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Berliner Verkehrsbetriebe (BVG): Strategie der Nachwuchsgewinnung

Nirgendwo sonst gibt es ein derart dichtes Nahverkehrsnetz wie in Berlin. Die schiere Größe allein ist aber kein Erfolgsgarant. Ausschlaggebend ist die Qualität der Dienstleistung, weshalb die BVG, Deutschlands größtes Nahverkehrsunternehmen, sich proaktiv um ihre Beschäftigten kümmert. Über die damit einhergehende Nachwuchsarbeit sprachen wir mit Dirk Schulte, Vorstand Personal/Soziales der BVG.

Herr Schulte, die BVG wirbt wie kaum ein anderes Unternehmen in Berlin intensiv um Azubis. Was bringt die strategisch ausgerichtete Nachwuchsarbeit? Lohnt sich der Aufwand?

Ganz sicher. Unsere Entscheidung, für die Gewinnung von neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unsere hervorragend funktionierende Imagekampagne zu nutzen, erweist sich als Erfolgskonzept. Damit erreichen wir insbesondere an einer guten Ausbildung interessierte junge Menschen. Toleranz und Weltoffenheit gepaart mit Humor prägen unsere Kampagne, und wie unsere Fahrgastgewinne zeigen, haben wir den richtigen Nerv getroffen.

Können Sie dafür Zahlen nennen?

Allein im letzten Jahr hatten wir 1,064 Milliarden Fahrgastfahrten – das sind fast 20 Millionen mehr als 2016. Immer mehr Berlinerinnen und Berliner und Gaste unserer Stadt nutzen unser erstklassiges Angebot. Ein positives Image hilft auch bei der Rekrutierung, wie unsere Bewerberzahlen belegen. Trotz rückgängiger Schülerzahlen und dem kontinuierlichen Wandel zum Arbeitnehmermarkt stiegen 2017 die wöchentlichen Bewerbungseingange für unsere elf Ausbildungsberufe um 14 Prozent. Betonen will ich, dass wir uns die Förderung von Mädchen und Frauen in gewerblich-technischen Berufen auf die Fahne geschrieben haben. Auch hier sowie bei den Bewerberzahlen für duale Studiengange wurde 2017 eine deutliche Steigerung erreicht.

Dank der vielfältigen Rekrutierungsinitiativen gehört die BVG immer wieder zu den vorbildlichen Ausbildungsbetrieben in der Stadt. Was bedeuten Ihnen entsprechende Würdigungen?

Natürlich sind wir sehr stolz auf solche Auszeichnungen, die das Engagement aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der BVG würdigen. So wird beispielsweise mit verschiedensten Maßnahmen wie Netzwerkveranstaltungen, der Betreuung und Evaluierung in der Einarbeitungsphase und den dazu parallel laufenden vielseitigen Angeboten zur Qualifizierung eine Unternehmenskultur geschaffen, in der sich alle Kolleginnen und Kollegen wohl fühlen. Auch bieten wir zielgruppenspezifische Programme zur Nachwuchs- und Fachkräfteentwicklung an. Dazu gehören neben dem Angebot von Praktikumsplatzen und Traineeprogrammen auch Förderprogramme, duale Studiengänge, Fachkarrieren und innerbetriebliche Qualifizierungen. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sichern an allen Tagen der Woche, rund um die Uhr, die Mobilität unserer Stadt. So sind auch Themen wie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und unser breit aufgestelltes betriebliches Gesundheitsmanagement von großer Bedeutung.

Welche Rolle spielen die sozialen Medien bei der Nachwuchsgewinnung der BVG?

Wir wissen, dass mittlerweile weit mehr als die Hälfte aller Schuler für die Berufssuche Smartphone und Internet nutzen. Deshalb ist es für uns ganz selbstverständlich geworden, eben auch diese Medienvielfalt zu nutzen. So haben unsere Spots bei YouTube und Snapchat in kürzester Zeit rund 360.000 Klicks erzielt. Ergänzt wird das Ganze durch klassische Onlinemedien wie Google Adwords und natürlich haben wir auch Profile bei ausbildungsspezifischen Onlinekanälen, wie Azubiyo und Ausbildung.de, um auf unsere Ausbildungsangebote aufmerksam zu machen und auch mit potenziellen Bewerbern in Kontakt zu treten.

Wurde damit den klassischen Kommunikationsinstrumenten abgeschworen?

