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Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci | Foto: BERLINboxx

"Jetzt gilt es, die Erfolge im Kampf gegen Corona nicht leichtfertig zu verspielen."

05. Oktober 2020

Im Gespräch mit Dilek Kalayci, Senatorin für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung

Sie ist seit fast 10 Jahren für den Berliner Senat tätig, erst als Senatorin für Arbeit, Integration und Frauen unter Klaus Wowereit und in den vergangenen Jahren als Senatorin für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung. Während der gesamten Corona-Pandemie ist sie stets als Mahnerin aufgetreten, hat weit vorausgedacht und sich als gute Krisenmanagerin bewiesen. Die BERLINboxx sprach mit Dilek Kalayci, die in diesem Jahr auch Vorsitzende der Gesundheitsministerkonferenz ist, über die aktuelle Pandemie, bisherige Erfahrungen und essentielle Maßnahmen.


Während der anhaltenden Corona-Pandemie sind sie als Gesundheitssenatorin umfassend gefordert und haben im Senat seit Anbeginn auf frühe, weitreichende Einschränkungen gedrängt. Sind sie zufrieden mit dem Weg, den der Senat eingeschlagen hat?
Wir haben als Gesundheitsverwaltung frühzeitig und umfassend auf die Pandemie reagiert und bereits Anfang Februar einen Krisenstab eingerichtet. Am Ende haben wir es mit unseren Maßnahmen geschafft, das Schlimmste zu vermeiden, wie beispielsweise in Italien oder den USA. Als ich mich für die Absage der ITB eingesetzt habe, bin ich nicht auf viel Verständnis gestoßen. Die weiteren vom Senat getroffenen Maßnahmen, wie die Schließung des Einzelhandels, der Kultureinrichtungen, der Clubs und der Gastronomie waren sehr hart, aber sie waren aus meiner Sicht notwendig, um zu verhindern, dass sich die Pandemie ausbreitet.

Die weiteren vom Senat getroffenen Maßnahmen, wie die Schließung des Einzelhandels, der Kultureinrichtungen, der Clubs und der Gastronomie waren sehr hart, aber sie waren aus meiner Sicht notwendig, zu verhindern, dass sich die Pandemie ausbreitet“ betont Dilek Kalayci, Senatorin für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung.

Jetzt gilt es, diese Erfolge im Kampf gegen Corona nicht leichtfertig zu verspielen. Ein zweiter Lockdown wäre für die Stadt und Deutschland insgesamt eine Katastrophe.

Deshalb habe ich auch kein Verständnis dafür, wenn sich heute immer noch Menschen weigern, im Bus oder im Einzelhandel eine Maske zu tragen oder gar auf Demonstrationen gehen, auf denen irgendwelche wirren Verschwörungstheoretiker gemeinsam mit Aluhutträgern und Neonazis das Ende von Corona feiern. Die Pandemie ist noch nicht vorbei. Wir sehen gerade an den steigenden Zahlen weltweit und auch in Berlin, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Eine zweite Welle der Infektion kann man nicht wegdemonstrieren, eine zweite Welle verhindern wir nur, indem wir uns an die Abstands- und Hygieneregeln halten. Und so schwer kann es ja nicht sein, eine Maske zu tragen und Abstand zu halten.
Wer das einen Eingriff in seine persönliche Freiheit nennt, weiß nicht, wie wenig Freiheit einem die stationäre Behandlung im Krankenhaus und die künstliche Beatmung lässt.

Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci im Gespräch mit Herausgeberin Dr. Angela Wiechula
Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci im Gespräch mit Herausgeberin Dr. Angela Wiechula | Foto: BERLINboxx

Sie haben für Berlin ein Ampelsystem entwickelt. Wie lautet Ihr Zwischenfazit?
Das Ampelsystem als Frühwarnsystem hat sich bewährt. Wir sind das einzige Bundesland, dass entsprechende Pandemieindikatoren zu so einem System entwickelt hat und wir merken, dass viele Menschen darauf achten, wie sich die Ampeln entwickeln. Wir können aufgrund unseres Ampelsystems die epidemiologische Entwicklung gut einschätzen und erkennen, wann Handlungsbedarf entstehen kann. Bisher hat sich mehrfach die Ampel verändert, die den R-Wert darstellt. Sie springt auf Rot, wenn der Wert drei Tage hintereinander höher als 1,2 ist. Die anderen beiden Ampeln sind bisher auf grün geblieben.
Eine zeigt die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner*innen in sieben Tagen. Kritisch wird das bei über 50 Neuinfektionen. Die dritte Ampel zeigt den Anteil der für COVID-19-Patientinnen und -Patienten benötigten Plätze auf Intensivstationen. Die Ampel springt bei mehr als 15 Prozent auf gelb und auf Rot bei über 25 Prozent. Wir liegen noch deutlich darunter. Aber wie gesagt: Das heißt nicht, dass wir aus dem Schneider sind. übrigens noch sehr lange nicht, wenn wir nicht aufpassen.

Derzeit wird die noch völlig ungenutzte und 500 Betten umfassende Notfall Klinik an der Jafféstraße um weitere 330 Betten erweitert. Womit lässt sich diese Maßnahme begründen, wo doch alle Ampelindikatoren derzeit auf Grün stehen und die Wirtschaft flächenbedarf auf dem Messegelände angemeldet hat?
Wir haben das Corona-Behandlungszentrum Jafféstraße innerhalb von vier Wochen aufgebaut – in der Hoffnung, es niemals nutzen zu müssen. Das ist wie mit der Feuerwehr: Es ist gut, sie zu haben, aber wir hoffen, sie nie zu brauchen. Berlin steht
in Bezug auf die Verfügbarkeit von Krankenhaus- und insbesondere Intensivbetten bestens da. Auch, weil wir so früh reagiert haben. Klar, kann man dann kritisieren, dass das alles so viel Geld gekostet hat. Das Krankenhaus gibt allen Berlinerinnen und Berlinern Sicherheit. Wir kennen alle die Bilder aus Italien und den USA, wo die Krankenhäuser überlaufen.

Dieses Jahr sind Sie auch Vorsitzende der Gesundheitsministerkonferenz und übernehmen damit für Gesamtdeutschland eine Zentrale Rolle bei der Bewältigung der Pandemie. Welche wichtigen Aufgaben sind als nächstes zu lösen?
Ich stehe als Vorsitzende der Gesundheitsministerkonferenz seit Beginn der Pandemie in ständigem Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen der Länder und dem Bundesgesundheitsminister. Die Zusammenarbeit läuft über die Parteigrenzen hinweg wirklich sehr gut, weil allen klar ist, dass es sich hier um eine der größten Krisen der Nachkriegsgeschichte handelt und da parteipolitische Interessen nichts zu suchen haben. In unseren wöchentlichen Videoschalten besprechen wir dann jene Punkte, die die ganze Bundesrepublik Deutschland betreffen, wie beispielsweise der Umgang mit Reiserückkehrenden oder auch die Frage der Zulassung von Publikum in Bundesligastadien, die wir mindestens bis Ende Oktober abgelehnt haben.

Von den Reiserückkehrenden geht aktuell eine große Gefahr für eine mögliche zweite Welle aus. Warum sind die Tests an den Flughäfen nicht verpflichtend sondern auf freiwilliger Basis?
Mittlerweile sind die Tests für Reiserückkehrende ja verpflichtend und ich kann das nur unterstützen. Wenn man sieht, dass derzeit rund 50 Prozent der Infektionen auf Reiserückkehrende zurückzuführen sind, ist das alarmierend. Deshalb appelliere ich auch an alle Bürgerinnen und Bürger, nur in Risikogebiete nur zu reisen, wenn es unbedingt nötig ist.

Sie haben angekündigt, dass Ihre laufende Amtszeit als Senatorin Ihre letzte sein wird. Verraten sie uns schon jetzt, welche Pläne sie für die Zeit danach haben?
Vielleicht fragen Sie mich das nochmal in einem Jahr. Ich bin jedenfalls sicher, dass ich mich nicht langweilen werde. Bis dahin arbeite ich aber mit vollem Elan und ganzer Tatkraft weiter, denn es geht um die Gesundheit und das Leben der Berlinerinnen und Berliner. (awi)