Der gläserne Patient: Was passiert mit unseren digitalen Gesundheitsdaten? | Foto: pixabay.com

Der gläserne Patient: Was passiert mit unseren digitalen Gesundheitsdaten?

Für ein simples Physiotherapie-Rezept fährt man durch die halbe Stadt. In der Arztpraxis erreicht man auch nach zwei Wochen Urlaub niemanden wegen der Laborergebnisse. Arztbriefe, Befunde, Rezepte und Diagnosen hinterlassen nicht nur bei uns Zuhause, sondern auch in Arztpraxen Stapel an Papier. Im Gegensatz zur Kontoführung ist bei der Gesundheitsakte selten alles an einem Ort – und schon gar nicht an unserem. Mitgliederstarke Krankenkassen wie die Techniker Krankenkasse (TK) und die Allgemeine Ortskrankenkasse (AOK) testeten bereits mobilere Variante die eigenen Gesundheitsdaten übersichtlich und digital zu speichern.

Was man in die elektronische Gesundheitskarte (eGK) seit zehn Jahren nicht integrierte, soll nun mithilfe einer digitalen Gesundheitsakte möglich werden. TK-Safe heißt die elektronische Patientenakte der Techniker, die alle Daten der bisherigen Chipkarte und erstmalig alle Papierstapel in sich vereint. Auch die Allianz Versicherung und die junge Online-Banking Plattform N26 schlossen sich zur Entwicklung einer „mobilen Gesundheitsakte“ zusammen. In die App Vivy können alle medizinischen Daten eingetragen, verwaltet und nur mit den zuständigen Ärzten geteilt werden. Der Patient behält bei Vivy sowie bei TK-Safe und dem Angebot der AOK die Datenhoheit. Alle Gesundheitsdaten können, solange nicht mit entsprechenden Ärzten geteilt, nur auf dem Smartphone oder der elektronischen Akte online abgerufen werden. Ziel ist es Mehrfachbehandlungen und Doppelmedikationen zu vermeiden sowie mehr Selbstbestimmung für die Patienten zu gewährleisten.

 

Unübersichtlich für Patienten: Unsere Gesundheitsdaten liegen meist an vielen verschiedenen Orten – viele davon auch noch auf den Servern der Arztpraxen. | Foto: pexels.com

 

Nicht länger warten mit den Daten

Das Angebot umfasst alle medizinischen Daten wie Rezepte, Diagnosen, Laborergebnisse, Medikamenteneinnahmen, Terminvereinbarungen und Erinnerungsfunktionen. Diese medizinischen Daten sollen in den digitalen Systemen dezentral zusammengeführt werden. Durch bisherige Kooperationen mit Kliniken und Praxen können die drei Anbieter zukünftig bundesweit über 35 Millionen Patienten erreichen. Der Umstieg auf die digitale Patientenakte ist dabei freiwillig und kostenlos. Einheitliche Standards und ein bundesweit angeschlossenes Datensystem sind bisher noch nicht aufgebaut. Das Bundesgesundheitsministerium unter Jens Spahn (CDU) erarbeitet derzeit den Aufbau der digitalen Gesundheitsakte, die  Einführung ist für 2021 geplant. Parallel ist man bisher mit dem weiteren Vorantreiben der eGK beschäftigt. Etwa auf der Karte gespeicherte Gesundheits- und Notfalldaten, die der Patient immer dabei hat, sollen die eGK zukünftig nützlicher machen.

Sowohl die TK als auch die AOK führten repräsentative Umfragen durch, die ihnen bestätigten, dass ein Warten auf den digitalen Schritt der Bundesregierung nicht nötig sei. Die durch den AOK Bundesverband in Auftrag gegebene YouGov-Umfrage verdeutlichte: 82 Prozent der Deutschen sprechen sich für eine Zusammenführung ihrer medizinischen Daten in einer digitalen Gesundheitsakte aus. Mehr als zwei Drittel würden ein vorhandenes Angebot nutzen, während 78 Prozent die vorausgesetzte Datenhoheit befürworten. „Das reine Vorhalten von Daten bietet keinen Mehrwert, wir müssen aus ihnen Informationen machen, damit sie unseren Versicherten nutzen. Und vor allem müssen sie selbst die Hoheit über ihre eigenen Daten bekommen“, so TK-Vorstand Jens Baas.

TK-Safe und Vify bieten alle Gesundheitsdaten an einem Ort

Vify bietet neben der Verwaltung aller medizinischen Dokumente auch einen persönlichen Gesundheitscheck an. Medizinische Unterlagen werden durch ein paar Klicks über einen verschlüsselten Link von den Ärzten abgefragt. Dazu müssen die entsprechenden Arztpraxen das Angebot auch nutzen. Mithilfe des Blutbildes und anderer hinterlegter Daten ermittelt Vify das biologische Alter des Patienten. Auf einen Klick können auch Termine vereinbart oder eventuelle Wechselwirkungen bei der verschriebenen Medikation eingesehen werden. Notfalldaten und –kontakte können auch bei gesperrtem Bildschirm jederzeit abgerufen werden. Neben der Allianz sind bereits die DAK-Gesundheit, die Bahn BKK, die IKK Classic, Barmenia, Gothaer und die Süddeutsche Krankenversicherung mit an Bord. So werden durch weitere Kooperationen mit insgesamt 90 gesetzlichen und vier privaten Krankenkassen zukünftig 25 Millionen Bundesbürger erreicht.

