Frauen in Führung und Führungspositionen: Wo wollen wir eigentlich hin? | Foto: Pexels

Frauen in Führung: Wo wollen wir eigentlich hin?

„Mittelmäßige Männer in Spitzenjobs sind für eine Frau genauso eine Zumutung wie für einen Mann herausragende Frauen an oberster Stelle“, so beschreibt die Unternehmerin und Publizistin Margarita Mathiopoulos den Stand der Dinge in den Führungsetagen. Ob Managerinnen, Bürgermeisterinnen oder Senatorinnen, in keiner deutschen Großstadt sind Frauen in Führung und Führungspositionen so präsent wie in Berlin. Dennoch herrscht immer noch keine Chancengleichheit, der Aufstieg für Frauen ist weiterhin beschwerlich. Grund genug, hinter die Kulissen zu schauen und die Hauptstadt mit ihren Female Leaders auf den Prüfstand zu stellen.

Machen sich Gleichstellungsinitiativen und Frauenquote bereits bemerkbar? Wie sind erfolgreiche Frauen in der Hauptstadt organisiert und vernetzt? Was kann aus politischer und unternehmerischer Sicht für die Vereinbarkeit von Familie und Karriere getan werden? Was ist der Status Quo?

Frauen brauchen im Job einen langen Atem

„Persönlichkeiten werden nicht durch schöne Reden geformt, sondern durch Arbeit und eigene Leistung“, wusste der große Physiker Albert Einstein. In der praktischen Personalpolitik sieht es mitunter anders aus. Gute Leistung wird bei Männern und Frauen immer noch nicht gleich bezahlt. Derzeit herrscht eine Gender-Pay-Gap (Geschlechter- Gehaltslücke) von rund 21 Prozent bei gleicher Leistung. Dies ist nur eine von vielen Hürden, die Businessfrauen zu meistern haben. Die anderen lauten: Teilzeitarbeit, unbezahlte care-Arbeit und schlechte Betreuungssituationen sind nur die Spitze eines Eisberges.

Eine moderne berufstätige Frau benötigt einen langen Atem. Zwar soll die Frauenquote die Unterrepräsentanz von Frauen in Führungspositionen beheben, aber noch fehlt es an Chancengleichheit, Frauenförderung und Familienfreundlichkeit. Berlins Politik, Wirtschaft und Gesellschaft müssen allmählich nachziehen und die vorherrschende Arbeitskultur kritisch hinterfragen: Wo stehen wir und wo wollen wir eigentlich hin?

Ist die Frauenquote gescheitert?

Das Managerinnen-Barometer 2017 des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigt: In Unternehmensvorständen hat sich praktisch nichts bewegt. Bei Banken und Versicherungen haben Frauen geringe Chancen überhaupt in die Vorstände aufzusteigen. In der Bau- und Immobilienwirtschaft sieht es nicht besser aus. Ist die Frauenquote gescheitert?

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey ist zuvor als Bezirksbürgermeisterin von Neukölln vor allem durch ihre Null- Toleranz-Politik gegenüber Kriminellen bekannt geworden. Als Unterstützerin der Frauenquoten möchte sie nun meldefaulen Unternehmen an den Kragen. Welche Sanktionen die betreffenden Unternehmen erwarten könnten, bleibt abzuwarten. Fakt ist: Seit fast 40 Jahren wird die Frauenquote als Instrument der Personalpolitik kontrovers diskutiert – geändert hat sich unterdessen wenig. Die verbindliche Geschlechterquote von 30 Prozent ist seit 2016 für die Aufsichtsräte von börsennotierten und paritätisch mitbestimmten Unternehmen Pflicht. Derzeit (Stand Januar 2018) betrifft die Quote bundesweit allerdings nur 108 Unternehmen und wird schleppend umgesetzt. Grund ist unter anderem, dass die Frauenquote nur für einen geringen Anteil von Großunternehmen mit circa 2.000 Beschäftigten verpflichtend ist.

Frauen in Führung – Transparenz soll gefördert werden

Abhilfe soll durch Präsenz und Transparenz geschaffen werden. Hier fährt die Politik deutlich den Kuschelkurs. Ein Beispiel ist die bestehende Lohnlücke zwischen Männern und Frauen, die mit dem Entgelttransparenzgesetz gelöst werden sollen. Das Gesetz dient zur Förderung der Transparenz von Entgeltstrukturen (seit 6. Juli 2017 in Kraft). Lohntransparenz soll Frauen dabei unterstützen ihren Anspruch auf gleiches Entgelt bei gleicher Arbeit besser durchsetzen zu können. Viel Aufwand für wenig Nutzen. Wünschenswert wäre es in den Unternehmen anzufangen und deren Arbeitskultur unter die Lupe zu nehmen.

