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Wirtschaftswachstum: „Berlin ist international wettbewerbsfähig“

Im Gespräch mit Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Bündnis 90/Die Grünen) Die BERLINboxx sprach mit Wirtschaftssenatorin Ramona Pop über das anhaltende Wirtschaftswachstum Berlins, welche Bedeutung die Ansiedlung des Siemens Innovations-Campus für die Stadt hat und wie die Berliner Wirtschaft langfristig vom jetzigen Boom profitieren kann.

Frau Pop, Berlin hat sich im Wettbewerb um Siemens gegen internationale Standorte wie Singapur durchgesetzt. Was genau waren die Standortvorteile von Berlin?

Siemens wurde 1847 in Berlin gegründet – diese Berliner Erfolgsgeschichte werden wir nun zusammen weiterentwickeln. Gemeinsam mit dem Berliner Traditionsunternehmen wollen wir Zukunft gestalten. Berlin und Siemens sind starke und verlässliche Partner. Wir haben in den letzten Monaten erfolgreich die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass Siemens in den Wirtschaftsstandort Berlin investiert. Der Einsatz hat sich gelohnt: Wir haben uns gegen die internationale Konkurrenz durchgesetzt, Siemens wird 600 Millionen Euro in den Innovations-Campus investieren. Siemens findet hier in Berlin alles für die Zukunftsthemen Smart Infrastructures, Energie und Mobilität. Unsere Stadt ist mit der boomenden Digitalwirtschaft, den internationalen Talenten, unserer Forschungsdichte und der modernen Industrie der passende Standort für den Campus.

Was versprechen Sie sich von der Ansiedlung? Welche gesamtstädtische Bedeutung hat sie?

Auf dem Siemens Innovations-Campus werden Synergien durch das Zusammenwirken von Wissenschaft und Wirtschaft entstehen, die in bestimmten, für Siemens und Berlin wichtigen Innovationsfeldern und Schlüsseltechnologien zum Tragen kommen. Damit wird der Industriestandort gestärkt und gleichzeitig der Weg zur Smart City fortgesetzt. Der Innovations- Campus sichert nicht nur Arbeitsplätze, sondern schafft auch neue. Dieses zukunftsweisende Projekt ist bedeutend für Siemens, die Siemensstadt und ganz Berlin. Auch die Signalwirkung ist nicht zu unterschätzen: Dass Siemens sagt, wir bleiben und investieren in Deutschland und gehen nicht nach Asien oder die USA zeigt, dass Berlin international wettbewerbsfähig ist.

Berlin gilt als Start-up-Hauptstadt Europas. Städte wie Lissabon oder Warschau wollen zu ebendieser werden. Wie wollen Sie den Titel „verteidigen“?

Berlin hat weltweit eine enorme Strahlkraft als Digital- und Start-up-Metropole. Deutschlandweit liegt die Hauptstadt bei den Neugründungen auf dem Spitzenplatz. Zwei Drittel des Risikokapitals, das 2017 in Deutschland von Start-ups akquiriert werden konnte, landete bei Berliner Unternehmen – insgesamt drei Milliarden Euro. Wir setzen Impulse für Innovation und bringen Wissenschaft und Wirtschaft zusammen. Wir bieten beste Rahmenbedingungen, nach wie vor vergleichsweise geringe Lebenshaltungskosten, die Nähe zu europäischen Märkten und Fachkräfte in den schnell wachsenden Branchen Fintech, Gesundheit und der Digitalindustrie. Wir ruhen uns auf dieser positiven Entwicklung nicht aus, sondern arbeiten stetig weiter an vielen Projekten, um das erfolgreiche Ökosystem zu stärken.

Günstige Mieten, Freiräume und eine besondere Kultur haben Berlin früher ausgemacht. Die Stadt wird immer teurer, Gewerbeflächen sind Mangelware. Das schreckt Unternehmen/Start-ups mehr und mehr ab. Wird Berlin dem Wachstum noch gerecht? Welche Standortvorteile können in Zukunft überzeugen?

Um die Potenziale unseres dynamischen Wirtschaftswachstums weiterhin ausschöpfen und in weiteren Arbeitsplatzzuwachs umsetzen zu können, ist ein ausreichendes Flächenangebot für die Sicherung, Erweiterung und Neuansiedlung von Unternehmen wichtig. Bei aller Unterstützung für die Anstrengungen zur Schaffung neuen Wohnraums dürfen wir die Arbeitsplatzentwicklung nicht aus dem Blick verlieren. Arbeitsplätze können nur erhalten oder neu geschaffen werden, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Daher verfolgen wir eine engagierte Gewerbeflächenpolitik, der in Zeiten der wachsenden Stadt eine ständig steigende Bedeutung zukommt.

Wie wollen Sie die Umsetzung des „Masterplans Industrie“ vorantreiben?

Auch die Entscheidung von Siemens, in Berlin den Innovations-Campus zu entwickeln, bestätigt: Berlin hat sich als innovativer Industriestandort etabliert. Unsere Industrie ist sehr stark, wo industrielle Produktion und industrienahe Dienstleistungen verschmelzen, insbesondere an der Schnittstelle von Forschung und Digitalisierung. Mit dem Masterplan Industrie stärken wir diese neuen Industriebereiche, da sie zu einer nachhaltigen, ökologischen Modernisierung der Wirtschaft beitragen. Der Masterplan Industriestadt Berlin ist eine gemeinsam getragene Strategie des Senats, des Netzwerks Industriepolitik sowie der Partner aus Wirtschaft und Wissenschaft. Wir stellen über die neue Geschäftsstelle Masterplan Industrie ein zentrales Projektmanagement für den Masterplan insgesamt sicher.

Wie wollen Sie dafür sorgen, dass die Berliner Wirtschaft nicht nur jetzt boomt, sondern auch nachhaltiger wird und Berlin perspektivisch auch etwas vom jetzigen Boom hat?

Die Krisenjahre Berlins blieben nicht ohne Folgen für die Stadt. Und die Folgen sind immer noch spürbar. Aber wir holen nun Versäumtes nach und investieren in die Zukunft. Wir haben ein entschlossenes Investitionsprogramm für Berlin gestartet: für Schulen und Kitas, Krankenhäuser, ein Stadtwerk für die Energiewende; wir bauen den öffentlichen Nahverkehr aus und fördern die Fahrradinfrastruktur.

