oBike-Insolvenz: Tausende herrenlose Fahrräder und niemand räumt sie weg

Ob nextbike, Lidl-Bikes oder Mobike – Bikesharing-Anbieter gibt es in Berlin mittlerweile massenhaft. Grundsätzlich sind Leihfahrräder aufgrund der Umwelt- und Klimafreundlichkeit eine Bereicherung für die Stadt. Allerdings gibt es immer wieder Beschwerden von Bürgern. Denn die Räder werden vor Einfahrten oder rücksichtslos auf Gehwegen abgestellt.

Demnächst werden wohl viele Fahhradleichen das Stadtbild prägen, denn einer der Leihfahrradanbieter, oBike, hat nur ein Jahr nach Gründung Insolvenz gemeldet. So soll das Unternehmen Schulden in Höhe von 4 Millionen Euro haben. In deutschen Städten stehen derzeit tausende herrenlose Fahrräder rum und das Wegräumen gestaltet sich schwierig.

Expansion nach Europa

oBike ist ein stationsloses Fahrradverleihsystem, das im Januar 2017 gegründet wurde. Kurze Zeit später erfolgte im Februar desselben Jahres die Inbetriebnahme in Singapur. Der Dienst erfolgte über die App. Die Fahrräder konnten mittels QR-Code gebucht werden, woraufhin sich das Schloss via Bluetooth entsperrte.

Vier Monate nach Markteintritt am Hauptsitz in Singapur, expandierte oBike nach Europa. Die ersten silber-gelben Fahrräder stellte das Unternehmen in Zürich bereit. Im November wurde der Leihfahrradanbieter auch in Berlin mit 700 Rädern aktiv. Ursprünglich war nach Berlin, Hannover, Frankfurt und München eine Expansion in weitere deutsche Städte geplant.

Tausend herrenlose Fahrräder

Nachdem oBike im Juni 2018 in Singapur Insolvenz angemeldet hatte, teilte der Anbieter mit, dass dies kein Einfluss auf die Geschäfte an anderen Standorten haben wird. Dennoch kündigte das Unternehmen an, sich aus einigen Städten zurückzuziehen und die Fahrräder wegzuräumen zu lassen. Allerdings ist bis dato nicht viel passiert. Mittlerweile sind die oBikes häufig Ziel von Vandalismus. Wie viele Fahrräder der Anbieter in Deutschland verteilt hat, ist unbekannt. Darüber hinaus ist der Konzern nun unerreichbar. „Der letzte Kontakt war im April, aber wir haben es seitdem auch nicht mehr versucht“, teilte ein Sprecher der Senatsverkehrsverwaltung mit.

Auch Hamburg, München oder Frankfurt versuchten vergeblich den Anbieter zu erreichen. „Das ist ein großes Ärgernis. Wir versuchen, seit Wochen und Monaten bei oBike jemanden zu erreichen, der sich um die Entfernung der Räder kümmert“, so Florian Paul, Fahrradbeauftragte der Stadt München. Im Münchner Fuhrpark sollte oBike seine Fahrräder auf 1.000 reduzieren, doch 3.000 seien immer noch in der Stadt. Harald Ploß, der seine Lagerhalle in Barsbüttel bei Hamburg an oBike vermietet hat, kann den Anbieter ebenfalls nicht erreichen. Bei ihm stehen sogar rund 10.000 oBikes.

 

Leihfahrräder werden tagtäglich rücksichtslos auf Gehwegen abgestellt und sind zum Ärgernis der Passanten geworden | Foto: pixabay.com

Leihfahrräder werden tagtäglich rücksichtslos auf Gehwegen abgestellt und sind zum Ärgernis der Passanten geworden | Foto: pixabay.com

 

Wer sammelt nun die Fahrräder ein?

Was mit den Fahrrändern geschehen wird, ist derzeit noch unklar. Nach eigenen Angaben gehören die Räder inzwischen dem Schweizer Transportunternehmen „Umzug 24“, das ursprünglich nur für die Reparatur und Wartung zuständig war. Allerdings kann „Umzug 24“ die Räder nicht einsammeln, da die App zur Ortung nicht mehr richtig funktioniere. „Ich sehe nicht ein, dass meine Mitarbeiter im Ordnungsamt Detektiv spielen und die Räder einsammeln sollen“, sagt Neuköllns Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD).

