Beiträge

Bedroht Gentrifizierung den Denkmalschutz?

Kreuzberg, Neukölln, Prenzlauer Berg – in der Hauptstadt wird fleißig modernisiert. Anreiz bieten dabei nicht nur die Einsparungen durch energetische Sanierungen, sondern auch die Umgehung der Mietpreisbremse durch Modernisierungsmaßnahmen. Zudem sollen die ehemals von finanzschwachen Demografien bevölkerten Bezirke auf diese Weise attraktiver für einkommensstärkere und anspruchsvollere Mieter werden.

Besonders betroffen sind dabei zentral liegende Bezirke, die von Wohnungssuchenden bevorzugt werden. Genau im Zentrum der Hauptstadt befinden sich jedoch häufig Altbauten, darunter nicht wenige denkmalgeschützte Bauten. Die werden nun immer öfter saniert – trotz strenger Auflagen.

Denkmalschutz und Renovierung schließen sich nicht aus

Ob ein Gebäude unter Denkmalschutz gestellt wird, entscheidet die zuständige Behörde des Bundeslands. Qualifiziert für den besonderen Schutzstatus sind Objekte, an deren Erhaltung aus wissenschaftlichen, künstlerischen oder heimatgeschichtlichen Gründen ein öffentliches Interesse besteht. Sobald ein Gebäude als in dieser Weise erhaltenswert definiert wird, bedürfen selbst kleinste bauliche Arbeiten die Genehmigung der Denkmalschutzbehörde. Umbauten sind anspruchsvoller als Renovierungsmaßnahmen bei nicht geschützten Immobilien.

„Besonders delikate Stuckarbeiten sollen gern erhalten werden, stellen bei Renovierungsarbeiten oft aber eine besondere Herausforderung dar und können nicht von Laien erledigt werden“, erklärt dazu Kevin Kluge, Geschäftsführer vom Malerbetrieb Kluge.

Auch traditionelle Handwerkstechniken wie zum Beispiel Schablonierarbeiten müssen vom Facharbeiter beherrscht werden. Zu professionellen Renovierungsarbeiten gehören eine gute Kenntnis über die korrekte Verarbeitung spezieller, denkmalgerechter Materialien. Üblicherweise arbeiten hier Handwerksbetriebe, Architekt und Denkmalschutzbehörde eng zusammen. Dann lassen sich selbst für anspruchsvolle Herausforderungen, etwa für den Bedarf eines barrierefreien Zugangs bei gleichzeitigem Erhalt geschützter Türen und Treppen, angemessene Lösungen finden.

Wohnen im Denkmal

Für Mieter ist das Wohnen in denkmalgeschützten Gebäuden etwas ganz Besonderes. Hier verschmelzen Stadtgeschichte mit dem Alltag – der historische Charme der Bauten zieht viele an. Eigentlich ist man als Mieter in solchen Wohnräumen vor unliebsamen Modernisierungsmaßnahmen sicher. Immer häufiger jedoch machen Berliner Denkmalschutzbehörden Zugeständnisse, insbesondere bei energetischen Maßnahmen.

Für Investoren können Sanierungen der Denkmäler sehr attraktiv sein: Es gibt Fördermittel und besondere Steuerabschreibungsmöglichkeiten, der Denkmalwert einer Anlage ist oft zentrales Verkaufsargument beim Weiterverkauf. Dennoch versuchen Investoren immer wieder, die Erklärung einer Immobilie zum Denkmal zu blockieren – zu aufwändig ist es, den Vorgaben gerecht zu werden, die Kostenbelastung ist deutlich höher. Denkmalschutz gilt gelegentlich sogar als Werkzeug, um Mietervertreibung zu verhindern oder die Stadt zu gestalten. Dafür ist das Mittel eigentlich nicht vorgesehen.

Wird der Denkmalschutz ausgehöhlt?

