Tegel bekommt einzigartiges Energienetz

Noch ist der Airport TXL in Betrieb, doch damit soll ja in absehbarer Zeit Schluss sein. Und genau aus diesem Grund haben die Berliner Stadtwerke und der Stromversorger E.ON nun einen bedeutenden Schritt vollzogen. Gemeinsam haben sie für den am Flughafen geplanten Forschungs- und Industriestandort Urban Tech Republic und das Schumacher Quartier ein hochinnovatives Energiekonzept entwickelt. Mit dem haben sie als Bietergemeinschaft eine EU-weite Ausschreibung gewonnen. Das Areal soll künftig über ein neuartiges Niedrigtemperaturnetz mit Wärme und Kälte versorgt werden. Umweltfreundlich, nachhaltig und innovativ, so kündigte es die Bietergemeinschaft an. 60 Millionen Euro kostet dieses ausgereifte Energiekonzept für das gesamte Areal. Das Land Berlin hat für die Umsetzung die Tegel Projekt GmbH beauftragt.

Kosten sparen

Es soll eines der größten Stadtentwicklungsprojekte Europas werden, das auch die rund 5000 Wohnungen einbezieht, die im Schumacher Quartier entstehen sollen. Es ist geplant, diese neuen Wohnungen technisch so auszustatten, dass sie mit dem neuen Wärmenetz korrespondieren. Das sogenannte Low-Exergie-Netz (kurz: LowEx-Netz) hat einen entscheidenden Vorteil gegenüber klassischen Fernwärmenetzen. Es arbeitet mit einer niedrigeren Betriebstemperatur. Dadurch können Wärmeverluste reduziert werden, also auch Kosten. Im Winter wird das Wasser nur auf 40 Grad anstatt auf 120 Grad erhitzt. Im Sommer reichen 20 Grad. So können die angeschlossenen Labor- und Bürogebäude mittels Wärmepumpen die für sie optimalen Temperaturen herstellen. Die Jahreskosten sollen laut Projektbetreiber für Abnehmer von LowEx-Wärme bei Berlin TXL deutlich unter denen vergleichbarer Fernwärmesysteme liegen.

Netz soll Energie aus Solaranlagen, Kraftwerken, Geothermie und Abwasserwärme vereinen

Außerdem kann überschüssige oder selbst erzeugte Energie, beispielsweise Energie aus erneuerbaren Quellen oder Produktionsabwärme von Gewerbe- und Industriebetrieben, dem System zugeführt werden. Jeder Kunde ist also zugleich auch Produzent. „In der geplanten Größenordnung ist das LowEx-Netz weltweit einzigartig“, sagte Philipp Bouteiller, Geschäftsführer der Tegel Projekt GmbH. Mit einer Länge von zehn Kilometern sei das Wärmenetz das nachhaltigste Energiesystem, das wir kennen. 80 Prozent der gelieferten Wärme stamme aus erneuerbarer Energie. Man wolle mit der Kohlendioxid-Reduktion so „nah an die Null wie es geht“, betonte Bouteiller. Das ist ein sportliches Ziel – aber so ist Berlin halt.

Ein Leuchtturm-Projekt

Bis 2050 will sich die Hauptstadt zur klimaneutralen Metropole wandeln. Ein Mammutprojekt, wie in Tegel, muss da natürlich die Vorreiterrolle übernehmen. So sieht es auch Jörg Simon, Vorstandschef der Berliner Wasserbetriebe. Als kommunales Unternehmen setze man auf einem für Berlin sehr bedeutsames und emotional besetztes Gelände ein Energiekonzept mit Leuchtturmcharakter um. Für diesen Plan gibt es allerdings eine unabdingbare Voraussetzung: der Flughafen Berlin Brandenburg muss fertig werden. Bisher hält BER-Chef Engelbert Lütke Daldrup am Termin fest: Im Oktober 2020 soll der neue Flughafen eröffnen.

Baubeginn in drei Jahren

Ein halbes Jahr nach der BER-Eröffnung soll Tegel geschlossen werden. Der Baubeginn ist demnach im Sommer 2021, man rechnet mit einer Bauzeit von drei bis fünf Jahren. Die Bietergemeinschaft ist sehr optimistisch und motiviert. Allein schon der Zuschlag durch das Land Berlin beweise, dass „klimafreundliche Lösungen sich auch wirtschaftlich durchsetzen können, wenn sie intelligent und innovativ entwickelt“ würden. „Für uns ist es das erste Netz einer völlig neuen Generation und ein wichtiger Schritt für die kommunale Energiewende“, sagte E.ON Vorstandsmitglied Karsten Wildberger.

Abschied nehmen

Für Tegel-Fans und Nostalgiker sieht es wahrscheinlich immer düsterer aus. Nicht nur das Abgeordnetenhaus stimmte im Juni für eine Schließung von TXL. Auch die FDP zögert. Wer weiß, ob die Liberalen noch mit einer Klage beim Verfassungsgerichtshof des Landes Berlin dem Volksentscheid zur Durchsetzung verhelfen wollen. (kh)

Start-up Monitor: Berlin macht junge Unternehmen stark!

Start-ups sind ein zunehmend ein wichtiger Baustein in  der deutschen Wirtschaftslandschaft. Trotz aller Unterschiede begegnen sie jedoch oft den gleichen bürokratischen Problemen wie Großkonzerne. Dem Deutschen Start-up Monitor vom Bundesverband Deutsche Start-ups e.V. und der KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft zufolge fordern ganze 73 Prozent der Gründer eine Reduktion komplexer Bürokratiestrukturen.

Neben unnötiger Bürokratie sehen sich die Start-ups auch mit Problemen im Personalbereich konfrontiert: Drei Viertel aller Gründer beklagen, es sei schwierig, Fachkräfte aus dem IT-Sektor zu rekrutieren. Dabei ist gerade dieser Bereich besonders wichtig, da Start-ups neue Technologien maßgeblich vorantreiben. So sieht sich eine Mehrheit von 60 Prozent der Befragten durch Künstliche Intelligenz (KI) in ihrem Geschäftsmodell beeinflusst. „Damit sind Startups Träger von innovativen Technologien und nehmen eine Vorreiterrolle bei der Anwendung von Künstlicher Intelligenz ein. Um das Potenzial von KI für zukünftiges Wirtschaftswachstum zu realisieren, müssen bestehende Hürden abgebaut und KI aktiv gefördert werden“, fordert Tim Dümichen, Partner bei KPMG und Co-Founder von Smart Start, der Startup-Initiative von KPMG Deutschland.

Gründer sind glücklicher laut Start-up Monitor

Trotz der bestehenden Hürden und Probleme sind Gründer zufriedener als der deutsche Durchschnittsunternehmer. Laut Start-up Monitor gaben 49 Prozent der Gründer an, mit ihrem Leben zufrieden zu sein – durchschnittlich sagen das nur 32 Prozent der Deutschen von sich. Und das, obwohl Gründer mit 56 Wochenstunden wesentlich mehr arbeiten als der durchschnittliche Bürger. „Gründer/-innen leisten enorm viel und sind gleichzeitig sehr zufrieden mit ihrer Arbeit und ihrem Leben. Um in Zukunft mehr mutige und risikobereite Menschen zum Gründen eines Start-ups zu bewegen, brauchen wir jetzt eine politische Agenda der Innovation, die eine Verbesserung des Kapitalangebots vorantreibt und die digitale Bildung forciert“, fordert Florian Nöll, Vorsitzender des Bundesverbands Deutsche Start-ups e.V.