Im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf hat man der Schweizer Firma nun höchstens zwei Wochen gegeben, die Fahrräder einzusammeln. Doch ob Passanten, Besitzer oder Ordnungsämter: das Finden der Räder ohne funktionierende Lokalisierung durch die App, dürfte sich in jedem Fall schwierig und zeitaufwendig gestalten. (dn)

Uneinheitliche Standards und Personalmangel: Die Gefahr der Krankenhauskeime

Keime, die gesunde Menschen ohne gesundheitliche Folgen mit sich herumtragen, können für immun geschwächte Patienten in Krankenhäusern lebensgefährlich werden. Sogenannte Krankenhauskeime werden durch mangelnde Hygienestandards in Berliner Krankenhäusern und Resistenzen gegenüber Antibiotika zur Bedrohung. Offizielle Zahlen belegen 534 Todesfälle durch derartige multiresistente Erreger. Zudem erfassten die Gesundheitsämter in den vergangenen Jahren 3428 meldepflichtige Infektionen, die ausschließlich durch Krankenhauskeime hervorgerufen wurden. CDU-Abgeordneter Florian Graf erhielt diese Zahlen auf seine parlamentarische Anfrage an die Senatsgesundheitsverwaltung.

Demnach erkrankten Patienten hauptsächlich an vier bereits meldepflichtigen Erregern, die typischerweise im Zuge einer stationären Behandlung aufgenommen werden. Niederlassen und übertragen können sich die Keime von jeder Oberfläche; eingehaltene Hygienestandards und Schutzmaßnahmen können das zum Teil verhindern. Doch wie werden diese Schutzmaßnahmen kontrolliert? Weder regelmäßig, noch einheitlich lautete das Ergebnis der Anfrage. Hinzu kämen fehlende Hygienefachärzte und der massive Personalmangel in den Kliniken.

 

Die jährlichen Hygiene-Überprüfungen der Kliniken werden nicht von allen Bezirken eingehalten. | Foto: pixabay.com

 

Viele Krankenhauskeime, wenige Kontrollen

Bundesweit sind jährlich bis zu 600.000 Patienten von Krankenhauskeimen betroffen, bis zu 30.000 dieser Krankheitsverläufe enden tödlich. Berlin liegt mit seinen Fällen weder über dem bundesweiten Durchschnitt noch auf dem Europäischen. Trotzdem klären fehlende einheitliche Hygienestandards und seltene Kontrollen über die Ursachen der häufigen Infektionen auf und verdeutlichen was verhindert werden kann.

Der bekannteste, seit 2009 meldepflichtige Keim MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus) löste in den letzten zehn Jahren in Berlin 2350 Infektionen aus. Davon verliefen 198 schwere Erkrankungen tödlich. Clostridium, ein aggressives Darmbakterium, verursachte 964 Fälle, von denen jedoch über ein Drittel (327) tödlich endeten. An zwei weiteren Krankenhauskeimen, die erst seit 2016 als meldepflichtig gelten, erkrankten in diesem Zeitraum bereits 166 Patienten. Neun von ihnen erlagen der tödlichen Infektion. Für die in der Regel gegen zahlreiche Antibiotika resistenten Keime sind die Behandlungsmöglichkeiten deshalb sehr eingeschränkt. Auch die Identifizierung kann einige Tage in Anspruch nehmen. Immun geschwächten, frisch operierten sowie Krebspatienten, setzten die Erreger unvergleichlich schnell zu. Schwere Lungenentzündungen, Blutvergiftungen, Geschwüre und Wundinfektionen können die Folge sein. Sowohl Beatmungsgeräte als auch unachtsam desinfizierte Hände des Personals oder der Besucher sind vorgezogene Übertragungsnester der Keime.

 

Der bekannteste multiresistente Krankenhauskeim verursachte bereits 534 Todesälle. (Symbolbild) | Foto: pixabay.com

 

Gesundheitsämter durch Fachkräftemangel im Verzug

Angesichts der Fülle an Bereichen und medizinischen Utensilien, die regelmäßig kontrolliert und desinfiziert werden müssen, sieht sich die Charité einer enormen Herausforderung gegenüber. Europas größtes Universitätsklinikum ist der Aufgabe bisher nicht an allen Orten und Winkeln gewachsen. Die große Mehrheit der Berliner Kliniken gibt zwar an sich an die Hygiene-Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) zu halten, die als verbindliche Grundlage gelten. Die Kontrolle dieser Standards, fällt in den Bezirken tatsächlich jedoch sehr unterschiedlich aus. Ein Bewusstsein für straffe Hygienemaßnahmen scheint sehr ungleichmäßig ausgeprägt.

