Das wird teuer und lange dauern: Enormer Sanierungsbedarf an Berliner Hochschulen

Ein am Montag vorgestelltes Gutachten der rheform GmbH im Auftrag der Berliner Hochschulen konstatiert ein erschreckendes Ergebnis: Ein tropfendes Dach einer Philologischen Bibliothek, ein 100 Jahres altes Physikgebäude, dessen Labore nur unter hohen Kosten und wenig energiesparend betrieben werden können. Brandschutz, der sogar veralteter ist als am BER. Die elf Berliner Hochschulen haben einen massiven Sanierungsbedarf. Laut dem Gutachten liegt der Instandsetzungsbedarf der vier großen Universitäten und sieben Hochschulen bei ganzen 3,2 Milliarden Euro.

Ursprünglich schätzte die Berliner Politik den Finanzierungsbedarf auf die Hälfte des jetzigen Mehrbedarfs. Lediglich ein Drittel des Betrages ist bereits durch den 2015 eingerichteten „Investitionspakt Wissenschaftsbauten“ des Landes Berlin gedeckt. Den restlichen Bedarf von insgesamt 2,3 Milliarden Euro plant die Wissenschaftsverwaltung über die nächsten 15 Jahre abzubauen. Hierzu entwickelte man in Zusammenarbeit mit den Hochschulen ein „Sechs-Punkte-Sofortplan“, um vor allem Verwaltungs- und Planungsverfahren zu beschleunigen.

 

„The Brain“: Die Philologische Bibliothek an der FU sieht modern aus, das Dach tropft jedoch schon seit Jahren. | Foto: FU Berlin/ David Ausserhofer

 

Ein Drittel der Ausgaben gedeckt, 15 Jahre für den Mehrbedarf

„Das Gutachten hilft uns nun, gemeinsam mit dem Senat und Abgeordnetenhaus weitere notwendige Investitionen zu sichern. Wir können die unterschiedlichen Bedarfe der Hochschulen besser vergleichen, Prioritäten formulieren und mittelfristig eine gemeinsame Entwicklungsstrategie für den gesamten Hochschulstandort erarbeiten“, sagte Steffen Krach, Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung bei der Präsentation.

Insgesamt hat das Unternehmen rheform  1,1 Millionen Quadratmeter Nutzfläche von 461 der 604 Berliner Hochschulgebäude untersucht. Umgerechnet sind das 88 Prozent der Gebäude, von denen 100 Prozent eine erheblich intensivere Instandsetzung benötigen als bisher angenommen. Mit 233 Bauvorhaben soll der bis 2026 laufende „Investitionspakt Wissenschaftsbauten“ erweitert werden. Für den noch zu deckenden Sanierungsbetrag von 2,3 Milliarden stellt sich die Wissenschaftsverwaltung jährliche Investitionen von 156 Millionen Euro vor. So wäre der Sanierungsstau in den nächsten 15 Jahren aufgelöst. Bereits in der Doppelhaushaltsplanung 2019 bis 2023 will Krach die Mittel fest verankert wissen. Im Voraus werden die hohen Summen in Etatverhandlungen durchgesetzt werden müssen, sodass erste Tranchen bereits 2020/21 zur Verfügung stehen. Diese sollen sich aus dem Sondervermögen SIWANA speisen, welches durch Haushaltsüberschüsse der letzten Jahre getragen wird. Auch der Bund soll helfen die Kosten zur Förderung und Modernisierung des Berliner Wissenschaftsstandortes zu stemmen.

 

Zur Förderung des Wissenschaftsstandortes soll auch der Bund an Berlins Hochschulen finanziell mitwirken. | Foto: pexels.com

 

Berliner Hochschulen werden Bauherren

Von der 3,2 Milliarden teuren Instandsetzung der Hochschulen, sind 2,3 Milliarden für die tatsächlichen Bauvorhaben vorgesehen. Für den Umzug und die Auslagerung der Lehrtätigkeit während der Baumaßnahmen, veranschlagten die Gutachter 900 Millionen. Sie dienen Zweitmaßnahmen wie  provisorischen Hörsälen. Hierzu wird innerhalb des „Sechs-Punkte-Sofortplanes“ eine Prioritätsliste mit den dringendsten Projekten erstellt, deren Reihenfolge die Hochschulen bestimmen könnten. Die Verfügung über die einzelnen Planungsschritte würde ihre Souveränität zusätzlich stärken. Man plant die Hochschulen bei der Mehrheit der Projekte auch als Bauherren einzusetzen. Wissenschaftsstaatssekretär Krach (SPD) verdeutlichte die Hochschulen seien dazu bereit und hätten in der Vergangenheit auch bewiesen hierzu „fähig“ zu sein.

Für Bautätigkeiten jenseits von Summen über fünf Millionen Euro war die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung bislang verantwortlich. Nun sollen die Hochschulen in den Chefsessel rücken, vorausgesetzt man baue ihre personellen Kapazitäten in den Bauabteilungen aus. Christian Thomsen, Präsident der Technischen Universität Berlin (TU), rechnete mit einem zusätzlichen Mitarbeiter pro fünf Millionen Euro Bauetat.

FU ist in bedenklichstem Zustand

Die meisten neuen Mitarbeiter und größten Umbrüche wird es dementsprechend wohl an der Freien Universität Berlin (FU) geben. Mit 810 Millionen Euro schlagen die Instandsetzungskosten der FU am teuersten zu Buche. Direkt gefolgt von der TU, bei der das Gutachten einen Bedarf von 757 Millionen Euro anmeldete. Beiden Institutionen werden deckungsgleich 19 Prozent ihrer Objekte als in „schlechtem Zustand“ attestiert. Allein die Grundsanierung der Dahlemer Chemiegebäude in der Arnimallee und Takustraße sollen 100 Millionen Euro kosten. Während an der TU 2020 ein neues Physikgebäude für rund 67 Millionen Euro ansteht.

 

Die FU ist mit 810 Millionen Euro Instandsetzungsbedarf im bedenklichsten Zustand. | Foto: FU Berlin/ Bernd Wannenmacher

 

In deutlichem Abstand zu derartig maroden Zuständen steht die Humboldt-Universität zu Berlin (HU). Ihren Einrichtungen  bescheinigten die Gutachter dank der Sanierungen der letzten Jahre einen „soliden baulichen Zustand“. Durch große Einzelprojekte wie die Sanierung der Invalidenstraße 110 und des Hauptgebäudes Unter den Linden, kommt sie dennoch auf 320 Millionen Euro Sanierungsbedarf. Die Universität der Künste (UdK) bildet mit 134 Millionen das Schlusslicht der großen Berliner Universitäten. Noch weniger Bauvorhaben müssen an der Kunsthochschule Weißensee und der Hochschule für Wirtschaft und Recht mit jeweils 8 Millionen Euro geplant werden.

Vorausschauendes Bauen

Kritik an den erschreckenden Summen wird selbstverständlich laut, da in Berlin auch zahlreiche Schulen, Krankenhäuser und Straßen saniert werden müssen. Das detaillierte Gutachten ersetzt jedoch die vagen Schätzungen der letzten Jahre, die in Berlin traditionell sowieso zu niedrig liegen. Den Berliner Hochschulen, die insgesamt 150.000 Studierende ausbilden, wird zudem der Rücken gestärkt.

Martin Rennert, Präsident der UdK, weißt sogar in die Richtung einer zukunftsorientierten Kapazitätenplanung, wie die Berliner Zeitung berichtet. Bei derartig langer Laufzeit könne man sich nicht nur auf unmittelbare Schäden wie undichte Dächer und Brandschutzverordnungen konzentrieren. Auch Neubauprojekte für die Unterbringung der zukünftig zahlreicheren Studierenden müsse man aufgreifen.

 

Um den Bedarf der steigenden Studierendenzahlen zu decken, sollte man im Zuge der Sanierung auch mit der Ergänzung durch Neubauten beginnen. | Foto: HU Berlin/ Heike Zappe

Um den Bedarf der steigenden Studierendenzahlen zu decken, sollte man im Zuge der Sanierung auch mit der Ergänzung durch Neubauten beginnen. | Foto: HU Berlin/ Heike Zappe

 

Bildungsministerin skeptisch gegenüber Theorie-Förderung

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) zeigte sich kürzlich jedoch abwehrend gegenüber der Förderung von Wissenschaft, die sie als zu wenig marktgängig, allgemeinverständlich und zu theoretisch einschätzte. Darauffolgend fasste der Tagesspiegel ihre kontroversen Äußerungen gegenüber dem Naturwissenschaftsmagazin „Spektrum Wissenschaft“ zusammen. Die Wissenschaft müsse „aus ihrem Kämmerchen kommen“, hatte Karliczek bereits bei Amtsantritt verlauten lassen. Nun müssen Wissenschaftler, darunter die Forschungsabteilungen der Hochschulen, ihrer Meinung nach mit praktischen, fassbaren Ergebnissen „Rechenschaft“ für ihre Finanzierung ablegen. Normalbürger könnten die hohen Finanzspritzen sonst nicht nachvollziehen, die in solche Einrichtungen flössen.

