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Wohngipfel in Berlin: Es muss ein Umdenken stattfinden!

Die grassierende Wohnungsnot in deutschen Städten wird als eine der großen sozialen Fragen unserer Zeit gesehen. In den Metropolen wird Wohnen auch für Normalverdiener unbezahlbar. Kern des Problems: Es gibt vor allem in den Großstädten zu wenig Wohnungen, und es werden zu wenige neu gebaut. Es muss dringend ein Umdenken stattfinden.

Die Bedeutung und die Komplexität des Problems zeigen sich in der Teilnehmerliste des Wohngipfels in Berlin. Neben Kanzlerin Angela Merkel sind gleich vier Minister der Bundesregierung, alle Regierungschefs der Bundesländer, Vertreter der Städte und Gemeinden, mehr als ein Dutzend Verbände der Immobilien- und Wohnungsbranche, Mieterbund, Gewerkschaften und Baubranche vertreten.

Umdenken: Investoren und Architekten fordern Bebauung von Kleingartenflächen

Der Berliner Investor und Anwalt Arne Piepgras appelliert an die Politik, fordert ein radikales Umdenken und einen zielorientierten und nachhaltigen Masterplan Wohnen, der auch eine Bebauung von Kleingartenflächen in Betracht zieht. Für Andreas Becher, Vorsitzender des Landesverbandes des Bundes Deutscher Architekten, ein sinnvoller Vorschlag: „Wenn wir den Mut hätten, die Kleingärten, die zu mehr als 70 Prozent im Eigentum der Stadt sind, neu zu ordnen, hätten wir Platz für mindestens 300.000 bezahlbare Wohnungen“, so Becher. „Wir bräuchten nur ein Drittel der Fläche zu bebauen, der Rest blieben Kleingärten, Frei- und Grünflächen.“

 

Arne Piepgras fordert von der Politik einen konkreten Masterplan zur Bekämpfung der Wohnungsnot | Foto: BERLINboxx

Arne Piepgras fordert von der Politik einen konkreten Masterplan zur Bekämpfung der Wohnungsnot | Foto: Selina Lindner

Vordenker Piepgras hat der Berliner Politik den Vorschlag, Kleingärten – zumindest teilweise – zu bebauen, bereits vorgelegt. Konkret schlägt Piepgras vor, die innerstädtischen Kleingartenanlagen, die sich überwiegend auf Stadtflächen befinden, nicht nur für Wohnungsbau, sondern auch für die Entwicklung von dringend benötigten Schulen und Kitas zu nutzen: „Es ist immer die Rede von den vorhandenen freien Flächen in Berlin, die für den Wohnungsbau genutzt werden sollten. Dabei wird jedoch übersehen, dass für eine Schule etwa 50.000 qm benötigt werden. Flächen in diesem Ausmaß sind in Berlin kaum noch vorhanden.“

Studie: Mehrheit der Berliner begrüßt teilweise Bebauung 

Zuspruch erhält Piepgras dabei von einer Mehrzahl der Berliner. Eine Studie hat ergeben, dass mehr als die Hälfte der Menschen eine teilweise Bebauung von innerstädtischen Kleingartenflächen begrüßen wurde. Das Votum fällt umso deutlicher aus, wenn die Altersgruppen betrachtet werden, denn vor allem junge Menschen halten die Nutzung solcher Flächen als Bauland für sinnvoll.

Ein Umdenken ist substanziell: Kleingartenflächen dürfen keine heilige Kuh sein | Foto: pixabay.com

Ein Umdenken ist substanziell: Kleingartenflächen dürfen keine heilige Kuh sein | Foto: pixabay.com

„Die grassierende Wohnungsnot stellt uns alle vor große Probleme. Daher braucht es mutige Lösungsansätze. Staatliche Regulierungen wie etwa eine Mietpreisbremse bringen uns nicht weiter. Wir müssen bereit sein umzudenken und auch unbequemen Wahrheiten ins Gesicht zu blicken“, so Piepgras.

Dabei sollen die Kleingärtner keineswegs leer ausgehen. Als Alternative könnten die Laubenpieper Parzellen auf den im Umland Berlins befindlichen Stadtgütern erhalten. Auf diesen Flächen könnten soziale Quartiere entstehen, die dem Erholungsanspruch der Großstädter eher gerecht werden, als kleine Laubenpieperanlagen, die oftmals mitten in der Stadt zwischen Stadtautobahn und Hochhäusern liegen. In vielen anderen Ländern ist das schon lange Normalität: „Man sollte mal in unser Nachbarland Dänemark schauen. Die Menschen besitzen dort Parzellen außerhalb der Stadt, oft direkt am Meer. In Kopenhagen selbst wird man vergeblich nach innerstädtischen Kleingartenflächen suchen“, so Piepgras.