Ursprünglich sind die Leiter der Krankenhäuser für das Sicherstellen der Hygienebedingungen nach aktuellem Stand der medizinischen Wissenschaft zuständig. Den Gesundheitsämtern der Bezirke obliegt die hygienische Kontrolle. Nur stünden hierfür aufgrund schlechter Gehälter viel zu wenige ausgebildete Hygienefachärzte zur Verfügung. Medien wie die Morgenpost, erhielten dementsprechend vage Antworten auf ihre Anfrage, nach der tatsächlichen Häufigkeit der Überprüfungen, die eigentlich jährlich vorgeschrieben sind. Mehrere Bezirke antworteten mit „infektionshygienischen Prüfungen, mindestens einmal jährlich“, Marzahn-Hellersdorf sprach beispielsweise schon von „in der Regel jährlichen Intervallen“. In Neukölln beschränkt man sich dann lediglich auf „anlassbezogene“ Kontrollen.

 

Würde sich an die WHO-Richtlinien, wie regelmäßige Desinfektion und den Mundschutz gehalten, könnte man jede 3. Infektion verhindern. | Foto: pixabay.com

 

Bisherige Klinik-Initiativen und ein Aktionsplan 2019

Mit einem einheitlichen Aktionsplan sei erst im ersten Quartal 2019 zu rechnen, wie die Senatsverwaltung und die Gesundheitsämter in Zusammenarbeit mit dem RKI verlauten ließen. Graf forderte infolge seiner Anfrage jedoch einen wesentlich schnelleren Vorstoß, berichtete die Morgenpost: „Es ist dringend erforderlich, dass die Bekämpfung von Krankenhauskeimen in allen Berliner Krankenhäusern nach einheitlichen Qualitätsstandards erfolgt. Für die Patientenversorgung ist das von elementarer Bedeutung. Davon ist Berlin leider im Moment noch weit entfernt.“

Die DRK-Kliniken richteten hierfür bereits ein Eingangs- und Ausgangsscreening ein, um die Infektionswege die auch außerhalb des Krankenhauses beginnen können, sichtbar zu machen. Patienten wird bei jeder erneuten Ankunft in der Klinik ein Nasen-Rachen-Abstrich entnommen, der auf den Erreger MRSA testet. Denn dieser ist in Mund und Nase jedes Dritten zu finden und bei gutem Gesundheitszustand unbedenklich. Die vorbildliche Praxis muss vom Personal dann weiter durch die gründliche Händereinigung nach den Kriterien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) unterstützt werden. Würde sich an die WHO-Richtlinien, wie regelmäßige Desinfektion und den Mundschutz gehalten, könne man jede 3. Infektion verhindern. Unter Zeitdruck und bei ständigen Personalengpässen fehle dafür jedoch oft schlicht die Zeit, kommentierte die Berliner Krankenhausgesellschaft (BKG). Dementsprechend steht man vor dem Problem zu wenige Krankenpfleger und zu wenig Kontrollen, zu vielen Keimbildungen entgegen zu halten.

Über Antibiotika muss aufgeklärt werden

Um auch die Gesundheit der Besucher und Beschäftigten besser zu schützen fordern Ärzteverbände die Ursachen des Pflegenotstandes zu bekämpfen. Gesundheitssenatorin Dilek Kolat bemüht sich schon lange um ein Nachziehen des Senats. Nicht nur das Gewährleisten der Qualitätsstandards in den Kliniken, sondern auch deren Kontrolle habe höchste Priorität. „Hygienefachärzte sind gesucht auf dem Arbeitsmarkt. Unter anderem deshalb habe ich mit dem Finanzsenator vereinbart, dass die Gesundheitsämter ihnen demnächst konkurrenzfähige Gehälter zahlen können“, so Kolat gegenüber der Berliner Zeitung. Bei gleicher Qualifizierung rechnet sich die Anstellung in einem Universitätsklinikum mit bis zu 1.600 Euro monatlich höherem Gehalt, gegenüber den Gesundheitsämtern.

 

Bisherige Klinik-Initiativen zeigen Wirkung, ein großflächig umsetzbarer Aktionsplan wird jedoch erst 2019 erwartet. | Foto: pixabay.com

 

Auch außerhalb der Krankenhäuser können bestimmte Auslöser für die Resistenz der Krankenhauskeime bekämpft werden. So müssen Ärzte zurückhaltender mit dem alternativlosen Verschreiben von Antibiotika, vor allem gegenüber Kindern vorgehen. Denn umso resistenter der Körper wird, desto resistenter werden auch die individuellen Keime. Zeigten vor zehn Jahren noch bis zu 60 verschiedene Notfall-Antibiotika Wirkung, ist man heute gerade einmal mit drei ausgestattet. Hinzukommt das massiv mit Antibiotika versetzte Tierfutter, dass der menschliche Körper aufnimmt. Der landeseigene Gesundheitsversorger Vivantes bietet im Rahmen seines Instituts für Hygiene und Umweltmedizin Schulungen zur Sensibilisierung gegenüber Antibiotika an. Ärzte und Pflegepersonal müssen gleichwohl an mindestens zwei Schulungen jährlich teilnehmen; die Teilnahme ist natürlich auch wöchentlich möglich.