Selbstverständlich nutzen wir auch weiterhin die klassischen Medien, und so findet man unsere Ausbildungsangebote natürlich auch direkt auf unseren Fahrzeugen oder großen Plakaten in den U-Bahnhöfen. Wir verzichten inzwischen aber weitgehend auf Printmaterialien wie Broschüren und bauen stattdessen unsere digitalen Kanäle weiter aus. In diesem Jahr starten wir mit unserem „Azubi-Matcher“, einem Online-Spiel, welches nach dem Yay-or-Nay Prinzip verrat, welcher Ausbildungsberuf der BVG am besten zu mir passt. Dieses werden wir auch auf unseren kommenden Messen einsetzen, wo Schüler auf Tablets oder ihrem eigenen Smartphone das Spiel durchspielen können.

Viele Menschen sind besorgt, dass Digitalisierung und Globalisierung massenhaft Arbeitsplätze überflüssig machen. Wie geht die BVG mit diesem Thema um?

Wir sind davon überzeugt, dass wir durch neue technologische Entwicklungen unsere Mobilitätsangebote weiterentwickeln und verbessern können. Und natürlich haben Themen wie Digitalisierung, Globalisierung und technologische Entwicklungen immer mehr Auswirkungen auf unsere Prozesse, Systeme, Strukturen und unser Angebot. Dass unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch Roboter und Maschinen ersetzt werden, zeichnet sich für uns dabei aber auf keinen Fall ab. Sie bleiben der größte Trumpf und wichtigster Faktor für den zukünftigen Erfolg der BVG. Doch ganz bestimmt verändert sich die Art und Weise, wie wir im Unternehmen zusammenarbeiten.

Woran denken Sie da zum Beispiel?

Neue Technologien können fraglos dazu beitragen, die Arbeitswelt für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu erleichtern. Unsere Unternehmenskultur ist im Wandel – agiles Arbeiten halt Einzug in immer mehr Bereiche und zunehmend sind digitale Kompetenzen gefragt. Am Beispiel des autonomen Fahrens zeigt sich, dass der Mensch auch in Zukunft das wichtigste Kapital bleibt. Bei dieser Technik stehen wir noch ganz am Anfang der Entwicklung. Wir wollen als Vorreiter mit dabei sein und testen deshalb in einem Forschungsprojekt gemeinsam mit der Berliner Charité und dem Land Berlin aktuell auch solche technischen Lösungen. Dies ist ein erster und auch wichtiger Schritt, dennoch kann ich mit gutem Gewissen sagen, dass der Mensch am Steuer von Bussen im anspruchsvollen Berliner Innenstadtverkehr noch sehr lange unersetzlich sein wird.

 

Im März starteten die BVG und die Berliner Charité das Pilotprojekt für autonome Busse | Foto: BVG/Andreas Süß

Im März starteten die BVG und die Berliner Charité das Pilotprojekt für autonome Busse | Foto: BVG/Andreas Süß

 

Wie steht die BVG im internationalen Vergleich?

Mehr als eine Milliarde Fahrgaste im Jahr sprechen eindeutig für uns und unsere Leistung. Die Qualität, die wir dabei bieten, bewegt sich im internationalen Vergleich auf sehr hohem Niveau. In einem gut erschlossenen Netz und mit dichten Takten bieten wir gemeinsam mit der Berliner S-Bahn Mobilität rund um die Uhr.

Wie viel investiert die BVG für die stetige Verbesserung der Angebote?

Jährlich investieren wir in neue Fahrzeuge und den Ausbau, Erhalt und die Modernisierung unserer Anlagen und Bahnhöfe. Dabei tragen wir unserer ständig wachsenden Stadt mit immer neuen Angebotserweiterungen Rechnung. Allein zwischen 2014 und 2017 wurden circa 170 Einzelmaßnahmen auf 100 Linien umgesetzt. Neue Buslinien wurden eingeführt, Takte verdichtet, Linien der veränderten Nachfrage angepasst. Wir bieten damit unseren Fahrgästen noch mehr Qualität und vor allem Flexibilität.

Womit sind Sie besonders zufrieden und wo gibt es bei der BVG Verbesserungsbedarf?

