkrankten Patienten hauptsächlich an vier bereits meldepflichtigen Erregern, die typischerweise im Zuge einer stationären Behandlung aufgenommen werden. Niederlassen und übertragen können sich die Keime von jeder Oberfläche; eingehaltene Hygienestandards und Schutzmaßnahmen können das zum Teil verhindern. Doch wie werden diese Schutzmaßnahmen kontrolliert? Weder regelmäßig, noch einheitlich lautete das Ergebnis der Anfrage. Hinzu kämen fehlende Hygienefachärzte und der massive Personalmangel in den Kliniken.

 

Die jährlichen Hygiene-Überprüfungen der Kliniken werden nicht von allen Bezirken eingehalten. | Foto: pixabay.com

 

Viele Krankenhauskeime, wenige Kontrollen

Bundesweit sind jährlich bis zu 600.000 Patienten von Krankenhauskeimen betroffen, bis zu 30.000 dieser Krankheitsverläufe enden tödlich. Berlin liegt mit seinen Fällen weder über dem bundesweiten Durchschnitt noch auf dem Europäischen. Trotzdem klären fehlende einheitliche Hygienestandards und seltene Kontrollen über die Ursachen der häufigen Infektionen auf und verdeutlichen was verhindert werden kann.

Der bekannteste, seit 2009 meldepflichtige Keim MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus) löste in den letzten zehn Jahren in Berlin 2350 Infektionen aus. Davon verliefen 198 schwere Erkrankungen tödlich. Clostridium, ein aggressives Darmbakterium, verursachte 964 Fälle, von denen jedoch über ein Drittel (327) tödlich endeten. An zwei weiteren Krankenhauskeimen, die erst seit 2016 als meldepflichtig gelten, erkrankten in diesem Zeitraum bereits 166 Patienten. Neun von ihnen erlagen der tödlichen Infektion. Für die in der Regel gegen zahlreiche Antibiotika resistenten Keime sind die Behandlungsmöglichkeiten deshalb sehr eingeschränkt. Auch die Identifizierung kann einige Tage in Anspruch nehmen. Immun geschwächten, frisch operierten sowie Krebspatienten, setzten die Erreger unvergleichlich schnell zu. Schwere Lungenentzündungen, Blutvergiftungen, Geschwüre und Wundinfektionen können die Folge sein. Sowohl Beatmungsgeräte als auch unachtsam desinfizierte Hände des Personals oder der Besucher sind vorgezogene Übertragungsnester der Keime.

 

Der bekannteste multiresistente Krankenhauskeim verursachte bereits 534 Todesälle. (Symbolbild) | Foto: pixabay.com

 

Gesundheitsämter durch Fachkräftemangel im Verzug

Angesichts der Fülle an Bereichen und medizinischen Utensilien, die regelmäßig kontrolliert und desinfiziert werden müssen, sieht sich die Charité einer enormen Herausforderung gegenüber. Europas größtes Universitätsklinikum ist der Aufgabe bisher nicht an allen Orten und Winkeln gewachsen. Die große Mehrheit der Berliner Kliniken gibt zwar an sich an die Hygiene-Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) zu halten, die als verbindliche Grundlage gelten. Die Kontrolle dieser Standards, fällt in den Bezirken tatsächlich jedoch sehr unterschiedlich aus. Ein Bewusstsein für straffe Hygienemaßnahmen scheint sehr ungleichmäßig ausgeprägt.

Ursprünglich sind die Leiter der Krankenhäuser für das Sicherstellen der Hygienebedingungen nach aktuellem Stand der medizinischen Wissenschaft zuständig. Den Gesundheitsämtern der Bezirke obliegt die hygienische Kontrolle. Nur stünden hierfür aufgrund schlechter Gehälter viel zu wenige ausgebildete Hygienefachärzte zur Verfügung. Medien wie die Morgenpost, erhielten dementsprechend vage Antworten auf ihre Anfrage, nach der tatsächlichen Häufigkeit der Überprüfungen, die eigentlich jährlich vorgeschrieben sind. Mehrere Bezirke antworteten mit „infektionshygienischen Prüfungen, mindestens einmal jährlich“, Marzahn-Hellersdorf sprach beispielsweise schon von „in der Regel jährlichen Intervallen“. In Neukölln beschränkt man sich dann lediglich auf „anlassbezogene“ Kontrollen.