Drängende Schritte trotz rückläufiger Zahlen

Wie Lösungen für weitere Infektionsausbrüche auszusehen hätten erscheint relativ klar, sie anzugehen kann jedoch nicht weiter aufgeschoben werden. Christoph Lang, Sprecher der Senatsgesundheitsverwaltung, teilte der Morgenpost mit, die Zahl der Infektionen sei in den letzten Jahren nicht gestiegen. Für den MRSA-Erreger seien die Zahlen sogar seit Jahren rückläufig. „Was wir aber beobachten, ist eine in den letzten Jahren gewachsene Aufmerksamkeit für solche Infektionen“, so Lang. Dies sei erst einmal eine gute Entwicklung, denn die Vermeidung von Gefahren beginne „mit einem Problembewusstsein“.

Sowieso ist Information einer der wichtigsten Schritte, wenn es um Übertragungen und Resistenzen geht. Zur Erkältungszeit im Herbst, stellen Kliniken wie die Charité wieder Informationsmaterial zur Verfügung. Diesmal wird auch im Sinne einer stärkeren Verhütung und Erkennung von Krankenhauskeimen informiert. (cn)

Der gläserne Patient: Was passiert mit unseren digitalen Gesundheitsdaten?

Für ein simples Physiotherapie-Rezept fährt man durch die halbe Stadt. In der Arztpraxis erreicht man auch nach zwei Wochen Urlaub niemanden wegen der Laborergebnisse. Arztbriefe, Befunde, Rezepte und Diagnosen hinterlassen nicht nur bei uns Zuhause, sondern auch in Arztpraxen Stapel an Papier. Im Gegensatz zur Kontoführung ist bei der Gesundheitsakte selten alles an einem Ort – und schon gar nicht an unserem. Mitgliederstarke Krankenkassen wie die Techniker Krankenkasse (TK) und die Allgemeine Ortskrankenkasse (AOK) testeten bereits mobilere Variante die eigenen Gesundheitsdaten übersichtlich und digital zu speichern.

Was man in die elektronische Gesundheitskarte (eGK) seit zehn Jahren nicht integrierte, soll nun mithilfe einer digitalen Gesundheitsakte möglich werden. TK-Safe heißt die elektronische Patientenakte der Techniker, die alle Daten der bisherigen Chipkarte und erstmalig alle Papierstapel in sich vereint. Auch die Allianz Versicherung und die junge Online-Banking Plattform N26 schlossen sich zur Entwicklung einer „mobilen Gesundheitsakte“ zusammen. In die App Vivy können alle medizinischen Daten eingetragen, verwaltet und nur mit den zuständigen Ärzten geteilt werden. Der Patient behält bei Vivy sowie bei TK-Safe und dem Angebot der AOK die Datenhoheit. Alle Gesundheitsdaten können, solange nicht mit entsprechenden Ärzten geteilt, nur auf dem Smartphone oder der elektronischen Akte online abgerufen werden. Ziel ist es Mehrfachbehandlungen und Doppelmedikationen zu vermeiden sowie mehr Selbstbestimmung für die Patienten zu gewährleisten.

 

Unübersichtlich für Patienten: Unsere Gesundheitsdaten liegen meist an vielen verschiedenen Orten – viele davon auch noch auf den Servern der Arztpraxen. | Foto: pexels.com

 

Nicht länger warten mit den Daten

Das Angebot umfasst alle medizinischen Daten wie Rezepte, Diagnosen, Laborergebnisse, Medikamenteneinnahmen, Terminvereinbarungen und Erinnerungsfunktionen. Diese medizinischen Daten sollen in den digitalen Systemen dezentral zusammengeführt werden. Durch bisherige Kooperationen mit Kliniken und Praxen können die drei Anbieter zukünftig bundesweit über 35 Millionen Patienten erreichen. Der Umstieg auf die digitale Patientenakte ist dabei freiwillig und kostenlos. Einheitliche Standards und ein bundesweit angeschlossenes Datensystem sind bisher noch nicht aufgebaut. Das Bundesgesundheitsministerium unter Jens Spahn (CDU) erarbeitet derzeit den Aufbau der digitalen Gesundheitsakte, die  Einführung ist für 2021 geplant. Parallel ist man bisher mit dem weiteren Vorantreiben der eGK beschäftigt. Etwa auf der Karte gespeicherte Gesundheits- und Notfalldaten, die der Patient immer dabei hat, sollen die eGK zukünftig nützlicher machen.