Bebauungsstudie: Stadtquartier mit 15.000 Wohnungen könnte entstehen

Exemplarisch ließ Piepgras durch den renommierten Architekten Rainer Michael Klotz eine Bebauungsstudie für die Anlage am Spandauer Damm durchführen.

Dort könnte ein eigenständiges Stadtquartier entstehen, ein neuer Kiez, der alles enthält, was die Bewohner benötigen: Wohnungen, Kitas, Schulen, Sportplätze, Grünflächen, Spielplätze, Lofts, Büros, Arztpraxen, Jugend- und Freizeiteinrichtungen, Gewerbe und Gastronomie. Neben der Infrastruktur könnten dort mehr als 15.000 Wohnungen entstehen.

„Solche Anlagen würden eben nicht nur Wohnraum bieten, sondern auch Parkanlagen und Grünflächen, die einen sicher höheren Beitrag für die Lebensqualität in der Stadt leisten würden als Laubenpieperanlagen und im Übrigen für alle Menschen, nicht nur für die Kleingärtner, nutzbar wären. Man muss sich nur einmal die Zahlen ansehen und Prioritäten setzen. 15.000 Wohnungen gegenüber einigen Gartenlauben“, sagt Piepgras.

Wohnungsnot: Appell an die Politik

Piepgras denkt in dem Zusammenhang nicht an den eigenen Profit, denn die Kleingartenflächen gehören der Stadt und sollten von landeseigenen Wohnungsbauunternehmen bebaut werden – was auch die Schaffung von dringend benötigtem günstigem Wohnraum ermöglichen würde. Vielmehr ist es dem Unternehmer wichtig, Perspektiven aufzuzeigen

„Ich appelliere an die Vertreter der Politik und auch an die Bewohner unserer Stadt. Die auf dem Wohngipfel besprochenen Vorschläge sind unzureichend. Die Wohnungsnot in den deutschen Städten wird sich in Zukunft dramatisch entwickeln. Wenn wir nicht heute die Weichen stellen für eine sinnvolle Nutzung von städtischen Flächen, wenn wir es nicht wagen, über den Tellerrand hinauszublicken, dann sehen wir uns in wenigen Jahren mit einer Situation konfrontiert, die sich nicht mehr zurückdrehen lässt,“ so Piepgras. (sl)

 

 

 

KI-Studie: Im Wirtschaftsleben der Hauptstadtregion angekommen

Künstliche Intelligenz (KI) treibt die technologische Entwicklung zurzeit branchenübergreifend voran. Die Region Berlin-Brandenburg profitiert von dieser Entwicklung. Dies zeigt die Studie „Künstliche Intelligenz in Berlin und Brandenburg“, die die  Technologiestiftung Berlin im Auftrag der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe durchführte, auf. Demnach erfolgt fast die Hälfte aller deutschen KI-Gründungen hier. Mittlerweile entwickeln mehr als 200 Unternehmen in Berlin und Brandenburg Innovationen mit Künstlicher Intelligenz und erwirtschaften rund acht Prozent des Umsatzes im Bereich der Daten- & Softwaredienstleister.

KI-Studie

Die Technologiestiftung Berlin hat diese und viele weitere Zahlen und Fakten für die erste branchenübergreifende Studie zu Künstlicher Intelligenz in Berlin-Brandenburg ermittelt. Ergänzt wurden die Zahlen von der Wirtschaftsförderung Brandenburg.

„Die Studie bietet eine erste richtige Vermessung zum Thema KI als Bestandteil unseres erfolgreichen digitalen Ökosystems. Berlin ist der maßgebliche Standort für Künstliche Intelligenz. Diese dynamische Entwicklung wollen wir strategisch begleiten und stärken. Zudem helfen wir den Bezirken und Behörden, ihre Datensätze zu öffnen und anwendbar zu machen“, so Christian Rickerts, Staatssekretär der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe.

Anwendungsbereiche

Einst galt KI als ein Nischenfach der Informatik. Das hat sich in den letzten Jahren enorm verändert. Sprach- und bildverstehende, autonome und kollaborative Systeme: Wo die Umgebung über Sensoren oder Zähler in Form von digitalen Daten erfasst werden kann, verarbeiten die Systeme die Daten immer schneller. Mittlerweile „lernen“ Datenverarbeitungssysteme, treffen auf Grundlage der Daten Entscheidungen, kommunizieren mit anderen Maschinen und imitieren in einem allerdings noch stark eingegrenzten Bereich menschliche Intelligenz.