 

Würde sich an die WHO-Richtlinien, wie regelmäßige Desinfektion und den Mundschutz gehalten, könnte man jede 3. Infektion verhindern. | Foto: pixabay.com

 

Bisherige Klinik-Initiativen und ein Aktionsplan 2019

Mit einem einheitlichen Aktionsplan sei erst im ersten Quartal 2019 zu rechnen, wie die Senatsverwaltung und die Gesundheitsämter in Zusammenarbeit mit dem RKI verlauten ließen. Graf forderte infolge seiner Anfrage jedoch einen wesentlich schnelleren Vorstoß, berichtete die Morgenpost: „Es ist dringend erforderlich, dass die Bekämpfung von Krankenhauskeimen in allen Berliner Krankenhäusern nach einheitlichen Qualitätsstandards erfolgt. Für die Patientenversorgung ist das von elementarer Bedeutung. Davon ist Berlin leider im Moment noch weit entfernt.“

Die DRK-Kliniken richteten hierfür bereits ein Eingangs- und Ausgangsscreening ein, um die Infektionswege die auch außerhalb des Krankenhauses beginnen können, sichtbar zu machen. Patienten wird bei jeder erneuten Ankunft in der Klinik ein Nasen-Rachen-Abstrich entnommen, der auf den Erreger MRSA testet. Denn dieser ist in Mund und Nase jedes Dritten zu finden und bei gutem Gesundheitszustand unbedenklich. Die vorbildliche Praxis muss vom Personal dann weiter durch die gründliche Händereinigung nach den Kriterien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) unterstützt werden. Würde sich an die WHO-Richtlinien, wie regelmäßige Desinfektion und den Mundschutz gehalten, könne man jede 3. Infektion verhindern. Unter Zeitdruck und bei ständigen Personalengpässen fehle dafür jedoch oft schlicht die Zeit, kommentierte die Berliner Krankenhausgesellschaft (BKG). Dementsprechend steht man vor dem Problem zu wenige Krankenpfleger und zu wenig Kontrollen, zu vielen Keimbildungen entgegen zu halten.

Über Antibiotika muss aufgeklärt werden

Um auch die Gesundheit der Besucher und Beschäftigten besser zu schützen fordern Ärzteverbände die Ursachen des Pflegenotstandes zu bekämpfen. Gesundheitssenatorin Dilek Kolat bemüht sich schon lange um ein Nachziehen des Senats. Nicht nur das Gewährleisten der Qualitätsstandards in den Kliniken, sondern auch deren Kontrolle habe höchste Priorität. „Hygienefachärzte sind gesucht auf dem Arbeitsmarkt. Unter anderem deshalb habe ich mit dem Finanzsenator vereinbart, dass die Gesundheitsämter ihnen demnächst konkurrenzfähige Gehälter zahlen können“, so Kolat gegenüber der Berliner Zeitung. Bei gleicher Qualifizierung rechnet sich die Anstellung in einem Universitätsklinikum mit bis zu 1.600 Euro monatlich höherem Gehalt, gegenüber den Gesundheitsämtern.

 

Bisherige Klinik-Initiativen zeigen Wirkung, ein großflächig umsetzbarer Aktionsplan wird jedoch erst 2019 erwartet. | Foto: pixabay.com

 

Auch außerhalb der Krankenhäuser können bestimmte Auslöser für die Resistenz der Krankenhauskeime bekämpft werden. So müssen Ärzte zurückhaltender mit dem alternativlosen Verschreiben von Antibiotika, vor allem gegenüber Kindern vorgehen. Denn umso resistenter der Körper wird, desto resistenter werden auch die individuellen Keime. Zeigten vor zehn Jahren noch bis zu 60 verschiedene Notfall-Antibiotika Wirkung, ist man heute gerade einmal mit drei ausgestattet. Hinzukommt das massiv mit Antibiotika versetzte Tierfutter, dass der menschliche Körper aufnimmt. Der landeseigene Gesundheitsversorger Vivantes bietet im Rahmen seines Instituts für Hygiene und Umweltmedizin Schulungen zur Sensibilisierung gegenüber Antibiotika an. Ärzte und Pflegepersonal müssen gleichwohl an mindestens zwei Schulungen jährlich teilnehmen; die Teilnahme ist natürlich auch wöchentlich möglich.

Drängende Schritte trotz rückläufiger Zahlen

Wie Lösungen für weitere Infektionsausbrüche auszusehen hätten erscheint relativ klar, sie anzugehen kann jedoch nicht weiter aufgeschoben werden. Christoph Lang, Sprecher der Senatsgesundheitsverwaltung, teilte der Morgenpost mit, die Zahl der Infektionen sei in den letzten Jahren nicht gestiegen. Für den MRSA-Erreger seien die Zahlen sogar seit Jahren rückläufig. „Was wir aber beobachten, ist eine in den letzten Jahren gewachsene Aufmerksamkeit für solche Infektionen“, so Lang. Dies sei erst einmal eine gute Entwicklung, denn die Vermeidung von Gefahren beginne „mit einem Problembewusstsein“.

Sowieso ist Information einer der wichtigsten Schritte, wenn es um Übertragungen und Resistenzen geht. Zur Erkältungszeit im Herbst, stellen Kliniken wie die Charité wieder Informationsmaterial zur Verfügung. Diesmal wird auch im Sinne einer stärkeren Verhütung und Erkennung von Krankenhauskeimen informiert. (cn)

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