Sowohl die TK als auch die AOK führten repräsentative Umfragen durch, die ihnen bestätigten, dass ein Warten auf den digitalen Schritt der Bundesregierung nicht nötig sei. Die durch den AOK Bundesverband in Auftrag gegebene YouGov-Umfrage verdeutlichte: 82 Prozent der Deutschen sprechen sich für eine Zusammenführung ihrer medizinischen Daten in einer digitalen Gesundheitsakte aus. Mehr als zwei Drittel würden ein vorhandenes Angebot nutzen, während 78 Prozent die vorausgesetzte Datenhoheit befürworten. „Das reine Vorhalten von Daten bietet keinen Mehrwert, wir müssen aus ihnen Informationen machen, damit sie unseren Versicherten nutzen. Und vor allem müssen sie selbst die Hoheit über ihre eigenen Daten bekommen“, so TK-Vorstand Jens Baas.

TK-Safe und Vify bieten alle Gesundheitsdaten an einem Ort

Vify bietet neben der Verwaltung aller medizinischen Dokumente auch einen persönlichen Gesundheitscheck an. Medizinische Unterlagen werden durch ein paar Klicks über einen verschlüsselten Link von den Ärzten abgefragt. Dazu müssen die entsprechenden Arztpraxen das Angebot auch nutzen. Mithilfe des Blutbildes und anderer hinterlegter Daten ermittelt Vify das biologische Alter des Patienten. Auf einen Klick können auch Termine vereinbart oder eventuelle Wechselwirkungen bei der verschriebenen Medikation eingesehen werden. Notfalldaten und –kontakte können auch bei gesperrtem Bildschirm jederzeit abgerufen werden. Neben der Allianz sind bereits die DAK-Gesundheit, die Bahn BKK, die IKK Classic, Barmenia, Gothaer und die Süddeutsche Krankenversicherung mit an Bord. So werden durch weitere Kooperationen mit insgesamt 90 gesetzlichen und vier privaten Krankenkassen zukünftig 25 Millionen Bundesbürger erreicht.

 

Die digitale Gesundheitsassistentin Vivy auf dem Smartphone. | Foto: Vivy

 

Manuell kann der Patient die medizinische Historie der TK-Safe Gesundheitsakte durch eigene Daten ergänzen. Baute man das TK-Safe Angebot in die Basisleistungen der Krankenkasse mit ein, erreichte man die 11 Millionen Mitglieder. Interessensbekundungen habe man von vielen Kliniken erhalten, die zusammen mehr als die Hälfte aller deutschen Krankenhausbetten abdecken, so die TK. So könnten Befunde nach der Entlassung direkt an die digitale Akte des Patienten zur Vorstellung beim Hausarzt übermittelt werden. Zur Entwicklung der App, die Ende des Jahres herauskommt, arbeitete die Versicherung mit IT-Dienstleister IBM zusammen. Bisher läuft die Testphase für die sich alle TK-Mitglieder bei Interesse online registrieren können.

Digitale Vorteile erzielen große Reichweite

Die AOK testete ihr Angebot bislang ausschließlich in zwei Kliniken in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Nun kooperiere man jedoch mit Vivantes und der Sana Kliniken AG, zwei der größten sowohl kommunalen als auch privaten Klinikkonzerne. Bei einem erfolgreichen Ausbau könnten die 26 Millionen Mitglieder freiwillig auf die Nutzung der elektronischen Akte umsteigen. Umgerechnet stünden also alle drei Angebote zusammen in näherer Zukunft über 60 Millionen Bundesbürgern zur Verfügung.

Schnelle Prozesse, keine Postwege, wenig Papierkram und alle Daten selbstbestimmt und selbstverwaltet auf einen Blick. Permanent selbst auf dem neuesten Stand über die eigene Gesundheit zu sein, ermöglicht dem Patienten auch eine stärkere Souveränität. Patienten können in Arztgesprächen eine andere Position einnehmen. Auch für die interprofessionelle Kommunikation zwischen behandelnden Ärzten ist die Gesundheitsakte förderlich. Diagnosen und Therapieentscheidungen werden durch die strukturierte Einsicht so von mehreren Ärzten unterstützt.