 

Die Wissenschaft muss aus ihrem „Kämmerchen“ kommen, meint Bundesbildungsministerin Anja Karliczek. | Foto: pexels.com

 

„Wir brauchen mehr Tüftler, also nicht nur Leute, die Dinge in der Theorie durchdenken, sondern auch solche, die daraus schneller praktische Ergebnisse generieren. (…) In der Wissenschaft wird es in den kommenden Jahren nicht in erster Linie um zusätzliches Geld gehen, sondern um die Frage, ob die Schwerpunkte noch die Richtigen sind“, sagte Karliczek der „Spektrum Wissenschaft“. Ihre Äußerung waren mehrheitlich als Abwertung der Grundlagenforschung verstanden worden. Den theorieorientierten Universitäten hielt sie in diesem Zusammenhang die anwendungsbasierten Fachhochschulen vor. Da Qualität zudem nicht entstünde „indem Festsummen überwiesen werden“, stellte sich die Frage, ob sich Hochschulen zukünftig um einen großen Teil ihrer Mittel wettbewerblich bewerben sollten. Deutsche Hochschulen zeigten sich von den Aussagen irritiert.

Geringere Berliner Verwaltungshürden

Staatssekretär Krach wird aktiv und mit viel Durchhaltevermögen für die fehlenden Summen werben müssen. Auch gemeinsam mit den Hochschulen wird das nicht auf einen Schlag passieren. „Der 6-Punkte-Sofortplan dient der Beschleunigung unserer Prozesse. Der auf Vorschlag der TU, zwischen den Hochschulen und der Politik vereinbarte Baukorridor gibt uns zudem Planungssicherheit und stärkt unsere Hochschulautonomie“, so Thomsen. Über vereinfachte Planungsverfahren und allem voran beschleunigte Verwaltungsschritte ist sich Berlin zumindest schon einig. (cn)

 

 

Wissen was kommt: Migräne-Therapie mit der M-sense App

Kann eine Smartphone-App dazu beitragen Kopfschmerzen, speziell starke Migräne-Anfälle, zu lindern? Bereits 2013 stellte sich der Migräneforscher Dr. Markus Dahlem diese Frage als er mithilfe von mathematischen Analysen die Vorgänge von Migräneattacken belegen konnte.Seiner damaligen, von Migräne geplagten Mitbewohnerin, die erstmals sein Interesse am Thema weckte, konnte er nun auch helfen. Sie führt nun Kopfschmerz-Tagebuch mit der M-sense App.

Während anhaltende elektrische Entladungen von Nerven, den Kopf quälen, können Patienten oft weder das Haus noch ihr eigenes Zimmer verlassen. Von allem geplagt was Geräusche verursacht oder Licht verströmt, sind rund 12 Prozent der Deutschen von Migräne betroffen. Meist wurden sie jedoch nur medikamentös behandelt. Das Berliner Newsenselab-Team hat mit der Entwicklung der App M-Sense eine alternative Behandlung entwickelt, um die extremen Kopfschmerzepisoden für Betroffene vorhersehbar und vor allem kontrollierbar zu machen. Die App ist bereits ein zertifiziertes Medizinprodukt. Als erstes dieser Art, lernt der Algorithmus der App mithilfe künstlicher Intelligenz auch noch dazu und verbessert das Modell für die Benutzer somit stetig.

 

Gründungsgesellschafter der Newsenselab GmbH (vl.n.r.): Simon Scholler, Stefan Greiner, Dr. Markus Dahlem und Martin Späth. | Foto: Newsenselab GmbH / Johannes Windolph

 

Studie zur digitalen Prävention gestartet

„Unser Ziel ist es, die Kopfschmerztage der Betroffenen um mindestens 50 Prozent zu reduzieren“, erklärt CEO und Mitgründer Stefan Greiner. Um dieses Vorhaben zu fundieren, kooperieren die BARMER-Krankenkasse und die Deutsche Telekom, unter wissenschaftlicher Betreuung der Charité für ein gemeinsames Projekt. Hierzu bewerten 1.000 von Kopfschmerzen und Migräne betroffene Mitarbeiter_innen der Deutschen Telekom, ihre Erfahrungen mit M-sense für neun Monate. Die Studie soll das Potenzial der personalisierten und mobilen Migränetherapie von M-sense sichtbar machen, mit der bis zu 40 Prozent der Schmerzattacken nicht-medikamentös reduziert werden können.

Nachdem Benutzer die App mit möglichen Einflussfaktoren der eigenen Migräne gefüttert haben, beobachtet und analysiert M-sense das Krankheitsbild. Anhand mathematischer Modelle warnt M-sense anschließend vor Trigger-Faktoren. Ziel ist es nicht nur die Häufigkeit der Attacken langfristig zu verringern, sondern auch ein individuell abgestimmtes Therapiemodell zu erstellen. Durch Entspannungs- und Bewegungstraining sowie präventive Maßnahmen kann nachgewiesen sogar der Medikamentenkonsum der Migränepatienten reduziert werden. Die von der App automatisch festgestellten Wetterverhältnisse und weitere äußere Einflussfaktoren tragen zum sogenannten Biofeedback der Patienten bei.

 

Nach der Eingabe möglicher Einflussfaktoren der eigenen Migräne, warnt die App anschließend vor Trigger-Faktoren. | Foto: M-sense

 

Arznei durch M-sense Analyse

Im Zuge etlicher Datenskandale der Plattformen und Apps von Internetriesen und kleineren Anbietern, deren Nutzungen erst möglich sind, wenn man der Speicherung und Weiterverwendung jeglicher eigener Daten zustimmt, ist das Konzept von M-sense bereits fortschrittlicher. „Wir werden [mithilfe der Patientendaten] neue biologische Zyklen ausmachen können. Man muss Patienten jedoch auch davor schützen, dass ihre Daten ungenutzt bleiben. Daten sind der Schlüssel zur personalisierten Therapie“, so Dahlem. Benutzer können selbst entscheiden ob sie ihre Daten zur Analyse auf dem Handy lassen, oder mit dem Server synchronisieren möchten.

 

Benutzer können selbst entscheiden ob sie ihre Daten zur Analyse auf dem Handy lassen, oder mit dem Server synchronisieren möchten. | Foto: M-sense / Johannes Windolph

Benutzer können selbst entscheiden ob sie ihre Daten zur Analyse auf dem Handy lassen, oder mit dem Server synchronisieren möchten. | Foto: M-sense / Johannes Windolph

 

Was bei Kopfschmerzen und Migräne beginnt soll sich mit den mathematischen Analysemodellen auch auf andere chronische Krankheiten übertragen lassen. Das vierköpfige Gründerteam von Newsenselab macht es sich zum erklärten Ziel, chronische Krankheiten für Betroffene kontrollierbar zu machen. Sodass diese sie nicht in wiederholtem Maße im Alltag außer Gefecht setzen. (cn)

Der gläserne Patient: Was passiert mit unseren digitalen Gesundheitsdaten?

Für ein simples Physiotherapie-Rezept fährt man durch die halbe Stadt. In der Arztpraxis erreicht man auch nach zwei Wochen Urlaub niemanden wegen der Laborergebnisse. Arztbriefe, Befunde, Rezepte und Diagnosen hinterlassen nicht nur bei uns Zuhause, sondern auch in Arztpraxen Stapel an Papier. Im Gegensatz zur Kontoführung ist bei der Gesundheitsakte selten alles an einem Ort – und schon gar nicht an unserem. Mitgliederstarke Krankenkassen wie die Techniker Krankenkasse (TK) und die Allgemeine Ortskrankenkasse (AOK) testeten bereits mobilere Variante die eigenen Gesundheitsdaten übersichtlich und digital zu speichern.

Was man in die elektronische Gesundheitskarte (eGK) seit zehn Jahren nicht integrierte, soll nun mithilfe einer digitalen Gesundheitsakte möglich werden. TK-Safe heißt die elektronische Patientenakte der Techniker, die alle Daten der bisherigen Chipkarte und erstmalig alle Papierstapel in sich vereint. Auch die Allianz Versicherung und die junge Online-Banking Plattform N26 schlossen sich zur Entwicklung einer „mobilen Gesundheitsakte“ zusammen. In die App Vivy können alle medizinischen Daten eingetragen, verwaltet und nur mit den zuständigen Ärzten geteilt werden. Der Patient behält bei Vivy sowie bei TK-Safe und dem Angebot der AOK die Datenhoheit. Alle Gesundheitsdaten können, solange nicht mit entsprechenden Ärzten geteilt, nur auf dem Smartphone oder der elektronischen Akte online abgerufen werden. Ziel ist es Mehrfachbehandlungen und Doppelmedikationen zu vermeiden sowie mehr Selbstbestimmung für die Patienten zu gewährleisten.