Und wir handeln vorsorglich: Zum Jahreswechsel werden wir die 3,7 Milliarden Euro Schulden aus den Jahren der Finanz- und Wirtschaftskrise getilgt haben. Wir halten also die Schuldenbremse bereits im laufenden Konjunkturzyklus ein. Das können andere Bundesländer nicht von sich behaupten. Wir haben Berlin gut vorbereitet auf schwächere Phasen, schließlich werden auch internationale Risiken größer. Wir haben hohe Investitionsmittel für die nächsten Jahre gesichert und können damit trotz Schuldenbremse Konjunkturimpulse setzen.

Geht der Aufwärtstrend auch 2019 so weiter? Welches Wirtschaftswachstum erwarten Sie?

Die Berliner Wirtschaft setzt ihren Wachstumskurs fort und schafft in einem überdurchschnittlichen Maße neue Arbeitsplätze. In der Hauptstadt behalten die Wachstumskräfte die Oberhand. Taktgeber ist der Branchenmix aus stark wachsenden Dienstleistungsbranchen und robustem Produzierenden Gewerbe. Ich rechne für das Jahr 2018 mit einem Wachstum von etwa 2,7 Prozent. Trotz internationaler Risiken erwarten wir für 2019 zurzeit 2,3 Prozent Wachstum. Damit liegen wir weiter über dem Bundesdurchschnitt. Jetzt gilt es, diesen Prozess zu verstetigen und die Weichen für eine mittel- und langfristig erfolgreiche Wirtschaftsentwicklung zu stellen. (cr)

„Immer noch sehr sexy, aber nicht mehr ganz so arm“

Im Gespräch mit Michael Müller, Regierender Bürgermeister von Berlin


Zum neuen Jahr sprach die BERLINboxx mit dem Regierenden Bürgermeister über Berlins Image, Erfolge und Herausforderungen der vergangenen zwei Jahre, die aktuelle angespannte Lage des Wohnungsmarktes sowie Berlins wirtschaftliche Entwicklung.

Herr Müller, es ist Halbzeit für die rot-rot-grüne Koalition in Berlin. Wie sieht Ihr Zwischenfazit aus? Was waren Erfolge? An welchen Punkten hakt es noch? Und was haben Sie sich für die zweite Halbzeit vorgenommen?

Ab Februar 2019 sind wir in der zweiten Hälfte der Legislaturperiode. Wir werden dann in einer Klausur die Schwerpunkte durchgehen und miteinander verabreden, wo wir auf dem begonnenen Weg weitergehen und wo es notwendig ist, nachzusteuern oder neue Initiativen zu ergreifen.

Unbestreitbar gibt es ja sichtbare Erfolge wie zum Beispiel die Ansiedlung von Siemens, verbunden mit einer Investition von 660 Millionen Euro oder unseren großartigen Erfolg bei der Exzellenzinitiative. Sieben von neun Clustern, die wir im Rennen hatten, sind aufgenommen worden. Das ist bundesweite Spitze. Und nicht zu vergessen ist auch, dass wir einen so großen Investitionshaushalt haben wie nie zuvor.

Berlin wächst, der Wirtschaftstrend ist positiv. Lange war Berlin „arm aber sexy“. Wie sollte der Slogan heute lauten?

Es ist schwierig, diese Stadt mit einem griffigen Slogan zu versehen. Berlin macht eine so grundlegende Entwicklung durch, dass das nicht mehr mit einem Einzeiler zu fassen ist. Wir entwickeln uns zu einem Wissenschafts- und Gesundheits-Hotspot, wir sind Start-up-Hauptstadt, wir wollen zeigen, wie Digitalisierung und Arbeit, also die 4. Industrielle Revolution gut funktioniert. Alles das ist Berlin und natürlich noch viel mehr. Schon be Berlin, die Dachmarke der Stadt, hat ja deutlich gemacht, dass man in Berlin seine Ideen verwirklichen kann und dass das alles zusammen die Hauptstadt ausmacht. Man könnte sagen: Immer noch sehr sexy, aber nicht mehr ganz so arm!

Stichwort Verdrängung: Wie kann verhindert werden, dass die Berliner Mischung zerstört und der „Otto-Normal-Berliner“ aus den innerstädtischen Kiezen verdrängt wird?

Wohnen ist eine Frage der sozialen Sicherheit. Deshalb wird der Senat weiterhin mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln, zum Beispiel der Mietpreisbremse oder dem Neubau durch städtische

Wohnungsbaugesellschaften, für genügend bezahlbaren Wohnraum in der Stadt sorgen. Natürlich möchte jeder Berliner und jede Berlinerin, auch die Neuberlinerinnen und Neuberliner am liebsten in unmittelbarer Nähe zu Alexanderplatz, Kudamm oder der Schlossstraße wohnen. Der Druck auf innerstädtische Quartiere ist deshalb enorm hoch. Wir setzen uns darum im Bundesrat unter anderem für eine Verschärfung der Mietgesetzgebung ein. So wollen wir zum Beispiel, dass die Modernisierungsumlage weiter auf höchstens sechs Prozent gesenkt wird. Auch bei Gewerbemieten macht Berlin Vorschläge im Bundesrat, die den Anstieg abmildern können.

Zusammen mit den Bezirken wollen wir den spekulativen Kauf von Häusern, Grundstücken oder Wohnungen möglichst unterbinden. Ich habe gesagt, wir kaufen jedes Grundstück oder Wohnhaus, das uns der Bund, der ja über einige Immobilien in Berlin verfügt, anbietet. Dazu stehe ich. Weiterhin möchten wir kommunale Baugrundstücke nur noch in Erbbaurecht an sozial orientierte Bauträger vergeben. Sollten Private die Bedingungen für sozialen Wohnungsbau erfüllen, können auch sie zum Zuge kommen.

Alles das soll dafür sorgen, dass Wohnen in Berlin bezahlbar bleibt. Es ist jedoch, wie in allen anderen großen Städten so, dass der Druck auf den Wohnungsmarkt trotz dieser Maßnahmen zunimmt, insbesondere dadurch, dass seit einigen Jahren und immer noch jedes Jahr mehr als 40.000 Menschen in diese Stadt ziehen.

Eine Randbebauung des Tempelhofer Feldes zur Schaffung von Wohnraum ist wieder im Gespräch. Die SPD hat sich jüngst dafür ausgesprochen. Wäre damit der Volksentscheid von 2014 gekippt? Viele haben sich gegen eine Bebauung ausgesprochen, da sie befürchteten, das Tempelhofer Feld werde zubetoniert. Sind die Ängste begründet? Und kann sich Berlin eine Freifläche wie diese überhaupt noch leisten, während die Stadt gleichzeitig unter steigenden Miet- und Kaufpreisen für Gewerbe-, Büro- und Wohnflächen ächzt?