„Von den Unternehmen, die sich in unserer Region mit Künstlicher Intelligenz beschäftigen, wurden fast die Hälfte erst 2014 und später gegründet. Das zeigt, wie dynamisch sich die Entwicklung vollzieht. Berlin-Brandenburg sollte den Bereich strategisch weiterentwickeln. Mehr Studienplätze, Leuchtturmprojekte zwischen Wissenschaft und Wirtschaft und auch mit den Verwaltungen sowie mehr öffentliche Sichtbarkeit des Themas würden die wichtige technologische Entwicklung noch stärker in der Region verankern und auch die traditionelle Wirtschaftsunternehmen für diesen wichtigen Zukunftstrend fit machen“, sagt Nicolas Zimmer, Vorstandsvorsitzender der Technologiestiftung Berlin.

Veränderungen durch KI

Selbst die Gesundheitswirtschaft wird von KI-Anwendungen revolutioniert. So gibt es bereits Gesundheitsapps, die Vitaldaten ihrer Nutzer auswerten und auf dieser Datenbasis Gesundheitstipps weitergeben, oder Internetsuchmaschinen, die die Bilder im Netz immer besser „lesen“ können. Das sind zwei Beispiele für KI, die beim Endverbraucher ankommen. Zurzeit verändert KI aber vor allem Geschäfts- und Produktionprozesse.

Hier liegt auch der Schwerpunkt der Berliner KI-Unternehmen. Rund 36 Prozent arbeiten im Bereich Business Intelligence/Prozessmanagement und erwirtschaften 43 Prozent des Umsatzes der KI-Unternehmen. Erst dann folgen die Bereiche Health, in dem 10 Prozent der Unternehmen tätig sind und 15 Prozent des Umsatzes erwirtschaften. Dann folgt der Mobilitätsbereich mit neun Prozent der Unternehmen und einem Umsatzanteil von 14 Prozent.

Wirtschaftszweig KI

Vor allem die KI-Unternehmen ziehen die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich, die in den letzten Jahren sehr erfolgreich Venture Capital (VC) eingeworben haben. Außerdem haben die KI-Unternehmen dafür gesorgt, dass in Berlin ein auch im Vergleich mit Frankreich und Großbritannien deutlich über dem Durchschnitt liegendes VC-Engagement zu verzeichnen ist (6,4 Millionen Euro pro Unternehmen in Berlin-Brandenburg gegenüber 6,1 Millionen in Deutschland und 5,1 Millionen in Großbritannien). Dabei entfielen 70 Prozent des VC auf fünf Unternehmen. Von denen sind drei im Bereich Business Intelligence und Prozessmanagement tätig und zwei gehören dem Gesundheitsbereich an.

Diese fünf VC-finanzierten Unternehmen sind allerdings keine typischen Repräsentanten des Berliner KI-Bereiches. Insgesamt sind die Berliner KI-Unternehmen eher klein, was auch damit zu tun hat, dass sie sehr jung sind. Fast die Hälfte (49 Prozent) beschäftigen zwischen ein und zehn Mitarbeiter. Sie entwickeln vor allem wissensbasierte Expertensysteme (26 Prozent), Sprach- (21 Prozent) sowie bildverstehende Systeme (15 Prozent).

Prognosen und Voraussetzungen

Die Prognosen der Studie zur weiteren Umsatzentwicklung gehen zwar auseinander, je nachdem wie die Experten die allgemeine Entwicklung einschätzen. Alle stimmen aber darin überein, dass der Umsatz in diesem Bereich stetig anwachsen wird.

Darüber hinaus erfüllt Berlin-Brandenburg alle Voraussetzungen, um die Chancen zu nutzen. Die Region hat im KI-Bereich exzellente universitäre und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen. Diese beeinflussen die technologische Weiterentwicklung wesentlich. Außerdem sorgen die Forschungseinrichtungen für qualifizierte Hochschulabsolventen, die den Technologietransfer über Köpfe sicherstellen. Überdies sind sie wesentlich daran beteiligt, dass öffentliche Fördergelder in den Bereich fließen. 2017 waren es fast 20 Millionen Euro. (red)

 

Wissen was kommt: Migräne-Therapie mit der M-sense App

Kann eine Smartphone-App dazu beitragen Kopfschmerzen, speziell starke Migräne-Anfälle, zu lindern? Bereits 2013 stellte sich der Migräneforscher Dr. Markus Dahlem diese Frage als er mithilfe von mathematischen Analysen die Vorgänge von Migräneattacken belegen konnte.Seiner damaligen, von Migräne geplagten Mitbewohnerin, die erstmals sein Interesse am Thema weckte, konnte er nun auch helfen. Sie führt nun Kopfschmerz-Tagebuch mit der M-sense App.