 

Unübersichtlich für Patienten: Unsere Gesundheitsdaten liegen meist an vielen verschiedenen Orten – viele davon auch noch auf den Servern der Arztpraxen. | Foto: pexels.com

 

Nicht länger warten mit den Daten

Das Angebot umfasst alle medizinischen Daten wie Rezepte, Diagnosen, Laborergebnisse, Medikamenteneinnahmen, Terminvereinbarungen und Erinnerungsfunktionen. Diese medizinischen Daten sollen in den digitalen Systemen dezentral zusammengeführt werden. Durch bisherige Kooperationen mit Kliniken und Praxen können die drei Anbieter zukünftig bundesweit über 35 Millionen Patienten erreichen. Der Umstieg auf die digitale Patientenakte ist dabei freiwillig und kostenlos. Einheitliche Standards und ein bundesweit angeschlossenes Datensystem sind bisher noch nicht aufgebaut. Das Bundesgesundheitsministerium unter Jens Spahn (CDU) erarbeitet derzeit den Aufbau der digitalen Gesundheitsakte, die  Einführung ist für 2021 geplant. Parallel ist man bisher mit dem weiteren Vorantreiben der eGK beschäftigt. Etwa auf der Karte gespeicherte Gesundheits- und Notfalldaten, die der Patient immer dabei hat, sollen die eGK zukünftig nützlicher machen.

Sowohl die TK als auch die AOK führten repräsentative Umfragen durch, die ihnen bestätigten, dass ein Warten auf den digitalen Schritt der Bundesregierung nicht nötig sei. Die durch den AOK Bundesverband in Auftrag gegebene YouGov-Umfrage verdeutlichte: 82 Prozent der Deutschen sprechen sich für eine Zusammenführung ihrer medizinischen Daten in einer digitalen Gesundheitsakte aus. Mehr als zwei Drittel würden ein vorhandenes Angebot nutzen, während 78 Prozent die vorausgesetzte Datenhoheit befürworten. „Das reine Vorhalten von Daten bietet keinen Mehrwert, wir müssen aus ihnen Informationen machen, damit sie unseren Versicherten nutzen. Und vor allem müssen sie selbst die Hoheit über ihre eigenen Daten bekommen“, so TK-Vorstand Jens Baas.

TK-Safe und Vify bieten alle Gesundheitsdaten an einem Ort

Vify bietet neben der Verwaltung aller medizinischen Dokumente auch einen persönlichen Gesundheitscheck an. Medizinische Unterlagen werden durch ein paar Klicks über einen verschlüsselten Link von den Ärzten abgefragt. Dazu müssen die entsprechenden Arztpraxen das Angebot auch nutzen. Mithilfe des Blutbildes und anderer hinterlegter Daten ermittelt Vify das biologische Alter des Patienten. Auf einen Klick können auch Termine vereinbart oder eventuelle Wechselwirkungen bei der verschriebenen Medikation eingesehen werden. Notfalldaten und –kontakte können auch bei gesperrtem Bildschirm jederzeit abgerufen werden. Neben der Allianz sind bereits die DAK-Gesundheit, die Bahn BKK, die IKK Classic, Barmenia, Gothaer und die Süddeutsche Krankenversicherung mit an Bord. So werden durch weitere Kooperationen mit insgesamt 90 gesetzlichen und vier privaten Krankenkassen zukünftig 25 Millionen Bundesbürger erreicht.

 

Die digitale Gesundheitsassistentin Vivy auf dem Smartphone. | Foto: Vivy

 

Manuell kann der Patient die medizinische Historie der TK-Safe Gesundheitsakte durch eigene Daten ergänzen. Baute man das TK-Safe Angebot in die Basisleistungen der Krankenkasse mit ein, erreichte man die 11 Millionen Mitglieder. Interessensbekundungen habe man von vielen Kliniken erhalten, die zusammen mehr als die Hälfte aller deutschen Krankenhausbetten abdecken, so die TK. So könnten Befunde nach der Entlassung direkt an die digitale Akte des Patienten zur Vorstellung beim Hausarzt übermittelt werden. Zur Entwicklung der App, die Ende des Jahres herauskommt, arbeitete die Versicherung mit IT-Dienstleister IBM zusammen. Bisher läuft die Testphase für die sich alle TK-Mitglieder bei Interesse online registrieren können.

Digitale Vorteile erzielen große Reichweite

Die AOK testete ihr Angebot bislang ausschließlich in zwei Kliniken in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Nun kooperiere man jedoch mit Vivantes und der Sana Kliniken AG, zwei der größten sowohl kommunalen als auch privaten Klinikkonzerne. Bei einem erfolgreichen Ausbau könnten die 26 Millionen Mitglieder freiwillig auf die Nutzung der elektronischen Akte umsteigen. Umgerechnet stünden also alle drei Angebote zusammen in näherer Zukunft über 60 Millionen Bundesbürgern zur Verfügung.

Schnelle Prozesse, keine Postwege, wenig Papierkram und alle Daten selbstbestimmt und selbstverwaltet auf einen Blick. Permanent selbst auf dem neuesten Stand über die eigene Gesundheit zu sein, ermöglicht dem Patienten auch eine stärkere Souveränität. Patienten können in Arztgesprächen eine andere Position einnehmen. Auch für die interprofessionelle Kommunikation zwischen behandelnden Ärzten ist die Gesundheitsakte förderlich. Diagnosen und Therapieentscheidungen werden durch die strukturierte Einsicht so von mehreren Ärzten unterstützt.

 

Laborergebnisse, Röntgenbilder, Blutbilder: Direkt nach der Untersuchung übermittelt der Arzt aktualisierte Gesundheitsdaten an die App. | Foto: pixabay.com

Laborergebnisse, Röntgenbilder, Blutbilder: Direkt nach der Untersuchung übermittelt der Arzt aktualisierte Gesundheitsdaten an die App. | Foto: pixabay.com

 

Wer wacht wo über welche Daten?

Neben Fehldiagnosen auf die sich ein folgender Arzt möglicherweise verlässt, bleiben jedoch auch datenschutzrechtliche Fragen bisher offen. Kann eine komplette Verschlüsselung der Daten gewährleistet werden? Wem sollen die Daten zukünftig noch zur Verfügung stehen? Können sie zu Forschungszwecken abgerufen werden? Um diese Fragen vor den Krankenkassen und Unternehmen jedoch richtig für sich beantworten zu können, braucht es eine digitale Gesundheitskompetenz. Kritiker und Verbraucherzentralen pochen außerdem auf einheitliche Standards des Staates, die dem derzeitigen Konkurrenzrennen der Krankenkassen und Unternehmen entgegenstehen.

Mit Blick auf das Abwerben von Mitgliedern und die Zusammenarbeit mit Banken wie der N26, dem IT-Dienstleister IBM oder privaten Klinikgruppen, scheinen die jeweiligen Apps nicht nur die bestmögliche Behandlung ermöglichen zu wollen. Obwohl alle Angebote bislang kostenlos sind, stehen Daten heutzutage als wertvollste Währung im Kurs. TK-Vorstand Jens Baas betonte, dass es bei der technischen Basis elektronischer Akten unter den Krankenkassen keinen Wettbewerb geben solle. Denn Daten sollten bei Kassenwechseln mitgenommen werden können, wie die Frankfurter Rundschau berichtete. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz bemerkte jedoch, nur der Staat könne höchste Sicherheitsstandards garantieren. Bundesgesundheitsminister Spahn solle deshalb hierzu in näherer Zukunft ein Bundesamt für Digitalisierung im Gesundheitswesen schaffen. Mit den einheitlichen Standards ist allerdings vor 2021 nicht zu rechnen.

 

Der gläserne Patient: Kann eine komplette Verschlüsselung der Daten gewährleistet werden? Wem sollen die Daten zukünftig noch zur Verfügung stehen? | Foto: pixabay.com

Der gläserne Patient: Wem sollen die Daten zukünftig noch zur Verfügung stehen? | Foto: pixabay.com

 

Höhere Gesundheitskompetenz

Die elektronischen Gesundheitsakten werben derzeit mit schnelleren Prozessen und einer besseren Aufklärung über die eigenen Gesundheitsbedürfnisse. Um diese verbesserte Form der Versorgung für die breite Masse der Bevölkerung zugänglich zu machen, sind weitere Informationsangebote essentiell . Zudem sollten Workshops den Zugang auch für ältere Patienten ermöglichen, die möglicherweise eine Hemmschwelle gegenüber dem Digitalen zu überwinden haben.