Mehr als eine Milliarde Fahrgäste jährlich sicher und zuverlässig in einer stetig wachsenden Metropole wie Berlin an ihr Ziel zu bringen, ist eine große Leistung. Darauf sind wir stolz! Sehr erfreulich sind die Pläne des Landes Berlin für den weiteren Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. So werden neue Straßenbahnverbindungen auf den Weg gebracht und der Beschaffung neuer Fahrzeuge, zum Beispiel Elektrobusse, eine hohe Priorität eingeräumt. Verbesserungsbedarf sehen wir nach wie vor bei der Beschleunigung des Oberflächenverkehrs, also der Busse und Straßenbahnen. Dass wir seit mehr als zwei Jahren die Verkehrslenkung Berlin (VLB) mit zusätzlichen Ressourcen zur Umsetzung von solchen Maßnahmen unterstutzen, zeigt deutlich, wie wichtig uns dieses Thema ist. Wenn wir in Berlin weiterhin einen attraktiven ÖPNV haben wollen und mehr Berlinerinnen und Berliner zu dessen Nutzung bewegen wollen, müssen wir weiter umdenken und dem ÖPNV uneingeschränkte Priorität einräumen. (ak)

Ride-Sharing in Berlin: BVG plant Sammeltaxi-Fahrdienst

Mit dem Ride-Sharing-Dienst „BerlKönig“ soll der öffentliche Personennahverkehr in der Hauptstadt um einen Transportweg erweitert werden. Das Pilotprojekt der BVG und dem Autobauer Daimler startet mit 50 Vans im Frühjahr 2018. Für den Anfang wird der Dienst in drei Bezirken angeboten: Friedrichshain-Kreuzberg, Mitte und Pankow.

Ride-Sharing-Dienst als Ergänzung zur BVG

Der appbasierte Ride-Sharing-Dienst bietet eine alternative Transportmöglichkeit an und soll laut Daimler eine „günstige und komfortable Ergänzung“ für BVG-Kunden sein.

Über eine Smartphone-App bucht der Kunde seine Fahrt und gibt dabei Start- und Zielpunkt ein. Daraufhin berechnen im Hintergrund Algorithmen, welches Fahrzeug in der Nähe ist und welche Fahrgäste mit ähnlichen Zielen noch mitfahren können.

Die Software für den mobilen Transportdienst stammt vom US-Unternehmen Via. In den US-amerikanischen Großstädten New York, Washington und Chicago betreibt Via ähnliche Fahrdienste und hat inzwischen mehr als eine Million Kunden.

Anders als bei öffentlichen Verkehrsmittel gibt es keine festen Fahrpläne oder Haltestellen. So endet die Fahrt nicht unbedingt direkt am Ziel, sondern in der Nähe. Auf diese Weise können mehrere Fahrgäste mit unterschiedlichen Zielen transportiert werden. Damit ist der Mobildienst ein Mittelding zwischen Taxi und Bus.

Zunächst fahren 50 Vans in drei Bezirken

Im Frühjahr sollen 50 Fahrzeuge in Betrieb genommen werden. Zunächst werden Mercedes-Vans mit herkömmlichen Verbrennungsmotoren angeboten, ab Sommer 2018 sollen auch Elektrofahrzeuge zur Verfügung stehen. Später soll der Fuhrpark dann auf 300 Fahrzeuge erweitert werden.

Anfangs werden die „Sammeltaxis“ nur an den Wochenenden und abends eingesetzt. Die Fahrpreise stehen noch nicht fest, werden sich aber laut dem BVG-Manager zwischen dem ÖPNV- und dem Taxitarif bewegen.

Die Ride-Sharing Branche

Die BVG und Daimler sind mit ihrem Projekt in der Branche nicht konkurrenzlos. Denn das VW-Tochterunternehmen Moia geht in Hamburg ebenfalls nächstes Jahr mit einem ähnlichen Modell an den Start. Anders als beim BVG-Projekt werden bei Moia von Anfang an Elektrofahrzeuge eingesetzt. Mit CleverShuttle und Allygator sind in Berlin auch schon andere app-gesteuerte Mitfahrdienste unterwegs.

Umstrittenes Mobildienstprojekt

Laut BVG-Chefin Sigrid Nikutta ist Ride-Sharing eine ideale Ergänzung zum ÖPNV in Berlin. „Wir bündeln Fahrten und sorgen damit für weniger Verkehr, weniger Lärm und weniger Emissionen in unserer Stadt“, verspricht Nikutta.

Der Senat hingegen sieht das Projekt kritisch. So müsse laut Verkehrssenatorin Regine Günther das im Berliner Senat umstrittene Pilotprojekt sehr genau analysiert werden. „Wir müssen sicher sein, dass nicht einfach mehr Verkehr in der Stadt entsteht.