Es gibt ein Gesetz, das klar definiert, was auf dem Tempelhofer Feld geht und was nicht. Aber eine Ewigkeitsgarantie für Gesetze gibt es auch nicht. Durch das Parlament oder einen Volksentscheid können Gesetze geändert werden. Ich gehe davon aus, dass mit dem Druck, der weiterhin im Wohnungsmarkt besteht, die Diskussion um eine mögliche Randbebauung am Tempelhofer Feld, genauso wie um die Elisabeth-Aue wieder beginnt. Ich denke, das wird zum Ende der Legislaturperiode oder in der nächsten der Fall sein. Wer sich mit der Wohnungssituation in der Stadt ernsthaft auseinandersetzt, muss alle Möglichkeiten prüfen können, ohne Denkverbote. Das sind wir den Berlinerinnen und Berlinern schuldig.

Die Digitalisierung schreitet unaufhörlich voran. Gleichzeitig wird etwa der Berliner Verwaltung vorgeworfen, sie sei noch zu analog. Wieso geht es an dieser Stelle nicht voran?

In der letzten Legislaturperiode ist hier nicht genug geschehen. Das war der Grund, warum wir im Dezember 2016 die Staatssekretärin für Informations- und Kommunikationstechnik ernannt haben. Seitdem geht es voran, aber es ist eben nicht so, dass von einem Tag auf den anderen jede Dienstleistung elektronisch verfügbar ist und wir in papierlosen Büros arbeiten. Alleine die unterschiedlichen Standards in den Behörden, vom Bürgeramt bis zur Senatskanzlei, stellen eine große Herausforderung dar. Der Anfang ist aber gemacht. Mit dem E-Government-Gesetz, das 2016 beschlossen wurde, haben wir das IT Dienstleistungszentrum Berlin (ITDZ) zum zentralen Betreuer aller IT-Systeme in den einzelnen Behörden gemacht. Das ITDZ hat momentan rund 700 Mitarbeiter. Für 2019 sind 140 neue Stellen dort bewilligt und in fünf Jahren werden es bis zu 1.200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sein.

Man muss aber auch wissen, der Arbeitsmarkt für IT-Fachleute ist sehr umkämpft. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu finden, ist eine Herausforderung. Insbesondere auch deshalb, weil Berlin nicht das einzige Bundesland ist, das die Digitalisierung vorantreiben will. Trotzdem herrscht hier kein Stillstand. Vieles bei der Umstellung zum E-Government spielt sich erstmal nicht sichtbar für die Bürgerinnen und Bürger ab. An einigen wenigen Stellen ist es aber schon konkret: Seit März 2018 haben wir das Servicekonto eingerichtet, für das sich jeder Bürger registrieren kann. Da geht es darum, alle Onlinedienstleistungen für alle Berlinerinnen und Berliner einheitlich und personalisiert verfügbar zu machen. Jetzt haben wir mit der Ausstellung der Anwohner-Parkvignette und der Beantragung des Kita-Gutscheins begonnen. Langfristig werden dies rund 100 Onlinedienstleistungen sein.

Wie kann es sein, dass Ansiedlungen wie die der Google-Stiftung in Kreuzberg durch Anwohner und Initiativen zunichte gemacht werden? Kann Berlin sich so etwas leisten und kann das abschreckend auf zukünftige Unternehmensplanungen wirken? Wie lässt sich die Weltoffenheit Berlins erhalten?

Am Ende ist es die Entscheidung des Unternehmens gewesen, den Campus dort nicht einzurichten. Gleich zu sagen, dass die Politik schuld ist, ist etwas zu einfach. Was Politik tun muss, ist die Bedingungen dafür zu schaffen, dass beides möglich ist: Erhalt der Kieze und gleichzeitig Offenheit für Neues. Ich war im letzten Jahr dort und habe mir das Konzept zeigen lassen, das aus meiner Sicht tragfähig und spannend war und gut zu Berlin, auch nach Kreuzberg, gepasst hätte. Insofern bedauere ich die Unternehmensentscheidung, glaube aber nicht, dass damit andere abgeschreckt werden, in die Stadt zu kommen und hier zu investieren. Die Zahlen sprechen dagegen. Die Wirtschaft wächst, die Arbeitslosigkeit schrumpft. Die seit vier Jahren anhaltende Phase der Hochkonjunktur erweist sich als stabil. Das wirtschaftliche Wachstum lag 2017 bei 3,1 Prozent. Für 2018 wird ein ähnlicher Wert prognostiziert. Berlin hat weiterhin von allen Bundesländern das höchste Beschäftigungswachstum. Insgesamt gab es im vergangenen Jahr gut 41.000 Neugründungen, rund 5 Prozent mehr als im Vorjahr. Das ist bundesweite Spitze. In Berlin werden fast so viele neue Digitalunternehmen gegründet wie in Hamburg und München zusammen. Seit vier Jahren entsteht im Schnitt alle 20 Stunden ein neues Digitalunternehmen. Und wir sind immer noch Start-up-Hauptstadt. (cr)

Berliner Investmentholding DWH AG erfolgreich an Wiener Börse

Die Wiener Börse hat im Januar ein neues Marktsegment eingerichtet, um Jungunternehmern den Zugang zu erleichtern. Von Anfang an dabei ist ein junger Unternehmer aus Berlin: René Pernull von der DWH AG.

„Die Arbeit beginnt jetzt!“, sagte Börsen-CEO Christoph Boschan am 21. Januar anlässlich des Launch-Events vor Journalisten. Mit dem Läuten der traditionellen Börsenglocke zu Beginn des Handelstages sind die neuen Segmente „direct market“ und „direct market plus“ an den Start gegangen. Kleine und mittlere Betriebe können seit Jahresbeginn 2019 von einem vereinfachten Börsenzugang profitieren. Boschan riet den Jungunternehmern, diese Chance aktiv zu nutzen: „Intensivieren Sie Ihre Kommunikation, intensivieren Sie Ihre Kontakte“, rief er ihnen zu. Der 1978 in Berlin geborene Boschan ist seit 2016 Börsenchef in Wien. Vorher war er unter anderem in den Vorständen der Börsen in Stuttgart und Prag tätig.

Was ist „Direct Market Plus“?

Eine Gesetzesnovelle Ende letzten Jahres hatte den Weg frei gemacht. Das österreichische Aktiengesetz erlaubt nun den Handel mit Inhaberaktien am sogenannten Dritten Markt. Der umfasst alle Aktien, die nicht auf dem EU-regulierten Markt gehandelt werden, sondern über ein multilaterales Handelssystem. Bereits seit 2007 hatte die Wiener Börse mit dem Segment „Mid Market“ eine vereinfachte Möglichkeit für den Börsengang kleiner und mittlerer Unternehmen angeboten. Daraus gingen nun zwei neue Segmente hervor: „direct market“ und „direct market plus“.