Darüber hinaus muss, wie bei allen jungen Angeboten, das Netz an Kooperationspartnern, vordergründig in Bezug auf kleinere, lokale Praxen stärker ausgebaut werden. Damit gewährleistet ist, dass nicht nur ein Teil der relevanten medizinischen Dokumente in der App verwaltet und der Rest unbeachtet liegen gelassen wird. (cn)

Bewerbungsaufruf für die Innovatoren der Hauptstadtregion

Reinhold Hartwig, Geschäftsführer von GA Generic Assays, ist der Stolz anzusehen. Er durfte den Innovationspreis Berlin Brandenburg 2017 mit nach Hause nehmen. Aus seiner Sicht sind Wettbewerbe wie der Innovationspreis Berlin Brandenburg die beste Gelegenheit, um auf das eigene Unternehmen öffentlichkeitswirksam aufmerksam zu machen: „Innovative Produkte müssen auch vermarktet werden. Durch den Innovationspreis haben wir bemerkt, was PR für ein Unternehmen bedeutet“, so Hartwig. „Plötzlich wurden wir auch von der Politik des Landes Brandenburg wahrgenommen. Wer eine innovative Entwicklung vorzuweisen hat, sollte seine Chance nutzen.“

Nun läuft die Bewerbungsphase 2018 und im Rahmen des 2. Innovationsfrühstücks bei der Investitionsbank Berlin (IBB) informierte das Organisationsteam des Wettbewerbs über das Bewerbungsprozedere. Neben Reinhold Hartwig war auch Michael Unbehauen, FU Berlin/DendroPharm (Preisträger 2016), zu Gast und berichtete aus erster Hand über seine Erfahrungen mit dem Innovationspreis: „Nicht zu unterschätzen ist der Effekt, den eine solche Auszeichnung auch auf die Mitarbeiter hat. Die Wertschätzung von außen, die eine hart erarbeitete Entwicklung anerkennt, schafft eine Motivation, die sehr deutlich bei den Mitarbeitern ankommt.“

„Der Gewinn des Innovationspreises stellt eindeutig einen Wettbewerbsvorteil dar“

Die Investitionsbank Berlin (IBB) ist langjähriger Partner und Unterstützer des Innovationspreises. Für Heinz-Joachim Mogge, Abteilungsleiter für Kundenberatung Wirtschaftsförderung der IBB, steht fest: „Der Gewinn des Innovationspreises stellt eindeutig einen Wettbewerbsvorteil dar.“

Der Innovationspreis Berlin Brandenburg ist einer der wichtigsten Wirtschaftspreise der Hauptstadtregion. 1984 in Westberlin ins Leben gerufen, loben die Länder Berlin und Brandenburg seit 1992 den Wettbewerb jährlich gemeinsam aus. Somit ist der Innovationspreis nicht nur traditionsreich, sondern gewinnt in Zeiten von Start-ups und Digitalinnovationen stetig an Bedeutung. Aufgefordert zur Bewerbung sind alle Innovatoren, Entwickler, Gründer und Tüftler der Hauptstadtregion, die zukunfts- und marktfähige Entwicklungen vorzuweisen haben.

Die Innovationen von heute sind die Arbeitsplätze von morgen

Die Arbeitsplätze von morgen werden durch die Innovationen von heute geschaffen und gefördert, so das Credo des Preises. Als Instrument der Wirtschaftsförderung orientiert sich der Wettbewerb daran, dass für die Zukunft der Hauptstadtregion eine dynamische Entwicklung in den Zukunftsbranchen ausschlaggebend sei. Zugleich ist es Ziel des Innovationspreises Berlin Brandenburg, als lebendiger Jahrgangsprozess für engagierte Innovatorinnen und Innovatoren sowie für Innovationsförderer und öffentliche Entscheidungsträger eine breit angelegte und ergebnisorientierte Netzwerkplattform bereitzustellen. Ein reger Austausch und gegenseitige Impulse sind ein fester Bestandteil des Innovationspreises.

 

In diesem Jahr ist es noch einfacher als bisher sich für den Innovationspreis zu bewerben. | Foto: BERLINboxx

 

Bewerbungsphase für den Innovationspreis 2018 noch bis zum 07. Juli

Aktuell ist die Bewerbungsphase noch in vollem Gange. Noch gute drei Wochen, bis zum 7. Juli, besteht die Möglichkeit, seinen Hut in den Ring zu werfen und damit die Chance zu wahren, zu einem der Preisträger 2018 gekürt zu werden. Immerhin gibt es für jeden der bis zu fünf Gewinner auch noch ein Preisgeld von 10.000 Euro abzuräumen. Dabei ist es in diesem Jahr einfacher als jemals zuvor, am Wettbewerb teilzunehmen. Das sogenannte 2-Click-Verfahren über die Homepage des Innovationspreises ist unkompliziert und kann rasch abgeschlossen werden – einer Bewerbung steht also nichts mehr im Weg. Die diesjährigen Innovationspreise werden durch die Vertreter der Wirtschaftsverwaltungen der beiden Länder dann am 30. November im Kommunikationsmuseum in Berlin verliehen. (cn)

Link zur Bewerbung: www.innovationspreis.de/bewerbung/bewerbung.html

Bildung in Berlin: Verschenktes Potenzial

„Bildung ist nicht alles, aber ohne Bildung ist alles andere nichts“ – dieser in Anlehnung an Artur Schopenhauer zugespitzten These würde heutzutage wohl niemand auch nur andeutungsweise widersprechen wollen. Ein weiteres Axiom hat Aristoteles genial auf den Punkt gebracht: „(Aus)Bildung ist der beste Reiseproviant auf dem Weg zum hohen Alter“, schrieb er und erklärte Bildung damit zu einer das gesamte Leben beherrschenden Aufgabe.

So weit, so klar – oder doch nicht? Wer in die Geschichte blickt oder sich im Hier und Heute umschaut, der sieht so einige Errungenschaften, viel häufiger jedoch Erschütterndes. Nur in wenigen Hochphasen konnte Bildung die ihr zustehende Position einnehmen – in der Antike, in der Renaissance oder in der modernen bürgerlichen Gesellschaft. Sonst herrscht überwiegend Dunkelheit. Bildung war über Jahrhunderte eine Machtfrage und erst seit einigen Jahrzehnten besteht zumindest theoretisch die Möglichkeit zur allumfassenden Bildung der Mehrheit der Gesellschaft.

Besonders das Internet scheint jegliche Bildungsgrenzen zum Einsturz gebracht zu haben. Jedem steht nahezu jede Informationsquelle offen. Kein Thema, worüber im World Wide Web nichts zu finden wäre. Doch das genau ist das Problem. Um die neuen Möglichkeiten wirklich nutzen zu können, bedarf es staatlicher Fürsorge mit gleichen Bildungschancen für alle. Wie lange darum schon gerungen wird beweist Konfuzius. „Bildung soll allen zuganglich sein. Man darf keine Standesunterschiede machen“, forderte er – Worte, die heute genauso aus irgendeinem Parteiprogramm oder aus jeder beliebigen Bildungsbroschüre stammen konnten.

Spielball der Politik

Die Forderung nach mehr und besserer Bildung ist auch vor Ort Quelle heftiger Debatten. Jahrelang Spielball der Parteien stehen wir heute im Wortsinne vor den Trümmern verfehlter Bildungspolitik. Ein ganzes System ist ins Wanken geraten und es ist völlig unklar, ob es wieder stabilisiert werden kann oder ob es in den kommenden zum bildungs- politischen Kollaps kommt, der den Standort Berlin wirtschaftlich, politisch und kulturell schwer schädigen würde.

Besonders verheerend ist die Lage in den Schulen. Rasant wachsende Schülerzahlen, akuter Lehrermangel, fehlende oder ruinierte Schulgebäude en masse und eine auch hier überhandnehmende Bürokratie ergeben ein Gemisch, dessen Unverträglichkeit neben den Kindern und Jugendlichen zunehmend auch die Berliner Unternehmen zu spüren bekommen. So ist zum Beispiel der Mangel an geeigneten Auszubildenden nicht allein dem demografischen Wandel zuzuschreiben. Mitverantwortung trägt auch eine in vielen Fällen praxisferne und unzeitgemäße Schulbildung.

Was tun?

Warum ist Jugendarbeitslosigkeit trotz Fachkräftemangel in der Bundeshauptstadt noch so hoch? Was bedeutet die Lage im Bildungswesen für den Wirtschaftsstandort? Welche Möglichkeiten der Nachwuchsgewinnung haben die Unternehmen? Was kann die Wirtschaft selber tun, um die Ausbildungssituation zu verbessern? Diesen und anderen Fragen zum Thema (Aus)Bildung werden wir im Folgenden nachgehen.

Bildungspolitischer Aufbruch

Eines der größten Probleme in Berlin ist derzeit die vergleichsweise hohe Jugendarbeitslosigkeit, trotz steigendem Fachkräftemangel. Jeder achte Teenager unter 20 Jahren ist derzeit in der Hauptstadt ohne Job (im Marz 2018 genau 13.267 junge Menschen). Die Folgen der Experimente in der Bildungspolitik der vergangen zwei Jahrzehnte sind noch überall spürbar und müssen durch einen bildungspolitischen Aufbruch schnell behoben werden. Zusätzliche Gelder für die Bildungsinfrastruktur, insbesondere Ganztagsschul- und Betreuungsangebote, Digitalisierung und berufliche Schulen werden versprochen. Aber Geld allein genügt nicht. Genauso wichtig sind klare politische Vorgaben.

