Dilekt Kolat, Senatorin für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung | Foto: Charles Yunck

Dilekt Kolat: In der Pflege müssen wir die Ausbildungsplätze mindestens verdoppeln

Arbeit am Menschen aufwerten: Dilek Kolat, Senatorin für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung, über Pflegenotstand, Geschlechter-Stereotypen und wie Frauen für technische Berufe begeistert werden können.

Was wollen Sie tun, um die Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte zu verbessern?

Erstens wollen wir die Entlohnung verbessern. Ein wichtiger Schritt sind allgemeinverbindliche Tarifverträge für die Altenpflege. Hier wird auch die Bundesregierung aktiv. Tarifverträge können eine gesamte Branche aufwerten, was bei der Pflege dringend notwendig ist. Hierzu werde ich die Sozial- und Wirtschaftspartner und -partnerinnen an einen Tisch holen. Zweitens brauchen wir bessere Arbeitsbedingungen, die wesentlich von der Personaldecke in den Einrichtungen abhängen.

Ich fordere deshalb von der Bundesregierung ein Sofort-Investitionsprogramm für den raschen Ausbau von Ausbildungsplätzen. Aus meiner Sicht müssen eigentlich alle Krankenhäuser und Pflegeheime ihre Ausbildungsplätze mindestens verdoppeln, um ihren eigenen Fachkräftebedarf abzudecken.

Pflegeberufe sind meist Frauendomänen, Männer eine Seltenheit. Warum?

Bis in die 70er- und 80er Jahre hinein war jegliche Fürsorgearbeit in der Familie alleinige Aufgabe und Pflicht der Frauen – und zwar unbezahlt. Anerkennung für diese Tätigkeiten gab es nicht. Letztlich kämpfen wir noch heute gegen diesen Missstand an. In Deutschland wird die Arbeit mit Maschinen besser bezahlt, als die Arbeit mit Menschen.

In der Altenpflege liegt das Durchschnittseinkommen bei 2.400 Euro, während Facharbeiter und Facharbeiterinnen in der Metallindustrie durchschnittlich 4.300 Euro verdienen. In der Altenpflege liegt der Frauenanteil aktuell bei 77 Prozent, der Anteil der Männer immerhin bei 23 Prozent. Ich wünsche mir hier aber auch einen höheren Anteil. Meine Hoffnung ist, dass wenn sich die Entlohnung verbessert, sich dann auch mehr Männer für diese Berufe entscheiden.

Mit den Pflegestützpunkten wurden neue Maßstäbe gesetzt. Wie war die bisherige Resonanz?

Das System hat sich sehr gut etabliert. Fast 45.000 hilfe- und pflegebedürftige Menschen kommen pro Jahr in die 36 Beratungsstandorte, drei in jedem Stadtbezirk. Nach einer Befragung zur Kundenzufriedenheit sind rund 98 Prozent mit der Passgenauigkeit der Informationen sehr zufrieden bis zufrieden. Die Pflegestützpunkte sind Lotsen im System und helfen, dass Menschen so lange wie möglich zu Hause gut versorgt werden können.

Berlin hat bundesweit die meisten Auszubildenden in technischen Berufen. Wie können technische Berufe für junge Frauen noch attraktiver gemacht werden?

Technik gilt leider oft immer noch als Männersache. Mädchen und jungen Frauen werden dadurch Interesse und Kompetenzen für Technik abgesprochen und das hat natürlich Einfluss auf das Berufswahlverhalten. Sie müssen an diese Berufe herangeführt und ermutigt werden. Voraussetzung ist die Sensibilisierung von Eltern, Erziehenden und Lehrenden. In Berlin laufen dazu eine Reihe erfolgreicher Projekte.

Wir gestalten beispielsweise den „Girls‘ Day“ mit vielfältigen Aktivitäten. Das Projekt „EnterTechnik“ bietet jungen Frauen ein ganzes Jahr der beruflichen Orientierung durch direktes Kennenlernen von technologieorientierten Unternehmen und entsprechenden Berufen. Ich selbst habe damals als Arbeitssenatorin das Projekt „Girlsatec“ ins Leben gerufen. Hier wirken junge Frauen als Vorbilder, die selbst eine technische Ausbildung machen oder absolviert haben, indem sie Schülerinnen vor der Berufswahl beraten. Wenig attraktiv für Frauen ist oft auch das Klima in männerdominierten, technologieorientierten Bereichen. Besonders dort muss die Arbeitswelt frauen- und familienfreundlicher werden. Jüngst habe ich die Kampagne „Gleichstellung gewinnt. Kulturwandel in Unternehmen“ mit der Handwerkskammer und der IHK gestartet. (lj)

 

Gemeinsam mit Dr. Beatrice Kramm, Präsidentin der Industrie- und Handelskammer Berlin und Stephan Schwarz, Präsident der Handwerkskammer Berlin startete Gleichstellungssenatorin Dilek Kolat die Kampagne „Gleichstellung gewinnt – Kulturwandel in Unternehmen“. | Foto: CarinaKircher.de

Gemeinsam mit Dr. Beatrice Kramm, Präsidentin der Industrie- und Handelskammer Berlin und Stephan Schwarz, Präsident der Handwerkskammer Berlin startete Gleichstellungssenatorin Dilek Kolat die Kampagne „Gleichstellung gewinnt – Kulturwandel in Unternehmen“. | Foto: CarinaKircher.de

 

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