Während anhaltende elektrische Entladungen von Nerven, den Kopf quälen, können Patienten oft weder das Haus noch ihr eigenes Zimmer verlassen. Von allem geplagt was Geräusche verursacht oder Licht verströmt, sind rund 12 Prozent der Deutschen von Migräne betroffen. Meist wurden sie jedoch nur medikamentös behandelt. Das Berliner Newsenselab-Team hat mit der Entwicklung der App M-Sense eine alternative Behandlung entwickelt, um die extremen Kopfschmerzepisoden für Betroffene vorhersehbar und vor allem kontrollierbar zu machen. Die App ist bereits ein zertifiziertes Medizinprodukt. Als erstes dieser Art, lernt der Algorithmus der App mithilfe künstlicher Intelligenz auch noch dazu und verbessert das Modell für die Benutzer somit stetig.

 

Gründungsgesellschafter der Newsenselab GmbH (vl.n.r.): Simon Scholler, Stefan Greiner, Dr. Markus Dahlem und Martin Späth. | Foto: Newsenselab GmbH / Johannes Windolph

 

Studie zur digitalen Prävention gestartet

„Unser Ziel ist es, die Kopfschmerztage der Betroffenen um mindestens 50 Prozent zu reduzieren“, erklärt CEO und Mitgründer Stefan Greiner. Um dieses Vorhaben zu fundieren, kooperieren die BARMER-Krankenkasse und die Deutsche Telekom, unter wissenschaftlicher Betreuung der Charité für ein gemeinsames Projekt. Hierzu bewerten 1.000 von Kopfschmerzen und Migräne betroffene Mitarbeiter_innen der Deutschen Telekom, ihre Erfahrungen mit M-sense für neun Monate. Die Studie soll das Potenzial der personalisierten und mobilen Migränetherapie von M-sense sichtbar machen, mit der bis zu 40 Prozent der Schmerzattacken nicht-medikamentös reduziert werden können.

Nachdem Benutzer die App mit möglichen Einflussfaktoren der eigenen Migräne gefüttert haben, beobachtet und analysiert M-sense das Krankheitsbild. Anhand mathematischer Modelle warnt M-sense anschließend vor Trigger-Faktoren. Ziel ist es nicht nur die Häufigkeit der Attacken langfristig zu verringern, sondern auch ein individuell abgestimmtes Therapiemodell zu erstellen. Durch Entspannungs- und Bewegungstraining sowie präventive Maßnahmen kann nachgewiesen sogar der Medikamentenkonsum der Migränepatienten reduziert werden. Die von der App automatisch festgestellten Wetterverhältnisse und weitere äußere Einflussfaktoren tragen zum sogenannten Biofeedback der Patienten bei.

 

Nach der Eingabe möglicher Einflussfaktoren der eigenen Migräne, warnt die App anschließend vor Trigger-Faktoren. | Foto: M-sense

 

Arznei durch M-sense Analyse

Im Zuge etlicher Datenskandale der Plattformen und Apps von Internetriesen und kleineren Anbietern, deren Nutzungen erst möglich sind, wenn man der Speicherung und Weiterverwendung jeglicher eigener Daten zustimmt, ist das Konzept von M-sense bereits fortschrittlicher. „Wir werden [mithilfe der Patientendaten] neue biologische Zyklen ausmachen können. Man muss Patienten jedoch auch davor schützen, dass ihre Daten ungenutzt bleiben. Daten sind der Schlüssel zur personalisierten Therapie“, so Dahlem. Benutzer können selbst entscheiden ob sie ihre Daten zur Analyse auf dem Handy lassen, oder mit dem Server synchronisieren möchten.