Gerade im Bereich des Kapitalangebots liegen laut Start-up Monitor noch Verbesserungsmöglichkeiten. So beklagen rund 42 Prozent der befragten Start-ups, sie würden bei der Beschaffung von Kapitalmöglichkeiten nicht genügend unterstützt werden, was letztendlich das Wachstum hemme. Doch nun kommt Abhilfe von Seiten des Senats. Die Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe veröffentlichte kürzlich eine Visualisierung der Standorte der Berliner Innovationslabs. Gerade Innovationslabs bieten Start-ups sowie Unternehmen die Möglichkeit zum Experimentieren und Testen. Ziel der Visualisierung ist es, Innovationslabs und Start-ups besser zu vernetzen und so die Gründer in der Entwicklung ihrer Start-ups zu unterstützen. Ramona Pop, Senatorin für Wirtschaft, Energie und Betriebe fasst zusammen: „Berlin steht für unternehmensnahe Forschung, hochinnovative Start-ups sowie vielen Innovationseinheiten mittelständischer und großer Unternehmen. Das machen wir sichtbar, damit sich die innovativsten Köpfe der Stadt leichter vernetzen können.“

Internationale Kontakte

Nicht nur innerhalb Berlins, auch international unterstützt der Senat Start-ups bei der Vernetzung mit anderen Innovatoren. Zu diesem Zweck reist in den kommenden Tagen eine Delegation deutscher Gründer und Entscheider zum StartUp AsiaBerlin nach Singapur und Jakatar.  „Ich freue mich, dass wir die deutsche Hauptstadt mit einer Start-up-Konferenz im Rahmen von StartUp AsiaBerlin in unserer Partnerstadt Jakarta präsentieren können. Mit dieser Initiative ergänzen wir die Asia-Pacific Week in Berlin und knüpfen nachhaltige Kontakte für unsere Start-ups in den Wachstumsregionen Asiens“, sagt Wirtschaftssenatorin Pop. Auch Cedrik Neike, Mitglied des Vorstands der weltweit agierenden Siemens AG, begrüßt die interkontinentale Zusammenarbeit: „Siemens hat selbst einmal als Start-up in einem Berliner Hinterhof angefangen. Und schon Werner von Siemens wusste, wie wichtig der Austausch zwischen Gründern, Industrie und Politik ist, um erfolgreich zu sein.“ (ke)

Green Economy Start-ups: Berlin ist Spitzenreiter

Berlin als Start-up-Hauptstadt Deutschlands kann sich ab sofort auch grüne Start-up-Hauptstadt nennen: Denn hier sind mit knapp einem Drittel die meisten Green Economy Start-ups aus dem Energiebereich beheimatet, deutlich mehr als in jedem anderen Bundesland in Deutschland. Die Start-ups haben hier zudem die größte Auswahl an Unterstützern: Die Hälfte aller deutschen Inkubatoren für Greentech und Energie sitzt in Berlin.

Diese und weitere Erkenntnisse sind Ergebnis der Studie „Inkubationsprogramme in der Energiewirtschaft“, die das Borderstep Institut für Nachhaltigkeit und Innovation in Kooperation mit Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie im Rahmen des Schaufensters für intelligente Energie aus Nordostdeutschland, WindNODE, durchgeführt hat. Die deutschlandweite Studie betrachtet sogenannte Inkubatoren zur Förderung von Start-ups im Bereich der Green Economy.

30 Prozent der Green Economy Start-ups in Berlin

Für die Untersuchung wurden zwölf Inkubatoren identifiziert, die einen Förderschwerpunkt im Bereich Green Economy aufweisen. Sechs davon haben ihren Hauptsitz in Berlin. Insgesamt 270 Start-ups haben seit 2011 bundesweit an Programmen in den untersuchten Inkubatoren teilgenommen. Davon sind 81 Start-ups (30 Prozent) in Berlin beheimatet. An zweiter Stelle folgt Nordrhein-Westfalen mit 27 Gründerteams (9,6 Prozent), knapp vor Sachsen mit 26 Teams (8,5 Prozent). Insgesamt können den 270 Start-ups über 2.200 Arbeitsplätze zugerechnet werden.

„Inkubatoren siedeln sich dort an, wo die Start-ups zu finden sind – und das ist auch im Bereich der Green Economy: Berlin. Hier entstehen Ideen für die Energiewende, die Start-ups und Unternehmen gemeinsam erfolgreich zur Marktreife bringen. In Berlin wird Zukunft grün geschrieben“, findet Dr. Stefan Franzke, Geschäftsführer von Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie.

Unterstützung findet Franzkes Aussage von Prof. Dr. Klaus Fichter, Direktor des Borderstep Instituts für Nachhaltigkeit und Innovation. „Inkubationsprogramme stellen einen wichtigen Faktor im Gründungszyklus von Start-ups dar. In den vergangenen Jahren sind eine Vielzahl an Inkubatoren im Bereich der Green Economy entstanden. Mit unserer Studie wurden diese erstmalig wissenschaftlich untersucht. Die Ergebnisse dürften nicht nur für die Programmmanager der einzelnen Programme, sondern insbesondere auch für Start-ups von besonderem Interesse sein“, so Fichter.

Weitere Ergebnisse der Studie

Bei den zwölf untersuchten Inkubatoren werden Gründerteams im Durchschnitt mit 20.000 Euro in direkten Geldzahlungen sowie weiteren Sachleistungen über einen Zeitraum von acht Monaten gefördert. Hierbei ist die Förderspanne mit zwischen 6.000 und 500.000 Euro sehr groß. Eine Mehrheit der Programme nimmt zwei Ko­horten im Jahr auf und eine Kohorte umfasst im Durchschnitt sechs Start-ups. Für diese zählen die Vermittlung von Kontakten und die Bereitstellung von finanzieller Unterstützung  zu den wichtigsten Leistungen eines Inkubators. Hingegen sehen die Teams Verbesserungsbedarf im Bereich der Rechtsberatung und dem Abbau von Hemmnissen durch Regulierung. Viele Teams siedeln sich zudem nach dem Abschluss eines Programmes in relativer Nähe zum Standort des Inkubators an.

Im Detail sind die 270 untersuchten Start-ups in unterschiedlichen Bereichen der Energiewirtschaft aktiv. Hierbei sind die Bereiche Energieeffizienz (58 Start-ups), Energie & Daten (56 Start-ups) sowie Erneuerbare Energien (54 Start-ups) am häufigsten vertreten.  (red)

World Health Summit: Wir müssen es gemeinsam anpacken

Mit einem eindringlichen Appell zur internationalen Zusammenarbeit endete der 10. World Health Summit. „Gesundheit ist eine wesentliche Voraussetzung für Wohlstand, Wohlergehen und ein würdevolles Leben“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Abschlussveranstaltung, die gemeinsam mit dem Grand Challenges Meeting der Bill & Melinda Gates Foundation ausgerichtet wurde. „ Nur, wenn wir es gemeinsam anpacken, haben wir eine gute Chance, die Gesundheitsziele der Vereinten Nationen 2030 zu erreichen.“

Deutschland habe in den vergangenen Jahren eine wichtige Führungsrolle übernommen, betonte Microsoft-Gründer Bill Gates. „Wir brauchen die Regierungen, und wir brauchen Wissenschaft“, so Gates. Zuvor hatte der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO) den Globalen Aktionsplan zur gemeinsamen Arbeit an den Gesundheitszielen der Vereinten Nationen vorgestellt. „Es geht darum, Menschenleben zu retten“, sagte der WHO-Chef.

Positive Bilanz

Der Gründer und Präsident des World Health Summit, Prof. Dr. Detlev Ganten zog eine positive Bilanz der dreitägigen Konferenz: „Wir spüren neue Energie im Feld der globalen Gesundheit – in Berlin, in den akademischen Institutionen, in der Politik. Das ist es, was wir brauchen!“ Denn die Wissenschaft bleibe eine treibende Kraft, um die gemeinsamen Ziele zu erreichen.

Beim 10. World Health Summit hatten 2.400 Teilnehmer aus 100 Nationen neue und bessere Strategien für die globale Gesundheitsversorgung diskutiert – zum Beispiel zur Stärkung von Gesundheitssystemen weltweit, zum Schutz vor Pandemien, im Kampf gegen Antibiotika-Resistenzen oder in der Digitalisierung der Gesundheitsversorgung.

Unter den 300 Sprechern waren die norwegische Premierministerin Erna Solberg, Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, Stefan Oschmann, der Vorstandsvorsitzende von Merck sowie Gayle Smith, die Chefin der internationalen Lobby- und Kampagnenorganisation ONE.

Was ist der World Health Summit?

Der World Health Summit ist eine der bedeutendsten internationalen Konferenzen für Global Health und steht traditionell unter der Schirmherrschaft von Bundeskanzlerin Angela Merkel, Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron und dem Präsidenten der Europäischen Kommission, Jean-Claude Juncker. Gegründet wurde das jährliche Treffen 2009 anlässlich des 300-jährigen Jubiläums der Charité.