 

Laborergebnisse, Röntgenbilder, Blutbilder: Direkt nach der Untersuchung übermittelt der Arzt aktualisierte Gesundheitsdaten an die App. | Foto: pixabay.com

Laborergebnisse, Röntgenbilder, Blutbilder: Direkt nach der Untersuchung übermittelt der Arzt aktualisierte Gesundheitsdaten an die App. | Foto: pixabay.com

 

Wer wacht wo über welche Daten?

Neben Fehldiagnosen auf die sich ein folgender Arzt möglicherweise verlässt, bleiben jedoch auch datenschutzrechtliche Fragen bisher offen. Kann eine komplette Verschlüsselung der Daten gewährleistet werden? Wem sollen die Daten zukünftig noch zur Verfügung stehen? Können sie zu Forschungszwecken abgerufen werden? Um diese Fragen vor den Krankenkassen und Unternehmen jedoch richtig für sich beantworten zu können, braucht es eine digitale Gesundheitskompetenz. Kritiker und Verbraucherzentralen pochen außerdem auf einheitliche Standards des Staates, die dem derzeitigen Konkurrenzrennen der Krankenkassen und Unternehmen entgegenstehen.

Mit Blick auf das Abwerben von Mitgliedern und die Zusammenarbeit mit Banken wie der N26, dem IT-Dienstleister IBM oder privaten Klinikgruppen, scheinen die jeweiligen Apps nicht nur die bestmögliche Behandlung ermöglichen zu wollen. Obwohl alle Angebote bislang kostenlos sind, stehen Daten heutzutage als wertvollste Währung im Kurs. TK-Vorstand Jens Baas betonte, dass es bei der technischen Basis elektronischer Akten unter den Krankenkassen keinen Wettbewerb geben solle. Denn Daten sollten bei Kassenwechseln mitgenommen werden können, wie die Frankfurter Rundschau berichtete. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz bemerkte jedoch, nur der Staat könne höchste Sicherheitsstandards garantieren. Bundesgesundheitsminister Spahn solle deshalb hierzu in näherer Zukunft ein Bundesamt für Digitalisierung im Gesundheitswesen schaffen. Mit den einheitlichen Standards ist allerdings vor 2021 nicht zu rechnen.

 

Der gläserne Patient: Kann eine komplette Verschlüsselung der Daten gewährleistet werden? Wem sollen die Daten zukünftig noch zur Verfügung stehen? | Foto: pixabay.com

Der gläserne Patient: Wem sollen die Daten zukünftig noch zur Verfügung stehen? | Foto: pixabay.com

 

Höhere Gesundheitskompetenz

Die elektronischen Gesundheitsakten werben derzeit mit schnelleren Prozessen und einer besseren Aufklärung über die eigenen Gesundheitsbedürfnisse. Um diese verbesserte Form der Versorgung für die breite Masse der Bevölkerung zugänglich zu machen, sind weitere Informationsangebote essentiell . Zudem sollten Workshops den Zugang auch für ältere Patienten ermöglichen, die möglicherweise eine Hemmschwelle gegenüber dem Digitalen zu überwinden haben.

Darüber hinaus muss, wie bei allen jungen Angeboten, das Netz an Kooperationspartnern, vordergründig in Bezug auf kleinere, lokale Praxen stärker ausgebaut werden. Damit gewährleistet ist, dass nicht nur ein Teil der relevanten medizinischen Dokumente in der App verwaltet und der Rest unbeachtet liegen gelassen wird. (cn)

Trotz steigenden Mietpreisen – Der Berliner Immobilienmarkt boomt

Die Attraktivität Berlins als Wohn- und Arbeitsort steigt von Jahr zu Jahr. Auf dem Weg zur Metropole wächst die Stadt Jahr für Jahr, besonders in den letzten fünf Jahren stieg die Bevölkerung jedoch sprunghaft an. Aktuell steigt die Einwohnerzahl jedes Jahr um 40.000 Menschen. Dementsprechend hoch ist die Nachfrage nach bezahltem Wohnraum. Wer sich jedoch heute in Berlin nach preisgünstigen Wohnungen umschaut, wird nur wenig Glück haben. Denn die Hauptstadt hat derzeit mit drastisch steigenden Mieten zu kämpfen. Auch die Leerstandsquote sinkt weiterhin auf 1,6 Prozent.

Nichtsdestotrotz hält der Boom auf dem Immobilienmarkt aufgrund des wachsenden Nachfrageüberhangs für Wohnimmobilien weiterhin an. Um den Bedarf an Wohnraum und auch an Arbeitsstätten decken zu können, sind bereits mehrere Projekte geplant. So hat die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen das Wohnungs- und Städtebauprogramm Wachsende Stadt initiiert. Dieses beinhaltet den Bau von 14 Stadtquartieren.

