Die Hälfte der Deutschen geht frühzeitig in Rente. | Foto: pixabay.com

Die Hälfte der Deutschen geht frühzeitig in Rente

Bei einem derzeitigen Renteneintrittsalter von 65 Jahren über eine zukünftige Rente mit 67 oder sogar erst 70 Jahren zu debattieren, scheint realitätsfern und utopisch. Schon jetzt arbeitet nicht einmal die Hälfte der Deutschen bis zum gesetzlichen Rentenalter, mehr als jeder Zweite geht vorher in den Ruhestand. Dies geht aus dem Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse (TK) „Fit oder fertig“ hervor. Schwerpunktmäßig beschäftigte sich die Studie mit deutschen Erwerbsbiografien und wertete hierzu Krankschreibungen und Arzneimittelverordnungen von fünf Millionen Versicherten aus. Über einen Zeitraum von fünf Jahren analysierte die Studie somit 15 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zwischen 20 und 65 Jahren. Die Zahlen nehmen den Charakter eines Trends an und sprechen Bände.

Die Möglichkeiten für den  Berufsausstieg werden hierzulande sehr ausgiebig genutzt. Zudem erreichen die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer in den kommenden Jahren das Rentenalter und werden eine tiefgreifende Lücke am Arbeitsmarkt hinterlassen. Experten gehen bis 2030 von fünf bis sechs Millionen fehlenden Arbeitskräften aus, der Fachkräftemangel wird sich also noch signifikant verschärfen.

Die Babyboomer kommen in die Jahre

Die Deutschen nehmen für den verfrühten Eintritt sogar erhebliche Abschläge in Kauf, wie der TK-Gesundheitsreport zeigt. So bezogen 54,7 Prozent der 64-jährigen (Jahrgang 1953) bereits 2017 eine Altersrente. Rund ein Drittel der 63-jährigen (Jahrgang 1954) verabschiedete sich 2017 ebenfalls in den Ruhestand. Jeder siebte beantragte einen früheren Renteneintritt aufgrund von Schwerbehinderung oder Erwerbsunfähigkeit. TK-Chef Jens Baas zeigt sich besorgt und gibt die ursprünglich geplante Anhebung des Rentenalters auf 67 als realitätsfern zu bedenken: „Es nützt nichts, das Renteneintrittsalter weiter hochzuschrauben, wenn schon heute nicht einmal jeder Zweite so lange arbeitet.“

Versicherer, Politik und Unternehmen seien gleichermaßen in der Pflicht eine längere Leistungsfähigkeit ihrer Arbeitnehmer zu garantieren. Durch den vorzeitigen Berufsaustritt der Babyboomer gehe sonst ein „enormes Wissens- und Leistungspotenzial“ verloren, sagte Baas bei der Vorstellung des Gesundheitsreports in Berlin. Vor allem Berufstätige körperlich belastender Arbeitsfelder, arbeiten mit einem 1,8 Mal höheren Risiko frühzeitig auszuscheiden. Berufe im Bau- und Holzgewerbe, Verkehr, Lager oder Metallbau seien hier von einem zu starren Renteneintrittsalter betroffen. Hingegen stünden Tätigkeiten in der Verwaltung, den Medien oder Lehr- und akademischen Berufen in besserer Aussicht, länger ausgeübt zu werden. Trotzdem müssen Arbeitgeber vorteilhafte Beschäftigungsmodelle für ältere Mitarbeiter ermöglichen und für langjährig Beschäftigte attraktiv bleiben. Altersgemischte Teams, interne Tätigkeitswechsel und Weiterbildungen können ältere Mitarbeiter im Betrieb und das Team auf gutem Erfahrungsaustauschniveau halten.

Signale wahrnehmen und von der späten Rente verabschieden

Während des Deutschen Kaiserreichs, lag die gesetzliche Grenze für den Bezug einer Rente ab 1889 zunächst bei 70 Jahren. Diese wurde dann auf 65 gesenkt und für bestimmte Arbeitsgruppen aufgelockert. Inzwischen geht der Trend seit 1990 wieder in Richtung einer Anhebung der Lebensarbeitszeit. Seit 2012 wird das Zugangsalter für Regelaltersrenten für jedes folgende Geburtsjahr angehoben. Später geboren zu sein bedeutet heutzutage also länger Arbeiten zu müssen. Zugleich wurden die Möglichkeiten eines vorzeitigen Rentenbezugs abgeschafft bzw. stark eingeengt. „Die Anhebung des Renteneintrittsalters bedeutet in vielen Fällen nicht längeres Arbeiten, sondern eine geminderte Rente. Das kann nicht unser Anspruch sein“, so TK-Chef Baas.