 

Trotz steigendem Fachkräftemangel verzeichnet Berlin eine hohe Jugendarbeitslosigkeit | Quelle: BA

Trotz steigendem Fachkräftemangel verzeichnet Berlin eine hohe Jugendarbeitslosigkeit | Quelle: BA

 

Ursachenforschung

Experten vermuten, dass einer der Auslöser für die hohe Arbeitslosenquote unter Jugendlichen die Schulbildung ist. Die schlechte Platzierung beim bundesweiten Ranking des INSM-Bildungsmonitors 2017, spricht für diese Annahme. Dort landete die Hauptstadt auf dem untersten Rang – Platz 16. Eine Konsequenz der harten Sparmaßnahmen im Bildungssektor in den letzten Jahren. Es fehlt an Lehrern und an zeitgemäßer Ausstattung. Wie sinnvoll Quereinsteigerprojekte sind, um mehr Lehrer zu gewinnen, lasst sich jetzt noch nicht abschließend sagen. Das werden die kommenden Jahre zeigen. Bezeichnend ist allerdings die Tatsache, dass Berlin jetzt schon beim Reformkurs Bildung 2.0 deutlich im Rückstand ist. Wenige Berliner Schulen sind digital gut aufgestellt und benutzen digitale Unterrichtsmaterialien wie SMART Boards oder iPads. Die Bildungspolitik erklärt zwar, die „Schulen sind für die Schüler da, nicht für die Wirtschaft“, das bedeutet aber nicht, dass auf eine wirtschaftsnahe Ausbildung verzichtet werden kann. Im Gegenteil, es ist im Interesse der Schüler genauso wie der Unternehmen, die ausbilden.

Drohende Gefahren

Eine wirkliche Herausforderung ist die äußerst heterogene Schülerschaft. Nirgendwo sonst werden so viele Kinder unterschiedlicher Nationalität beschult und ausgebildet, wie in Deutschlands Hauptstadt. Das ist Fakt, darf aber nicht als Vorwand dafür dienen, dass die Entwicklungsmöglichkeiten für Jugendliche immer noch stark von der sozialen Herkunft abhängig sind. Jährlich brechen unter anderem aus diesem Grund rund 3.000 Jugendliche in Berlin ohne Abschluss die Schule ab. Das ist mit fatalen Folgen für ihre weitere Entwicklung verbunden, denn gering qualifizierte Arbeitskräfte werden immer weniger gebraucht. Gelingt es nicht, diese Jugendlichen zu integrieren, droht ihnen Arbeitslosigkeit und soziale Isolation. Um dem entgegenzuwirken, wollen Sandra Scheeres (SPD), Senatorin für Bildung, Jugend und Familien, und Elke Breitenbach (Die Linke), Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales, einige Veränderungen durchsetzen. Geplant sind eine Vielzahl von Maßnahmen, unter anderem mehr Sozialarbeiter an den Schulen und mehr Lehrpersonal durch die Forderung von Quereinsteigern.

Aus der Schule in den Beruf

Laut der IHK blieben 2017 nur elf Prozent der Bewerber unversorgt. Allerdings gaben insgesamt 30 Prozent der Befragten aus den Schulen nicht an, ob sie studierten, ins Ausland gingen oder was sie sonst nach dem Abschluss getan haben. Im letzten Jahr galt das für rund 6.200 junge Menschen. Diese Zahlen spiegeln sich auch am Rückgang der Bewerberzahlen für Betriebe wider, obwohl genügend Schulabgänger vorhanden sind, nutzen immer weniger Jugendliche die Möglichkeit der Vorbereitung auf das Berufsleben.

Dem soll zukünftig die engere Zusammenarbeit von dem Bund und Berlin mit der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg sowie der Bundesagentur für Arbeit entgegenwirken. „Mit Unterzeichnung der Initiative Bildungsketten unterstutzt die Bundesregierung unsere Strukturen und stärkt sie“, so Scheeres. Gemeinsam soll die Begleitung und Unterstützung von Jugendlichen beim Übergang von der Schule in den Beruf gefordert werden. Bildung soll zwar die Grundlage für ein erfolgreiches Berufsleben sein, dient aber nicht als Berufsvorbereitung. Die findet im Lehrplan der Schulen einfachen keinen Platz. Mittlerweile arbeitet allerdings die Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales schon an dem Pilotprojekt „Erprobung neuer Zugange in die Ausbildung“. So soll das alte Übergangssystem an die neuen Herausforderungen, beispielsweise Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund, angepasst werden.

 

Bildung wird für jeden eine immer wichtigere Lebensaufgabe | Foto: geralt/pixabay.com

Bildung wird für jeden eine immer wichtigere Lebensaufgabe | Foto: geralt/pixabay.com

 

Versäumnisse der Wirtschaft

Allerdings liegt die Verantwortung nicht nur in der Bildungspolitik, den Schulen oder den Elternhäusern, sondern auch bei den Unternehmen selbst. Bei aller Kritik an den ungenügenden Rahmenbedingungen im Bildungssektor, müssen sich viele Unternehmer fragen lassen, was sie selbst für die Nachwuchssicherung tun. Hier bietet sich ein ernüchterndes Bild. Nur rund 5.020 der ansässigen Industrie- und Handelsunternehmen bilden überhaupt aus – ein Bruchteil, angesichts über 152.144 steuerpflichtigen Unternehmen (Stand 2016). Befragt nach den Gründen, warum sie nicht ausbilden, schieben viele Unternehmer anderen die Schuld zu. Vorgeschoben werden der Mangel an Zeit für die Azubis, die hohen Betriebskosten und insbesondere die Ausrede in Zeiten des Fachkräftemangels keine geeigneten Bewerber zu finden. Gern wird auch der demographische Wandel als Argument angeführt, der aber bei einer so hohen Jugendarbeitslosigkeit kaum einen Einfluss haben sollte.

Einen Großteil des Nachwuchses zieht es bundesweit an die Universitäten. Im Wintersemester 2017/18 schrieben sich allein in Berlin rund 183.000 Menschen für ein Hochschulstudium ein – ein neuer Rekord! Für eine Berufsausbildung meldeten sich dagegen nur 20.816 (IHK Berlin – Stand 2017) junge Leute an. Die ganze Widersprüchlichkeit der Lage auf dem Markt für Ausbildungsstellen ist daran zu sehen, dass es trotz der der hohen Jugendarbeitslosigkeit im vergangenen Ausbildungsjahr, 1.197 unbesetzte Ausbildungsstellen und 2.348 unversorgte Bewerber gab.

Dazu kommt noch die hohe Quote derer, die ihre Berufsausbildung vorzeitig abbrechen. Eine Umverteilung der unversorgten Bewerber auf die freien Plätze wäre denkbar, aber die Rechnung geht nicht auf. Immer mehr Berliner Unternehmen beklagen sich über die mangelnde Qualifikation und Motivationen der jugendlichen Bewerber. Mittlerweile sind es neun von zehn Unternehmen, die auf die schlechte Qualifikation ihrer Bewerber sowie mangelnde Leistungsbereitschaft und Motivation aufmerksam machen. Aber auch hier muss differenziert werden, denn die Rahmenbedingungen einer beruflichen Ausbildung sind nach heutigen Maßstäben für junge Menschen einfach nicht mehr attraktiv genug, weswegen sich viele für ein Studium entscheiden. Allein steuerlich hat der Studentenstatus im Vergleich zur Position eines Azubis nicht von der Hand zu weisende Vorteile. Auch hier bedarf es, wie bereits im Koalitionsvertrag der Bundesregierung vermerkt, einer Anpassung beziehungsweise einer Auswertung der beruflichen Ausbildung. Das Berliner Bildungssystem braucht eine moderne duale Ausbildung, um gleichwertige Berufs- und Bildungschancen für junge Menschen bieten zu können.

 

Quelle: DGB Ausbildungsreport, Deutscher Gewerschaftsbund

Quelle: DGB Ausbildungsreport, Deutscher Gewerschaftsbund

 

Sinkende Ansprüche

Aus der Not wird eine Tugend gemacht – das gilt zurzeit vor allem für die Wirtschaft der Hauptstadtregion. Einige Unternehmen fuhren schon gar keine Einstellungstests mehr durch. Die nachgerückten jungen Bewerber bekommen dann auf Unternehmenskosten Nachhilfe. Andererseits lehnen Unternehmen eine Mindestvergütung für Azubis ab. „Weder ein Parlament noch ein Ministerium sollten darüber entscheiden, wieviel Geld Auszubildende bekommen. Das ist Sache der Betriebe und der Tarifparteien. Es besteht die Gefahr, dass eine politische Untergrenze eine ganze Reihe von Ausbildungstarifvertragen aushebelt“, gab der UVB-Hauptgeschäftsführer Christian Amsinck zu Bedenken. Ohne Investition herrscht allerdings auch beim Nachwuchs Stagnation. Die Wirtschaft muss sich starker in die Nachwuchsgewinnung einbringen und langfristig ihre zukünftigen Fachkräfte heranziehen. Wer am Nachwuchs spart, hat wirtschaftlich keine Zukunft.

