Expertenrunde zum Thema Wohnungsbau Potsdam. Foto: W&R, Tom Dachs

Kleiner Bruder oder Musterknabe? Wohnungsbau Potsdam

Die brandenburgische Landeshauptstadt blickt gespannt nach Berlin. Dort wurde nach langem politischem Gezerre nun der Mietendeckel beschlossen. Auch wenn in juristischer Sicht das letzte Wort noch nicht gesprochen ist, soll das neue Gesetz ab Anfang 2020 greifen. Was bedeutet das für den Wohnungsbau Potsdam? Wie ist in der Residenzstadt die aktuelle Wohnungssituation? Diese Fragen stellte sich die Immobilienbranche auf dem Potsdamer Immobilientag, der erstmals in dem neuen Gebäude der Investitionsbank des Landes Brandenburg (ILB) veranstaltet wurde.

Potsdam in den Top 10 der höchsten Preisanstiege

Alle Daten und Fakten zum Potsdamer Immobilienmarkt sollten auf den Tisch – so das Versprechen der Veranstalter. Und die Zahlen sprechen für sich: Die Postbank prognostizierte in ihrem Wohnatlas 2019 bis 2030 einen jährlichen Preisanstieg im Wohneigentum von 1,68 Prozent. Damit landet Potsdam direkt hinter München (1,7 Prozent), deutschlandweit auf dem siebten Platz der größten Preissteigerer.

Wohnungsbau Potsdam: Noch ist Luft nach oben

Auf dem Panel „Wohnen: Hidden Champions für Wohninvestments Ost“ diskutieren Branchenexperten über die hohen Grundstückspreise und die Entwicklungen im Wohnungsbau in Potsdam. Denn die Zahlen zeigen, dass trotz des hohen Bedarfs in den letzten beiden Jahren weniger Wohnungen fertiggestellt wurden, als in den Jahren zuvor. Aus Sicht von Immobilienprofi Siegfried Nehls, Vorstand und Gründer des Berliner Projektentwicklers SANUS AG, ist diese Tatsache „saisonal bedingt“.

Prestigeprojekte Villa Tummeley und Brauhausberg

Das Unternehmen ist in Potsdam mit zwei absoluten Prestigeprojekten am Start: Die Villa Tummeley und der alte brandenburgische Landtag am Brauhausberg. Die Villa Tummeley, ein historisches Schmuckstück am Tiefen See, wird aktuell saniert und um eine Orangerie erweitert. Die Wohnungen gehören zu den teuersten in ganz Potsdam, aufgrund der Lage und Attraktivität des historischen Bauwerks, das hochwertig saniert wird, verwundert das nicht. Laut Siegfried Nehls sind die Käufer Potsdam eng verbunden und stammen aus der Stadt selbst oder dem unmittelbaren Umfeld. Die Wohnungen in der Villa sind bereits sämtlich verkauft. In der Orangerie sind noch Wohnungen zu haben. Am Brauhausberg sollen 130 Wohnungen, ein Hotel mit 100 Zimmern und Büros für das benachbarte Geoforschungszentrum entstehen. Die SANUS hat bereits einen Kaufvertrag geschlossen, um die Anteile der Eureka zu übernehmen. Die Kaufabwicklung soll bis zum Ende des Jahres abgeschlossen sein.

Siegfried Nehls: „Als Residenzstadt bietet Potsdam eine hohe Lebensqualität und rechtfertigt auch höhere Preise.“ Foto: W&R, Tom Dachs

Aus Sicht von Simon Dietzfelbinger, Geschäftsführer von Drees & Sommer, erklären sich die steigenden Preise durch die Attraktivität des Standorts: „Die Preise bestimmen sich nicht zuletzt durch die Lage und die Qualität der Immobilie. Aus meiner Sicht ist in Potsdam noch Luft nach oben.“

Hohe Baukosten- und Baulandpreise

Ein Faktor, der sich naturgemäß in den hohen Preisen niederschlägt sind die hohen Baukosten und die Preise für Bauland. Für Vincent Mulder von Kondor Wessels lohnt sich der Blick in die Niederlande: „Was die Reduzierung der Baukosten betrifft, ist man in den Niederlanden deutlich weiter als in Deutschland. Hierzulande gibt es 16 verschiedene Baugesetzbücher, in den Niederlanden genau eines, das dann für alle Regionen und Städte gilt. BIM und serielles Bauen sind an vielen Stellen Standard und können die Baukosten erheblich reduzieren. Was den Bau von Sozialwohnungen betrifft, könnte man den Bau beispielsweise von der Mehrwertsteuer befreien.“

Ist Potsdam ein Premiumstandort und sind Kaufinteressenten hier anspruchsvoller als anderswo? „Es gibt viel Lebensqualität in Potsdam: Viel Wasser, Kunst und Kultur, die Nähe zu Berlin“, so Vincent Mulder. „Potsdam ist eine Residenzstadt, insofern ist hier ein Luxussegment entsprechend nachgefragt.“

Regine Thorn sieht Verbesserungsbedarf bei der Verkehrsinfrastruktur. Foto: W&R, Tom Dachs

Verbessungsbedarf gibt es aber auch. Regine Thorn, Geschäftsführerin von Thorn Immobilien, sieht diesen vor allem in der Verkehrsinfrastruktur: „Hier muss noch viel getan werden. Potsdam hat eine hohe Lebensqualität, diese sollte nicht durch ein verkorksten Verkehrskonzept gefährdet werden.“

Auswirkungen des Mietendeckels

Doch was sind nun die Auswirkungen des Berliner Mietendeckels auf Brandenburg im Allgemeinen und den Potsdamer Markt im Besonderen? Dazu waren sich die Experten einig. Sie sehen in dem Mietendeckel einen Wettbewerbsvorteil für Brandenburg. Für Vincent Mulder steht fest, dass „durch den Mietendeckel keine neuen Wohnungen entstehen. Der Druck auf den Berliner Speckgürtel wird steigen.“ Aus Sicht von Siegfried Nehls sind derlei Eingriffe generell schlecht für den Markt: „Investoren in Berlin werden aussteigen und sich nach lohnenderen Möglichkeiten umsehen, zum Beispiel im unmittelbaren Berliner Umland und auch in Potsdam.“ Chancen also für die brandenburgische Landeshauptstadt und viele Nachteile für Berlin? Schadenfreude bleibt bei den Experten jedenfalls aus: „Für die Berliner tut’s mir leid, doch viele Bauträger werden nun im Umland investieren, nicht mehr in Berlin. Potsdam wird davon profitieren“, fasst Regine Thorn die Situation zusammen. (ak)

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.