Erklärtes Ziel: Sawsan Chebli will die Berliner Engagementlandschaft weiter ausbauen | Foto: Sharon Back

Sawsan Chebli: „Bürgerschaftliches Engagement ist ein Grundpfeiler unserer Demokratie“

Fast 40 Prozent aller Berliner engagieren sich ehrenamtlich in der Stadt und doch muss noch einiges getan werden. Über ihre Aufgabe, Maßnahmen und ihre persönlichen Eindrücke zum bürgerschaftlichen Engagement sprach die BERLINboxx mit Sawsan Chebli (SPD), Staatssekretärin für bürgerschaftliches Engagement.

Frau Chebli, welche Bedeutung hat bürgerschaftliches Engagement für Sie?

Tausende Freiwillige gestalten unsere Stadt maßgeblich mit – bei den Rettungsdiensten, in der Flüchtlingshilfe, für Obdachlose oder Kulturprojekte – um nur einige Beispiele zu nennen. Oft wird das von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, manchmal wird Ehrenamt sogar als Gutmenschentum belächelt. Aber dieses Engagement ist ein zentraler Grundpfeiler unserer Demokratie. Im Prinzip wäre unsere Demokratie gar nicht überlebensfähig, wenn es nicht Menschen gäbe, die sich täglich und ohne dafür bezahlt zu werden, für den Zusammenhalt in unserer Stadt einsetzen. Ich würde sogar sagen, dass  bürgerschaftliches Engagement seit 1945 noch nie so wichtig war wie heute.

Derzeit bedroht eine noch kleine, aggressive Minderheit unsere Demokratie und die Weltoffenheit unserer Stadt. Hier sind wir alle gefragt, unsere Demokratie zu schützen. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür war die #unteilbar-Demonstration am 13. Oktober 2018 – hier sind rund 240.000 Bürgerinnen und Bürger für unsere Demokratie auf die Straße gegangen. Ein starkes Zeichen von großer Bedeutung, das mich auch persönlich sehr berührt hat. Hier ist es uns gelungen, all denjenigen, die Hass und Hetze verbreiten, ein klares Gegenzeichen zu setzen. Unsere Stimme muss noch viel lauter sein als ihre. Hier sehen wir, wie wichtig eine starke Zivilgesellschaft ist, um den Fliehkräften an den Rändern der Gesellschaft zu begegnen. Deswegen ist es mir ein großes Anliegen, Engagement in jederlei Hinsicht zu fördern – angefangen von der Koordination bis hin zur öffentlichen Anerkennung.

Wie sieht Ihre Zielsetzung aus?

Meine Erfahrung ist, das sehe ich beim freiwilligen Engagement und auch bei Menschen angesprochen fühlen, die sich vielfältig engagieren und an der Gestaltung unserer Stadt bereits teilhaben. Aber viele andere erreichen wir leider noch nicht. Und das muss man ändern. Eines meiner Ziele ist es, die Engagementlandschaft in Berlin weiter auszubauen, indem ich Strukturen, die Engagement erleichtern, schaffe beziehungsweise fördere, zum Beispiel die bezirklichen Freiwilligenagenturen. Uns ist es jetzt mit der Unterstützung des Abgeordnetenhauses gelungen, flächendeckend ein Angebot zu schaffen. Das ist wichtig, damit alle Menschen, die sich bürgerschaftlich engagieren wollen, eine Anlaufstelle haben. Das ist die eine Sache.

Ein anderer Punkt ist Anerkennung für bürgerschaftliches Engagement. Das findet zum Beispiel mit Aktionen wie „Berlin sagt Danke“, der Ehrenamtskarte, dem  #FARBENBEKENNEN-Award für engagierte Geflüchtete, der Freiwilligenbörse oder auch der Ehrennadel, die wir verleihen, statt. Es ist meine Aufgabe, diese Anerkennung noch weiter zu verstärken. Und vor allem:  Bürgerschaftliches Engagement noch sichtbarer zu machen. Die Medien sollten dafür gewonnen werden, dass sie noch viel stärker darüber berichten, wenn Menschen etwas Gutes tun, wegweisende Projekte für den Zusammenhalt entstehen und wenn Geflüchtete sich für unsere Gesellschaft stark machen und damit – wie ich es nenne – Farben bekennen.