Ausbildungsqualität

Die ehemalige Bundesbildungsministerin Annette Schavan wollte schon vor Jahren mit einer „PISA-Studie“ für Azubis die Ausbildungsqualität feststellen lassen. Letztlich scheiterte die Umsetzung bereits an der Finanzierung. Den Unternehmen hatte ein Azubi-PISA höchstwahrscheinlich nicht geschadet. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) führte bereits 2012 einen Report mit Schwerpunkt Ausbildung durch. Darf man der Auswertung des DGB-Ausbildungsreports 2017 glauben, hat sich seitdem kaum etwas getan. Neben der Quantität der Bewerber, mangelt es in der Hauptstadt auch an der Qualität der Ausbildung in den Berufsschulen und den Betrieben. Es fehlt den Berufsschulen vor allem an finanziellen Mitteln, insbesondere für Instandsetzungen, Neubauten und technische Ausrüstung. Obwohl Reformen (allen voran das Berufsbildungsgesetz) zwingend notwendig sind, plädiert die DGB-Bundesjugendsekretarin Manuela Corte dafür, auch unter Zeit- und Handlungsdruck die pädagogische Komponente, garantiert durch qualifizierte Lehrer, der berufsschulischen Ausbildung nicht zu vernachlässigen. Auch braucht es laut der DGB von der Bundesregierung einheitliche Qualitätsstandards und eine gesetzliche Regelung, um Berufsschule und Betrieb besser zu verzahnen.

Die Auswertung des Reports zeigte aber auch ein mehr als wackliges Ausbildungsfundament bei den Betrieben. Fehlende Zusicherung der Übernahme, unbezahlte Überstunden und zum Teil fehlt sogar ein gesetzlich vorgeschriebener Ausbildungsplan. Wozu dann eine berufliche Ausbildung werden sich die Jugendlichen fragen. Nicht ohne Grund sagt der Volksmund: Wie man sich bettet, so liegt man. Die Entwicklung und Sicherung des Fachkräftebedarfs ist aus bildungspolitischer Sicht eine der zentralen Aufgaben der Wirtschaft. Sie müssen letztlich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen schaffen, sodass sie für junge Menschen attraktiv sind, sie dort gut versorgt sind und zukünftig bleiben mochten. Auch die Unternehmen verkennen oft, Arbeit mit dem Nachwuchs ist eine Investition in die Zukunft.

Vorfahrt für die Ausbildung

Viele Unternehmen wurden gern mehr Beschäftigung aufbauen. Ohne die dringend benötigten Fachkräfte wird das allerdings schwer. Sie fehlen im Metall und Elektrohandwerk, im Bereich Sanitär, Heizung und Klima, im Dienstleistungsbereich und in der Bauwirtschaft, so das Fazit der UVB Kompakt 1/2018 Umfrage. Stetig sinkt die Anzahl der Jugendlichen, die sich für kaufmännische Berufe und auch technische Berufe entscheiden.

Die Industrie- und Handelskammer Berlin (IHK) befürchtete also zurecht eine weitere Verstärkung des Fachkräftemangels. Von der Bildungspolitik fordern sie eine Reformagenda unter dem Motto „Vorfahrt für die Ausbildung“. In der Verantwortlichkeit herrscht offenkundig zwischen der Bildungspolitik und der Wirtschaft noch Uneinigkeit. Berlin ist im Improvisieren recht gut, dennoch bedarf es mehr Dialogmöglichkeiten, zum Beispiel einen „Runden Tisch Bildung“, wie es die Redaktion der BERLINboxx vorschlagt. Schließlich gibt es einen nicht von der Hand zu weisen den Zusammenhang zwischen dem Bildungssystem und der Arbeitslosenquote. Wer schon als junger Mensch in die Arbeitslosigkeit gerät, rutscht schnell in die Langzeitarbeitslosigkeit ab. Das wäre verschenktes Potenzial. Die Hauptstadt hat ein stabiles Wirtschaftsklima, einen perfekten Nährboden für innovative Start-ups und genügend junge Menschen, um sich zu einem Top-Standort mit guten Fachkräften weiterzuentwickeln. Den Nachwuchs zu erreichen und eingehend zu fordern, sollte für die Politik wie auch die Wirtschaft oberste Priorität haben. Berlin muss auch aus beruflicher Sicht lebenswert sein.

Fordern und fördern

Unzählige Beispiele belegen: Kooperationen der Wirtschaft, mit Kitas, Grund- und weiterführenden Schulen früher anzubahnen. Beispielhaft ist die Gewobag mit der Lernwerkstatt am Mehringplatz. Beide sind Teil der Initiative des Berliner Handwerks „Berliner Schulpate“. Deren Ziel ist es, Grundschulen und Unternehmen in Quartieren mit erhöhtem Förderbedarf zusammenzubringen und zu starken. Dank der Schulkooperationen können sich die Betriebe sozial engagieren und frühzeitig Schüler auf sich aufmerksam machen. Gemeinsame Projekte zwischen Bildung und Wirtschaft können den Schülern wertvolle Fähigkeiten für das Berufsleben mitgeben, ihnen schon frühzeitig eine berufliche Orientierung bieten. Wenn die Schulen, die Senatsverwaltung und die Unternehmen enger zusammenrucken und gemeinsam Projekte koordinieren, können die Übergangssysteme in den Beruf für junge Menschen nicht nur erleichtert werden, sondern auch dafür sorgen, dass sich wieder mehr Betriebe zur Ausbildung des Nachwuchses entschließen.

Einige Berliner Unternehmen haben das Potenzial des Selbst-aktiv-werdens bereits erkannt. Auszubildende werden individuell von den Betrieben gefordert, Trainee-Programme erleichtern den Übergang von der Schule oder dem Studium in den Berufsalltag und viele- Firmen bilden ihre Mitarbeiter auch intern kontinuierlich weiter. Vorbildlich ist auch die Berliner IHK, die sich mit einem Programm darauf spezialisiert hat Studienabbrecher aufzufangen und für einen Ausbildungsberuf im Handwerk anzuwerben. Immer mehr Betriebe bieten schon ähnliche Angebote an – mit Erfolg.

Potenzial entfalten

Die Wirtschaft der Hauptstadt kann den jungen Auszubildenden und Absolventen den Einstieg in das Berufsleben erleichtern, indem sie gezielt auf sie zugehen oder sich mit ihren Bedürfnissen auseinandersetzen. Den einen Schuldigen zu suchen ist leicht, dabei teilen sich die Betriebe, die Schulen, die Elternhäuser und die Bildungspolitik die gesellschaftliche Verantwortung. Fakt ist: Wer sich seinen Nachwuchs selbst heranzieht, hat für die Zukunft vorgesorgt. Wenige deutsche Großstädte sind so multikulturell geprägt und besitzen ein so hohes Potenzial, bestehend aus jungen, aufgeschlossenen Menschen wie Berlin. Es fehlt nur noch der Impuls in die richtige Richtung. Das ist doch keine schlechte Ausgangslage. (lj)

Rasante Umbrüche durch Digitalisierung in Berlin

Wie hoch ist die Bedeutung der Digitalisierung für Großstädte wie Berlin? In die Hauptstadt zieht es neue Kompetenzzentren für maschinelles Lernen und von künstlicher Intelligenz profitierende Start-ups, die für ein neu gestaltetes Arbeitsumfeld sorgen. Deutschland, vor allem aber Berlin als Gründermetropole, will in der Entwicklung von KI nicht hinter großen Investoren der digitalen Zukunft wie China und den USA zurückbleiben. Zum Auftakt des 21. Bundeskongresses des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) fordern Politiker ein nachhaltiges Geschäftsmodell und befürworten Investitionen in digitale Bildung.

 

Schneller und effizienter durch KI? | Foto: pexels.com

Schneller und effizienter durch KI? | Foto: pexels.com

 

Menschliche Arbeit wird austauschbar

Etwa 70.000 Berliner arbeiten im digitalen Umfeld der Hauptstadt. In der Eröffnungsrede des 21. DGB-Bundeskongresses sprach Bundespräsident Frank Walter Steinmeier unter anderem über die Neugestaltungen durch die Digitalisierung der letzten Jahre. Neben einer geforderten „Ethik der Digitalisierung“,thematisierte er auch die Gestaltung dieser für eine zukünftige Arbeit mit der KI. „Wir müssen die Digitalisierung so gestalten, dass sie Arbeit aufwertet und nicht ersetzt“, so Steinmeier.

Der Unterschied zu vergangenen technologischen und industriellen Umwälzungen sei die Betroffenheit aller Berufsfelder von einem eventuellen Austausch durch intelligente Systeme. Diese können dann Busse selbst fahren lassen, Bücher katalogisieren oder das Postsystem revolutionieren. Die große Menge an heutzutage zu verarbeitenden Daten treibt auch die maschinelle Innovation hierfür voran.

Digitalisierung der Arbeitsplätze

Nachhaltige Digitalisierung ist nicht nur aus Material- und Umweltsicht bisher fragwürdig, sondern auch in Bezug auf die Schaffung und Kürzung von Arbeitsplätzen. Gleichzeitig sorgen die zunehmende Nutzung des Internets und mehrerer Devices für eine starke Erhöhung der Stromnachfrage. Materiell betrachtet ist die Basis der Geräte, die uns mit dem schnellen Internet verbinden, schon aufgrund ihrer Produktionsprozesse nicht konstruktiv. Doch auch die zunehmenden Aufgaben, die von mit KI arbeitenden Systemen gelöst werden können, betreffen alle Berufsgruppen. So wird von einer Wegrationalisierung der Arbeitsplätze und größer werdenden Einkommensschere der kommenden 20 Jahre gesprochen.

Gerade für die Start-up Branche sind diese selbstdenkenden – zum Teil auch selbstständig lernenden – Systeme attraktiv und Berlin als Standort einträglich. Rund die Hälfte aller auf KI setzenden deutschen Start-ups siedelt sich derzeit in Berlin an. Grund dafür ist, abgesehen von der hohen Lebensqualität trotz verhältnismäßig niedriger Gewerbemieten, auch die einfache Rekrutierung guter Mitarbeiter.  Als IT-Standort und europäische Gründermetropole hat sich Berlin einen internationalen Namen gemacht.

 

Der Arbeitsplatz von Heute. | Foto: pexels.com

Der Arbeitsplatz von Heute. | Foto: pexels.com

 

Den Nachwuchs zieht es an die Spree

Für Oktober ist die Eröffnung des neuen Kompetenzzentrums für maschinelles Lernen in Berlin geplant.Von dessen Angebot können Informatikinteressierte für ihre Jobs der Zukunft profitieren. Schon 2017 wurde das von den großen Berliner Universitäten getragene Einstein Center Digital Future im Robert-Koch-Forum (Mitte) in Betrieb genommen. Es wurde zu Forschungszwecken rund um Themen wie Smart Housing und Mobilität sowie zur digitalen Bildung des Nachwuchses, gegründet. Ziel ist es digitalen Nachwuchs zu gewinnen und abseits von großen Unternehmen wie Google, Amazon und Facebook, wieder eine Vorreiter-Position einzunehmen.

Weitere Projekte, wie ein Internet-Institut, sind in Planung. Den Standort hierfür gewann Berlin in einer Ausschreibung des Bildungsministeriums vor anderen deutschen Städten. Auch die EU-Kommission erhöhte ihre Förderung für die KI im Rahmen des Forschungs- und Innovationsprogramms Horizon 2020. In diesem wird vorgesehen bis 2020 rund 1,5 Milliarden Euro zu investieren und 2,5 Milliarden Euro mit Co-Investitionen zu mobilisieren. (cn)

„Dein erster Tag“ ermöglicht Berufsorientierung mit VR-Brillen

Virtual-Reality-Brillen werden ab sofort nicht nur in Unternehmen oder der Unterhaltungsindustrie verwendet, sondern auch in den Schulen zur Berufsorientierung eingesetzt. Auf dem Berufspraxistag des Gabriele-von-Bülow-Gymnasiums am 3. April in Tegel konnten die Schüler virtuelle Ausbildungsberufe und Ausbildungsarbeitsplätze für sich entdecken.

Kooperationsprojekt zur Berufsorientierung

Das Vorzeigeprojekt „Dein erster Tag“, initiiert vom Sozialunternehmen SchulePLUS, verwandelte den Praxistag des Tegler Gymnasiums zu einem Highlight für die Schüler. Kostenlos können Schulen oder Unternehmen über Projektwebsite VR-Brillen ausleihen und diese nutzen, um den Schülern einen Einblick in den Berufsalltag zu gewähren. Das Projekt kooperiert mit den jeweiligen vorgestellten Unternehmen. Gemeinsam produzieren sie die Videos, die dann über die VR-Brillen abgespielt werden können. Zurzeit gibt es 16 Videos, 23 weitere sind in Arbeit. Wichtig ist dem Sozialunternehmen die pädagogische Ausrichtung der Videos, sodass den Schülern berufliche Orientierungshilfen angeboten werden.

Mit der VR-Brille Eindrücke gewinnen

Das Prinzip funktioniert sehr einfach: Die Schüler suchen sich einen Beruf aus, der sie interessiert, beispielsweise Polizist, Hotelfachfrau oder Pflegefachkraft, und dann brauchen sie nur noch die VR-Brille aufsetzen. In den Videos wird erklärt, wie die Tätigkeiten in dem Ausbildungsbetrieb aussehen. Der Schüler begleitet über die VR-Brille einen Azubi des Betriebs durch den Ausbildungsarbeitsplatz. So können sie in der virtuellen 360°-Welt einen Eindruck vom ersten Arbeitstag eines Azubis gewinnen. Viele Schüler zeigten sich begeistert darüber, die neue Technik auf diese Weise zur Berufsorientierung nutzen zu können.

VR als Ergänzung zu den Betriebsbesuchen

„So sollen die Schüler einen konkreten Eindruck davon bekommen, wie ein potenzieller Arbeitsplatz aussieht“, so die Geschäftsführerin bei „Schule Plus“, Jasmin Bildik. Allerdings ersetzen die VR-Brillen nicht die Betriebsbesuche der Schüler, sie dienen lediglich als Ergänzung. In vielen Berufsfeldern ist es sehr schwierig durch verschiedene Sicherheitsvorkehrungen Besichtigungen durchzuführen. Beispielsweise Lackierwerkstätten wären ohne VR-Brille aus Sicherheitsgründen für Betriebsbesuche gar nicht geöffnet. Außerdem schaffen Lehrer mit ihren Klassen an einem Tag maximal drei bis vier Betriebe zu besuchen. Im Vergleich dazu können die Schüler mit der VR-Technik bis zu 40 Berufe kennenlernen. (red)

M-Sense: Studie zur digitalen Prävention gestartet

Mithilfe einer groß angelegten Studie, soll geklärt werden, ob eine Smartphone-App dazu beitragen kann, Kopfschmerzen zu lindern. Dazu starten die BARMER und die Deutsche Telekom gemeinsam ein Pilotprojekt unter wissenschaftlicher Begleitung der Berliner Charité.

Eine App zur digitalen Prävention

Das Projekt soll zeigen, ob die App „M-sense“ die Leiden von Kopfschmerz- und Migränepatienten mildern kann. In der App geben Betroffene eine Reihe relevanter Einflussfaktoren für Schmerzattacken, wie etwa Schlafverhalten, Ernährung, Wetter oder Stress sowie die Attacken ein. „M-sense“ analysiert dann diese Informationen und erstellt ein persönliches Schmerzmuster. Anhand dieses Musters entwickelt die App individuelle Handlungstipps für die Nutzer. Vom Autogenen Training über Muskelentspannung bis zum Ausdauersport schlägt die App präventive Maßnahmen in Begleitung zur klassischen Therapie vor. Somit können die Betroffenen die Intensität und Dauer künftiger Schmerzattacken reduzieren. Aus den persönlichen App-Protokollen können sich zudem wertvolle Hinweise für die ärztliche Therapie ergeben.

Die Studie wird zum Kooperationsprojekt

Im Rahmen einer Kooperation zum Thema betriebliches Gesundheitsmanagement nehmen an der Studie bis zu 1.000 von Kopfschmerzen oder Migräne betroffene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Deutschen Telekom teil. Sie sollen die App regelmäßig nutzen und neun Monate lang mithilfe medizinischer Fragebögen bewerten. Auch die in der App selbst erfassten Daten werden Aufschluss darüber geben, ob „M-sense“ präventiv die Kopfschmerztherapie ergänzen kann. Schon jetzt wurde die App „M-Sense“ als Medizinprodukt zertifiziert.

Die wissenschaftliche Untersuchung ist in ihrem Umfang bislang einzigartig. Vor allem junge Erwachsene leiden häufig unter Kopfschmerzen oder Migräne. 1,3 Millionen der 18- bis 27-Jährigen sind betroffen, wie der BARMER-Arztreport 2017 zeigt. Für die Studie werden daher hauptsächlich junge Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Telekom-Shops sowie Auszubildende des Konzerns die App testen dürfen. (red)

Gesundheitssenatorin Dilek Kolat besucht Modellprojekt in Berlin-Buch

Berlins Senatorin für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung Dilek Kolat besuchte vor wenigen Tagen den international renommierten Wissenschafts- und Forschungsstandort Campus Berlin-Buch. Anlass war das Gesundheitsprojekt ‚CampusVital‘ , ein deutschlandweit einzigartiges Modellprojekt. Das Betriebliche-Gesundheitsmanagement-Projekt (BGM) fungiert am Standort einrichtungs- und unternehmensübergreifend.

Gesundheitsförderung als Standortvorteil für die Wissenschaft

Gemeinsam besichtigten die Gesundheitssenatorin und Prof. Thomas Sommer, stellvertretender wissenschaftlicher Vorstand des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft (MDC), sowie Dr. Ulrich Scheller, Geschäftsführer der BBB Management GmbH Campus Berlin-Buch, und Susanne Hertzer, Chefin der Techniker Krankenkasse in Berlin, den Wissenschafts- und Biotechnologiepark Berlin-Buch. Die Forschungseinrichtungen und Unternehmen des Campus Berlin-Buch sehen in der Gesundheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einen wichtigen Schlüssel für den Erfolg. Demografischer Wandel, Fachkräftemangel und die zunehmende Digitalisierung der Arbeitswelt sind Faktoren, auf die sich die Unternehmen in Deutschland einstellen müssen. Betriebliches Gesundheitsmanagement unternehmensübergreifend zu organisieren und damit viele Menschen zu erreichen – das ist der Ansatz des Projektes ‚CampusVital‘. Die Techniker Krankenkasse ist Kooperationspartner des Gesundheitsnetzwerks, an dem sich inzwischen 13 Einrichtungen und Unternehmen mit mehr als 500 Angestellten auf dem Campus beteiligen, darunter das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin, das Leibniz-Forschungsinstitut für Molekulare Pharmakologie und die Charité.