In Berlin sind Frauen mit Führungsfunktion keine Seltenheit – mehr als jede dritte Führungsposition ist laut den Zahlen der Arbeitsagentur mit einer Frau besetzt. 49,2 Prozent der Verwaltungs- Führungsetagen sind weiblich vertreten. Im Bereich Erziehung und Bildung ist der Anteil mit 68,5 Prozent deutlich höher. Gravierend unterrepräsentiert sind Frauen allerdings in der Bauwirtschaft: Von den 5.370 Leitungspositionen werden 5.022 von Männern beansprucht. Das macht einen mageren Frauenanteil von 6,5 Prozent (Stand Februar 2018) aus. Insgesamt sind 36,2 Prozent aller Führungspositionen in Berlin von Frauen besetzt. Dünn besiedelt ist allerdings nach wie vor die oberste Hierarchieebene.

Ursachen sind Generations- und Wirtschaftsproblem

Auf der Suche nach Ursachen wird schnell deutlich: Es handelt sich um ein Generations- und Wirtschaftsproblem. Das Generationsproblem beginnt schon im Kindesalter, indem veraltete Geschlechterrollen aus dem Umfeld übernommen werden. Aus diesem Grund werden viele Berufsgruppen weiterhin geschlechterspezifisch dominiert. In Pflegeberufen findet sich wenig männliches Personal, andersherum finden sich in der Industrie oder im Handwerk nur vereinzelt Frauen. Experten fanden heraus, dass Frauen ihren späteren Beruf überwiegend aus einer Komfortzone auswählen, die rund 20 weiblich dominierte Berufe umfasst. Verstärkt wird dieser Zustand dadurch, dass die Arbeitsbedingungen und die Bezahlungen in den Berufsgruppen außerhalb der Komfortzone noch nicht angepasst wurden. Es ist schwierig das jeweils andere Geschlecht für eine Berufsgruppe zu gewinnen, wenn die Aufstiegschancen beschwerlich oder fast unmöglich scheinen. Davon betroffen sind in Berlin vor allem Industrie, Handwerk und Rechtspflege. Ein Umstand, der nicht unter den Teppich gekehrt werden sollte.

Von ungefähr kam der Wertewandel jedoch nicht. Vorreiterinnen wie Spitzen-Managerin Vera Gäde-Butzlaff (Vivantes), haben den Weg für mehr Erfolgsunternehmen in Frauenhand geebnet. Selbst die Industrie- und Handelskammer Berlin (IHK) präsentiert sich mit einer Frau an ihrer Führungsspitze: IHK-Präsidentin Dr. Beatrice Kramm ist eine von deutschlandweit drei Frauen, die eine solche Position innehaben. Ebenso leistet Dr. Sigrid E. Nikutta als Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) großartige Arbeit und zeigt, dass Karriere auch mit fünf Kindern möglich ist. Mit dem Frauenförderplan verdeutlicht die BVG vor allem, dass die Vereinbarkeit von Familie und Karriere vom ganzen Unternehmen unterstützt werden kann. Die Erfahrung zeigt: Sobald Frauen in Führung sind, ändert sich auch die Unternehmenskultur. Häufiger begeistern sich Frauen auch für Karrieren in MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) oder in der Politik.

Initiativen finden Unterstützung

Tatsächlich werden viele Initiativen für Mädchen und Frauen vom Bund wie vom Land Berlin tatkräftig unterstützt. Bereits 2005 wurde die Landesinitiative Chancengleichheit in der Berliner Wirtschaft von der Senatsverwaltung für Wirtschaft und Technologie ins Leben gerufen. Ein weiteres Projekt der Initiative ist Kobra, ein Koordinierungs- und Beratungszentrum für die Weiterbildung von Frauen, in dem sich Betriebe unter anderem zur Frauenförderung beraten lassen können. Für mehr Frauen in Führungspositionen engagieren sich auch Institutionen aus der Wirtschaft. Beispielsweise der Verein Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI) oder die IHK Berlin, die mit ihren vielfältigen Veranstaltungen für die Vernetzung von weiblichen Führungskräften sorgt. Denn Initiativen und Events beschäftigen sich nicht ausschließlich mit der Förderung und Unterstützung von Frauen, sondern bieten darüber hinaus auch eine Plattform zum Austausch.

