Neues Integrationskonzept verzögert sich: Schule, Ausbildung und Arbeitsmarkt für Geflüchtete. | Foto: pixabay.com

Neues Integrationskonzept verzögert sich: Schule, Ausbildung und Arbeitsmarkt für Geflüchtete

Zwei Jahre nach der Aufsetzung des Masterplans Integration und Sicherheit (2016) lahmt das Integrationskonzept an Berliner Schulen und in Betrieben. Häufig auch deswegen, weil nicht genug Fachleute vor Ort oder die Zuständigkeiten der Ansprechpartner unklar sind. Den Absprung in die Regelklassen oder die Berufsvorbereitung zu schaffen, steht so für Geflüchtete, die aufgrund des Erlebten zusätzliche Unterstützung benötigen, vor zahlreichen Hürden. Minderjährige Flüchtlinge lernen an Berliner Schulen in Willkommensklassen. In allen Altersstufen besuchen sie diese bis ihre Deutschkenntnisse für den Einstieg in den regulären Unterricht oder die Berufsvorbereitung ausreichen. Derzeit sind das noch 8800 Geflüchtete in 748 Klassen über die Bezirke verteilt. Manche Schulen der Bezirke konnten mehr Willkommensklassen einrichten als andere. Die Zahl der Migrationsberatungsstellen kommt bei der Verteilung jedoch nicht an den realen Bedarf heran.

Obwohl bisher keine genauen Zahlen vorliegen, sieht der Berliner Integrationsbeauftragte Andreas Germershausen die Integration einiger Schüler zum Problem werden. Ein Teil der vor allem 16-jährigen lerne nicht schnell genug Deutsch, um nach dem absolvierten Jahr in der Willkommensklasse in die Anschlussqualifikation zu wechseln. Dies hat nicht nur hin und wieder Schulabbrüche und infolgedessen das Abrutschen einiger Jugendlicher zur Folge, sondern auch eine Stagnation im System der Integrationsklassen.

 

In den Berliner Willkommensklassen lernen nicht nur geflüchtete Kindern, sondern alle mit geringen Deutschkenntnissen. | Foto: pixabay.com

In den Berliner Willkommensklassen lernen nicht nur geflüchtete Kindern, sondern alle mit geringen Deutschkenntnissen. | Foto: pixabay.com

 

Integrationskonzept in den Willkommensklassen stagniert

Die Willkommensklassen gelten als wichtigster Baustein der Berliner Integrationspolitik. Neben Sprachbarrieren ist jedoch auch die Unterbringung der Geflüchteten ein hindernder Faktor für die Eingliederung. Mitgebrachte Traumata können sich in der Schule in Lernschwierigkeiten bis hin zu Verhaltensstörungen äußern. Sonderpädagogische Förderhilfe kann die zuständige Schule jedoch erst nach einem Jahr beantragen. Zudem klagen viele darüber, nicht leicht genug an die richtigen Ansprechpartner zu gelangen. Zuständigkeiten sind oft ungeklärt und die Suche danach kann zur Barriere werden, die Anstrengung überhaupt erst in Kauf zu nehmen.

Anfang 2017 standen immerhin noch 12.000 geflüchtete Kinder in Berlin ganz am Anfang ihrer schulischen Integration. Ab September sollen die Volkshochschulen nun verstärkt Sprachförderung anbieten, um zu helfen, die Deutschkenntnisse der Kinder auf das Niveau B1 zu ziehen. Zumindest die Hauptinformationen auf Standarddeutsch müssen verstanden werden, um sich für eine Ausbildung bewerben, oder im normalen Unterricht mithalten zu können. Weiterhin wird auch die Öffnung des Ausbildungs- und Arbeitsmarktes für Geflüchtete mit Duldungsstatus, aber ohne geklärtes langfristiges Aufenthaltsrecht, angegangen.

 

2017 lernten noch 12.000 Kinder in Willkommensklassen, inzwischen sind es noch rund 9.000. | Foto: pexels.com

2017 lernten noch 12.000 Kinder in Willkommensklassen, inzwischen sind es noch rund 9.000. | Foto: pexels.com

 

Wer und wo sind die richtigen Ansprechpartner?

Germershausen fordert in diesem Zusammenhang eine gleichmäßigere Verteilung der modularen Unterkünfte über die Bezirke sowie die Einrichtung von gemeinschaftlichen Wohnkonzepten. Studentenwohnheime, in denen auch geflüchtete junge Menschen leben und die Einrichtung zusätzlicher Migrationsberatungsstellen, sind vorerst Lösungsansätze. Auch Unterstützungsangebote für die Lehrer der Willkommensklassen, die häufig nur eine Qualifikation für „Deutsch als Zweitsprache“ nicht jedoch als völlig neue Fremdsprache besitzen, gibt es. Sie müssen nur transparenter und offensiver bereit und übersichtlicher zur Verfügung stehen. Während die Bezirksstellen in Mitte beispielsweise über die schwierige Wohnsituation der Geflüchteten klagen, sind es in Steglitz-Zehlendorf gesundheitliche Fragen. In Spandau wird die unklare behördliche Zuständigkeit zum Problem. Die Senatsbildungsverwaltung  will die verschiedenen Probleme der Bezirke durch eine gesamtheitliche Infrastruktur verbessern. Seit Juli 2017 arbeiten neun Fachgremien an der Novellierung des Masterplans Integration und Sicherheit.