Um eine Zulassung zum „direct market“ zu erhalten, muss eine Aktiengesellschaft bereits einen gewissen Streubesitz vorweisen können. Für Unternehmen mit einer besonders guten Performance steht der „direct market plus“ zur Verfügung. Voraussetzung dafür ist die Erfüllung verschiedener Transparenz- und Publizitätsauflagen. Dazu gehören unter anderem ein veröffentlichter Jahresabschluss sowie ein Halbjahresbericht und ein Unternehmenskalender im Internet. Nach seiner Zulassung wird das Unternehmen durch einen „Capital Market Coach“ bei der weiteren Entwicklung begleitet. Das kann zum Beispiel eine Bank sein. Aktuell sind acht Unternehmen am „direct market plus“ registriert und 24 am „direct market“.

DWH AG: erfolgreich in Wien

„Vor allem für junge Unternehmen sind diese neuen Segmente eine großartige Option“, sagt René Pernull von der Deutsche Werte Holding AG (DWH AG) aus Berlin. Sein Unternehmen investiert in Immobilien und Unternehmensbeteiligungen. Es gäbe „weniger Regularien“ als zum Beispiel an der Frankfurter Börse. Dennoch sei der Börsengang auch auf diesem Weg kein Kinderspiel gewesen, betont das Vorstandsmitglied. Allerdings hat das Unternehmen bereits Erfahrung sammeln können mit der Einhaltung erhöhter Anforderungen an Transparenz und Qualität. Bereits seit Dezember 2017 ist die DWH AG am dritten Markt der Wiener Börse registriert, seit April 2018 war sie mit großem Erfolg im Marktsegment „mid market“ der Wiener Börse aktiv.

Ein entscheidender Vorteil gegenüber anderen Börsen sei das besonders ausgewogene Preis-Leistungs-Verhältnis, sagt Pernull. Außerdem könnten junge Unternehmen von dem „ausgezeichneten Marketing“ der Wiener Börse profitieren und ihre Sichtbarkeit erhöhen. Der Unternehmer lobt auch die Unterstützung durch die Experten des „direct network“. Die leisteten unter anderem kompetente Hilfestellung beim Listing und bei der Erstellung adhoc-pflichtiger Meldungen an Aktionäre. Nicht zuletzt die „beinahe familiäre Atmosphäre“ an der einzigen Wertpapierbörse Österreichs sei eine angenehme Erfahrung, so Pernull.

Die Wiener Börse besteht bereits seit 1771 und gehört zu den ältesten Wertpapierbörsen der Welt. Heute gilt sie als führendes Portal für Investitionen in Mittel- und Osteuropa und belegt den elften Platz im europäischen Vergleich. 2018 stieg der Handelsumsatz insgesamt auf etwa 70 Milliarden Euro; das entspricht einem Zuwachs von vier Milliarden Euro im Vergleich zum Vorjahr. (red)

Nach Germania-Pleite – mehr Schutz für Reisende gefordert

Rund 60.000 Passagiere, die in den kommenden zwei Wochen mit der Berliner Fluggesellschaft Germania fliegen wollten, sind von der Insolvenz betroffen. Nun werden die Stimmen lauter, betroffene Passagiere besser zu schützen.

Germania-Pleite: Keine Entschädigung für Individualreisende

In der Nacht von Montag auf Dienstag verkündete die Berliner Fluggesellschaft Germania, dass die zentralen Teilgesellschaften Germania Fluggesellschaft mbH, Germania Technik Brandenburg GmbH und Germania Flugdienste GmbH einen Insolvenzantrag beim Amtsgericht Berlin-Charlottenburg eingereicht hätten. In der gleichen Nacht wurde der Flugbetrieb eingestellt. Der Berliner Anwalt Rüdiger Wienberg hat vorläufig die Aufgabe des Insolvenzverwalters übernommen.

Von den insgesamt 18 gestrichenen Flügen sind vor allem Reisende klassischer Fernziele wie die Kanaren, die Türkei oder Ägypten. Individualbucher, die nicht über einen Reiseveranstalter ihren Flug gebucht haben, bleiben auf den Kosten für den ausgefallenen Flug nach der Germania-Pleite sitzen. Sie müssen sich selbst eine Alternative organisieren.

Forderung nach Insolvenzabsicherung bei Fluggesellschaften

Germania ist nun schon die dritte Berliner Fluggesellschaft, die ihren Flugbetrieb einstellen muss. Nachdem bereits Ende Oktober 2017 Air Berlin, damals die zweitgrößte Fluggesellschaft in Deutschland, ihren Flugbetrieb einstellen musste, traf es ein Jahr später die Charterfluggesellschaft Small Planet Airlines. Nun fordert Hans-Ingo Biehl, Hauptgeschäftsführer des Verbands Deutsches Reisemanagement (VDR), die Verbraucherrechte von Individualreisenden besser zu schützen.

Zuvor hatten sich das Bundesjustizministerium und die SPD bereits für bessere Fluggastrechte ausgesprochen. Bei der Forderung geht es um eine europaweite Lösung, ähnlich der EU-Pauschalreiserichtlinie. Die Rechte von Flugpassagieren bei Airline-Insolvenzen sollen gestärkt werden. „Wenn Verbraucher schon den vollen Flugpreis gezahlt haben, müssen sie die Garantie haben, auch fliegen zu können“, fordert der rechtspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Johannes Fechner, gegenüber dem Handelsblatt. (aw)

Berlinale 2019 – wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Hauptstadt

Die 69. Berlinale bringt Berlin 2019 100 Mio. Euro zusätzliche Wirtschaftsleistung ein. Hotels, Restaurants, lokale Geschäfte – sie alle profitieren von dem Film-Festival.

Film-Festival hat beachtlichen Effekt auf Berliner Wirtschaft

Die Berlinale, die 2019 zum 69. Mal in der Hauptstadt stattfindet, gehört neben denen in Cannes, Locarno und Venedig zu den wichtigsten europäischen Filmfestspielen mit internationalem Wettbewerb. Zusätzlichen zu ihrer kulturellen Bedeutung ist die Veranstaltung auch ein wichtiger Faktor für das Berliner Bruttoinlandsprodukt. Für dieses Jahr werden 100. Millionen Euro Wirtschaftsleistung wirksam, so die Berechnungen der Investitionsbank Berlin (IBB). Hotels, Restaurants, Kultur und Transportmittel profitieren besonders von der Berlinale.