„Die Gesundheit von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern liegt auch und gerade in der Verantwortung der Unternehmen. Dazu ist ein betriebliches Gesundheitsmanagement erforderlich. Die Idee, dieses betriebliche Gesundheitsmanagement unternehmens- und einrichtungsübergreifend durchzuführen, hat den Vorteil, viele Menschen zu erreichen und auch den Blick über den Tellerrand zu wagen. Das Gesundheitsprojekt ‚CampusVital‘ ist ein wegweisendes neues Projekt, von dem ich hoffe, dass es in Zukunft in Deutschland viele Nachahmerinnen und Nachahmer findet“, so Gesundheitssenatorin Kolat.

Einrichtungsübergreifendes Modellprojekt

Das Modellprojekt ‚CampusVital‘ soll den Arbeitsalltag für die Menschen auf dem Campus dauerhaft und nachhaltig gesundheitlich verbessern. Es gibt Workshops, die eine höhere psychische Widerstandsfähigkeit vermitteln. Darüber hinaus gibt es Coachings zum Thema Gesundheit und Arbeit sowie klassische Angebote wie Kurse zur Stressbewältigung und Ernährungsberatungen. Führungskräfte können zusätzliche Trainings belegen.

„Das Besondere an unserem Campus ist die vielfältige Vernetzung. Insgesamt drei Institute und 60 Unternehmen mit insgesamt 3.000 Personen forschen und arbeiten bei uns. Hinzu kommen die drei Kliniken und ihr Fachpersonal in unmittelbarer Nachbarschaft. Forschungsinstitute, Biotechnologie-Unternehmen und klinische Forschung ergänzen sich und können dank der räumlichen Nähe effektiv zusammenarbeiten. Als Campusgemeinschaft haben wir das Thema Gesundheit in den Mittelpunkt gestellt und eine gemeinsame Initiative für die Gesundheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gestartet“, sagt Dr. Scheller, Geschäftsführer der BBB Management GmbH Campus Berlin-Buch.

Spitzenforschung für die Gesundheit

Außerdem wurde bei der Führung über den Campus Berlin-Buch auch die Berlin Ultrahigh Field Facility (B.U.F.F.) besichtigt. Hier wurde ein hocheffizientes bildgebendes Verfahren zur Darstellung des arbeitenden menschlichen Herzens entwickelt. Die in einem der weltweit stärksten Kernspintomographen erzeugten Bilder weisen eine vielfach höhere Auflösung als herkömmlich generierte Bilder auf. Damit können kardiologische Probleme schon zu einem sehr viel früheren Zeitpunkt als bislang sichtbar gemacht werden. Das ermöglicht eine schnellere und gezieltere Behandlung. „Dank der hervorragenden Bedingungen auf dem Campus und der vielfältigen Kooperationsmöglichkeiten in Berlin gehören wir zur Weltspitze der biomedizinischen Bildgebung“, sagte Dr. Lukas Winter, Wissenschaftler am B.U.F.F. (red)

Teilnahmerekord beim Science4Life Businessplan-Wettbewerb

40 Prozent mehr Einreichungen: Der Science4Life Venture Cup startet mit 114 Geschäftsideen aus den Bereichen Life Sciences, Chemie und Energie ins 20. Jubiläumsjahr. Die Gewinnerteams überzeugten mit innovativen Ideen gegen Krebs, Nervenkrankheiten sowie neuen Denkweisen im Energie-Bereich und erhielten ein Preisgeld von acht Mal 500 Euro.

So viele Einreichungen gab es noch nie beim Science4Life Venture Cup: Die Experten überprüften das Marktpotenzial von insgesamt 114 Ideen – eine Steigerung von über 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Bereiche Medizintechnik und Pharma waren dieses Jahr besonders stark vertreten. Dicht gefolgt von Energienutzung und Umwelttechnologie. Sponsoren des Businessplan-Wettbewerbs sind die Hessische Landesregierung und das Gesundheitsunternehmen Sanofi. „Bekämpfung von Krankheiten wie Alzheimer oder Krebs, Möglichkeiten im Bereich der alternativen Energien oder umweltpolitische Ideen wie die Fischwanderhilfe – wir freuen uns über die erstaunliche Themenvielfalt der Einreichungen“, erklärt Dr. Karl-Heinz Baringhaus, der administrative Leiter für Forschung und Entwicklung der Sanofi-Aventis Deutschland GmbH und Geschäftsführender Vorstand von Science4Life. Auch Dr. Rainer Waldschmidt, Geschäftsführer der hessischen Wirtschaftsfördergesellschaft Hessen Trade & Invest und Geschäftsführender Vorstand von Science4Life, zeigte sich beeindruckt von den vielen Einreichungen in diesem Jahr: „Der Teilnahmerekord zeigt deutlich, wie wichtig der Science4Life Venture Cup für Gründer in Deutschland ist und dass neben Life Sciences und Chemie auch die Gründerszene im Bereich Energie immer stärker wird.“ Die besten fünf Teams erhielten jeweils 500 Euro Preisgeld. Die drei Gewinner im Bereich Energie wurden zusätzlich mit einem Spezialpreis von je 500 Euro ausgezeichnet. Mit der Prämierung der Ideenphase startete auch die Bewerbungsfrist für die Konzeptphase am 12. Januar 2018.

Innovationen gegen Alzheimer, Multiple Sklerose und Krebs

Die Priavoid GmbH aus Jülich in Nordrhein-Westfalen hat es sich zum Ziel gesetzt, Alzheimer durch eine neue Behandlungsstrategie mit ihrem Wirkstoffkandidaten zu bekämpfen. Breeze Technolologies aus Hamburg hilft Städten und Unternehmen eine lebenswertere Umwelt zu schaffen, in dem sie aus Umweltdaten, wie der aktuellen Luftqualität, Handlungsempfehlungen generieren. Damit beispielsweise bei Erkrankungen des Zentralnervensystems, wie kindliche Hirntumore, Medikamente in bestimmten Regionen des Gehirns wirken können, müssen sie die sogenannte Blut-Hirn-Schranke, überwinden. Mithilfe des Modells von DYNELAB aus München soll schon in einem frühen Stadium erkannt werden, ob dies der zu entwickelnde Wirkstoff schafft. PhantomX aus Berlin haben dem Krebs den Kampf angesagt: Ziel ist, den Tumor durch patentindividuelle Prüfkörper besser kontrollieren zu können sowie die Überlebenschancen zu erhöhen und Nebenwirkungen zu verringern. AeroFib aus Aachen stellen ultraleichte Fasern für die Wärmeisolation in der Mobilitätsbranche her, wodurch in Zukunft massiv an Gewicht bei Autos, Raketen und Flugzeugen eingespart werden kann. Mit dieser Idee gewann das Team gleich doppelt, denn Start-ups auf dem Energie-Bereich können beim Science4Life Venture Cup zusätzliche Spezialpreise gewinnen, die vom Land Hessen und der Viessmann Group gefördert werden. Flex4Energy aus Darmstadt haben einen skalierbaren, offenen Marktplatz mit regionalen Energieprodukten von Versorgung bis Netzdienstleistung entwickelt. Eine Fischwanderhilfe, welche die Gewässerdurchgängigkeit einfach, schonend und kostengünstig wiederherstellt, sowie den Leitstrom energetisch nutzen kann, stammt von Fishcon aus Wien, dem dritten Gewinnerteam im Bereich Energie. „Die vielen Ideen aus dem Energiebereich machen deutlich, wie wichtig die Gründungsförderung in der Energiebranche ist und welch große Rolle Science4Life dabei spielt“, sagt Fabian Stern, Head of Innovation Management bei Viessmann.

Start frei für die Konzeptphase: Aus Ideen werden Geschäftsmodelle

Der Science4Life Venture Cup besteht aus drei Phasen: Ideenphase, Konzeptphase und Businessplanphase. Teams können entweder alle Phasen durchlaufen oder sich nur für einzelne Phasen bewerben. In der nun folgenden Konzeptphase wird die Idee zu einem Geschäftskonzept weiterentwickelt. Dafür wird bis zum 12. Januar 2018 eine Darstellung des Geschäftsmodells, des Unternehmerteams und eine erste Markteinschätzung eingereicht. Die Teams der 20 besten Konzepte werden zu einem zweitägigen Intensiv-Workshop nach Berlin eingeladen. Hier steht jedem Gründerteam ein persönlicher Coach zur Verfügung, um das Konzept weiter zu verfeinern. Die besten zehn Teams werden bei der Konzeptprämierung am 13. März 2018 mit jeweils 1.000 Euro prämiert. Zusätzlich erhalten die zwei besten Geschäftskonzepte aus dem Bereich Energie einen Spezialpreis mit je 1.000 Euro Preisgeld. In der dritten Phase geht es dann richtig zur Sache, denn mit dem Ausformulieren des konkreten Businessplans legen die Start-ups den Grundstein für ihr Unternehmen. Während des gesamten Businessplan-Wettbewerbs können Gründerteams Preisgelder in Höhe von 82.000 Euro gewinnen.

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