Während Eigentümer ihre Investition des Öfteren durch den Denkmalschutz gefährdet sehen, befürchten besorgte Anwohner und Behörden umgekehrt, dass durch die derzeitigen Geschehnisse im Wohnungsmarkt der Denkmalschutz bedroht wird. Zuletzt gab es beispielsweise Unmut über den geschlossenen Kompromiss zum Böhm-Haus: Darin wurden Wohnungen geschaffen, obwohl der Grundriss eigentlich nicht verändert werden darf.

Der Druck auf Denkmalschutzbehörden wächst von beiden Seiten, der Vorwurf lautet, wirtschaftliche Interessen würden immer öfter vorangestellt. Das zeigte auch der umstrittene Abriss der Deutschlandhalle, die ebenfalls denkmalgeschützt war. Oft widersprechen sich die Bedürfnisse von Denkmalschutz und Eigentümern oder Anwohnern. Zuletzt wurden in der Berliner Verwaltung beispielsweise die Forderung nach Außenjalousien laut – die Hitze sei in vielen der denkmalgeschützten Bauten untragbar, hier sei eine Erneuerung der Regelung notwendig. In solchen Fällen müssen Kompromisse gefunden werden.

Auch der Flughafen Tegel wurde in diesem Jahr unter Denkmalschutz gestellt. Das soll garantieren, dass seine markante, sechseckige Form noch dann erhalten bleibt, wenn der Flughafen nicht mehr in seiner alten Form genutzt wird. In das Gebäude sollen nach derzeitigem Stand eine Hochschule und Büros einziehen. Bisher scheinen bei diesem Projekt die Abstimmungsgespräche aller Beteiligten gut zu verlaufen – nicht immer kann ein so reibungsloser Ablauf aller Parteien sichergestellt werden. Dennoch ist zu hoffen, dass in den umkämpften Berliner Innenbezirken Lösungen gefunden werden können, die die Bedürfnisse Wohnungssuchender und die Schutzwürdigkeit historischer Bauten gleichermaßen berücksichtigen. (red)

7. und 8. September Tag des offenen Denkmals 2019

Moderne. Modern. Berlin. Unter diesem Motto steht das kommende Wochenende, wenn über 330 Denkmalorte in Berlin wieder zum Tag des offenen Denkmals laden.

Alljährlich am zweiten Sonntag im September, in Berlin auch am Samstag davor, öffnen Denkmaleigentümer und ehrenamtliche Denkmalfreunde die Türen zu Bau-, Boden- und Gartendenkmalen. Seit 1993 findet diese beliebte Veranstaltung bundesweit im Rahmen der European Heritage Tage statt.

Mit dabei sind u.a. das Studentendorf Schlachtensee in Zehlendorf, welches 1959-64 errichtet wurde, das Gropiushaus in Neukölln, erbaut vom gleichnamigen Bauhausgründer, die Train-Kaserne in Spandau, der 1909 angelegte Motorflugplatz Adlershof und das Flugfeld Johannisthal, als Landschaftspark heute eine Schatzkammer der Natur mit Trudelwindkanal, großem Windkanal und Schalldämpfendem Motorenprüfstand.

In Mitte thematisieren Guides des Verbandes der Berliner Stadtführer neben der Architektur besonders die Fassade des Mosse-Hauses, errichtet 1901-03 von Wilhelm Cremer und Richard Wolffenstein als Sandsteinbau mit Jugendstil-Anklängen, später von Erich Mendelssohn umgebaut.

In der Erna-Berger-Str. hinterm Leipziger Platz kann der älteste erhaltene Grenzwachturm bestiegen werden.

App für den Tag des offenen Denkmals

Interaktiv den Tag des offenen Denkmals erleben | Foto: Deutsche Stiftung Denkmalschutz

In Köpenick blickt die Gartenstadtsiedlung Elsengrund auf 100 Jahre Märchenviertel zurück und lädt am Sonntag zum gemeinsamen Grillen ein.

Ein Audioguide für Kinder wird auf dem Friedhof der Märzgefallenen in Friedrichshain vorgestellt, der die Revolutionen von 1848 und 1918/19 am authentischen Ort veranschaulicht.

