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20 Jahre Berliner Wirtschaftsgespräche e.V.

Der International Club Berlin, ehemaliger britischer Offiziersclub, war Kulisse für die Jubiläumsfeier zum 20-jährigen Bestehen der „Berliner Wirtschaftsgespräche e. V.“. Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, selbst Mitglied dieses einflussreichen Wirtschaftsvereins, würdigte die Leistung von Vorstand und Mitgliedern, die sämtliche politische, gesellschaftliche, wissenschaftliche und wirtschaftliche Strömungen aufgreifen und das überparteilich, aber immer im Interesse der Hauptstadt. Dabei schlagen sie Brücken zwischen etablierten Berliner Unternehmen, Persönlichkeiten und der sich dynamisch verändernden Start-up- und Gründerszene, so Müller.

Zu den hochrangigen Gastrednern des Abends gehörten neben dem Regierenden Bürgermeister der Bundestagsabgeordnete Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen) sowie die Fraktionschefs im Abgeordnetenhaus Burkhard Dregger (CDU) und Sebastian Czaja (FDP). Auch Senatssprecherin Claudia Sünder und Rainer Brettschneider, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Flughafengesellschaft, reihten sich in die Schlange der Gratulanten ein.

Hochkarätige Gastredner und spannende Diskussionen

Özdemir, der auf seinem Weg zum Festakt einen Fahrradunfall hatte, den er aber glücklicherweise ohne Blessuren überstand, appellierte an den europäischen Gedanken gerade in Zeiten, in denen die Demokratie in der Krise steckt. „Europa bestimmt nicht die Welt, doch die Welt bestimmt uns, wenn wir ihr nicht mit klarem Wertegerüst sowie einer realistischen Einschätzung unserer Möglichkeiten begegnen“, schlussfolgerte der Grünen-Politiker.

Nach den offiziellen Eröffnungsreden präsentierte der Wirtschaftsverein, moderiert vom Vorstandsvorsitzenden Frank Becker und dem geschäftsführenden Vorstandsmitglied Kristina Jahn, seine neue wirtschaftspolitische Kompetenz. Mit dem serbischen Außenminister und stellvertretenden Premierminister, Ivica Dačić, und dem Vorsitzenden des Ostausschusses der Deutschen Wirtschaft, Michael Harms, wurde eine interessante Diskussion zum Thema „Der Westbalkan in Europa – Chancen und Herausforderungen haben“ geführt.

Große Jubiläumsfeier mit zahlreichen Gästen

Zum Auftakt für die kommenden 20 Jahre präsentierte der Berliner Wirtschaftsverein die Ausstellung „Morgen war einmal“. Die in Leinefeld/Eichsfeld geborene Künstlerin Nicole Degenhardt begeisterte sowohl die Gäste als auch die Gastgeber mit ihren auf spezifische Szenen fokussierten Arbeiten. Im Anschluss versteigerte Dr. Karlheinz Knauthe, KNAUTHE Rechtsanwälte Partnerschaft mbH, einige von Degenhardts Kunstwerken.

Im Garten des International Club Berlin tauschten die Gäste ihre vielfältigen Erfahrungen mit den BWG aus. Unter ihnen waren Jörg Simon (Vorstandsvorsitzender der Berliner Wasserbetriebe) Burkhard Reuss (Direktor Kommunikation und Public Affairs TOTAL), und Thomas Schröder vom Porsche Zentrum Berlin. Ebenso führten Boris Schucht (Vorstandsvorsitzender 50Hertz), Lutz Wedegärtner (Niederlassungsleiter Berlin REMONDIS), Kommunikationsexperte Frank Schmeichel (Business Network), Rainer Knauber als Vertreter der GASAG sowie Isabel Wolter (Geschäftsführerin BMW Autohaus Nefzgerangeregte Gespräche.