Dennoch haben sich die Zeiten geändert und es wird sich schon viel früher für Chancengleichheit eingesetzt. Insbesondere die Förderung der Begeisterung von Schulkindern für die verschiedensten Berufe jenseits herkömmlicher Geschlechterzuschreibungen zeigt allmählich Erfolge. Musterprojekte sind der jährliche Girls’ Day und das Äquivalent des Boys’ Day. Seit 2002 erhalten dort vor allem Mädchen einen Einblick in Technik-und Industrieunternehmen. Gerade in den Ausbildungen und Studiengängen der MINT-Fächer ist der weibliche Anteil erschreckend gering. Mit dem Aktionstag rund um die Berufswahl hat sich aber zumindest die Lage in Berlin schon positiv gewandelt. Mittlerweile ist die Hauptstadt Vorreiter, was Frauen in technischen Berufen betrifft. Ein Anfang ist geschafft, es bleibt dennoch genug Luft nach oben.

Gleichstellungskampagne und Frauennetzwerke – viele Wege führen zum Ziel

Als Meilenstein wurde auch die Kampagne „Gleichstellung gewinnt – Kulturwandel in den Unternehmen“, initiiert von der Senatorin für Gesundheit, Gleichstellung und Pflege, Dilek Kolat, auf den Weg gebracht. Gemeinsam mit IHK-Präsidentin Kramm und dem Präsidenten der Handwerkskammer Berlin (HWK), Stephan Schwarz, unterschrieben sie Anfang des Jahres eine Charta zur Gleichstellung in den Unternehmen. Vom Wiedereinstieg nach der Elternzeit bis hin zum Berufscomeback von Arbeitnehmern jenseits des 40. Lebensjahres, werden neue Arbeitsmodelle präsentiert. Politik und Wirtschaft setzen sich für mehr weibliche Führungskräfte ein, doch steht ein Kulturwandel noch aus. Er sollte nicht als Belastung, sondern aus unternehmerischer Sicht als Chance angesehen werden. Schließlich schafft eine moderne Unternehmenskultur mehr Vielfalt und Wettbewerbsfähigkeit.

Viele Wege führen zum Ziel – Wie organisieren und vernetzen sich eigentlich die Businessfrauen in der Stadt? Netzwerke gibt es mittlerweile wie Sand am Meer. Schnell wird es unübersichtlich, da sie sich thematisch überschneiden oder wie Webseiten schon jahrelang nicht aktualisiert wurden. Wichtig ist letztlich: Netzwerke müssen den eigenen Anforderungen entsprechen und mit der Lebensrealität vereinbar sein. Das setzt eine Aktualität und Nachhaltigkeit voraus sowie eine gute Organisation. Allen voran der seit 1954 aktive Wirtschaftsverband deutscher Unternehmerinnen (VdU) oder die stadtbekannte Weiberwirtschaft. Frauen in die Aufsichtsräte (FIdAR e.V.) ist eine Initiative und ein Appell zugleich – für mehr Frauen in den deutschen Aufsichtsräten. Unabhängig, überparteilich, überregional und vertraulich lautet ihr Credo. Aktuell ist ihre Präsidentin Monika Schulz-Strelow ist eine der 100 einflussreichsten Frauen der deutschen Wirtschaft. Wachsender Beliebtheit erfreuen auch international ausgelegte Frauenvereinigungen wie Business and Professional Women Germany e.V. oder das „we are PANDA“- Netzwerk. Aber was genau bewirken diese Netzwerke?

Sensibilisierung als langwieriger Prozess

Allen gemein ist: Politik, Wirtschaft sowie Gesellschaft mehr für Frauen in Führungspositionen zu sensibilisieren und sie auf diesem Weg unterstützend zu begleiten. Kontakte sind für die Karriere Gold wert. Natürlich muss differenziert werden, denn die Ausrichtung und Leistungen sind in jedem Netzwerk anders ausgerichtet. Einige bieten spezielle Mentoren-Programme für junge Frauen an, andere Wettbewerbe oder Jobvermittlungen für die Mitglieder. Zu nennen sind auch Vereine, die sich auf eine Berufsgruppe konzentrieren, wie Bündnisse für Ärztinnen, Juristinnen, Journalistinnen und oder Akademikerinnen allgemein. Aber auch für das digitale Business und die Technik gibt es eigene Netzwerke, wie Femtech Alumnae e.V. (eine Initiative der TU Berlin) oder webgrrls.de e.V.

Wegweisend sind ebenfalls unabhängige Programme, die Weiterbildungen für Frauen fördern. Ausgezeichnet wurde unter anderem sparkx, ein Leadership- Programm für Frauen in Medienunternehmen. Starke Partner hat auch der Frauen-Karriere-Index, die zum gemeinsamen Strategie- und Erfahrungsaustausch zum Thema „gleichberechtigte Teilhabe“ einladen. Bei so vielen Möglichkeiten verwundert allerdings, die scheinbar problematische Umsetzung.