Der nächste World Health Summit findet vom 27. bis 29. Oktober 2019 in Berlin statt. (red)

Innovationscampus: Einigung erzielt – vorerst

Ein neuer Innovationscampus des Konzerns Siemens könnte dem Land Berlin zufallen, oder weltweit ausgeschrieben werden. Es geht um eine Investition von 600 Millionen Euro. Der Kampf um das Millionenprojekt geht weiter: Am Donnerstag gingen die entsprechenden Verhandlungen in die nächste Runde. Das Land Berlin hofft, ohne eine allgemeine, internationale Ausschreibung das Projekt an Land ziehen zu können. Hingegen Siemens fordert für sein Entgegenkommen Zugeständnisse des Senats.

Wie solche Zugeständnisse aussehen könnten, darüber einigten sich die Verhandlungsparteien im sogenannten „Konzept- und Eckpunktepapier für den Standort Berlin.“ Allerdings ist dessen Inhalt vertraulich. Berlins großer Vorteil ist die bereits vorhandene, geschichtsträchtige Siemensstadt. Sie müsste lediglich umgebaut und modernisiert werden. Denn schon seit 170 Jahren ist der Konzern in der Hauptstadt tätig. Daher hält Cedrik Neike, Siemens-Digitalisierungsvorstandschef, die Siemensstadt für eine „tragfähige Grundlage für unser Konzept.“

Wirtschaftsstandort Berlin

Die Berliner Politik sieht das ähnlich. Eine Neuerrichtung der Siemensstadt könnte ein wichtiger Meilenstein für die Berliner Wirtschaft sein. Von einem „Ankerpunkt“ sprach sogar Berlins Regierender Bürgermeister, Michael Müller (SPD), der notwendig sei, um die „Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Berlin international zu stärken und zu sichern.“ Zuspruch findet die Einschätzung Müllers auch von seiner Koalitionspartnerin, Ramona Pop (Grüne), Senatorin für Wirtschaft und Energie. „Wir wollen den Innovationscampus auf den Weg bringen, ein zukunftsweisendes Projekt für Siemens, die Siemensstadt und ganz Berlin“, sagte Pop.

Siemens erwägt, in Spandau einen Campus für Innovation und Entwicklung einzurichten. Für Berlin spricht der Status als Start-up-Metropole und Universitätsstadt, denn das bietet den Nährboden für zukünftige Innovation. Zudem ist Berlin als Hauptstadt ein Fenster zur Welt, was das international agierende Unternehmen Siemens für lukrative neue Aufträge nutzen könnte. Darüber hinaus bietet die Siemensstadt wortwörtlich Platz für Innovationen: Auf knapp 950.000 Quadratmetern können nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch dringend benötigte Wohnfläche geschaffen werden.

Verhandlungen über Innovationscampus stocken

Knackpunkt der stockenden Verhandlungen ist der Denkmalschutz. Viele Gebäude der Siemensstadt, wie das Umspannwerk, stammen noch aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Daher gestaltet es sich ihre Sanierung als schwierig. Immerhin herrscht Einigkeit zwischen dem Senat und Konzern darüber, wie der zukünftige Campus aussehen soll. Berichten des Tagesspiegels zufolge sollen sogar die alten Fassaden erhalten, dahinter aber moderne Innovation Labs errichtet werden.

Ein weiterer Diskussionspunkt ist die Verkehrsanbindung des Innovationscampus. Zwar ist eine S-Bahntrasse vorhanden; diese liegt allerdings seit 1980 still. Sie wieder aufzubauen wäre sehr zeit- und kostenintensiv, aber möglich. Außerdem würde der Wiederaufbau der Siemensbahn noch einen weiteren Vorteil mit sich bringen: Nur wenige Kilometer von der Siemensstadt entfernt entstehen derzeit am Waterkant in Spandau tausende Wohnungen. Auch diese benötigen einen Zugang zum Nahverkehr. Die Lösung für zukünftige Infrastrukturprobleme könnte die Siemensbahn sein.

Entscheidung steht noch aus

Noch ist ungewiss, ob Berlin die Zusage für das Projekt erhält. Bereits am Donnerstag sprach Siemens-Manager Neike von einem großen Interesse an einem Innovationscampus aus dem In- und Ausland. Doch mit den gegenwärtigen Zugeständnissen stehen die Chancen gut, dass der Innovationscampus nach Berlin kommt. „Wir werden jetzt zeitnah alle Optionen im Vorstand prüfen und zügig eine Entscheidung treffen, um die nächsten Schritte einzuleiten“, versprach Neike. Da beide Seiten mit Hochdruck an einer Lösung arbeiten, könnte schon bald eine Wahl feststehen. (ke)

Peter Buchner: S-Bahn Berlin ist auf einem guten Weg

Auf der Eisenbahnfachmesse InnoTrans standen die Berliner in der vergangenen Woche Schlange, um eine Neuheit in Augenschein zu nehmen. Die von der Stadler Pankow GmbH entwickelten Prototypen der neuen S-Bahn der Baureihe 483 und 484. Obwohl diese erst 2021 auf den Ringbahnlinien auf die Schiene kommen, ist das ein eindrucksvolles Zeichen für die Modernisierung der Flotte. Mehr als 250 Millionen Euro werden in den nächsten Jahren in die Züge investiert, berichtete S-Bahn-Chef Peter Buchner beim INFRANEU-Frühstück im Berlin Capital Club am Gendarmenmarkt.

Glücksfall Buchner

Buchner, der seit 2009 die Geschicke der S-Bahn leitet, ist ein ausgewiesener Verkehrsexperte und hat mehr Qualität in die vielschichtigen Aufgabenfelder der S-Bahn Berlin gebracht. Prof. Dr. Dieter Flämig, geschäftsführender stellvertretender Vorsitzender von INFRANEU, bezeichnete Buchner als Glücksfall für das Verkehrsunternehmen. Der Hauptverband für den Ausbau der Infrastrukturen und Nachhaltigkeit (INFRANEU) lädt regelmäßig Gäste zu Gesprächen ein, um wirtschaftliche und politische Themen zu diskutieren.

Mehr als 430 Millionen Fahrgäste befördert die Berliner S-Bahn jährlich, eine Mammutaufgabe für die Säule des öffentlichen Nahverkehrs. Der Bahnmanager hat dabei zahlreiche Herausforderungen zu meistern: Marode Technik, veralteter Wagenpark und zunehmende Störungen von außen. Dem begegnet Buchner mit seinem Team mithilfe einer Qualitätsoffensive und einem umfassenden Investitionsprogramm in die technische Infrastruktur.

Qualitätsverbesserung

Peter Buchner setzt dabei auf besondere Instrumente, um schnell konkrete Verbesserungen in das Tagesgeschäft der Deutsche Bahn-Tochtergesellschaft zu implementieren. So hat er eine Art Taskforce ins Leben gerufen, also 50 Mitarbeiter, die neben ihrer Haupttätigkeit mitwirken, um direkt Qualitätsverbesserungen in das S-Bahn-Netz zu ermöglichen. Der interdisziplinäre Ansatz der S-Bahner ermöglicht einen fundierten und themenübergreifenden Hebel bei diesem effektiven Steuerungsinstrument.

Zum interdisziplinären Ansatz gehören unter anderem Verbesserungen im Bereich des Kundenservice, der Sicherheit und dem Liniennetz. Letzteres erweitert die S21 durch eine neue Nord-Süd-Verbindung, die sich gegenwärtig noch im Bau befindet. Schon 2020 sollen hier erste Züge auf den neuen Gleisen rollen. Mit der neuen S21 kommt eine Verbindung vom Nordring über den Hauptbahnhof bis zur Yorkstraße schrittweise hinzu.

Digitaler Service

Besonderer Beliebtheit erfreuen sich auch die digitalen Angebote der S-Bahn Berlin. Seit 2012, als die S-Bahn ihren Twitter-Account ins Leben rief, hat sich die Zahl der Abonnenten auf stolze 202.000 erhöht. Damit folgen mehr Leute der S-Bahn als den Twitter-Seiten von Microsoft Deutschland, Siemens und Volkswagen Deutschland zusammen. Doch nicht nur auf Twitter, auch mithilfe der S-Bahn-App können sich Kunden über Verspätungen und Ausfälle der Züge in Echtzeit informieren. Zukünftig sollen derartige Informationen auch an den Bahnhöfen und in den Zügen selbst verfügbar sein. Anzeigetafeln an Bahnhöfen sollen demnach präzise anzeigen, wann der nächste Zug einfährt und welche Möglichkeiten Wartende haben, die Problemstellen zu umfahren. In den Zügen der neuen Generation selbst versorgen digitale Anzeigetafeln die Passagiere über den Fortschritt auf der Strecke und zu erwartende Verspätungen.