Berlinale 2019 bringt Berlin 100. Mio. Euro Wirtschaftsleistung

Für die 69. Berlinale rechnet die Investitionsbank Berlin mit Konsumimpulsen von 80 Millionen Euro. und circa 20 Millionen Euro in Form von Nachlaufeffekten. Für ihre Berechnung haben die Volkswirte der IBB Hotelkosten, Restaurantbesuche, Kultur, Transportmittel, Eintrittskarten sowie nachgelagerte multiplikative Ausgabeneffekte berücksichtigt.

Faktoren der wirtschaftlichen Wirkung der Berlinale 2019

Die Berlinale lockt jedes Jahr viele Filmbegeisterte in die Hauptstadt. Gut 36 Prozent der Besucher kommen aus dem restlichen Teil Deutschlands oder dem Ausland. Hinzu kommen in diesem Jahr rund 18.500 akkreditierte Fachbesucher und 3.700 Journalisten. Gerade in der, aufgrund der Kälte, touristisch eher schwachen Jahreszeit ist die Berlinale daher für viele Hotels und Restaurants ein wichtiges Ereignis. Zudem besuchen viele Festivalbesucher auch die um den Potsdamer Platz gelegenen Geschäfte sowie Shopping Malls und kurbeln damit den Einzelhandel an.

Auch ein Großteil des 26 Millionen Euro großen Berlinale-Etats sowie weitere Sponsoringleistungen bleiben in der Region. Aus diesem Budget werden Kinomieten, Synchronisationsstudios, Film- und Fernsehproduktionsfirmen, Fotostudios, Werbeagenturen, Eventveranstalter, Sicherheitskräfte und Berlinale-Mitarbeiter bezahlt.

Darüber hinaus ist die in das Festival integrierte neuntägige Filmmesse „European Film Market Berlin“ eine wichtige Geschäftsveranstaltung für die internationale Filmbranche. (aw)

Russischer Discounter erobert den deutschen Markt

Russischer Discounter Torgservis aus Sibirien möchte in Berlin, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern 100 Märkte eröffnen. Von Marzahn aus startet der Handelskonzern die Eroberung des deutschen Marktes und stellt sich somit hiesigen Konkurrenten wie Lidl oder Aldi.

Russischer Discounter Torgservis – „Jeden Tag nur Tiefstpreise“

Für ihren deutschen Firmensitz hat der Handelskonzern die sechste Etage eines Plattenbaus im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf gewählt. Von dort aus soll nun der deutsche Markt von der deutschen Tochterfirma TS Markt GmbH erobert werden. Die Discounter-Kette, die 2009 gegründet wurde, hat bereits rund 800 Lebensmittelgeschäfte in Russland, Rumänien und China. Ihr Jahresumsatz betrug zuletzt ca. 1,3 Milliarden Euro.

Am Dienstag eröffnet die erste Filiale unter dem Namen „Mere“ in Leipzig – in einer ehemaligen Aldi-Filiale. Für Zwickau ist das Unternehmen bereits auf der Suche nach einem Filialleiter. In Berlin sucht der Discounter noch nach geeigneten Objekten. Vermutlich wird es jedoch in diesem Jahr keine Filiale mehr in der Hauptstadt geben.

Einfaches Konzept – niedrige Preise, reduziertes Design

Bei ihrem Marktkonzept setzt das Unternehmen auf Schlichtheit. Die Ausstattung der Geschäfte besteht lediglich aus Schwerlastregalen, Gitterboxen und Wühltischen auf hellen Fließen beschienen von Neonlicht. Die TS Markt GmbH möchte gute Waren für wenig Geld bieten und verzichtet dabei auf alles schmucke Beiwerk. Statt in Regalen werden die Lebensmittel auf Paletten angeboten. Kühltruhen, Kassen, Regale und Einkaufwaren sucht der Berliner Ableger des russischen Konzerns gebraucht. Knapp 70 Prozent des Sortiments sind Lebensmittel. Der Rest sind Tierbedarf, Haushaltswaren, Drogerieartikel und Bekleidung.

Russischer Discounter trifft auf starke Konkurrenten

Doch es wird für den sibirischen Discounter nicht leicht werden, in Deutschland Fuß zu fassen. Aldi, Lidl und Co. sind starke Gegner, die über eine sehr gute Marktkenntnis verfügen. Discounter bestreiten fast die Hälfte des gesamten Lebensmittelgeschäfts in Deutschland. Zudem verabschieden sich die Marktführer des Lebensmittdiscountersegments Aldi und Lidl zunehmen von den Billig-Ambiente und setzen auf eine Aufenthaltsqualität. Denn auch sie stehen in Konkurrenzkampf ‒ und zwar mit Edeka und Rewe. (aw)

Studie: Mietkosten verstärken soziale Ungleichheit

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) und Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) bezeichneten die Wohnungsnot in deutschen Städten bereits als die „große soziale Frage unserer Zeit“. Nun ist dies durch eine wissenschaftliche Studie der Berliner Humboldt-Universität in Kooperation mit dem University College in London bestätigt worden.

Die Studie zeigt, dass die Schere zwischen Arm und Reich durch die steigenden Miet- und Wohnkosten in Deutschland immer weiter auseinander geht. Die Forscher haben die Einkommens- und Verbraucherstichprobe der Amtlichen Statistik zwischen 1993 und 2013 beobachtet und Daten von insgesamt mehr als 100.000 Menschen ausgewertet.

Geringverdiener müssen demzufolge im Verhältnis zu ihrem Einkommen immer mehr für eine Wohnung bezahlen. Die Kosten für Mieten und Wohnen bei Personen mit den höchsten Einkommen sind jedoch gesunken. Mussten diese vor 25 Jahren für Wohnraum noch 16 Prozent des Einkommens abgeben, waren es 2013 nur noch 14 Prozent. Bei den Menschen mit den geringsten Einkommen, stiegen die prozentualen Wohnkosten hingegen von 27 auf 39 Prozent.

Studie zeigt: Einkommen ärmerer Menschen prozentual stärker gesunken

„Der überproportionale Anstieg der Wohnkosten verschärft die Ungleichheit in Deutschland. Die Schere geht an zwei Seiten auseinander“, so Bernd Fitzenberger, Mitautor und Leiter des Ökonometrie-Instituts an der Humboldt-Universität. Er verweist auf die wachsende Lohnungleichheit, denn der Studie zufolge sanken die Reallöhne für die untersten 20 Prozent der Einkommen in dem Untersuchungszeitraum um acht Prozent. Bei mittleren Einkommen entwickelten sich die Reallöhne zwischen 1993 und 2013 leicht positiv. Bei Personen mit den höchsten Einkommen stiegen die Reallöhne am stärksten um durchschnittlich sieben Prozent.