Ein Ende des Booms ist nicht in Sicht

Trotz der steigenden Preisen bleibt die Nachfrage nach Wohnraum, aber auch nach Bürofläche ungebrochen. Vor allem wollen immer mehr Start-up Unternehmen ihren Standort nach Berlin verlegen. Denn die Hauptstadt verfügt über eine gut ausgebaute Infrastruktur, ein großes Flächenangebot und ein breites Angebot an hoch qualifizierten Arbeitskräften.

„Dass eine Vielzahl an großen Unternehmen derzeitig darüber nachdenken, ihre Zentrale nach Berlin zu verlagern, ist in dieser Dimension neu für die Stadt. Es unterstreicht aber wie dynamisch der Standort mittlerweile von nationalen wie internationalen Firmen gesehen wird“, so Jan-Niklas Schroers, Associate Director und Teamleader Office Agency bei Savills Berlin.

 

Die Nachfrage nach Bürofläche bleibt weiterhin hoch. Immer mehr Start-ups wollen sich in Berlin niederlassen. | Foto: pixabay.com

Die Nachfrage nach Bürofläche bleibt weiterhin hoch. Immer mehr Start-ups wollen sich in Berlin niederlassen. | Foto: pixabay.com

 

Wohnen auch außerhalb des S-Bahn-Ringes wird gefragter

Infolge der sinkenden Leerstandquote und den steigenden Mietpreisen ziehen immer mehr Menschen in den Berliner Speckgürtel um. Auch Randlagen rund um den S-Bahn-Ring rücken immer mehr in den Fokus.

„Für große, namhafte Mieter kommen immer mehr auch Lagen um den S-Bahn-Ring infrage. Hier können sie noch für 15 bis 20 Euro Flächen mieten anstatt die Spitzenmietpreise in den besten Lagen zahlen zu müssen“, erklärt Schroers.

Für den Berliner Markt wird 2019 etwas Entlastung erwartet

Aufgrund der Flächenpipeline könnte sich der Berliner Markt ab 2019 etwas erholen. So geht aus dem Büromarktbericht des Immobilien-Dienstleistungsunternehmens Savills hervor, dass im kommenden Jahr knapp 500.000 m² neue Bürofläche entstehen soll. 2020 sind sogar 700.000 m² geplant. „Durch die zu erwartende Entwicklung im kommenden Jahr dürfte das Mietpreiswachstum – je nachdem wie sich die Nachfrage entwickelt – in der Folge verlangsamen“, sagt Christian Leska, Managing Director Office Agency bei Savills in Berlin.

 

Flächenpipeline könnte Berliner Markt entlasten | Quelle: Savills

Flächenpipeline könnte Berliner Markt entlasten | Quelle: Savills

 

Darüber hinaus will Katrin Lompscher, Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen, nun den Wohnungsbau weiter ankurbeln. So will Lompscher die Zahl der Stadtquartiere von 11 auf 14 erhöhen. Demnach sollen bis zum Jahr 2030 rund 42.000 neue Wohnungen gebaut werden. (dn)

Kein Wasser in Sicht: Andauernde Hitzewelle in Berlin und Brandenburg

„Sonnenscheinreiches Wetter ohne Regen“ – mit diesem Euphemismus beschreibt der Deutsche Wetterdienst (DWD) die Hitzewelle über Berlin und Umland. Dank der Temperaturen vergangener Wochen, die 30 Grad mehrmals überschritten, ist Berlin derzeit Deutschlands wärmstes Bundesland. Dicht dahinter liegt Brandenburg, wo elf Landkreise unter höchster Waldbrandgefahr stehen. Für Brandenburger Landwirte hat sich das Freibadwetter deshalb bereits in eine ernste Dürreperiode verwandelt. Kurz hinter der Stadtgrenze gilt es nicht nur Bäume vor dem verdursten zu retten, sondern ganze Ernten. Wegen der extremen Bodentrockenheit kommt es dort bereits zu Noternten, viele Bauern befürchten sogar komplette Ernteausfälle. Seit Ostern gab es hier keinen nennenswerten Regen mehr. Inzwischen fordert der Deutsche Bauernverband die staatlichen Dürrehilfen, die Landwirte sonst vermehrt abgelehnten.