 

Benutzer können selbst entscheiden ob sie ihre Daten zur Analyse auf dem Handy lassen, oder mit dem Server synchronisieren möchten. | Foto: M-sense / Johannes Windolph

Benutzer können selbst entscheiden ob sie ihre Daten zur Analyse auf dem Handy lassen, oder mit dem Server synchronisieren möchten. | Foto: M-sense / Johannes Windolph

 

Was bei Kopfschmerzen und Migräne beginnt soll sich mit den mathematischen Analysemodellen auch auf andere chronische Krankheiten übertragen lassen. Das vierköpfige Gründerteam von Newsenselab macht es sich zum erklärten Ziel, chronische Krankheiten für Betroffene kontrollierbar zu machen. Sodass diese sie nicht in wiederholtem Maße im Alltag außer Gefecht setzen. (cn)

Mobilitätsgesetz und digitale Infrastruktur als Chance für Berlins Klima

Pünktlich zur Verabschiedung des Berliner Mobilitätsgesetzes am Donnerstag, werden in Berlin weitere Lösungsansätze für die Mobilität der Zukunft diskutiert. Deutschlandweit ist der Gesetzesentwurf, der einen Vorrang für klimaschonende Verkehrsarten vorsieht einmalig. „Das Mobilitätsgesetz läutet das Ende der autoprivilegierten Stadt ein“, kommentierte Verkehrssenatorin Regine Günther den rot-rot-grünen Erfolg. Die Opposition aus CDU und FDP sowie die AfD stimmten dagegen. Für letztere Parteien stehe die bundesweite Einmaligkeit des Gesetzes auf dem Prüfstand und könne einer wachsenden Stadt nicht gerecht werden. Zudem ist sich die Bundesregierung einig, dass eine digitale Infrastruktur, in welche die Mobilitätskonzepte einer pulsierenden Stadt eingebunden sind, nicht mehr aus dem modernen Berlin wegzudenken sei.

Zwei kürzlich durchgeführte Studien beleuchten sowohl die reale Berliner Mobilitätssituation als auch den deutschlandweiten Verkehr. Eine Umfrage der Berliner Sparkasse analysierte die am häufigsten genutzten Verkehrsmittel und gewünschten Reformen der Berliner. Während eine bislang unveröffentlichte Studie des Bundesverkehrsministeriums, die der Morgenpost vorliegt, die bundesweite Mobilität unter die Lupe nahm. Im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums befragte das Institut Infas 2017 mehr als 300.000 mobile Bundesbürger. Zusätzlich bot das Barcamp #mobltcamp Diskussionsteilnehmern in Berlin letzte Woche die Möglichkeit sich über aktuelle Themen der Mobilitätswende auszutauschen. Unter dem Titel „rethink mobility“ setzte die Mitmach-Konferenz den Schwerpunkt vor allem auf Chancen einer ausgebauten digitalen Infrastruktur. Diese würde das Auto nicht von der Straße „verbannen“, sondern auf intelligente und klimaneutrale Elektromobilität setzen.

Digitale Infrastruktur nötig, Skepsis angebracht

Die Ergebnisse des #mobltcamp unterstützen die Erkenntnis der Bundesregierung zur Digitalisierung. Denn die Bundesregierung möchte in den nächsten Jahren einen zweistelligen Milliardenbetrag in den Ausbau der digitalen Infrastruktur, mit Schwerpunkt Verkehrspolitik investieren. Laut #mobltcamp erkannten die Teilnehmer und Experten wie Staatssekretär Dr. Gerhard Schulze, des Verkehrsministeriums, die digitale Vernetzung innerhalb der Stadt als wichtigsten Fortschritt an. Zukunftsweisende Mobilitätskonzepte und die Digitalisierung seien nicht nur eng verzahnt, sondern nicht mehr voneinander trennbar. In diesem Zusammenhang wurde vor allem autonomes Fahren und Elektromobilität, aber auch die Fahrradinfrastruktur thematisiert.

Autonome Autos der Zukunft werden durch digitale Daten zukünftig verstärkt miteinander kommunizieren müssen, um beispielsweise Staus und Unfälle zu vermeiden. Auch die Auskunft über das Verhalten des Fahrers und seine exakten Aufenthaltsorte und –zeiten sind dabei von Bedeutung. Die Süddeutsche Zeitung berichtete kürzlich, dass die Deutschen selbstfahrenden Autos bislang jedoch skeptisch gegenüberstehen. Befürworten 75 Prozent der Chinesen und 85 Prozent der Inder die Technologie, sind es in Deutschland lediglich 45 Prozent. Bei der Sparkassen-Umfrage gaben sogar nur 17 Prozent der Berliner an, selbstfahrende Autos nutzen zu wollen, wären sie in Deutschland zugelassen. Diese Umfragewerte würden vor allem auf die unausgereifte Technik angesichts zahlreicher Unfälle, zurückgehen.