Besitzen oder erwerben Gutverdiener Immobilien, müssen sie im Vergleich zu den 90er Jahren relativ gesehen weniger dafür bezahlen. Die Forscher begründen das mit niedrigen Erwerbs-, Bestands- und Zinskosten. „Die niedrigeren Bestandskosten wurden aber nicht an die Mieter weitergegeben“, sagte Fitzenberger. Gutverdiener hätten so in den vergangenen Jahren Vermögen anhäufen können, während sich die Vermögensbildung bei Geringverdienern – vor allem bei den Jüngeren – verringert habe. Fitzenberger erwartet, „dass die steigende Ungleichheit in der Ersparnisbildung zu höherer Vermögensungleichheit in der Zukunft führt“.

Kosten bei Neuvermietung steigen stark – nicht nur in den Metropolen

Separate Zahlen für Berlin wurden nicht erhoben, allerdings wurde beobachtet, dass überdurchschnittlich viele Geringverdiener in die Großstädte ziehen. Das verstärkt den Druck auf den Wohnmarkt, vor allem bei Single-Haushalten. Durch die rasante Zunahme der Bevölkerung in der Hauptstadt stiegen die Preise bei Neuvermietungen stiegen die Preise zuletzt sehr stark. Berlin ist in diesem Zusammenhang weltweiter Spitzenreiter mit Zunahmen der Mietpreise zwischen 2016 und 2017 um 20,5 Prozent.

Dabei sind vor allem Großstädte wie Berlin betroffen, aber auch im sogenannten „Speckgürtel“ oder in Klein- und Mittelstädten sind die Preise deutlich gestiegen. Lediglich für Luxuswohnungen aus den teuersten Preissegmenten sind die Preise weniger gestiegen.

Eine weitere Folge der Wohnungsnot ist, dass sich die Zahl der Wohnungslosen in Berlin in den letzten drei Jahren mehr als verdoppelt hat. Aktuell sind 37.000 Menschen in Not- und Gemeinschaftsunterkünften untergebracht. Hinzu kommen rund 13.000 Menschen, die bei Freunden und Verwandten wohnen. Experten befürchteten, dass diese Zahlen in den nächsten Jahren weiter ansteigen werden. (red)

Land und Bezirke lassen 221 Millionen für Bau-Investitionen liegen

„Bauen, bauen, bauen“ – ist derzeit das Mantra der Berliner Politik und Wirtschaft. Alle Bereiche des Berliner Lebens werden von der Wohnungsnot und dem Sanierungsstau betroffen. Dennoch bleiben in diesem Jahr voraussichtlich 221 Millionen Euro für Bau-Investitionen des Landes ungenutzt. Wie passt das zusammen?

Laut Angaben des aktuellen Berichtes der Finanzverwaltung ist das Land Berlin hier der Übeltäter. Es nutzt in diesem Jahr voraussichtlich 163 Millionen Euro – angesetzt waren Ausgaben für Investitionen in Höhe von 377 Millionen Euro. Bei den Bezirken ist die Lücke weniger dramatisch: Sie nutzten von veranschlagten 168 Millionen immerhin 110 Millionen. Die finanziellen Mittel sind für Bau-Investitionen, beispielsweise die Instandsetzung von Schulen, Straßen und Brücken, vorgesehen.

Investitionen kommen aus mehreren Töpfen

Es gibt mehrere Gründe, die die Diskrepanz zwischen verfügbaren Mitteln und Realisierung ebendieser erklären. Viele größere Projekte werden so nicht nur aus einem Topf finanziert. Zum Beispiel soll der Fonds für Sondervermögen Infrastruktur der Wachsenden Stadt und Nachhaltigkeit (Siwana) Sanierungsprojekte und infrastrukturelle Neubauten finanzieren. Für diesen Zweck ist seit 2014 eine gigantische Summe in den Fonds geflossen – etwa 2,75 Milliarden Euro. Doch auch dieser Fonds ist von einer vollen Ausschöpfung der Mittel weit entfernt. Bis Ende 2017 investierte das Land nur 393 Millionen Euro.

Zwischen dem Geld, was zur Verfügung steht, und den tatsächlichen Investitionen tut sich auch in diesem Jahr eine Lücke auf: Obwohl 350 Millionen Euro im Siwana-Topf zur Verfügung stehen, nutzte das Land bisher nur 61 Millionen. Damit zerfällt das Argument, Investitionen werden bereits genügend durch andere Fonds finanziert. Am aktuellen Beispiel der Berliner Schulen zeigt sich, dass das Argument nicht stichhaltig ist – der Sanierungsstau ist hier förmlich spürbar.

Bauunternehmen sind voll ausgelastet

Eine weitere Rechtfertigung ist die momentane Hochkonjunktur in der Bauwirtschaft. Unternehmen investieren, überall in Berlin sind Projektentwickler am Werk. Durch die Flut an Aufträgen müssen viele Firmen Aufträge ablehnen oder sie bewerben sich nicht auf Ausschreibungen des Landes. Sollten sie sich doch bewerben, liegt die geforderte Summe häufig deutlich über den amtlich errechneten Baukosten – laut Tagesspiegel durchschnittlich um 30%. In solchen Fällen schreibt das Land neu aus, was unnötig Zeit kostet.

Vor allem werden Verzögerungen dramatisch, da der Winter naht. „Baufortschritte im Winter sind häufig nicht sehr groß“, erklärte Finanzsenator Andreas Kollatz (SPD). Dadurch können sich Projekte über lange Zeiträume ziehen und so das sowieso schon knappe Personal in Beschlag nehmen. Denn der Fachkräftemangel ist ein weiterer Verzögerungsfaktor bei Bauprojekten. Nicht nur auf dem Bau selbst fehlt es an Personal – auch in den Behörden ziehen sich die Genehmigungsvorgänge in die Länge. Umplanungen werden durch viele Auflagen des Landes erforderlich und verzögern den Bau erheblich. Am Ende kommen all diese Faktoren zusammen. So wurde beispielsweise von 300 Investitionsprojekten der Siwana-Liste der letzten drei Jahre nur jedes Vierte vollendet. Das Problem ist klar ersichtlich und es fordert Maßnahmen an vielen verschiedenen Stellen: so müssen Verfahren beschleunigt, Gelder investiert und das Personal aufgestockt werden. (ke)

Senatorin Breitenbach: Neuregelung zu Mietzuschüssen wirkt

Seit dem 1. Januar 2018 gibt es im Land Berlin eine Neuregelung zu den Kosten für Unterkunft und Heizung, die von den Jobcentern und den Sozialämtern für die Leistungsberechtigten nach dem SGB II, SGB XII (Sozialhilfe) und Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG) übernommen werden. Neben der Anhebung der Richtwerte und Wohnflächen wurde eine ganze Reihe von weiteren wichtigen Änderungen in die Ausführungsvorschrift Wohnen (AV-Wohnen) aufgenommen. Dies sind vor allem die Ausweitung der Härtefalltatbestände und die Einführung eines Umzugsvermeidungszuschlags.