20 Jahre Erfolgsgeschichte

Begonnen hatten die Berliner Wirtschaftsgespräche als ein wirtschaftspolitischer Verein. Er entwickelte sich in einem dynamischen Prozess zu einem Verein, der sämtliche politische, gesellschaftliche, wissenschaftliche und wirtschaftliche Strömungen aufgriffen hat. In rund 150 Veranstaltungen wurden diese jährlich umgesetzt. „Die berliner wirtschaftsgespräche e.v. haben in den vergangenen 20 Jahren eine überwiegend positive aber auch wechselhafte Entwicklung durchlebt. Als ursprünglich kleine Vereinigung haben wir aktuell über 300 institutionelle und persönliche Mitglieder“, verkündete die stellvertretende Vorstandsvorsitzende Kristina Jahn stolz. „Die Themen, die unsere Stadt, Deutschland und Europa bewegen, bewegen auch die BWG.“ Dabei können die BWG auf ein Netzwerk mit über 300 Mitgliedern und 15.000 Interessierten zurückgreifen. Somit schaffen sie einen relevanten Zugang in die Berliner Politik, Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft.

„Unsere Stärke ist, in kreativen Prozessen gemeinsam mit den entscheidenden Akteuren Themen auf das Berliner Tableau zu bringen, die die Stadt weiterentwickelt“, resümiert Vorstandsvorsitzender Becker. Die BWG soll auch in den kommenden 20 Jahren für die Offenheit für Veränderungen und den stetigen, zukunftsgerichteten Austausch mit Mitgliedern und Freunden stehen. (red)

Experte Florian Nöll: Die etablierte Wirtschaft muss sich für Start-ups öffnen

Wir haben mit dem Experten für Start-ups und die digitale Wirtschaft gesprochen: Florian Nöll. Als Vorsitzender des Start-up-Verbandes fungiert er als Dolmetscher zwischen innovativen Unternehmensgründungen und der Politik.

Florian Nöll, was ist die Aufgabe des Bundesverbandes Deutsche Startups e.V.?

Als Repräsentant und Stimme der Start-ups in Deutschland engagieren wir uns für ein gründerfreundliches Deutschland. Im Dialog mit Entscheidungsträgern in der Politik erarbeiten wir Vorschläge, die eine Kultur der Selbstständigkeit fördern und die Hürden für Unternehmensgründungen senken. Wir werben für innovatives Unternehmertum und tragen die Start-up-Mentalität in die Gesellschaft. Als Netzwerk verbinden wir Gründer, Start-ups und deren Freunde miteinander. Uns gibt es seit mittlerweile fünf Jahren. Von anfänglich ein paar dutzend Mitgliedern sind wir auf 750 Mitglieder angewachsen. Wir sind die einzige politische Vertretung der Start-ups in Deutschland.

Warum ist es so wichtig, junge Start-ups zu unterstützen?

Start-ups sind bereits heute echte Jobmotoren. In Berlin sind mehr Menschen in der Digitalwirtschaft beschäftigt als im industriellen Sektor. Wenn wir unsere Wirtschaft, unsere Konzerne und unseren Mittelstand digitalisieren und somit fit für das 21. Jahrhundert machen wollen, dann geht das nicht ohne die Start-ups. Sie sind dynamisch und flexibel genug, die Digitalisierung jeden Tag neu in ihr Geschäftsmodell zu integrieren. Die etablierte Wirtschaft muss sich für Start-ups öffnen, denn nur durch das Zusammenspiel von Start-ups und etablierter Wirtschaft können wir uns unseren Wohlstand auch in Zukunft sichern.

In keiner anderen deutschen Stadt werden so viele Start-ups gegründet wie in Berlin – woran liegt das?

Hier spielen mehrere Faktoren eine wichtige Rolle. Die Lebenshaltungskosten sind in Berlin immer noch geringer als etwa in München oder Hamburg. Sowohl Büromieten als auch die Mieten für Wohnraum sind längst nicht auf dem Niveau wie in diesen Städten, auch wenn die Berliner Mieten seit Jahren steigen. Zudem treten Start-ups hier nicht mit einer Vielzahl finanziell gut ausgestatteter Industriekonzerne auf dem Arbeitsmarkt in Konkurrenz wie beispielsweise in Bayern. Zum anderen ist Berlin sehr beliebt bei jungen Menschen aus der ganzen Welt. Das internationale Flair, das reichhaltige kulturelle Angebot und die Berliner Clubs wirken wie ein Magnet.