Auch zahlreiche Wald- und Feldbrände erschweren den landwirtschaftlichen Betrieb und brennen bei sich schnell ausbreitenden Feuern hektarweise Land ab. Seit Anfang des Jahres mussten in der Region bereits 227 Feld- und Waldbrände gelöscht werden – verursacht durch die extreme Trockenheit der verdurstenden Felder. Im gesamten Jahr 2017 waren es nur 140. Doch nicht nur der ausbleibende Regen, sondern auch der auffrischende Wind bereitet den Rettungskräften zunehmend Sorgen. Aufkeimende Brände können durch den aufkommenden Wind in die Fläche getragen werden. Von solchen Großbränden, die sich über Waldflächen von bis zu 450 Hektar erstreckten, löschten Einsatzkräfte vergangene Woche gleich mehrere. Auch nach tagelangem Einsatz sind weiterhin nicht alle Brandherde unter Kontrolle.

 

Seit Anfang des Jahres mussten in der Region bereits 227 Feld- und Waldbrände gelöscht werden. | Foto: pexels.com

 

Hitzewelle entflammt zahlreiche Großbrände in Brandenburg

Letzten Donnerstag brachen bei 32 Grad gleich mehrere Großbrände im Brandenburger Umland aus. Die Feuerwehr löschte ein Großfeuer, von dem 100 Hektar Wald in Storkow betroffen waren. Außerdem kämpfte man seit Donnerstag, über das Wochenende hinweg, weiterhin mit dem Großbrand in der Lieberoser Heide. Über 450 Hektar waren hier betroffen und Glutnester keimten weiterhin. Da sich einige Brandflächen auf einem ehemaligen, noch munitionsbelasteten Truppenübungsplatz befanden und nicht betreten werden konnten, forderte die Feuerwehr Hubschrauber der Bundespolizei und Bundeswehr an. Auch die örtlichen Brandschutzstaffeln lösten die Freiwillige Feuerwehr im Laufe der Geschehnisse ab.

In anderen gefährdeten Gebieten, setzen sich die Einsatzkräfte immer noch zu 98 Prozent aus Freiwilligen Feuerwehrleuten zusammen. Die vielen Einsätze, die Freiwillige neben ihren hauptamtlichen Berufen fahren müssen, lassen sie inzwischen am Limit arbeiten. Damit sich die Vorfälle nicht weiter häufen, reichen jedoch Achtsamkeit und kurze Regenschauer nicht mehr aus. Der steinharte Boden kann das geringe Wasser nicht aufnehmen und muss durch beständige Gewitter erst wieder aufgeweicht werden. Da sich die Wald- und Feldbrände auf dem trockenen Gras bereits durch Hitzefunken der Landwirtschaftsmotoren entzünden, ist extreme Vorsicht geboten.

 

Die Freiwillige Feuerwehr wurde im Laufe der Geschehnisse von den örtlichen Brandschutzstaffeln abgelöst. | Foto: pexels.com

Die Freiwillige Feuerwehr wurde im Laufe der Geschehnisse von den örtlichen Brandschutzstaffeln abgelöst. | Foto: pexels.com

 

Noternten vor kompletten Ernteausfällen

Zwar sind für die nächsten Tage Regenschauer angekündigt, der DWD bestätigt aber bisher kein Ende der Dürre. Im Gegenteil, man sehe sich derzeit einer der schlimmsten Trockenperiode der letzten 57 Jahre ausgesetzt. In Ostdeutschland sei der Anteil des für Pflanzen nutzbaren Wassers auf 30 Prozent gesunken. „Das schlimmste ist, dass es keine Hoffnung auf Besserung gibt“, sagte Bauernbund-Geschäftsführer Reinhard Jung dem Tagesspiegel. Verzweifelte Landwirte hätten bereits vor drei Wochen mit der Noternte begonnen, die bei der Getreideernte kaum reife Körner abwirft. Nachbarbauern konnten den Ertrag, der keiner war, nur noch häckseln. Daher werden bereits Ernteausfälle von 30 bis 50 Prozent erwartet.

Für den Getreideanbau, der sich über Deutschland verteilt insgesamt über sechs Millionen Hektar ausbreitet, bedeutet das riesige Einbußen. In den vergangenen fünf Jahren produzierte man  durchschnittlich 48 Millionen Tonnen Getreide, dieses Jahr werden lediglich 41 Millionen erwartet. Doch nicht nur die finanziellen Einbußen durch geringe Ernteerträge, sondern auch Maßnahmen zum Weiterbetrieb, wie hohe Wasserrechnungen hinterlassen eine tiefe Lücke in den landwirtschaftlichen Budgets.

 

Gewitter: das ersehnte Wetter der Brandburger Landwirte, das die Böden aufweicht. | