Das Comeback der Tram in der City West lässt auf sich warten

Die Verkehrsmittel der Menschheit haben sich von Jahrhundert zu Jahrhundert, von Erfindung über Erfindung und von Geschichte zu Geschichte gänzlich verändert. Angefangen mit Pferdekutschen, hin zu Draisinen, über den Zug, die Tram, den Bus und die Bahn bis zum Automobil und dem Flugzeug und – zwar noch in der Testphase – zu selbstfliegenden Taxidrohnen, die bis zu zwei Personen gleichzeitig von A nach B transportieren können. Dabei spielt der Verlauf der Geschichte vor allem in Deutschland eine enorm wichtige Rolle.

Die Geschichte der Straßenbahn verläuft vom großen Hype, über das Aussterben bis hin zu ihrer Wiederentdeckung immer wieder auf und ab. Damals am 1. Januar 1929 wurde die Straßenbahn, von der ehemals Berliner Straßenbahn Betriebs GmbH, in die neu gegründete städtische Berliner Verkehrs-AG (heutige BVG) überführt. Insgesamt 93 Straßenbahn- Linien, mit einer Gesamtlänge von 643 Kilometern betrieb die BVG im Jahr 1930. Alles in allem wurden mit rund 4000 Fahrzeugen 721 Millionen Fahrgäste befördert. Zu jener Zeit verfügte Berlin über das längste Straßenbahnnetz der Welt und war die Straßenbahn-Metropole schlechthin. Im zweiten Weltkrieg jedoch, wurden mehr als 80 Prozent des Straßenbahnnetzes zerstört und bereits vor der Teilung Berlins in West und Ost wurden auch die Berliner Nahverkehrsbetriebe in West und Ost getrennt.

Im Westen was Neues

Im Westen unterhielt die BVG 1958 noch ein 230 Kilometer langes Straßenbahnnetz. Der Bau der Mauer im August 1961 zementierte die Spaltung der Stadt- und die der Straßenbahn. Der Westen wollte – nach amerikanischem Vorbild – die Stadt autogerecht umgestalten. Um für die Automobile Platz zu schaffen, stoppten sie Investitionen in den Ausbau des Straßenbahnnetzes und förderten stattdessen den Ausbau neuer U-Bahn-Strecken. Der öffentliche Nahverkehr sollte unter der Erde verschwinden, damit die Symbole der Wirtschaftswunderzeit genügend Platz hatten.

Der Osten hinkte hinterher

Auch im Osten wurden die Weichen weg von der Straßenbahn und hin zum Automobil gestellt, allerdings etwas langsamer. Vor allem aus der Innenstadt sollte die Straßenbahn möglichst verschwinden. Praktisch wurde dies auch umgesetzt: Der Alexanderplatz, ehemaliger Knotenpunkt für Tramlinien, wurde Ende der 60er Jahre straßenbahnfrei. Doch dann ging der DDR das Geld aus. Der U-Bahnhof Tierpark war tatsächlich der einzige unterirdische U- Bahnhof, der in 40 Jahren DDR entstanden ist.

Wiedervereint und was jetzt?

Berlin ist zwar seit 1989 wieder vereint, aber das Straßenbahnnetz ist es nicht. Die verkehrstechnische Teilung der Stadt lässt sich bis heute beobachten. Nach rund 30 Jahren Wiedervereinigung hat es die Straßenbahn gerade einmal an drei Stellen geschafft, in den einstigen Westteil vorzudringen. Vom Prenzlauer Berg, über die Böse Brücke bis in den Wedding zum Virchow- Klinikum. Seit 2000 fährt die Bahn auch wieder über die Warschauer Brücke wenige Meter nach Kreuzberg hinein. Und erst mit Eröffnung des Hauptbahnhofes wurde auch die Anbindung dessen an die Straßenbahn umgesetzt.

Willy Brandt prophezeite 1965 noch das Aussterben der Straßenbahn. Mittlerweile wurde das damals gefällte Urteil revidiert. Auf Drängen der Grünen und der Linken wurde letztes Jahr ein detailliertes Programm zum Ausbau des Tram-Netzes in das Regierungsprogramm von rot-rot-grün mit aufgenommen. Im Gegensatz zu früher, soll jetzt wieder für den Nahverkehr geworben werden, um die Menschen davon zu überzeugen, das Auto in der Stadt auch einmal stehen zu lassen. Eine paradoxe Situation von ausgesprochener Relevanz. Niemals zuvor in der Geschichte der Menschheit standen wir vor einem so großen Problem wie heute: Dem Klimawandel. Durch Verbrennungsmotoren, Abgase, Stickoxide, einer extrem schadstoffbelasteten Energieversorgung und der kontinuierlichen Ausbeutung natürlicher Rohstoffe, beschleunigen wir den Klimawandel wie nie zuvor. Gerade jetzt ist der Schritt zurück, hin zu einer sauberen Umwelt und schadstoffarmen Verkehrsbetrieben extrem wichtig.

Programm? Ja! Ausbau der Tram? Naja…

Momentan ist das Straßenbahnnetz in Berlin 193 Kilometer lang. Laut Berliner Morgenpost besitzt Berlin damit das drittlängste Straßenbahnnetz in der Welt, nach Melbourne und St. Petersburg. Derzeit betreibt die BVG 22 Linien und verfügt über 336 Fahrzeuge. Letztes Jahr nutzen rund 194 Millionen Menschen die Straßenbahn. Doch obwohl ein Programm für den Ausbau des Tram- Netzes im Regierungsprogramm verankert ist, gestaltet sich die Umsetzung als zäh und langwierig. Viele Projekte, welche auch schon vom ehemaligen Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) initiiert wurden, verzeichnen bis heute kaum einen Fortschritt. Dies liegt vor allem daran, dass sich sowohl Senat als auch Bezirk bisher nicht auf eine Streckenführung einigen konnten.

Für drei Vorhaben arbeitet die BVG im Auftrag des Senats an den Unterlagen für die sogenannte Planfeststellung, welche die Grundlage für eine spätere Baugenehmigung darstellen. Im Bezirk Moabit soll die Strecke, welche unweit vom Hauptbahnhof endet, bis in den Westen zum U-Bahnhof Turmstraße erweitert werden. Somit würde eine neue Ost-West-Route entstehen, die die Straßenbahn mit der U-Bahn-Linie U9 verbindet. Des Weiteren soll die Anbindung, an den immer wichtiger werdenden Standort Ostkreuz, umgesetzt werden. Die Straßenbahn, die jetzt noch einen Bogen fährt, soll an die Station herangeführt werden. Zukünftig ist eine Strecke geplant, die über die Sonntag- zur Marktstraße führt. Und auch im Standort Adlershof sollen die Straßenbahnverbindungen ausgebaut werden.

Die Neubauprojekte für den Ausbau der Straßenbahn gestalten sich äußerst schwierig. Die Vorbereitungen und Ausführungen werden immer komplizierter. Zu spüren bekommen dies vor allem die Fahrgäste, die täglich auf die Straßenbahn angewiesen sind oder auf den Ausbau der Verbindungen warten müssen. Bereits jetzt zeigt sich, dass der bisherige Zeitplan nicht mehr einzuhalten ist. „Hier zeigt sich die Selbstlähmung der Berliner Verwaltung“, sagte Jens Wieseke vom Fahrgastverband IGEB der Berliner Zeitung bereits im August.

Die Zukunft der Tram im Westteil der Stadt bleibt also weiterhin offen. (red)

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