„Wir sind später dran als geplant“, räumte Germershausen gegenüber der Morgenpost ein. Das Integrationskonzept, das bereits im Juni vorgelegt werden sollte, lässt auf sich warten. Hierzu hatte man in den vergangenen Monaten Dialoge mit 2000 Akteuren, darunter Bürger, Helfer und Zuständige geführt. Vor allem um die Stimmung der Helfer, die sich nach der Flüchtlingswelle 2015 überfordert und allein gelassen gefühlt hatten, einzuschätzen. Nun drehe sich die Stimmung langsam wieder und die zu gehenden Schritten seien allen bewusst. Es scheint, als würde lediglich auf die Bereitstellung der entsprechenden Ressourcen gewartet – darunter der überarbeitete Masterplan.

 

Vor allem eine zahlenmäßig aufgestockte und bessere Verteilung der Migrationsberatungsstellen in den Bezirken wird gefordert. | Foto: pexels.com

 

10.000 Geflüchtete in Berliner Betrieben beschäftigt

Nicht nur mit der ersten Integrationsstufe, der Schulbildung, beschäftigt sich der Masterplan. Auch der Zugang zum Ausbildungs- und Arbeitsmarkt soll erleichtert werden. Im Mai feierte Berlin zwar die 10.000 Aufnahme eines sozialversicherungspflichtigen Jobs eines Geflüchteten. Doch auch bei ungeklärter Bleibe soll eine Beschäftigung Geflüchteter stärker unterstützt werden. „Menschen, die noch keinen Aufenthaltstitel haben, aber voraussichtlich mehrere Jahre bleiben werden, müssen auf jeden Fall Zugang zu Ausbildung und Arbeit bekommen“, sagte Germerhausen der Morgenpost. Der Senat wolle ganz klar eine Integration von Anfang an und „nicht erst nach Klärung des Aufenthaltsstatus“.

Die Bundesregierung sieht seit langem Erleichterungen für Unternehmen vor, die Flüchtlinge ausbilden oder beschäftigen. Zusätzlich macht die 3+2-Regelung eine Ausbildung für Flüchtlinge attraktiv und gewährt ihnen mindestens zwei Jahre nach abgeschlossener Ausbildung, Aufenthalt. Unternehmen finden Informationen und Hilfestellungen zur Integration von Flüchtlingen auf der Website der IHK Berlin, die sicherlich nur eine von vielen ist. Laut Tagesspiegel begannen im vergangenen Jahr bereits 472 Geflüchtete eine Ausbildung in Berlin. Diese auf dem Arbeitsmarkt bereits untergebrachte Gruppe steht den im Februar 2018 über 27.000 als arbeitssuchend Gemeldeten gegenüber.

 

472 Geflüchtete machen derzeit eine Ausbildung in Berliner Betrieben. | Foto: pixabay.com

472 Geflüchtete machen derzeit eine Ausbildung in Berliner Betrieben. | Foto: pixabay.com

 

Wo Arbeit gefunden wurde

Unternehmen, die in Berlin ausbilden, benennen trotz vieler Fortschritte die gleichen Grundprobleme, die nur zum Teil hier vor Ort angegangen und entschärft werden können. Ungeklärte Aufenthaltstitel, Gemeinschaftsunterkünfte am Rand der Stadt ohne Ruhe und Privatsphäre zum Lernen, Sprachbarrieren und der fordernde Unterricht in der Berufsschule sind nur einige der Sorgen.

Die Deutsch Bahn, die 2016 bereits 200 Ausbildungsplätze und dieses Jahr 100 weitere schuf, hilft mit Nachhilfeunterricht. Wenn in der Berufsschule mal wieder keine Zeit und Mühe dafür aufgewendet werden kann. Ausbildungsbetreuer werden auf kulturelle Unterschiede geschult, um besser mit den Bedürfnissen und Gewohnheiten der neuen Auszubildenden umgehen zu können. Das Berliner Unternehmen Gegenbauer macht hoffnungsvolle, aber auch ernüchternde Erfahrungen mit seinen 80 fest angestellten Geflüchteten und den 15 in der Ausbildung. Hier gibt es zwei Fachleute für Integration, die den Betrieb nicht nur begleiten, sondern selbst dort arbeiten.

Rahmenbedingungen für geschätztes Lernen fehlen

Neben den Genannten und der Deutschen Post, bilden auch noch zahlreiche kleinere Betriebe und die Kliniken in Pflegeberufen aus. Auch in den Willkommensklassen schafften 2017 60 Prozent der Kinder im Grundschulalter den Übergang in die Regelklassen in weniger als sechs Monaten. Die Zahlen der Senatsbildungsverwaltung zeigen auch, dass weitere 19 Prozent nur sechs bis neun Monate brauchten. Aber was ist mit dem Fünftel, das nicht so schnell mitkommt? Vor allem die stagnierenden Deutschkenntnisse der Jugendlichen im pubertären Alter sorgen für sozialen Zündstoff. Es ist schon von innerstädtischen Brennpunkten wie dem Alexanderplatz die Rede, wo diese Frustration entladen wird.

 

Bildung ist der erste und wichtigste Schritt zur Integration. Um ihn nicht noch zu erschweren müssen Sozialpädagogen die Kinder, denen hier vieles fremd ist begleiten. | Foto: pexels.com

 

Neben einer besseren Lebensqualität für die Schulkinder müssen vor allem auch Lehrer und Betreuer sozialpädagogischer geschult werden. Wenn sie sich speziell mit den Sorgen der häufig traumatisierten Kinder beschäftigen können, sprechen sie ihre Sprache auf diese Weise. So kann das Lernen geschätzt und mit Vertrauen vorangetrieben werden. Nachdem das Problem von den Zuständigen nun erkannt wurde, sollte Berlin es sich hier nicht zur Angewohnheit machen, die Frist für die Präsentation der Lösungsansätze zu verschieben. (cn)

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