 In puncto Sicherheit in den Bahnhöfen verstärkte die S-Bahn in den vergangenen Monaten bereits das Einsatzpersonal massiv. „Unser Anspruch ist es, dass sich alle Kunden auf der Fahrt mit der S-Bahn wohl und sicher fühlen“, erklärte Buchner. Neben zusätzlichen Sicherheitskräften während der Nacht weitet die Tochtergesellschaft der Deutschen Bahn deswegen auch ihre Videoüberwachung aus. Diese kommt nicht nur an den Bahnhöfen, sondern auch in den neuen Zügen der Baureihe 483 und 484 zum Einsatz.

Die neuen Wagen der Baureihe 483 und 484 | Foto: Volkmar Otto/Messe Berlin GmbH

Die neuen Wagen der Baureihe 483 und 484 | Foto: Volkmar Otto/Messe Berlin GmbH

Qualitätsoffensive greift: Verbesserung der Pünktlichkeit

Im Feld der Verspätungen hat sich die S-Bahn allerdings nicht viel vorzuwerfen: Im Februar lag die Pünktlichkeitsquote bei 94 Prozent. Dennoch plädiert der S-Bahn-Chef für ehrgeizige 96 Prozent Pünktlichkeit. Im Juli hätten sie dieses Ziel fast erreicht, sie lagen sogar darüber, so Buchner. Doch dann kamen ihnen ein paar schlechte Tage voller Ausfälle und Verspätungen in die Quere. Sie zogen die Quote nach unten. Das Qualitätsprogramm schient laut der Zahlen zu greifen. Andernfalls hätte die S-Bahn ihre Pünktlichkeit im kurzen Zeitraum zwischen Februar und Juli nicht dermaßen erhöhen können.

Obwohl die Fertigungsphase der neuen Züge der Baureihen 483 und 484 größtenteils abgeschlossen ist, vergeht bis zu deren Einsatz noch einige Zeit. Vorerst werden die Bahnen auf einem Testgelände und nachfolgend auf ausgewählten Strecken im S-Bahn-Netz getestet. Ab 2021 sollen sie dann vorrangig die Ringbahnlinien S41 und S42 befahren. Die von Peter Buchner vorgestellte Qualitätsoffensive forciert jedoch nicht nur die Wagen an sich, sondern alle Bereiche, in denen die S-Bahn tätig ist. So können sich durch die umfassenden Verbesserungen nicht nur die knapp 3.000 Mitarbeiter des Unternehmens, sondern alle 1,4 Millionen tägliche Passagiere der S-Bahn freuen. (red)

InnoTrans 2018: Die Zukunft des Schienenverkehrs

Unter dem Berliner Funkturm findet derzeit die InnoTrans 2018, die internationale Leitmesse für Verkehrstechnik, statt. Insgesamt 3.000 Aussteller präsentieren auf der weltweit führenden Bahnmesse ihre neusten Innovationen und Produkte rund um den Schienenverkehr. Bis einschließlich Freitag kann das Fachpublikum die Messe besuchen, danach ist das Gelände bis zum Sonntag allen Bahnfans zugänglich. Unter dem Motto „Zukunft der Mobilität“ stehen vor allem die Digitalisierung und neuartige Technologien wie autonomes Fahren im Mittelpunkt der Messe.

Aber auch Themen wie Energieeffizienz und Umweltschutz sowie vorausschauende Wartung rücken vermehrt in den Fokus der führenden Bahnmesse. Neue Möglichkeiten, durch die Digitalisierung bedingt, vereinfachen zahlreiche Abläufe und Prozesse im Bahnwesen. Diese innovativen Ansätze sorgen so für neue Lösungen von altbekannten Problemen wie mangelnder Kundeninformation. Darüber tauschen sich zahlreiche internationale Fachexperten auf der Messe aus. Aussteller wie das Forschungsunternehmen Terreplane Technologies aus Columbia/USA, die französischen Schienenexperten Ateliers d’Occitanie oder auch CN-Consult aus Mittenaar in Hessen zeigen, wie die Zukunft der Schiene aussehen kann.

Sauberer, leiser, effizienter und inklusiver

Allzu passend, dass bei solch einem Kaleidoskop an Ausstellern auch die Ansprache durch die supranationale EU-Verkehrskommissarin Violeta Bulc erfolgte. Sie stellte im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung den Besuchern neueste Daten einer EU-weiten Umfrage vor. Laut dieser fahren 80 Prozent der EU-Bürger mindestens einmal im Jahr mit dem Zug, was die Relevanz des Schienenverkehrs als Verkehrsmittel verdeutlicht. Dennoch nutzen nur fünf Prozent die Bahn als tägliches Fortbewegungsmittel. Grund hierfür sind häufige Verspätungen sowie mangelhafter Umgang mit Kundenbeschwerden. „Da gibt es für Sie noch viel Arbeit zu tun“, richtete sich die EU-Kommissarin an die Fachgäste der Veranstaltung. „Die Branche muss sauberer, leiser, effizienter und inklusiver werden“.

Am Punkt „Sauberkeit“ arbeitet die Deutsche Bahn bereits. Ihr erklärtes Ziel ist es, 50 Prozent der CO2-Emmissionen bis 2030 einzusparen. Schon zum jetzigen Zeitpunkt setzt die Bahn im Fernverkehr auf 100 Prozent Ökostrom, bis 2050 möchte der Konzern komplett CO2-frei agieren. Allgemein gibt es in Deutschland ein komplexes und umfassendes Schienennetz. Für dessen Ausbau sei die Finanzausstattung bereits gegeben, betonte Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) auf der Messe. Der Bund stellt für den Ausbau der Infrastruktur  bis 2030 eine Summe von rund 270 Millionen Euro zur Verfügung. Was löblich ist, da die Bahn eine klimafreundliche Alternative zum motorisierten Verkehr darstellt. Dennoch liegt der Anteil des Transports auf der Schiene beim Güterverkehr nur bei 18 Prozent und beim Personenverkehr lediglich bei knapp 10 Prozent. Daher muss die Politik Anreize schaffen, um den Zugverkehr attraktiver zu gestalten. Einige Ansätze sind bereits jetzt auf der InnoTrans 2018 zu sehen.

Berlin-Brandenburg auf der InnoTrans

Vor allem in Berlin ist die Notwendigkeit eines gut funktionierenden Personennahverkehrs klar ersichtlich. So konnten die Berliner Verkehrsgetriebe (BVG) in den vergangenen Jahren ein stetiges Wachstum der Fahrgastzahl verzeichnen –  2017 um ganze 1,9 Prozent. Kaum verwunderlich also, dass die Region Berlin-Brandenburg auf der InnoTrans mit einem großen Stand vertreten ist. Auf über 1.000 Quadratmetern präsentieren fast 70 Aussteller die neuen Entwicklungen im Schienenverkehr der Hauptstadtregion. Highlight ist hier die Präsentation der neuen S-Bahn-Züge von Siemens/Stadler. Die Züge, die ab 2021 auf den Gleisen unterwegs sein sollen, sind mit neuen Anzeigetafeln und traditionellem rot-gelben Anstrich schon jetzt ein Hingucker auf der Messe.

Auch in Potsdam betrachtet man Neuerungen im Nahverkehr: Beispielsweise testet Siemens im Rahmen der Industriemesse autonome Straßenbahnen. Ohne Passagiere, aber mit einem Fahrer, der bei Problemen eingreifen kann, fährt die Tram über einen sechs Kilometer langen Streckenabschnitt. Mit Sensoren und Rechnern ausgestattet soll die Bahn Hindernisse selbstständig erkennen und automatisch bremsen und beschleunigen. Bisher habe es keine Probleme gegeben, erklärten die Potsdamer Verkehrsbetriebe. Autonome Trams sind aber nur eine von insgesamt 146 Weltpremieren, die Messechef Christian Göke für die InnoTrans ankündigte. (ke)

pi4_robotics GmbH: Roboter im Alltag

Gründer, Erfinder oder Visionär? Eigentlich ist pi4_robotics-Geschäftsführer Matthias Krinke von allem etwas. Seit der Eröffnung seines workerbotkiosks im BIKINI BERLIN kommen viele Fragen auf. Meine wohl brennendste: Wie interagiert eigentlich ein Roboter?

In unmittelbarer Nähe des Humboldthains befindet sich mit Unternehmen wie Robozän, Robots & Girls und pi4_robotics der wichtigste Robotik-Hotspot der Stadt. Schon bevor ich die pi4-Geschäftsräume betrete, treffe ich auf eine große Roboterdame – die Empfangsdame. Auffällig ist die Firmenfarbe Grün, die überall präsent ist – vom Roboter bis hin zum Polohemd des Geschäftsführers mit pi4-Logo.

Robophil von Beginn an

Roboter wollte der Diplom-Ingenieur schon immer bauen, dazu studierte er Elektrotechnik/Automatisierungstechnik mit Spezialisierung auf Robotik in München. Bereits 1994 gründete er dann die pi4_robotics GmbH in Berlin. Von Anfang an war es seine Intention, Roboter von ihrem Fabrikdasein zu befreien und im Servicebereich anzusiedeln – im direkten Kontakt mit dem Menschen. Hilfreich sind dabei unter anderem die fast schon kindlichen Gesichtszüge. „Das ist bewusst so gewählt“, so Krinke. „Ein totes Ding beunruhigt nur sein Gegenüber.“ Auch ein Robo-Klon ist die wuchtige Empfangsdame auf Rollen nicht. Als humanoider Roboter kann sie interagieren und ist perfekt in ihr Arbeitsumfeld integriert; dennoch ist sie optisch klar von einem Menschen unterscheidbar.

Mittlerweile sind Roboter fast überall in der Wirtschaft einsetzbar, wenn sie über die entsprechenden optischen und sensorischen Fähigkeiten verfügen. Für seine Kunden entwickelt Krinke zum Beispiel spezifisch auf den Einsatzort und die Tätigkeiten angepasste Roboter beziehungsweise Robotersysteme.

Vielfältige Einsatzbereiche

Abgesehen von der Industrie werden Roboter in Zukunft vor allem im Kundenservice – wie Kundenempfang, Anrufannahme, Mailbeantwortung – eine tragende Rolle spielen. Viele erhoffen sich auch den Einsatz von Robotern in der Pflege direkt am Menschen, aber laut Krinke, ist das eher unwahrscheinlich. „In Japan hat man daran gearbeitet, aber das liegt wieder auf Eis“, sagt er. Grund seien Sicherheitsbestimmungen. Auch abseits der Pflege ist es schwierig, Mensch und Maschine zusammenarbeiten zu lassen. Die Abstimmung aufeinander ist nicht wirtschaftlich, da Roboter aus Sicherheitsgründen viel langsamer arbeiten müssten.

Robo-Standort Berlin

Berlin könnte sich eigentlich zu einer Robot City mausern. Unverständlich ist für den Unternehmer, dass pi4 im Bereich Robotik inzwischen fast allein dasteht. Insolvent, verkauft und verzogen – das Aussterben der kleinen mittelständischen Unternehmen betrifft nicht nur die Berliner Robotik-Industrie. Trotz guter Förderungen auf Landes- und Bundesebene wird erst jetzt den Aufkäufen aus dem Ausland von der Regierung Einhalt geboten. „Gesamtgesellschaftlich ist es wichtig, dass Berlins Hightech-Firmen auch hier bleiben“, erklärt Krinke. Auch ihm boten bereits internationale Großinvestoren verlockende Summen an. Verkauft hat er nie und das wird auch so bleiben.

Am Ende unseres Gesprächs lüftet Krinke dann doch noch das Geheimnis und gibt Einblick in die Sicht der Roboter-Empfangsdame. In schwarz-weiß werde ich mit farblich markierten Kreuzen aufgezeichnet. Meine Gesichtsmerkmale werden identifiziert und gespeichert. „Sie erkennt Sie wieder“, sagt Krinke lachend. Tatsächlich reagiert die Roboterdame und zwinkert mir freundlich zu. (lj)

Charité Global Health: Zentrum für globale Gesundheit

Die weltweite Gesundheitsversorgung verbessern – mit diesem Ziel hat die Charité – Universitätsmedizin Berlin jetzt Charité Global Health gegründet. Das interdisziplinäre Zentrum wird die verschiedenen Global Health-Projekte der Charité bündeln, koordinieren und ausbauen, um eine sichtbare Schnittstelle nach innen und außen zu sein. Zudem steht die Zusammenarbeit mit nationalen und internationalen Partnern in Wissenschaft, Politik und Wirtschaft im Mittelpunkt.

Themen wie die weltweite Ausbreitung von Infektionskrankheiten, antibiotikaresistente Krankheitserreger oder nicht-übertragbare Volkskrankheiten wie Diabetes gehören zum Fachgebiet Global Health. Ziel ist es, Menschen auf der ganzen Welt vor gesundheitlichen Problemen zu schützen. Außerdem ist ein Ziel, Krankheiten bestmöglich zu bekämpfen und so die globale Gesundheitsversorgung zu verbessern. Auch die psychische Gesundheit sowie die gesundheitlichen Folgen von Krisen und Migration sind zentrale Themen von Global Health. Mit diesen internationalen Herausforderungen befasst sich das neue Zentrum für globale Gesundheit der Charité in der Forschung, Lehre und Krankenversorgung.

Charité Global Health essentiell für Vernetzung von Forschungsfeldern

„Mit Charité Global Health bauen wir unsere internationale Expertise aus, um Lösungen für drängende globale Gesundheitsprobleme zu finden. Angesichts der Tatsache, dass Deutschland sein Engagement für globale Gesundheit gerade verstärkt, ist dies ein konsequenter Schritt – sowohl für die Charité als auch für Berlin als Gesundheits- und Wissenschaftsstadt“, erklärt Prof. Dr. Karl Max Einhäupl, Vorstandsvorsitzender der Charité.

Prof. Dr. Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie der Charité und wissenschaftlicher Leiter des Zentrums, dazu: „Global Health-Themen sind interdisziplinär, daher müssen viele verschiedene Bereiche der Forschung und Gesundheitsversorgung zusammenarbeiten.“ In Zeiten der Globalisierung werde es immer wichtiger, beispielsweise gegen Epidemien gerüstet zu sein, denn Viren kennen keine Landesgrenzen, so Drosten.

Internationale Zusammenarbeit stärken

Die enge Zusammenarbeit mit Akteuren aus Berlin, Deutschland und der Welt wird in dem neuen Zentrum einen besonderen Stellenwert einnehmen. So bereitet Charité Global Health derzeit Kooperationen mit der London School of Hygiene and Tropical Medicine und der Oxford University vor. (red)

Berlin – Living Lab des digitalen Wandels

Allein eine Vision zu entwerfen, genügt nicht. „Wir können nur eine kurze Distanz in die Zukunft blicken, aber dort können wir eine Menge sehen, was getan werden muss“, sagte der Erfinder des maschinellen Lernens, Alan Turing. Fakt ist: Wir bewegen uns längst im technischen Zeitalter. Ob in der Politik, Wirtschaft, Wissenschaft oder Gesellschaft, Berlin ist ein Living Lab des digitalen Wandels. Hier werden internationale Tendenzen und Entwicklungen der technischen Megatrends sichtbar und eigene Trends ausgelöst. Das macht die Hauptstadt zu einem Entwicklungszentrum und Testlabor zugleich.

Vernetzung, Mobilität, Künstliche Intelligenz (KI) und nachhaltige Energieversorgung sind die Hauptthemen der Stadt der Zukunft. So wird bereits jetzt an neuen Technologien der Themenfelder geforscht, getüftelt und ihre Anwendbarkeit in der Stadt selbst ausprobiert. Aber es liegt bei den Entscheidern aus Politik und Wirtschaft, den Raum für Bildung, Innovation, Kreativität, sozialen Austausch und eine umfassende Einbindung in Entscheidungsprozesse zu schaffen. Profitieren sollen schließlich alle aus dem gewonnenen Wissen. Daher ist es umso wichtiger zu fragen: Wie ist Berlin aufgestellt? Wo wird geforscht und was muss in Zukunft noch getan werden?

Brain City Berlin

Als Stadt der Gründer hat sich Berlin europaweit einen Namen gemacht. Doch Innovationen sind nicht nur in der Wirtschaft zu finden, auch in Sachen Forschung ist die Hauptstadt gut auf-gestellt. Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, nannte die Hauptstadt einen „Showroom für Wissenschaft und Forschung“ und das nicht ohne Grund. Abgesehen von international anerkannten Hochschulen verfügt Berlin über zahlreiche außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, die vom Bund und den Ländern mitfinanziert werden. Laut dem Förderatlas der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) 2018 gibt es in keinem anderen Bundesland so viele verschiedene wissenschaftliche Einrichtungen wie in Berlin.

Vorbildliches leistet zum Beispiel das europaweit größte Universitätskrankenhaus Charité. Hier wird akribisch geforscht, ausgebildet und der Grundstein für eine moderne Gesundheitswirtschaft gelegt. Sie gilt als Herzstück und Motor der Gesundheitsforschung in der Hauptstadtregion. Das liegt unter anderem an der Vielzahl an Kooperationen mit Wirtschaft und Industrie sowie interdisziplinären Projekten, die von der Charité initiiert werden. Zurzeit sind dort mehr als 3.700 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen an über 1.000 Forschungsprojekten tätig. Nennenswert sind auch die herausragenden wissenschaftlichen Leistungen des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI), das bereits 1988 gegründet wurde, und ein Projektbüro in Berlin besitzt. Das DFKI ist eine der führenden wirtschaftsnahen Forschungseinrichtungen Deutschlands auf dem Gebiet innovativer Softwaretechnologien auf Basis von KI. Außerdem ist es bundesweit gut vernetzt und gilt in der internationalen Wissenschaftswelt als eines der wichtigsten „Centers of Excellence“. Beispielhaftes leistet auch das Hasso-Plattner-Institut (HPI) in Potsdam. Es ist Deutschlands bekanntestes universitäres Exzellenz-Zentrum für Digital Engineering. Neben zukunftsweisenden Softwarelösungen bietet das HPI die interaktive Bildungsplattform openHPI an, die einen Gratis-Zugang zu aktuellem Hochschulwissen gewährleistet. Für sich schnell verändernde Berufsgruppen, etwa aus den Bereichen Informationstechnologie und Innovation, kann auf diese Weise ein ständiger Wissenstransfer garantiert werden. Berlin verfügt über mehr als eine respektable Forschungslandschaft. Mit dem Aufkommen der Gründerszene und der Ansiedlung vieler internationaler Großkonzerne ist die Hauptstadt nicht nur eine Brain City, sondern zu einem lebendenden Labor geworden.

 

Frank Wiethoff, Regionalvorstand Ost, KPMG AG | Foto: Peter Adamit/KPMG AG

Frank Wiethoff, Regionalvorstand Ost, KPMG AG | Foto: Peter Adamit/KPMG AG

 

Living Lab

Wissenschaft und Forschung sind das Fundament unserer Zukunft. Anfang der 2000er Jahre war es erstmals möglich, mehr Informationen digital statt analog zu speichern und somit nahm die digitale Revolution ihren Lauf. Seitdem haben sich die informationstechnischen Prozesse deutlich beschleunigt. Die Digitalisierung griff in alle gesellschaftlichen Bereiche ein und veränderte sie maßgeblich. Entstanden sind Begriffe wie Bildung 2.0 sowie Arbeit und Industrie 4.0, die aus der Stadt ein Experimentierfeld machen. Auch Robotik ist in der Hauptstadt ein Thema, dennoch ist der Ausbau auf diesem Technologieschwerpunkt vergleichsweise gering. Wenige auf Robotik spezialisierte Unternehmen nutzen die vom Bund und Land geförderten Programme. Fehlen die Spezialisten? Wegweisende Rahmenbedingungen?

 

Forscher mit Kittel und Mikroskop gehören zum Teil der Vergangenheit an: Mittlerweile arbeiten Berlins Forscher überwiegend mit Computern | Foto: pexels.com

Forscher mit Kittel und Mikroskop gehören zum Teil der Vergangenheit an: Mittlerweile arbeiten Berlins Forscher überwiegend mit Computern | Foto: pexels.com

 

Die Innovationsschwerpunkte der Berliner Verwaltung sind derzeit immer noch die Digitalisierung der Verwaltungsprozesse sowie die Modernisierung der IT-Infrastruktur. Jedenfalls so der Tenor bei der Veranstaltung PoliTisch mit Sabine Smentek, Staatssekretärin für Informations- und Kommunikationstechnik, im Juni. Zukünftig sollen jährlich 80 bis 100 Millionen Euro allein dafür aufgewandt werden. Die Roboter müssen noch warten.

Zeitgleich sollen die Neuerungen aber auch der Gesellschaft Nutzen bringen. Immer mehr Berliner Projekte bestehen aus Kooperationen, die Wissenschaft, Wirtschaft und die breite Öffentlichkeit einbeziehen. Zu nennen ist Open Data Berlin, gefördert durch die Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe. Dieses Kooperationsprojekt macht nützliche Daten der Öffentlichkeit zugänglich. Die vielfachen Anwendungsmöglichkeiten von Daten werden auf der Website durch die interaktive Kitasuche, das FlatMatch und den Landeshaushaltsplan ersichtlich. Löblich sind auch die Initiativen des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastrukturen, das regelmäßige Start-up-Pitchs zur Förderung neuer Technologien initiiert.

 

Ramona Pop, Bürgermeisterin und Senatorin für Wirtschaft, Energie und Betriebe | Foto: Hoffotografen

Ramona Pop, Bürgermeisterin und Senatorin für Wirtschaft, Energie und Betriebe | Foto: Hoffotografen

 

Zu den Triebkräften des Hauptstadtlabors zählen aber vor allem Innovations- und Forschungseinrichtungen, darunter das Berlin Center for Digital Transformation. Unaufhörlich etablieren sich immer mehr Labs, Hubs und ähnliches, die in kürzester Zeit erbaut und in Betrieb genommen werden. Internet der Dinge (IoT), Vernetzung, Mobilität, Energieversorgung, Nachhaltigkeit, KI und Smart Data sind die Hauptthemen der Stadt der Zukunft. Um diese Technologien zu fördern, sind Kollaborationen unumgänglich. Vorbildhaft ist auch die enge Zusammenarbeit zwischen Next Big Thing AG und Fraunhofer-Forschung in Berlin. Der IoT Company Builder zwischen der Next Big Thing AG, und das „Leistungszentrum Digitale Vernetzung“ haben eine strategische Partnerschaft vereinbart. Ziel der Kooperation ist die wissenschaftliche und wirtschaftliche Förderung von technologischen Innovationen am Standort. Zentral hierfür sind der Austausch und Technologietransfer zu Themen der digitalen Transformation, vor allem zu IoT und zur Sensorik.

Factory Berlin ist der erste und größte Start-up-Campus Deutschlands. Auf über 16.000 Quadratmetern Bürofläche bringt Factory etablierte Technologieunternehmen mit early-stage Start-ups zusammen. Dabei zeichnet sich der Campus durch die außergewöhnliche Arbeitsumgebung, die lebendige Community aus Gründern und den Events aus. Viele Innovationslabs arbeiten bereits eng mit der Wirtschaft zusammen.

Smart-City-Strategie

Berlin ist gut vernetzt. Die unterschiedlichen Schichten sowie Strukturen finden sich alle an einem Punkt zusammen: Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie. Seit 1994 engagiert sich die öffentlich-private Partnerschaft für die Interessen der Hauptstadt und hat damit maßgeblichen Erfolg. Berlin boomt und ist eine der wichtigsten Gründermetropolen Europas. Mittlerweile gehören zu Berlin Partner über 280 Unternehmen und selbst der Senat ist an der Fördergesellschaft beteiligt. Vernetzung und weitreichende Förderstrukturen sind zentrale Faktoren für Urbanität, Lebensqualität und Wandlungsfähigkeit einer Stadt und machen sie zu einem Inkubator für den gesellschaftlichen und technischen Fortschritt. Seit 2015 ist die Berliner Smart-City-Strategie aktiv, mit der sechs Handlungsfelder verfolgt werden: Smarte Infrastrukturen, smarte Wirtschaft, smarte Verwaltung und Stadtgesellschaft, öffentliche Sicherheit, smartes Wohnen und smarte Mobilität.

 

Dr. Stefan Franzke, Geschäftsführer der Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie GmbH | Foto: Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie GmbH

Dr. Stefan Franzke, Geschäftsführer der Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie GmbH | Foto: Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie GmbH

 

Neben dem Bürgernutzen sind dabei Klimaschutz, Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit von besonderer Bedeutung. Die Schaffung organisatorischer Rahmenbedingungen sowie die Vernetzung von Entscheidungsprozessen in den Städten sind Voraussetzung für die Etablierung smarter Technologien. Doch auch neue Zukunftsthemen wie 3-D-Druck, Technologietransfer, aber auch die Fachkräfte- und Gewerbeflächensicherung müssen berücksichtigt werden. Das sind alles Aufgaben, die von der Politik, Wirtschaft und Wissenschaft gemeinsam gelöst werden müssen. Dass ein Zusammenspiel verschiedener Akteure funktionieren kann, beweist unter anderem das Euref-Campus. Bereits 2014 konnte der Campus das Klimaschutzziel der Bundesregierung für 2050 erreichen. Mit seinen ca. 5,5 Hektar gilt das Stadtquartier als Symbol für die Energiewende in Deutschland. Außerdem ist der Euref-Campus Standort für Unternehmen aus den Bereichen Energie, Nachhaltigkeit und Mobilität. Er ist der Referenzort für die Smart-City-Strategie des Landes Berlin.

Digitale Hürden

KI-Vorreiter und IoT-Landschaft Berlin klingen futuristisch und nach einem politischen Masterplan für die Zukunft. Entscheidend sind die Grundlagen auf denen aufgebaut wird, denn ein Wort kann den Masterplan zum Wanken bringen: Breitbandausbau. Trotz der Berliner Smart-City-Strategie hapert es am Ausbau digitaler Infrastrukturen. Senat und Netzbetreiber schafften es bisher nicht, den Glasfaserausbau voranzutreiben. Eigentlich sollten sich private Anbieter und landeseigene Unternehmen darum kümmern. Von der Digitalisierung der Berliner Verwaltung darf erst gar nicht gesprochen werden.

Derzeit greift eine noch ganz andere Angst um sich: Berlin, als Deutschlands einzige Metropole, muss im Wettbewerb mit dem Silicon Valley oder Shezan bestehen können. Es fehlt der Wagemut, offensiver in der Forschung, KI-Entwicklungen und vor allem im Bereich Investition vorzugehen. Statt Digitalisierungs- oder Energiegipfeln gibt es jetzt KI-Gipfel. Es heißt: Tempo machen! Sonst droht ein Wettbewerbsnachteil. Appelliert wird vor allem an die Politik und die antwortet mit den Eckdaten zu einem Masterplan für Künstliche Intelligenz. Geplant sind Maßnahmen für einen verbesserten Technologietransfer in die Wirtschaft, aber auch die Start-ups in diesem Bereich stärker zu fördern. Pläne sind gut, Umsetzungen besser.

Neben der Grundlagenforschung fehlen die Gelder eben auch in Forschungssektoren wie KI. Nordamerika investiert zum Beispiel fünf bis sechs Mal mehr Kapital in Zukunftstechnologien als Europa. Zwar heißt es überall, dass dringend wirtschaftsnahe Förderprogramme benötigt werden, um mehr Geld im privaten Sektor zu mobilisieren, aber das trifft nur teilweise zu. Es fehlt vor allem an der konstanten Weiterfinanzierung und Förderung von Zukunftsprojekten.

KI-Engagement

Vorbildliches leistet seit Jahren das Tech-Unternehmen Microsoft. Mit dem Hashtag #digitalfueralle präsentierte sich Microsoft im Juli bei einem selbstorganisierten parlamentarischen Abend zu KI. Sabine Bendiek, Vorsitzende der Geschäftsführung von Microsoft Deutschland, stellte den Gästen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft den Plan der Microsoft Deutschland GmbH vor und erläuterte vor allem, dass KI ein enormes wirtschaftliches Potenzial bedeutet. Allerdings müssen ähnlich wie bereits bei der Digitalisierung viele politische und wirtschaftliche Hebel gleichzeitig in Bewegung gesetzt werden.

Seit Jahren pflegt Microsoft in Berlin eine enge Zusammenarbeit mit dem DFKI und anderen Digital- und Tech-Pionieren. Doch wurde diesen Partnerschaften wenig Aufmerksamkeit zuteil. Erst jetzt, mit medialem Interesse und politischem Interesse, bekommen Innovationen und Forschungsarbeiten wieder eine Plattform. „Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben“, sagte bereits Physiker Albert Einstein. Und die Zukunft heißt in Berlin KI. Als erster Schritt muss die breite Öffentlichkeit informiert werden.

Zukunftsängste

Geträumt wird von einem weltweit anerkannten Gütesiegel „Artificial intelligence (AI) made in Germany“. Der Wunsch nach einer internationalen Führungsrolle im Bereich KI, der Entwicklung anerkannter Kompetenzzentren, regem Fachkräftezuzug sowie der Modernisierung der Verwaltung. Die Politik ist am entscheidenden Zug etwas zu tun. Mit der Digitalisierung und den nachfolgenden Datenskandalen entwickelte sich aber auch das Bewusstsein für Datenschutz (Stichwort „gläserner Mensch“), Privatsphäre und digitale Entrechtung. Rein wirtschaftlich ist das technische Zeitalter aber eine lösbare Aufgabe. Prognosen zufolge wird die fortschreitende Technologisierung und Robotisierung trotz vieler Relativierungen Berlin eine Vielzahl an Jobs kosten. Stark betroffen sind Berufsfelder, die automatisierbare Tätigkeiten ausführen, beispielsweise Verkäuferinnen im Einzelhandel, die schon jetzt durch teilautomatisierte Kassensysteme ersetzt werden. Künstliche Intelligenz und Robotik wecken dagegen ganz andere Ängste. Früher war es Science Fiction und heute ist die Debatte aktueller denn je: Mensch versus Maschine. „Es gibt nicht nur die ewig Gestrigen, es gibt auch die ewig Morgigen“, merkte Autor Erich Kästner an. Gegen Zukunftsängste hilft nur Aufklärung und Bildung.

 

Keine Angst vor Robotik und Künstlicher Intelligenz: Beides kann mit politi- schen Zielvorgaben zum Wirtschaftswachstum beitragen | Foto: pixabay.com

Keine Angst vor Robotik und Künstlicher Intelligenz: Beides kann mit politischen Zielvorgaben zum Wirtschaftswachstum beitragen | Foto: pixabay.com

 

Die Gesundheitsbranche, der öffentliche Sektor, Kommunikation, Medien und Dienstleistungen, Einzelhandel und Großhandel werden stark von KI profitieren, ohne je einen jährlichen Nettoarbeitsplatzverlust zu erleiden. Dagegen werden IT-Dienstleistungen 2018 einen massiven Stellenabbau verzeichnen: Zwar werden 100.000 neue Arbeitsplätze geschaffen, aber wiederum 80.000 Arbeitsplätze eingebüßt. Über 2025 hinaus werden neue Branchen und Arbeitsplätze entstehen, aber diese sind schwer vorauszusehen. Ähnlich wie bereits bei dem rasanten Aufstieg von Smartphones oder sozialen Netzwerken ist es derzeit schwer abzuschätzen und vorauszusehen, wohin sich der Trend entwickelt. Vorsichtsmaßnahmen müssen trotzdem ergriffen werden, auch wenn die Auswirkungen für die Dienstleistungs- und Servicebranche bisher als gering eingestuft wurden. Mittlerweile sind aber auch die Experten uneinig. Gegenstimmen prognostizieren, dass KI-bezogene Arbeitsplätze ab 2020 stetig wachsen werden. 2021 wird der Geschäftswert von KI demnach rund 2,9 Billionen Dollar erreichen und circa 6,2 Milliarden Stunden Arbeitsproduktivität einsparen. Das würde fatale Folgen auf den Arbeitsmarkt haben. Jede Technologie bringt Vor- sowie Nachteile mit sich. Die Kunst wird es sein, in Berlin die Balance zu finden.

Mobilität der Zukunft

Ein klarer Vorteil ist die Mobilität. Für eine moderne Stadtgesellschaft bedeutet der digitale Wandel in erster Linie mehr und vor allem unterschiedliche Kommunikation. Dazu gehört unter anderem eine intelligente Vernetzung aller Bereiche des öffentlichen Lebens. So ermöglicht die Digitalisierung auch die automatisierte Verkehrsüberwachung und -steuerung und dies nicht nur im Bereich der Automobile. Sowohl der öffentliche Personennahverkehr als auch alternative Angebote wie Car-, Bike- und Ridesharing profitieren von den neuen digitalen Möglichkeiten. Es findet etwa eine Verknüpfung von unterschiedlichen Informationen für die Nutzer statt. KI und Smart-Data-Technologien ermöglichen so, die Verkehrsteilnehmer mit Echtzeitdaten aus der Verkehrsüberwachung zu versorgen. Das wiederum ist eine innerstädtische Stauprävention. Berlin hat bereits die nötigen Start-ups und das notwendige Know-how. Das, was noch fehlt, ist der Mut, neue Wege zu gehen.

Die Hauptstadt ist allgemein ein Vorbild für intelligente Mobilität und doch stockt der Einsatz von neuen Technologien. Elektromobilität ist nach wie vor ein wichtiges Zukunftsthema. In Berlin vollzieht sich die Ausweitung der Ladestationen für E-Autos, die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) testen autonome Busse, die S-Bahn setzt hochmoderne Züge ein und auf dem Gelände der Charité fahren schon autonome Shuttles Patienten von A nach B. Allerdings fehlt noch der entscheidende letzte Schritt, ganz auf die neuen Technologien umzuschwenken. In Nürnberg fahren bereits seit Jahren einige U-Bahn-Linien autonom, in Berlin ist das derzeit noch nicht denkbar. Warum eigentlich? Liegt das an dem US-Skandal rundum Uber und die potenzielle Gefahr von technischem Versagen? Oder eher an Vorbehalten?

Urbaner Lebensraum

In der Immobilienwirtschaft beginnt erst ein Umdenken. Herausforderungen sind der demografische Wandel, das steigende Umweltbewusstsein, die zunehmenden Anforderungen an die Energieeffizenz, die wachsenden Städte und die nicht abnehmenden Nachfrage nach smarten Technologien. Berliner Unternehmen im Bereich Property-Technology (PropTech) waren noch nie so gefragt. Mit dem internationalen Prop-Tech Innovation Award 2018 möchte die Hauptstadt als Gastgeber zukünftig auf sich aufmerksam machen. Als international attraktiver PropTech-Standort kann Berlin auch die Innovationspotentiale der eigenen Immobilienbranche stärker fördern. Aber wie ist der aktuelle Stand? Gerade ist die Immobilienwirtschaft stark von zwei unterschiedlichen Strömungen erfasst: Technologie und Nachhaltigkeit. Für mehr Technologie spricht sich zum Beispiel Christoph Gröner, Vorstandsvorsitzender der CG Gruppe AG, aus. Allerdings möchte er nicht nur die Digitalisierung der Immobilienwirtschaft vorantreiben, sondern auch die Immobilienunternehmen dazu animieren, selbst aktiv zu werden. Wie das geht, zeigt er mit seiner BIM-Strategie (Building Intelligence by CG), eine Wertschöpfungskette für die Immobilie. Diese steigert einerseits die Risikoreduzierung und andererseits die Qualität der Wohnobjekte. Darüber hinaus setzt sich die CG Gruppe unter anderem für einen digitalen Immobilienzyklus, neue Konzepte sowie Immobilienkonzepte für den urbanen Wohnraum ein.

Innovativ ist aber auch diese Software: Mit Asset-Check haben Norman Meyer (Leiter Digitale Geschäftsmodelle bei Drees & Sommer) und Björn Bordscheck (Bereichsleiter Daten und digitale Geschäftsprozesse bei Bulwiengesa) eine Möglichkeit für Investoren, Banken und Projektentwickler gefunden, eine digitale, unabhängige Erstbewertung einer Immobilie auf Knopfdruck zu erhalten. Neben den reinen Marktdaten berücksichtigt die Software auch makroökomische Faktoren wie Beschäftigung und Kaufkraft in einem Quartier sowie Angaben zu Investitionsausgaben und operativem Betrieb der Immobilie. Vorreiter für smarte Haustechnologien ist dagegen das Berliner Start-up KIWI, dem Erfinder eines schlüssellosen Zugangssystems für Haus- und Wohnungstüren von Mehrfamilienhäusern. Über das KIWI Portal können Zutrittsberechtigungen zentral verwaltet werden.

Der Trend zur Nachhaltigkeit wird stark von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen vorangetrieben. Hierbei lassen sich neue Technologien und ökologisches Bauen sehr gut miteinander vereinbaren. So wird der Lebenszyklus eines Bauwerks – Planung, Errichtung, Nutzung, Betrieb und Rückbau – von Beginn an mit in den Bauplan integriert. Energieeffizente Lösungen und smarte Haustechnik müssen jedoch immer weiter entwickelt und den technologischen Standards angepasst werden. Hier funktioniert das Zukunftslabor Berlin als Transfer zwischen Forschung und Wirtschaft noch mit Zeitverzögerung.

Technologische Aufholjagd

Hinsichtlich der Rahmenbedingungen, die für den internationalen Tech-Standort Berlin berücksichtigt werden müssen, wird es in der Politik zu langwierigen Planungsphasen kommen. Allein weil sich Wirtschaft und Wissenschaft zum Teil bereits in der Umsetzung neuer digitaler und technologischer Verfahren befinden. Insbesondere die Technologisierung – allen voran Künstliche Intelligenz, digitale Transformation und Robotik – des Mittelstandes wird ohne politische Zielvorgaben ein mühseliges Unterfangen. Zügig wird nun geplant, gefördert, kooperiert und weiter geplant. Am 18. Juli 2018 wurden sogar die Eckpunkte für eine Strategie Künstliche Intelligenz von der Bundesregierung herausgegeben, die ausgefeilte Strategie wird bald folgen. Auffällig sind die darin großen Erwartungen, die an KI und die damit verbundenen Technologien geknüpft werden. Die Bundesregierung plant und organisiert akribisch, lotet Anwendungsfelder aus und erstellt fein säuberlich Ordnungsrahmen. Dabei verschenkt die Politik wertvolle Zeit, um sich auf dem bereits florierenden Tech-Markt einen Namen zu machen. Abgesehen davon, dass die Berliner noch mit der Digitalisierung und den Neuerungen durch Bildung 2.0, Arbeit 4.0, Industrie 4.0 und der Energiewende zu kämpfen haben.

Vorerst bleibt es also noch bei den derzeit beliebtesten Schlagworten im Entwurf der Strategie Künstliche Intelligenz: Potenziale, Möglichkeiten und Chancen. Hightech-Strategien werden angekündigt und Digitalgipfel organisiert, aber wo bleibt der dringend benötigte Aktionismus? Die detailliert aufgelisteten Handlungsfelder ihrer Hightech-Strategie ersetzen nicht die Handlung selbst. Wichtiger ist es weiterhin, Labs, Hubs und Technologiezentren zu fördern, um die Innovationen in die Berliner Wirtschaft zu integrieren.

 

Robert Bukvic, Gründer und Geschäftsführer der rent24 GmbH | Foto: rent24 GmbH

Robert Bukvic, Gründer und Geschäftsführer der rent24 GmbH | Foto: rent24 GmbH

 

Synergien schaffen

Berlin als Gründermetropole steht vor ihren ganz eigenen Herausforderungen. Für das eine oder andere Problem mag mehr Forschung, KI-Technologie oder Smart Data die richtige Lösung sein. Aber das, was oftmals vergessen wird, ist, dass die Basis stimmen muss. Nur mit den richtigen Werkzeugen können die Technologien zielgerichtet und effektiv eingesetzt werden. Es heißt nicht Mensch versus Maschine, sondern der Mensch mit der Maschine. Maschinelle Möglichkeiten und das Erfahrungswissen sowie die lokalen Kenntnisse der Experten machen Berlin erst zu einem Zukunftslabor.

Gotthold Ephraim Lessing brachte schon vor rund 250 Jahren genau auf den Punkt: „Beide schaden sich selbst: der, der zu viel verspricht und der, der zu viel erwartet.“ Die Intelligenz des Menschen ist trotz KI gefordert, die Politik braucht nichts zu überstürzen und die Forschung muss auch Lösungen für die Probleme der Zukunft finden. Technik ist letztlich nur ein von Menschen erdachtes Hilfsmittel, um die eigenen Probleme lösen zu können. Umso wichtiger sind Synergien aus Verwaltung, Wissenschaft und Forschung. Berliner Unternehmen müssen aktiv werden und neue digitale und technologische Chancen nutzen. Weniger planen, mehr machen – das gilt auch für die Politik.

Die Hauptstadt hat ihre Standortpotenziale für Energietechnik, Verkehr, Mobilität, Logistik, Informations- und Kommunikationstechnologien, Gesundheitswirtschaft, Smart Data, KI und Optik schon längst erkannt. Visionäre Ideen gibt es genug, noch fehlt das Ökosystem, um sie schnellstmöglich umzusetzen. (lj)