 

Die Deutschen stehen selbstfahrenden Autos bisher jedoch skeptisch gegenüber. | Foto: pexels.com

Die Deutschen stehen selbstfahrenden Autos bisher skeptisch gegenüber. | Foto: pexels.com

 

Trotz starken Autoverkehrs am Ball bleiben

Nach Bremen ist Berlin gemeinsam mit Hamburg das Bundesland in dem die meisten Strecken mit dem Fahrrad zurückgelegt werden. 15 Prozent der Berliner legen viele Wege bereits mit dem Fahrrad zurück, bundesweit sind es elf Prozent der Strecken. Dieser Anteil ist seit 2002 bundesweit jedoch lediglich um zwei Prozent gestiegen – trotz der oft angekündigten Verkehrswende. Das Auto dominiert mit 60 Prozent weiterhin das Verkehrsgeschehen in Deutschland. Vor allem in ländlichen Regionen, in denen der Arbeitsweg durchschnittliche 16 Kilometer lang ist, wird zumeist der motorisierte Individualverkehr favorisiert.

Verkehrssenatorin Günther begründete die Relevanz des Berliner Mobilitätsgesetzes  am Donnerstag damit, nicht den Anschluss an die weltweite Mobilitätswende verlieren zu wollen. Auch die fahrradfreundliche Hauptstadt und eine „Vision Zero“, für eine Stadt ohne Verkehrstote, sind erklärte Ziele. „Wir haben ein klares Ziel: eine lebenswerte Stadt“, so Günther. Laut der Sparkassen-Umfrage nutzen jedoch nur neun Prozent der Berliner üblicherweise das Fahrrad. Jeder dritte Berliner hält einen Ausbau der Radwege jedoch direkt nach der Erweiterung des öffentlichen Nahverkehrs für die wichtigste Maßnahme der neuen Verkehrspolitik. 39 Prozent geben zudem an, sich für das Rad zu entscheiden, gäbe es sichere Verkehrswege. Die Zahlen sprechen Bände. Trotz der deutschlandweiten Zahlen erinnern die umweltnahen Berliner Umfrageergebnisse  daran, dass die Mobilitätswende mithilfe sicheren Verkehrs für alle Verkehrsteilnehmer nur einen Schritt entfernt sein kann.

 

Berliner geben an öfter das Fahrrad zu wählen, gäbe es sichere Verkehrswege. Bisher ist der Ausbau der Berliner Fahrradinfrastruktur dürftig umgesetzt worden. | Foto: pixabay.com/ timelynx

Berliner geben an öfter das Fahrrad zu wählen, gäbe es sichere Verkehrswege. Bisher ist der Ausbau der Berliner Fahrradinfrastruktur dürftig umgesetzt worden. | Foto: pixabay.com/ timelynx

 

Nur Ansätze einer Verkehrswende sichtbar

Während bundesweit nur ca. 11 Prozent  der Deutschen Bus und Bahn wählen, sind die Öffentlichen die bevorzugten Verkehrsmittel der Berliner. 44 Prozent nutzen den ÖPNV der Hauptstadt. Das Berliner Mobilitätsgesetz gestattet Bussen nicht nur ein schnelleres Abschlepprecht bei Falschparkern, sondern möchte die BVG bis 2030 auch komplett klimaneutral fahren lassen. Zudem wird im Senat kontrovers über den Ausbau des Straßenbahn- und U-Bahn-Netzes diskutiert. Mehr als die Hälfte der Berliner halten den Ausbau des ÖPNV für die wichtigste Maßnahme der Berliner Verkehrsinfrastruktur. 58 Prozent würden ihn auch häufiger nutzen, setze man die oft erwägte Maßnahme des kostenlosen Nahverkehrs durch.

Die Zahlen der Berliner Sparkasse zeigen für Berlin einen sehr umweltbewussten Umgang mit den mobilen Möglichkeiten. Die bundesweite Studie erkennt die Verkehrswende im Rahmen der oft erwarteten Gesamtdynamik nur in Ansätzen. Dass mehr Menschen auf Bus, Bahn und das Rad umsteigen, liege weniger an erfolgreichen politischen Weichenstellungen. Der Zuzug in die Großstadtregionen und ein dementsprechender Anstieg an Beschäftigungen seien stattdessen verantwortlich, zitierte die Morgenpost die Studienautoren.

 

Der öffentliche Nahverkehr rangiert auf Platz Eins der beliebtesten Berliner Verkehrsmittel. Auch bundesweit nimmt die Nutzung von Bus und Bahn zu. | Foto: pixabay.com

 

Klimafreundlich im Rahmen der Möglichkeiten

Emissionsfreien Autoverkehr innerhalb des S-Bahnrings wünschen sich 38 Prozent der 1000 befragten Berliner. Die BVG plant die Anschaffung von eigenen Abschleppwagen, um die mehr als 8000 Behinderungen des letzten Jahres schneller zu beheben. Das Mobilitätsgesetz sieht 100 Kilometer lange Radschnellwege vor. Vier Millionen der 72 Millionen Fahrräder in Deutschland haben bereits einen Elektroantrieb. Jeder 5. Berliner gibt an auf diese Variante umzusteigen, würden E-Bikes günstiger werden. Einige Arbeitgeber stellen diese bereits auf dem Unternehmenscampus zur Verfügung.

Kurzum: Vor allem in der grünen Hauptstadt wird immer besonnener mit dem Thema Mobilität umgegangen – bundesweit dagegen eher den Möglichkeiten entsprechend. Den bisherigen Finanzspritzen, Entwürfen und Trends werden deutschlandweit noch viele „Zwischenreformen“ folgen, ist sich Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) trotzdem sicher. „Wir werden  bis 2030 eine Revolution der Mobilität erleben“, so Scheuer. Mit Vorantreiben der klimafreundlichen Elektromobilität und der in Zukunft vorausschauenden Fahrweise der autonomen Autos, muss sich hoffentlich nicht mehr um Sicherheit, Platz und Verdrängung gestritten werden. (cn)

„Smart, Smarter, Real Estate“ – Studie zur Immobilienwirtschaft

Der digitale Wandel in der Immobilienwirtschaft nimmt endlich Fahrt auf. Dazu führten ZIA und EY eine zweite Digitalisierungsstudie durch. Insgesamt haben mehr als 300 Mitarbeiter sowohl von privatwirtschaftlichen als auch von öffentlichen Unternehmen an der Befragung teilgenommen.

Unternehmen befinden sich bereits in der Entwicklungs- oder Etablierungsphase

„An der Digitalisierung kommt heute kaum ein Akteur der Immobilienwirtschaft mehr vorbei“, sagt Christian Schulz-Wulkow, Leiter des Immobiliensektors in Deutschland, Österreich und der Schweiz bei EY.
Das zweite Jahr in Folge halten 90 Prozent der Befragten aus dem immobilienwirtschaftlichen Umfeld das Thema Digitalisierung für ein relevantes Handlungsfeld in ihren Unternehmen. Bereits fünf Prozent des Jahresumsatzes investieren die etablierten immobilienwirtschaftlichen Unternehmen im Schnitt in Digitalisierungsmaßnahmen. Bei den PropTechs entfallen sogar 62 Prozent des Jahresumsatzes auf Ausgaben für Digitalisierungszwecke; bei der Gesamtheit der Befragten beträgt der Durchschnitt der für Digitalisierung aufgewendeten Jahresumsätze elf Prozent. Das sind Ergebnisse einer Umfrage, die der ZIA Zentraler Immobilien Ausschuss e. V. gemeinsam mit der Beratungsgesellschaft EY Real Estate durchgeführt hat.

„Was die tatsächliche Umsetzung anbelangt, sind die ersten Schritte mittlerweile getan, wie die Ergebnisse unserer diesjährigen Folgebefragung zeigen. Dennoch kann das nur ein Anfang sein“ erläutert Martin Rodeck, Innovationsbeauftragter des ZIA und Vorsitzender der Geschäftsführung der OVG Real Estate in Deutschland.

Mehr als drei Viertel der Umfrageteilnehmer gaben an, dass sie sich derzeit in der Etablierungs- oder Entwicklungsphase befinden. Sechs Prozent der Befragten – überwiegend aus dem PropTech-Segment – zählen sich zur „digitalen Exzellenz“ und sind somit vollständig digital aufgestellt. Im europäischen Vergleich hingegen sieht sich die deutsche Immobilienwirtschaft selbstkritisch und sieht sich überwiegend als durchschnittlich oder gar unterdurchschnittlich fortgeschritten (jeweils 46 Prozent der Befragten).

Als Haupttreiber der Digitalisierung nannten die Umfrageteilnehmer Investoren, Projektentwickler und Planer. Bei diesen Akteuren wird auch die größte Veränderung der Geschäftsmodelle erwartet.

Herausforderungen: Personal und unternehmensübergreifende digitale Strategie

Eine der größten Herausforderungen in der digitalen Transformation stellen für 72 Prozent der Befragten mangelnde personelle Ressourcen dar. „Der Megatrend Digitalisierung kollidiert hier mit einem weiteren, dem des demografischen Wandels und des damit einhergehenden Fachkräftemangels. Aufgrund der Digitalisierung ergeben sich neue Berufsbilder in der Branche. Und hier konkurrieren wir mit anderen Wirtschaftssektoren im ‚War for Talents‘“, sagt Rodeck. „Wir müssen die Attraktivität der Immobilienwirtschaft für alle Young Professionals und Experten konstant steigern. Dabei ist die gesamte Branche gefordert.“

Zwei Drittel der Befragten gaben an, dass es an einer unternehmensübergreifenden Digitalisierungsstrategie fehle (66 Prozent). Eine weitere Hürde ist für ungefähr 61,5 Prozent der Befragten, eine mangelhafte Datenqualität und -struktur sowie veraltete und nicht integrierte Software „Es mag bequem sein, die digitale Transformation als Aufgabe der eigenen IT-Abteilung zu betrachten. Das ist aber kurzsichtig. Digitalisierung ist mit dem Ausrollen einer neuen Software nicht getan, sie stellt ein Querschnittsthema dar, das alle Unternehmensbereiche betrifft: unternehmensinterne Prozesse, Schnittstellen zu externen Dienstleistern, eigene Produkte und Dienstleistungen. Die digitale Transformation ist daher ganz klar Aufgabe für die höchste Ebene“, sagt Schulz-Wulkow. „Darüber hinaus müssen wir uns als Branche über ein klares Leitbild verständigen“, ergänzt Rodeck. „Synergieeffekte von digitalen Technologien ergeben sich oft erst durch die Zusammenarbeit. Wenn jeder nur seine eigenen Vor- und Nachteile sieht und dadurch übergreifende positive Effekte verhindert, blockieren wir uns gegenseitig.“

Limitiertes Potenzial für die Cloud, Mobile Devices und digitale Plattformen

Potenzial für die Gegenwart und die nahe Zukunft sieht ein überwiegender Teil der Umfrageteilnehmer im Einsatz mobiler Arbeitsgeräte (78 Prozent der Befragten) und von Cloud-Technologien (74 Prozent der Befragten). „Der Nutzen dieser Technologien ist augenscheinlich, weil sie bereits heute fest im privaten und beruflichen Alltag etabliert sind. Smartphones und Clouds werden mittlerweile völlig intuitiv genutzt und finden daher fast wie von selbst ihren Platz auch in der Immobilienwirtschaft“, so Schulz-Wulkow.
Potenzial für die eher ferne Zukunft hat für die Umfrageteilnehmer die Blockchain-Technologie, die künstlichen Intelligenz (KI) und Robotics. Letzteres kommt derzeit höchstens nutzergetrieben in Industrieimmobilien vor. Vorstufen von KI werden etwa in Form von Chatbots in der Kundenkommunikation eingesetzt, ohne jedoch das volle Potenzial dieser Technologie zu entfalten. Als zeitlich am weitesten entfernt wird die Blockchain-Technologie bewertet. „Der Blockchain-Technologie wird zwar erst langfristiges Potenzial zugebilligt, dieses wird jedoch umso einschneidender sein. Vor allem Transaktionen und alle damit verbundenen Dienstleistungen dürften hiervon massiv disruptiert werden“, sagt Schulz-Wulkow.

Smart Real Estate betrifft alle Nutzungsarten

Die Immobilie wird digital: Technologien und Anwendungen, die an der Immobilie selbst ansetzen, sei es bei der Planung, beim Bau, im Betrieb oder bei der Transaktion, lassen sich unter „Smart Real Estate“ zusammenfassen – dem Schwerpunkt der diesjährigen Befragung. Als Beispiele für solche Technologien sind etwa Smart Metering, Predictive Maintenance, Sharing Economy, KI oder BIM zu nennen. Den Befragten zufolge wird die digitale Transformation alle Nutzungsarten betreffen, allen voran Büroimmobilien.

Knapp 60 Prozent der Befragten sehen vor allem im Datenschutz eine große Hürde für Smart Metering. Als größtes Hindernis für den Einsatz von KI und Robotics identifizieren 55 Prozent der Umfrageteilnehmer die nötigen hohen Investitionskosten und rund jeder zweite die ebenfalls notwendige Nutzerakzeptanz.