Das Ziel: Leistungsbeziehende sollen in ihren Wohnungen bleiben können

Die Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales Elke Breitenbach bilanziert nach einem halben Jahr: „Wir haben realistischere Werte bei der Übernahme der Mietkosten zur Grundlage der neuen AV-Wohnen genommen. Angesichts des galoppierenden Mietenmarkts wollten wir dafür sorgen, dass auch Leistungsbeziehende in ihren Wohnungen bleiben und eine Wohnung anmieten können. Dies ist eine elementare Voraussetzung für die Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung.“

Laut Breitenbach habe man neben der Erhöhung der Richtwerte auch diverse Verbesserungen in die Neuregelung aufgenommen. So werden zum ersten Mal auch mittlere Wohnlagen und alle Wohnungsgrößen in die Berechnung der Richtwerte einbezogen. Fast 50.000 Bedarfsgemeinschaften mehr liegen jetzt innerhalb der Richtwerte. Die Wohnsituation von Familien mit Kindern, vor allem auch die von Alleinerziehenden, hat sich demnach verbessert. Deutlich mehr Alleinerziehende übernommen ihre Mietkosten selber. Darüber hinaus konnte die Zahl der Umzüge halbiert werden. Der Senatorin ist es wichtig, „dass die Menschen in ihrem angestammten Wohnumfeld bleiben können. Unserem Ziel, den sozialen Zusammenhalt in dieser Stadt zu stärken, sind wir mit der neuen AV-Wohnen einen wichtigen Schritt näher gekommen. Die Neureglung wirkt!“

Über 50.000 Bedarfsgemeinschaften profitieren von der Neuregelung

Im letzten Jahr lag nur knapp weniger als die Hälfte der Mieten von SGB II-Leistungsberechtigten innerhalb der Richtwerte. Nunmehr sind es über 68 %. Das heißt, dass fast 50.000 Bedarfsgemeinschaften von dieser Regelung profitieren. Das Jobcenter übernimmt nun vollständig ihre Mietkosten. Bei Bedarfsgemeinschaften ab 4 Personen ist diese Zahl sogar noch Höher: 71 % bis 80 % der Mieten bewegen sich nun innerhalb der Richtwerte. Doch auch diejenigen, die oberhalb der anvisierten Miete liegen (ca. 31%), profitieren von den neuen Härtefall- und Sondertatbeständen. Ebenso die Alleinerziehenden: bei ihnen hat sich die Zahl der Fälle, bei denen die Mieten innerhalb der favorisierten Werte liegen, verdreifacht, von 3.750 auf 13.500 Fälle. Eine weitere Neuerung ist, dass der Wert um 10% überschritten werden kann, sollte eine Modernisierung vorliegen oder ein naher Angehöriger pflegebedürftig sein.

Im ersten Halbjahr 2018 wurde über 10.300 Mal kein Kostensenkungsverfahren eingeleitet, obwohl die Miete über dem Richtwert lag. Kostensenkung heißt, dass nur sechs Monate lang die tatsächliche Miete anerkannt wird und danach auf den Richtwert gedeckelt wird („Stoppmiete“). Die Zahl der Senkungsverfahren konnte durch den neu eingeführten Umzugsvermeidungszuschlag reduziert werden. Dieser beinhaltet, dass keine Kostensenkung durchgeführt wird, sollten die prognostizierten Kosten eines Umzugs höher sind als die jetzige Miete. Im 1. Halbjahr 2018 betraf diese Neuregelung fast 7.200 Fälle. Dadurch konnten sie ihn ihrem gewohnten Wohnumfeld bleiben. Ihre vollständige Miete wird weiterhin übernommen. Dies war aufgrund der neuen Härtefallregelungen möglich oder weil ein Umzug nicht wirtschaftlich wäre.

Weitere Neuerungen bei den Mietzuschüssen

Fest verankert in die AV-Wohnen ist jetzt auch ein Neuanmietungszuschlag. Der liegt bis zu 20 % über dem Richtwert. 1.300 Mal wurde im 1. Halbjahr 2018 von dem neuen Zuschlag Gebrauch gemacht. Er gilt u. a. für Frauen und Kinder, die vor Gewalt geflohen und in Frauenhäusern untergebracht sind und für Geflüchtete, die noch in Unterkünften wohnen. Die Anzahl der Kostensenkungsverfahren ist deutlich gesunken, um 40% oder 1.500 Fälle. Aufgrund der zuvor genannten Verfahren ist die Zahl der Umzüge im Vergleich zum Vergleichszeitraum des Vorjahres von 249 auf 129, sprich 48%, gesunken. (red)

Bargeld adé: Bezahldienst Google Pay startet in Deutschland

Mit dem Deutschlandstart der Google Pay App wird nicht nur das Bargeld überflüssig, sondern auch die Geldkarte. Der Bezahldienst für Android-Betriebssysteme des Internetriesen Google ermöglicht kontaktloses Bezahlen mit dem Smartphone. Die Kreditkarte der eigenen Bank muss dazu mit Google Pay verbunden werden, der Rest wird automatisch übertragen. Mit der App kann ein Online-Kauf schneller abgeschlossen, aber auch in stationären Geschäften bezahlt werden. Google überträgt Rechnungs- und Lieferdaten automatisch, ist dabei jedoch lediglich die Schnittstelle zwischen Bank und Händler.

Die Deutschen, die beim Bezahlen bislang eher noch aufs traditionelle Bargeld oder die Geldkarte setzen, zeigen sich skeptisch. In eigener Sache ermittelte Google, dass hierzulande noch 51 Prozent der Zahlungen bar bezahlt werden, nur 46,6 Prozent mit Karte. Bis zu 120 schweißtreibende Klicks waren bisher für den Abschluss eines Online-Kaufs nötig. Mit Google Pay sind es nur noch drei.