Kann Berlin es mit anderen Start-up-Städten wie London oder Amsterdam aufnehmen?

Auf jeden Fall! In Europa ist Deutschland, insbesondere Berlin, mittlerweile der bedeutendste Start-up-Standort. Berlin hat London, unter tätiger Mithilfe des Brexit, den Rang abgelaufen, wenn es um die zukünftigen Potenziale der Start-up-Wirtschaft geht.

Nach der Bundestagswahl 2017: Was wünscht sich der Bundesverband Deutsche Startups e.V. von der neuen Regierung?

Start-ups bewegen sich nicht im luftleeren Raum. Sie sind von einem regulatorischen Rahmen umgeben, der dringend angepasst werden muss.

Dazu zählen folgende Punkte:

  1. Mehr Gründer:

Deutschland hat in den vergangenen Jahrzehnten verlernt, ein Gründerland zu sein. SAP ist das einzige Unternehmen im DAX, dessen Gründer noch leben. Eine offene Einstellung zum Unternehmertum muss bei jungen Menschen schon durch Entrepreneurship Education in Schule und Hochschule sowie in der beruflichen Bildung gefördert werden.

  1. Mehr Vielfalt:

Gründer und Fachkräfte aus anderen Ländern bleiben und arbeiten in Deutschland, wenn sie hier willkommen geheißen werden. Eine Willkommenskultur, die den Fachkräften den Einstieg in das Leben und das neue Land erleichtert, ist unerlässlich. Dazu benötigen wir ein Einwanderungsgesetz! Ein gutes Einwanderungsgesetz ist mit einer Stellenanzeige vergleichbar: Wir sagen, wen wir suchen, was wir bieten und zu welchen Konditionen und Bedingungen wir die Stelle vergeben.

  1. Mehr Kapital:

Während mittlerweile ein gutes Angebot an Kapital in der Frühphase vorliegt, mangelt es deutschen Start-ups immer noch erheblich an Wachstumskapital. Um hier Abhilfe zu leisten, müssen sich institutionelle Anleger wie Versicherungen und Pensionskassen für Investitionen in Start-ups öffnen. Dazu müssen die gesetzlichen Restriktionen, die solche Investitionen verhindern, entsprechend liberalisiert werden.

Was erwartet uns bzw. die Start-up-Szene im Jahr 2018?

Um diese Frage zu beantworten lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit. Das Start-up-Ökosystem, die Technologien und die Branchen bewegen sich in Wellen. Das deutsche Start-up Ökosystem begann sich vor über 10 bis 15 Jahren mit E-Commerce zu entwickeln. Später folgten die Plattformen. Vor drei Jahren machte die FinTech-Technologie einen Sprung, woraufhin viele FinTechs gegründet worden sind. Die Branchen und Geschäftsmodelle entwickeln sich also parallel zu neuen Technologien. Momentan reden alle über Machine Learning, Artificial Intelligence oder Blockchain. Diese Technologien machen gerade riesige Fortschritte. Ich denke, dass wir in diesen Bereichen die meisten Neugründungen im Jahr 2018 sehen werden.

Ich hoffe, dass die neue Regierungskoalition das Thema Digitalisierung endlich anpackt. Dazu gehört, dass dieses Thema in einem eigenen Ministerium abgebildet wird. Wir brauchen ein eigenes Digitalministerium, welches einen Gestaltungsanspruch an die Digitalisierung unserer Gesellschaft und der Wirtschaft hat. Dieses Ministerium muss vom zukünftigen Kabinett die dafür nötigen Entscheidungskompetenzen auf legislativer und exekutiver Ebene zugesprochen bekommen. Der momentane digitalpolitische Flickenteppich, die Aufteilung zwischen Innen-, Justiz-, Wirtschafts- und Verkehrsministerium tut der deutschen digitalen Wirtschaft, allen voran den deutschen Start-ups, nicht gut. (cr)