Auch der Fahrgastverband IGEB äußerte sich gegenüber dem Vorhaben kritisch: „Die BVG hat genug eigene Baustellen, allen voran muss sie einen verlässlichen Fahrplan für die U-Bahn aufstellen, der auf den tatsächlich verfügbaren Fahrzeugen beruht.“

Der Antrag wurde eingereicht

Da es durch das Personenbeförderungsgesetz untersagt ist, Plätze in Taxis und Mietwagen einzeln zu „verkaufen“, hat die BVG im Rahmen der Experimentierklausel einen Antrag zur Genehmigung des neuen Verkehrsangebots eingereicht. (dn)

Berliner Verkehr eine Zumutung?

Genervte Autofahrer, schlechtes Verhalten von Radfahrern, ewige Baustellen oder zu hohe Parkgebühren – eine bundesweite Umfrage des ADAC zeigt, dass mehr als die Hälfte der befragten Einwohner mit dem Berliner Verkehr unzufrieden sind.

Für die Studie „Mobil in die Stadt“ befragte der ADAC knapp 10.000 Einwohner, Pendler und Besucher, rund 600 in jeder Stadt. Im Ergebnis konnte Berlin unter den 15 größten deutschen Metropolen nur den drittletzten Platz belegen.

Schon bei vergangenen Umfragen zum Thema Verkehr nahm die Hauptstadt immer wieder einen der hinteren Ränge ein.

Neue Radwege für Fahrradfahrer

51 Prozent der Befragten kritisierten das Verhalten der Radfahrer, der damit höchste Negativ-Wert. Mal fahren sie auf dem Fußgängerweg, mal schlängeln sie sich durch die Autos oder fahren in die entgegengesetzte Richtung, vor allem die Autofahrer sind davon genervt.

Laut dem Mitinitiator des Volksentscheid Radgesetz Heinrich Strößenreuther hat „die Berliner Senatspolitik Schuld, weil sie nicht für eine Flächenverteilung sorgt, die allen Verkehrsteilnehmern gerecht wird“.

Doch nun soll laut der Verkehrsverwaltung der Rad- und öffentlicher Nahverkehr mehr gefördert werden. Hinsichtlich dessen, gab der Senat dieses Frühjahr bekannt, dass der Bau von 47 neuen Radwegen noch in diesem Jahr begonnen werden soll. Die Mittel dazu stellt der Hauptausschuss bereit. Es sind dabei mehr als 20 Millionen Euro im Nachtragshaushalt vorgesehen. Ziel soll letztendlich sein, dass mehr Einwohner auf diese umweltfreundlichen Transportmittel umsteigen.

Die Autofahrer sind genervt

Der große Teil der befragten Autofahrer, die ohnehin schon mit den hohen Parkgebühren zu kämpfen haben, beschweren sich weiterhin über zu wenige Parkplätze. Zum Ärgernis der Autofahrer werden in Zukunft durch den Bau der neuen Radwege einige Parkplätze wegfallen.

Unzufriedenheit gab es auch wegen der „miesen“ Baustellen-Koordination. Immer wieder seien Baustellen Schuld daran, dass sich ständig Staus bilden.

Berlins öffentlicher Nahverkehr

Des Weiteren wird aber auch Berlins Nahverkehr stark kritisiert.

Fahrgäste, die auf Bus oder Bahn angewiesen sind, ärgern sich über die jährlich steigenden Preise der Fahrtickets. Ein weiterer Kritikpunkt sei auch die Unpünktlichkeit der Busse und Züge. Es kommt immer wieder mal zu Verspätungen oder Unregelmäßigkeiten der öffentlichen Verkehrsmittel. Zudem ärgern sich Fahrgäste der BVG über zu volle Züge und den Dauereinsatz von Kurzzügen auf bestimmten Strecken wie beispielsweise der U3.

Dies stellt ein großes Problem dar, da besonders zu dieser winterlichen Jahreszeit viele vom Fahrrad auf öffentliche Transportmittel umsteigen.

Wie ein nachhaltiges Verkehrskonzept aussehen soll

Der Großteil der Berliner wird immer auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sein. Deshalb ist es umso wichtiger, dass für nachhaltige Verkehrskonzepte nicht nur umweltfreundliche Verkehrsmittel gefördert werden, denn es sollen auch soziale und wirtschaftliche Aspekte berücksichtigt werden. So sollte die Verkehrsverwaltung nicht nur ihren Fokus auf den Radverkehr richten, sondern auch die Autofahrer und Fußgänger berücksichtigen.

Die Berliner Verkehrsteilnehmer werden dennoch in Zukunft immer wieder mal mit Bauarbeiten, ob auf der Straße oder an den Schienen, zu kämpfen haben. (dn)