Vielfalt ist Chefsache

Was muss noch geschehen, damit Frauen leichter in Führungspositionen aufsteigen können? Sicher, Kampagnen wie „Unternehmen mit Frauen an die Spitze“ leisten großartige Arbeit, aber das allein wird auf Dauer nicht genügen. Mittelständische Unternehmen müssen sich auch ohne politische Vorgaben oder Initiativen mit Themen wie Chancengleichheit auseinandersetzen. Vielfalt ist Chefsache: Je flexibler und moderner das Arbeitsmodell ist, umso mehr Bewerber, sprich potenzielle Fachkräfte sprechen sie an. Frühzeitig Begeisterung wecken, motivieren und Vorbilder etablieren, lautet beispielsweise die Unternehmensleitlinie zur Frauenförderung bei Idealo, Online-Preisvergleichsportal mit Sitz in Berlin-Kreuzberg.

Natürlich lassen sich flexiblere Modelle bei Start-ups und neugegründeten Unternehmen viel müheloser im kleinen Stil erproben. Dennoch sollten die mittelständischen Unternehmen mehr Engagement zeigen, um auch für Frauen attraktivere Bedingungen zu schaffen, nicht nur weil es vorteilhaft fürs eigene Image ist. Es muss nicht ein ausgearbeiteter Frauenförderplan sein, denn Familienplanung betrifft in der Arbeitswelt beide Geschlechter. Wichtig ist dort anzusetzen, wo es Schwierigkeiten gibt und das ist häufig die Vereinbarkeit von Kind und Karriere.

Ausblick: Arbeit 4.0 und weiter?

Woran es meist scheitert, ist der Wiedereinstieg. Familienfreundlichkeit betrifft vor allem Frauen in Führung. Viele Frauen entscheiden sich aufgrund starrer Arbeitsmodelle und wenig Verhandlungsspielraum gegen die Karriere oder den Aufstieg in die Führungsspitze. Eben dort ist die Wirtschaft gefragt. Unternehmen müssen nicht unbedingt kreativ werden, sondern nur die Vorteile der digitalisierten Arbeitswelt nutzen, indem Internet und mobile Arbeitsplätze für berufstätige Müttern und Vätern mehr Flexibilität im Arbeitsalltag gewährleisten. Arbeit 4.0 könnte als digitale Reform der bestehenden Arbeitsformen und -verhältnisse die Lösung von morgen sein. Anpassungsfähigere Arbeitsmodelle ermöglichen beispielsweise das Arbeiten per Home Office (Arbeit von Zuhause), durch mobile Zugänge (per Cloud Computing). Zudem ist Job-Sharing ein neues Modell, das durchaus von den Berliner Unternehmen aufgegriffen werden könnte. Zwei Berufstätige teilen sich in Teilzeit denselben Job und können so in gemeinsamer Abstimmung Familien und Arbeit managen.

Was wird der nächste Schritt sein? – Fragt sich selbstverständlich auch unsere Redaktion der BERLINboxx. Wird die Frauenquote bald mehr Unternehmen betreffen? Erhöht sich die Quote auf 50 Prozent? Fragen über Fragen. Der Kulturwandel in der Wirtschaft hat bereits begonnen und hat das Potenzial des Wirtschaftsfaktors Frau längst erkannt. Jedoch müssen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gemeinsam, oder auch unabhängig voneinander, familienfreundliche Infrastrukturen begünstigen. Das heißt: Unternehmen bieten Arbeitsmodelle an, die Beruf und Familie miteinander vereinbar machen. Das können Betriebskindergärten, flexible Teilzeitmodelle und vieles mehr sein.

Zurückhaltung bei neuen Modellen

Noch ist die Berliner Unternehmenskultur sehr zurückhaltend hinsichtlich neuer Modelle, aber das wird sich mit den Frauen an Berlins Spitze zunehmend wandeln. Je mehr positive Beispiele präsent werden, umso schneller wird sich der Kulturwandel vollziehen. Die Wirtschaft könnte sich ein Beispiel an den Frauen-Netzwerken nehmen, denn die folgen dem Grundsatz: zuhören, austauschen, lernen und in die Praxis umsetzen. Es schadet auch nicht, wenn Unternehmen die Frauen dort abholen, wo sie sich gerade befinden. Worauf es letztlich ankommt ist doch, wohin sie gemeinsam gehen wollen – an die Spitze. (lj)

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