Das wird teuer und lange dauern: Enormer Sanierungsbedarf an Berliner Hochschulen. | Foto: HU Berlin/ Matthias Heyde

Das wird teuer und lange dauern: Enormer Sanierungsbedarf an Berliner Hochschulen

Ein am Montag vorgestelltes Gutachten der rheform GmbH im Auftrag der Berliner Hochschulen konstatiert ein erschreckendes Ergebnis: Ein tropfendes Dach einer Philologischen Bibliothek, ein 100 Jahres altes Physikgebäude, dessen Labore nur unter hohen Kosten und wenig energiesparend betrieben werden können. Brandschutz, der sogar veralteter ist als am BER. Die elf Berliner Hochschulen haben einen massiven Sanierungsbedarf. Laut dem Gutachten liegt der Instandsetzungsbedarf der vier großen Universitäten und sieben Hochschulen bei ganzen 3,2 Milliarden Euro.

Ursprünglich schätzte die Berliner Politik den Finanzierungsbedarf auf die Hälfte des jetzigen Mehrbedarfs. Lediglich ein Drittel des Betrages ist bereits durch den 2015 eingerichteten „Investitionspakt Wissenschaftsbauten“ des Landes Berlin gedeckt. Den restlichen Bedarf von insgesamt 2,3 Milliarden Euro plant die Wissenschaftsverwaltung über die nächsten 15 Jahre abzubauen. Hierzu entwickelte man in Zusammenarbeit mit den Hochschulen ein „Sechs-Punkte-Sofortplan“, um vor allem Verwaltungs- und Planungsverfahren zu beschleunigen.

 

„The Brain“: Die Philologische Bibliothek an der FU sieht modern aus, das Dach tropft jedoch schon seit Jahren. | Foto: FU Berlin/ David Ausserhofer

 

Ein Drittel der Ausgaben gedeckt, 15 Jahre für den Mehrbedarf

„Das Gutachten hilft uns nun, gemeinsam mit dem Senat und Abgeordnetenhaus weitere notwendige Investitionen zu sichern. Wir können die unterschiedlichen Bedarfe der Hochschulen besser vergleichen, Prioritäten formulieren und mittelfristig eine gemeinsame Entwicklungsstrategie für den gesamten Hochschulstandort erarbeiten“, sagte Steffen Krach, Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung bei der Präsentation.

Insgesamt hat das Unternehmen rheform  1,1 Millionen Quadratmeter Nutzfläche von 461 der 604 Berliner Hochschulgebäude untersucht. Umgerechnet sind das 88 Prozent der Gebäude, von denen 100 Prozent eine erheblich intensivere Instandsetzung benötigen als bisher angenommen. Mit 233 Bauvorhaben soll der bis 2026 laufende „Investitionspakt Wissenschaftsbauten“ erweitert werden. Für den noch zu deckenden Sanierungsbetrag von 2,3 Milliarden stellt sich die Wissenschaftsverwaltung jährliche Investitionen von 156 Millionen Euro vor. So wäre der Sanierungsstau in den nächsten 15 Jahren aufgelöst. Bereits in der Doppelhaushaltsplanung 2019 bis 2023 will Krach die Mittel fest verankert wissen. Im Voraus werden die hohen Summen in Etatverhandlungen durchgesetzt werden müssen, sodass erste Tranchen bereits 2020/21 zur Verfügung stehen. Diese sollen sich aus dem Sondervermögen SIWANA speisen, welches durch Haushaltsüberschüsse der letzten Jahre getragen wird. Auch der Bund soll helfen die Kosten zur Förderung und Modernisierung des Berliner Wissenschaftsstandortes zu stemmen.

 

Zur Förderung des Wissenschaftsstandortes soll auch der Bund an Berlins Hochschulen finanziell mitwirken. | Foto: pexels.com

 

Berliner Hochschulen werden Bauherren

Von der 3,2 Milliarden teuren Instandsetzung der Hochschulen, sind 2,3 Milliarden für die tatsächlichen Bauvorhaben vorgesehen. Für den Umzug und die Auslagerung der Lehrtätigkeit während der Baumaßnahmen, veranschlagten die Gutachter 900 Millionen. Sie dienen Zweitmaßnahmen wie  provisorischen Hörsälen. Hierzu wird innerhalb des „Sechs-Punkte-Sofortplanes“ eine Prioritätsliste mit den dringendsten Projekten erstellt, deren Reihenfolge die Hochschulen bestimmen könnten. Die Verfügung über die einzelnen Planungsschritte würde ihre Souveränität zusätzlich stärken. Man plant die Hochschulen bei der Mehrheit der Projekte auch als Bauherren einzusetzen. Wissenschaftsstaatssekretär Krach (SPD) verdeutlichte die Hochschulen seien dazu bereit und hätten in der Vergangenheit auch bewiesen hierzu „fähig“ zu sein.

Für Bautätigkeiten jenseits von Summen über fünf Millionen Euro war die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung bislang verantwortlich. Nun sollen die Hochschulen in den Chefsessel rücken, vorausgesetzt man baue ihre personellen Kapazitäten in den Bauabteilungen aus. Christian Thomsen, Präsident der Technischen Universität Berlin (TU), rechnete mit einem zusätzlichen Mitarbeiter pro fünf Millionen Euro Bauetat.

FU ist in bedenklichstem Zustand

Die meisten neuen Mitarbeiter und größten Umbrüche wird es dementsprechend wohl an der Freien Universität Berlin (FU) geben. Mit 810 Millionen Euro schlagen die Instandsetzungskosten der FU am teuersten zu Buche. Direkt gefolgt von der TU, bei der das Gutachten einen Bedarf von 757 Millionen Euro anmeldete. Beiden Institutionen werden deckungsgleich 19 Prozent ihrer Objekte als in „schlechtem Zustand“ attestiert. Allein die Grundsanierung der Dahlemer Chemiegebäude in der Arnimallee und Takustraße sollen 100 Millionen Euro kosten. Während an der TU 2020 ein neues Physikgebäude für rund 67 Millionen Euro ansteht.

 

Die FU ist mit 810 Millionen Euro Instandsetzungsbedarf im bedenklichsten Zustand. | Foto: FU Berlin/ Bernd Wannenmacher

 

In deutlichem Abstand zu derartig maroden Zuständen steht die Humboldt-Universität zu Berlin (HU). Ihren Einrichtungen  bescheinigten die Gutachter dank der Sanierungen der letzten Jahre einen „soliden baulichen Zustand“. Durch große Einzelprojekte wie die Sanierung der Invalidenstraße 110 und des Hauptgebäudes Unter den Linden, kommt sie dennoch auf 320 Millionen Euro Sanierungsbedarf. Die Universität der Künste (UdK) bildet mit 134 Millionen das Schlusslicht der großen Berliner Universitäten. Noch weniger Bauvorhaben müssen an der Kunsthochschule Weißensee und der Hochschule für Wirtschaft und Recht mit jeweils 8 Millionen Euro geplant werden.

Vorausschauendes Bauen

Kritik an den erschreckenden Summen wird selbstverständlich laut, da in Berlin auch zahlreiche Schulen, Krankenhäuser und Straßen saniert werden müssen. Das detaillierte Gutachten ersetzt jedoch die vagen Schätzungen der letzten Jahre, die in Berlin traditionell sowieso zu niedrig liegen. Den Berliner Hochschulen, die insgesamt 150.000 Studierende ausbilden, wird zudem der Rücken gestärkt.

Martin Rennert, Präsident der UdK, weißt sogar in die Richtung einer zukunftsorientierten Kapazitätenplanung, wie die Berliner Zeitung berichtet. Bei derartig langer Laufzeit könne man sich nicht nur auf unmittelbare Schäden wie undichte Dächer und Brandschutzverordnungen konzentrieren. Auch Neubauprojekte für die Unterbringung der zukünftig zahlreicheren Studierenden müsse man aufgreifen.

 

Um den Bedarf der steigenden Studierendenzahlen zu decken, sollte man im Zuge der Sanierung auch mit der Ergänzung durch Neubauten beginnen. | Foto: HU Berlin/ Heike Zappe

Um den Bedarf der steigenden Studierendenzahlen zu decken, sollte man im Zuge der Sanierung auch mit der Ergänzung durch Neubauten beginnen. | Foto: HU Berlin/ Heike Zappe

 

Bildungsministerin skeptisch gegenüber Theorie-Förderung

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) zeigte sich kürzlich jedoch abwehrend gegenüber der Förderung von Wissenschaft, die sie als zu wenig marktgängig, allgemeinverständlich und zu theoretisch einschätzte. Darauffolgend fasste der Tagesspiegel ihre kontroversen Äußerungen gegenüber dem Naturwissenschaftsmagazin „Spektrum Wissenschaft“ zusammen. Die Wissenschaft müsse „aus ihrem Kämmerchen kommen“, hatte Karliczek bereits bei Amtsantritt verlauten lassen. Nun müssen Wissenschaftler, darunter die Forschungsabteilungen der Hochschulen, ihrer Meinung nach mit praktischen, fassbaren Ergebnissen „Rechenschaft“ für ihre Finanzierung ablegen. Normalbürger könnten die hohen Finanzspritzen sonst nicht nachvollziehen, die in solche Einrichtungen flössen.

 

Die Wissenschaft muss aus ihrem „Kämmerchen“ kommen, meint Bundesbildungsministerin Anja Karliczek. | Foto: pexels.com

 

„Wir brauchen mehr Tüftler, also nicht nur Leute, die Dinge in der Theorie durchdenken, sondern auch solche, die daraus schneller praktische Ergebnisse generieren. (…) In der Wissenschaft wird es in den kommenden Jahren nicht in erster Linie um zusätzliches Geld gehen, sondern um die Frage, ob die Schwerpunkte noch die Richtigen sind“, sagte Karliczek der „Spektrum Wissenschaft“. Ihre Äußerung waren mehrheitlich als Abwertung der Grundlagenforschung verstanden worden. Den theorieorientierten Universitäten hielt sie in diesem Zusammenhang die anwendungsbasierten Fachhochschulen vor. Da Qualität zudem nicht entstünde „indem Festsummen überwiesen werden“, stellte sich die Frage, ob sich Hochschulen zukünftig um einen großen Teil ihrer Mittel wettbewerblich bewerben sollten. Deutsche Hochschulen zeigten sich von den Aussagen irritiert.

Geringere Berliner Verwaltungshürden

Staatssekretär Krach wird aktiv und mit viel Durchhaltevermögen für die fehlenden Summen werben müssen. Auch gemeinsam mit den Hochschulen wird das nicht auf einen Schlag passieren. „Der 6-Punkte-Sofortplan dient der Beschleunigung unserer Prozesse. Der auf Vorschlag der TU, zwischen den Hochschulen und der Politik vereinbarte Baukorridor gibt uns zudem Planungssicherheit und stärkt unsere Hochschulautonomie“, so Thomsen. Über vereinfachte Planungsverfahren und allem voran beschleunigte Verwaltungsschritte ist sich Berlin zumindest schon einig. (cn)

 

 

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