 

Bürgerschaftliches Engagement fördern: Sawsan Chebli bei der Eröffnung der Berliner Freiwilligenbörse 2018 im Roten Rathaus. | Foto: Landesfreiwilligenagentur Berlin | Gregor Baumann

Bürgerschaftliches Engagement fördern: Sawsan Chebli bei der Eröffnung der Berliner Freiwilligenbörse 2018 im Roten Rathaus. | Foto: Landesfreiwilligenagentur Berlin | Gregor Baumann

Einiges hat sich doch schon getan.

Ja, das Bürgerfest am Tag der Deutschen Einheit ist ein schönes Beispiel dafür, wie ernst es der Regierende  Bürgermeister damit meint, den Zusammenhalt zu stärken, bürgerschaftliches Engagement sichtbarer zu machen, Menschen zueinander zu führen und Begegnungen zu schaffen. Darüber hinaus hatte das Motto des 3. Oktober 2018, „Nur mit euch“, eine ganz klare Signalwirkung. Es sind die in Berlin lebenden Menschen, die sie zu dieser  freien, weltoffenen, vielfältigen Stadt gemacht haben. Ich würde gern noch viel mehr Menschen dazu gewinnen, sich zu engagieren.

Welche Rolle spielt dabei die Wirtschaft?

Der Einsatz von Unternehmen im bürgerschaftlichen Engagement wird häufig unterschätzt. Ich finde, Unternehmen haben eine Kraft, die wir noch viel stärker nutzen könnten und sollten. Wir haben uns vor diesem Hintergrund vorgenommen, den Unternehmenspreis gemeinsam mit der IHK und der Handwerkskammer zu verleihen. Damit wollen wir gemeinsam das vielfältige Engagement von Unternehmen anerkennen. Ich würde mich freuen, wenn noch viel mehr Unternehmen auch ihre Stimme erheben und damit einen Beitrag für den Zusammenhalt der Gesellschaft leisten. Es ist nicht immer bequem, sich offen zum Beispiel gegen Rechtsradikalismus auszusprechen, aber hier stehen wir in einer gemeinsamen Verantwortung. Es gibt einige solcher Unternehmen, aber ich finde, es könnten noch viel mehr Stimmen dazukommen.

Was könnte in der Berliner Engagementlandschaft noch getan werden?

Einige Punkte, die wir gerade voranbringen, habe ich bereits genannt. Ich würde mir außerdem wünschen, dass die Berliner Engagementlandschaft noch etwas mehr zusammenwächst. Zum Beispiel die etablierten Organisationen neuere Migrantenorganisationen an die Hand nehmen; dass man gemeinsam etwas auf die Beine stellt. Häufig erleben wir, dass es nur nebeneinander her läuft. Für den  Zusammenhalt in der Stadt ist es wichtig, dass Engagement Menschen zusammenbringt: Wenn sich Muslime gemeinsam mit Christen für die Umwelt engagieren oder Senioren mit Jugendlichen im Sportverein. Wenn im Engagement Menschen zusammenfinden, die sonst wenig miteinander zu tun haben. Da hat sich auch schon viel entwickelt. Aber wir müssen gemeinsam auch noch daran arbeiten, um neue Zielgruppen zu gewinnen und Zusammenarbeit zu fördern.

Engagieren Sie sich auch privat?

Natürlich engagiere ich mich persönlich, allerdings kann ich das inzwischen gar nicht mehr trennen von meiner Funktion ls Staatssekretärin – so werde ich eben wahrgenommen. Ich engagiere mich bei der Tafel, ich bin Mitglied in vielen Vereinen. Außerdem setze ich mich für junge Leute im Rahmen von Nachhilfe ein, bin Mentorin in vielen Projekten, um jungen Leuten aufzuzeigen, welche Perspektiven sie für ihre Zukunft haben – vor allem jungen Immigranten, die nicht so richtig wissen, wo sie sich in diesem Land verorten. Das alles tue ich gerne und habe es schon vor meiner Funktion als Staatssekretärin getan. Ich sehe es als meine Verantwortung, ein Vorbild zu sein, als jemand, der es mit seiner Biografie geschafft hat, heute Staatssekretärin zu sein und dies anderen jungen Leuten mitzugeben. (lj)

 

Vielfältig engagiert: Sawsan Chebli auf dem Festival der Religionen. | Foto: Anton Tal für Faiths In Tune / Berliner Festival der Religionen

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