 

Die digitale Gesundheitsassistentin Vivy auf dem Smartphone. | Foto: Vivy

 

Manuell kann der Patient die medizinische Historie der TK-Safe Gesundheitsakte durch eigene Daten ergänzen. Baute man das TK-Safe Angebot in die Basisleistungen der Krankenkasse mit ein, erreichte man die 11 Millionen Mitglieder. Interessensbekundungen habe man von vielen Kliniken erhalten, die zusammen mehr als die Hälfte aller deutschen Krankenhausbetten abdecken, so die TK. So könnten Befunde nach der Entlassung direkt an die digitale Akte des Patienten zur Vorstellung beim Hausarzt übermittelt werden. Zur Entwicklung der App, die Ende des Jahres herauskommt, arbeitete die Versicherung mit IT-Dienstleister IBM zusammen. Bisher läuft die Testphase für die sich alle TK-Mitglieder bei Interesse online registrieren können.

Digitale Vorteile erzielen große Reichweite

Die AOK testete ihr Angebot bislang ausschließlich in zwei Kliniken in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Nun kooperiere man jedoch mit Vivantes und der Sana Kliniken AG, zwei der größten sowohl kommunalen als auch privaten Klinikkonzerne. Bei einem erfolgreichen Ausbau könnten die 26 Millionen Mitglieder freiwillig auf die Nutzung der elektronischen Akte umsteigen. Umgerechnet stünden also alle drei Angebote zusammen in näherer Zukunft über 60 Millionen Bundesbürgern zur Verfügung.

Schnelle Prozesse, keine Postwege, wenig Papierkram und alle Daten selbstbestimmt und selbstverwaltet auf einen Blick. Permanent selbst auf dem neuesten Stand über die eigene Gesundheit zu sein, ermöglicht dem Patienten auch eine stärkere Souveränität. Patienten können in Arztgesprächen eine andere Position einnehmen. Auch für die interprofessionelle Kommunikation zwischen behandelnden Ärzten ist die Gesundheitsakte förderlich. Diagnosen und Therapieentscheidungen werden durch die strukturierte Einsicht so von mehreren Ärzten unterstützt.

 

Laborergebnisse, Röntgenbilder, Blutbilder: Direkt nach der Untersuchung übermittelt der Arzt aktualisierte Gesundheitsdaten an die App. | Foto: pixabay.com

Laborergebnisse, Röntgenbilder, Blutbilder: Direkt nach der Untersuchung übermittelt der Arzt aktualisierte Gesundheitsdaten an die App. | Foto: pixabay.com

 

Wer wacht wo über welche Daten?

Neben Fehldiagnosen auf die sich ein folgender Arzt möglicherweise verlässt, bleiben jedoch auch datenschutzrechtliche Fragen bisher offen. Kann eine komplette Verschlüsselung der Daten gewährleistet werden? Wem sollen die Daten zukünftig noch zur Verfügung stehen? Können sie zu Forschungszwecken abgerufen werden? Um diese Fragen vor den Krankenkassen und Unternehmen jedoch richtig für sich beantworten zu können, braucht es eine digitale Gesundheitskompetenz. Kritiker und Verbraucherzentralen pochen außerdem auf einheitliche Standards des Staates, die dem derzeitigen Konkurrenzrennen der Krankenkassen und Unternehmen entgegenstehen.

Mit Blick auf das Abwerben von Mitgliedern und die Zusammenarbeit mit Banken wie der N26, dem IT-Dienstleister IBM oder privaten Klinikgruppen, scheinen die jeweiligen Apps nicht nur die bestmögliche Behandlung ermöglichen zu wollen. Obwohl alle Angebote bislang kostenlos sind, stehen Daten heutzutage als wertvollste Währung im Kurs. TK-Vorstand Jens Baas betonte, dass es bei der technischen Basis elektronischer Akten unter den Krankenkassen keinen Wettbewerb geben solle. Denn Daten sollten bei Kassenwechseln mitgenommen werden können, wie die Frankfurter Rundschau berichtete. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz bemerkte jedoch, nur der Staat könne höchste Sicherheitsstandards garantieren. Bundesgesundheitsminister Spahn solle deshalb hierzu in näherer Zukunft ein Bundesamt für Digitalisierung im Gesundheitswesen schaffen. Mit den einheitlichen Standards ist allerdings vor 2021 nicht zu rechnen.

 

Der gläserne Patient: Kann eine komplette Verschlüsselung der Daten gewährleistet werden? Wem sollen die Daten zukünftig noch zur Verfügung stehen? | Foto: pixabay.com

Der gläserne Patient: Wem sollen die Daten zukünftig noch zur Verfügung stehen? | Foto: pixabay.com

 

Höhere Gesundheitskompetenz

Die elektronischen Gesundheitsakten werben derzeit mit schnelleren Prozessen und einer besseren Aufklärung über die eigenen Gesundheitsbedürfnisse. Um diese verbesserte Form der Versorgung für die breite Masse der Bevölkerung zugänglich zu machen, sind weitere Informationsangebote essentiell . Zudem sollten Workshops den Zugang auch für ältere Patienten ermöglichen, die möglicherweise eine Hemmschwelle gegenüber dem Digitalen zu überwinden haben.

Darüber hinaus muss, wie bei allen jungen Angeboten, das Netz an Kooperationspartnern, vordergründig in Bezug auf kleinere, lokale Praxen stärker ausgebaut werden. Damit gewährleistet ist, dass nicht nur ein Teil der relevanten medizinischen Dokumente in der App verwaltet und der Rest unbeachtet liegen gelassen wird. (cn)

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