Bezahldienst mit simpler Nutzung

Die drei Voraussetzungen für die Nutzung von Google Pay sind ebenso simpel wie offensichtlich. Für die Nutzung von Google Pay muss ein Android-Smartphone mindestens der Generation 5.0 verwendet werden. Der Kunde benötigt eine Kreditkarte und die Bank muss das neue Angebot von Google unterstützen. Mit an Bord sind bisher die Commerzbank, ihr Ableger Comdirect, N26 und der Bezahldienst Boon. Auch die Kreditkartenriesen Visa und Mastercard kooperieren. 90 Prozent ihrer kompatiblen Lesegeräte unterstützen bereits kontaktloses Bezahlen, bis 2020 sollen alle umgerüstet werden.

Google-Manager Spencer Spinnell beruhigt die Fans zudem: Man stünde erst am Anfang und lade generell alle Banken ein, sich anzuschließen. Für Online-Käufe kann der Dienst auch von Kunden anderer Banken genutzt werden. Der Trend geht nicht nur bei anderen Smartphone-Herstellern wie Apple und Samsung, die ein ähnliches Produkt längst auf den Markt brachten, in die Richtung. Auch Banken ziehen stetig nach.

Google Pay ist sicherer als Kreditkarte

Für Google ist Deutschland weltweit das 19. Land, in dem ihre Bezahl-App an den Start geht. Gebühren verlangt der sonst als Datenkrake bekannte Konzern weder von teilnehmenden Banken noch für den Download der App. Ziel ist es lediglich mit dem Angebot des Bezahldienstes zum Kauf eines Android-Smartphones zu bewegen. Auch werden die Daten des Nutzers nicht an Dritte weitergegeben, beteuert Google.

 

Ziel ist es mit dem Angebot des Bezahldienstes zum Kauf eines Android-Smartphones zu bewegen. | Foto: Google

Ziel ist es mit dem Angebot des Bezahldienstes zum Kauf eines Android-Smartphones zu bewegen. | Foto: Google

 

Da die Kreditkartennummer beim Kauf mit Google Pay weder auf der Karte, noch dem Display oder dem Kassenbon zu sehen ist, sei die Transaktion sogar sicherer. Um zu vermeiden, dass die Daten an die Händler gelangen, verwendet Google bei jedem Kauf eine Erkennungsmarke. Diese wird bei jeder Zahlung erneut individuell verschlüsselt, sodass sie für keine weitere Zahlung verwendet werden kann. Für Zahlungen bis 25 Euro muss das Handy jedoch nicht mal entsperrt werden. Ein kurzes Aufwecken des Displays genügt. Ab Beträgen von 25 Euro aufwärts muss die Zahlungen mit PIN-Code oder Fingerabdruck autorisiert werden.

Apple muss aufholen

Das kontaktlose Bezahlen per Smartphone galt lange als misstrauisch beäugte Zukunftsvision. Umso erstaunlicher sind die bisherigen Kooperationen des Nischengeschäfts. Die Apps von Deliveroo, Ryanair und Flixbus verfügen bereits über eine Google-Pay-Funktion. Bekannte Kollegen wie HelloFresh, Mytaxi und sogar die App der BVG möchten nachziehen. Um mal schnell Milch zu holen reicht das Smartphone auch schon bei Lidl, Aldi-Süd und Kaufland aus. Den Fernseher gibt’s per Google Pay bei Media Markt oder Saturn – aber bitte mit Autorisierung!

 

Mit dem Start in Deutschland verschaffte sich Google einen Vorsprung gegenüber Apple. | Foto: Google

 

Mit dem Start in Deutschland verschaffte sich Google einen Vorsprung gegenüber Apple. Deren Produkt Apple Pay kam schon vor Google 2014 auf den Markt. Über eine Ankunft des Apple-Dienstes in Deutschland wird bislang nur spekuliert. 2018 könnte es laut Experten passieren, der Start könnte sich aber auch weiter verzögern. Ein Grund könnte der Anteil von 0,15 Prozent sein, den Apple bei jeder Transaktion abzweigen möchte, wie die Berliner Zeitung berichtete. (cn)

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Finanzwissen und das Verstehen von kaufmännischen Zusammenhängen gewinnen zunehmend an Bedeutung – nicht nur innerhalb der Finanzabteilungen, sondern auch in Bereichen wie Einkauf, Produktion und Vertrieb. Fundierte Finanzkenntnisse erhöhen die Akzeptanz im Management, gegenüber Gesellschaftern, bei Kapital- und Kreditgebern, gegenüber internen wie externen Ansprechpartnern. Finanzwissen bedeutet Wettbewerbsvorteil – für Sie persönlich und für Ihr Unternehmen.

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Auf dem Börsentag Berlin können sich Privatanleger und am Aktienhandel interessierte Besucher sich einen Überblick über Finanzanlagen und das aktuelle Börsengeschehen verschaffen. Rund 3.000 Besucher und etwa 70 Aussteller aus der Bank-, Investment- und Finanzbranche werden in Berlin erwartet. Wer sich für die Themen Börse, Geldanlage und Altersvorsorge interessiert, kann sich von den teilnehmenden Unternehmen über Anlageformen und Strategien beraten lassen.

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Gute und erfolgreiche Finanzkommunikation ist einer der Treiber, um den Wert eines Unternehmens nachhaltig zu erhöhen. Dies gilt sowohl für Finanzinstitute und Finanzdienstleister wie auch für Unternehmen anderer Branchen, die – beispielsweise aufgrund einer Börsennotiz – mit der Financial Community im Dialog stehen.

Als Teil der generellen Unternehmenskommunikation hat die Finanzkommunikation dennoch ihre eigenen Gesetze; aufgrund rechtlicher Publizitätspflichten, besonderer Anforderungen und Interessen der Zielgruppen und nicht zuletzt wegen der komplexen Inhalte. Wer in der Finanzkommunikation erfolgreich sein will, muss damit vertraut sein und die Player, Kennzahlen und Kommunikationsinstrumente kennen und adäquat nutzen. Zunehmend diskutiert wird aktuell die Einbindung von Social Media in die Finanzkommunikation.

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Als Geschäftsführer müssen Sie die finanzielle Situation Ihrer GmbH jederzeit im Blick haben und die entsprechenden Instrumente des Finanzmanagements kennen, um das Unternehmen für die Zukunft strategisch richtig aufzustellen. Erfahrene Referenten wissen aufgrund ihrer täglichen Beratungspraxis genau, worauf es als Geschäftsführer in finanzwirtschaftlicher Sicht ankommt.

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