Sonderführungen zu archäologischen Untersuchungen werden angeboten. Natürlich sind auch die Zitadelle Spandau, die Tautschule in Lichtenberg, in Neukölln das Sudhaus und die Kindl-Brauerei mit dabei.

Die vollständige Liste gibt es unter #tagdesoffenendenkmals#2019#berlin

Öffnungszeiten Sa/So von 10 – 18 Uhr. Rundgänge und Kuratorenführungen zum Teil nach Bedarf. Der Eintritt ist frei.

Das gedruckte Programm liegt kostenfrei im Landesdenkmalamt Berlin, Klosterstr. 47 in 10179 Berlin-Mitte aus. (dd)

Soziales Erhaltungsrecht: Neue Milieuschutzgebiete in Mitte

Gerade für Neuankömmlinge in Berlin sind die zentralen Cityregionen begehrte Wohnadressen. Um Altmieter vor steigenden Mieten und kostspieligen Wohnungssanierungen zu schützen, will das Bezirksamt Mitte vier weitere Quartiere in Wedding als Milieuschutzgebiete ausweisen. Für die Areale an der Kattegatstraße und Reinickendorfer Straße hat die Behörde nun die Erhaltungsverordnung erlassen.

Für die Quartiere Soldiner Straße und Humboldthain-Nordwest ist noch eine juristische Prüfung geplant. Insgesamt gibt es in Mitte bereits fünf Gebiete, in denen das soziale Erhaltungsrecht (Milieuschutz) besteht: in den Gebieten Birkenstraße und Waldstraße in Moabit sowie Leopoldplatz, Sparrplatz und Seestraße in Wedding.

Milieuschutzgebiete: strenge Auflagen für Eigentümer

Dort gelten für die Eigentümer strenge Auflagen. In Milieuschutzgebieten sind alle baulichen Maßnahmen grundsätzlich genehmigungspflichtig. Baumaßnahmen, die zu hohen Mieten führen, sind dann nicht mehr möglich. Ebenso wenig die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen. Auch das Zusammenlegen von zwei kleinen Wohnungen zu einer großen ist untersagt. Wohnungsaufwertungen wie Einbauküchen, Kamine, Panoramafenster, Fußbodenheizungen sind ebenfalls nicht mehr genehmigungsfähig. Der Bezirk kann in Milieuschutzgebieten sein Vorkaufsrecht ausüben, um Mieter zu schützen.

Hierfür hat Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) Gutachter beauftragt, die Beobachtungsgebiete im „Stadtraum Zentrum“ zu untersuchen. Um zu prüfen, „ob wir überhaupt noch eine schützenswerte Bevölkerung vorfinden“, so Gothe. Will meinen, ob nicht längst einkommensstarke Mieter in den Citykiezen wohnen.

Detaillierte Haushaltsbefragungen

Die Gutachterbüros recherchierten detaillierte Informationen zu den Wohnungen, zum Ausstattungsgrad und Mietpreisen und über die Bewohner, ihrem Einkommen, ihren berufen, ihrer Wohndauer und anderes mehr.

In den vier Quartieren leben fast 40.000 Menschen in knapp 19.000 Wohnungen. Ein Drittel von ihnen wohnt dort bereits mehr als zehn Jahre. Die Studie zeigt, dass viele Bewohner von guten nachbarschaftlichen Beziehungen berichten und von einer starken Bindung an ihren Kiez. Insbesondere, weil dort für Kinder und Jugendliche zahlreiche Freizeitangebote existieren.

Hoher Ausländeranteil

Der Anteil an Ausländern und Deutschen mit Migrationshintergrund liegt zwischen 44 und 66 Prozent. Viele Wohnhäuser sind in privater Hand, die meisten sind Altbauten aus der Zeit vor 1945 oder wurden nach 1950 im Zuge des Wiederaufbaus errichtet. Laut der Haushaltsbefragung liegen die durchschnittlichen Bestandsnettokaltmieten zwischen 5,70 und 6,30 Euro je Quadratmeter. Bei Neuvermietung wird mitunter mehr als das Doppelte verlangt – bis zu 14 Euro. (hf)