Immerhin waren in den Jahren 2013 bis 2017 zwei Drittel der sozialversicherungspflichtigen Deutschen durchgehend beschäftigt. Sogar 80 Prozent der 35- bis 60-jährigen arbeiteten seit Beginn ihrer Beschäftigungen durchgängig ohne den Verlust von Beitragsjahren. Um die Mitarbeiter länger im Beruf zu  halten, müsse man als Arbeitgeber jedoch das Signal senden sich auch um ihr gesundheitliches Wohlbefinden zu kümmern, rät die TK. Denkbar wäre hier z.B. das Angebot von Seminaren zu den Themen Stress und Ernährung oder die Teilnahme an Sportveranstaltungen und Workshops. Andernfalls können Kampagnen gegen das Rauchen oder ein kostenloses Fitnessstudio auf dem Unternehmensgelände Strategien zur Gesundheitsförderung sein. In den Genuss einer frühzeitigen Rente ohne Abschläge kommen nur langjährig Versicherte, mit 35  oder besonders langjährig Versicherte nach 45 Beitragsjahren.

 

Um die Mitarbeiter länger im Beruf zu halten, müsse man als Arbeitgeber jedoch das Signal senden sich auch um ihr gesundheitliches Wohlbefinden zu kümmern. | Foto: pixabay.com

 

Beschäftigungsanstieg, der nicht lange anhalten wird

Auch Berlin verzeichnet mit einem neuen Höchststand an 97.000 Betrieben einen positiven Trend im Arbeitsmarkt. Gegenüber dem bundesweiten Durchschnitt ist man mit einem Anstieg der Beschäftigungen von vier Prozent auf der Überholspur. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse, Befristung, Leiharbeit und ein Mangel an Auszubildenden könnten in den kommenden Jahren jedoch eine Lücke in die Arbeitswelt der jungen Generation reißen.

„Die guten Rahmenbedingungen müssen deutlich stärker für gute Arbeit genutzt werden. Die Betriebe verlangen zunehmend nach qualifizierten Beschäftigten und klagen über Schwierigkeiten bei der Besetzung offener Stellen. Doch statt mit attraktiven Konditionen um Fachkräfte zu werben, wurden mehr als die Hälfte der neuen Verträge nur befristet abgeschlossen, Tendenz steigend. Das passt nicht zusammen. Wirtschaftlicher Erfolg und gute Arbeit sind kein Widerspruch, sondern bedingen einander. Fachkräftesicherung, Innovation und Wettbewerbsfähigkeit gibt es nur mit auskömmlichen Löhnen, sozialer Sicherheit und fairen, motivierenden Arbeitsbedingungen“, kommentiert Arbeitssenatorin Elke Breitenbach (Linke).

Attraktive Konditionen: Vor allem offen und anpassungsfähig

Angesichts der Studienbefunde und verkürzten Lebensarbeitszeit der Deutschen, werden die Ausgaben der Kranken- und Rentenversicherung in den nächsten Jahren drastisch steigen. Das hätte unter anderem höhere Kassenbeiträge für die Arbeitnehmer zur Folge. Neben einer betrieblichen Gesundheitsförderung plädiert TK-Chef Baas aufgrund dessen für einen Abschied vom einheitlichen Renteneintrittsalter. „Wir brauchen differenzierte Lösungen, die für besonders beanspruchte Berufsgruppen einen früheren Renteneintritt ohne große Abschläge zulassen“, fordert Baas.

 

Durch den vorzeitigen Berufsaustritt der Babyboomer geht ein „enormes Wissens- und Leistungspotenzial“ verloren. | Foto: pixabay.com

Durch den vorzeitigen Berufsaustritt der Babyboomer geht ein „enormes Wissens- und Leistungspotenzial“ verloren. | Foto: pixabay.com

 

Eine der Gesundheit angepasste Beschäftigungsdauer zu attraktiven Konditionen kann ein motivierender Faktor für den Beginn einer Ausbildung sein. Vor dem Hintergrund eines zu erwartenden, massiven Fachkräftemangels, ist ein solches Entgegenkommen der staatlich Zuständigen gefordert – auch um mehr besetzte Ausbildungsplätze zu garantieren. (cn)

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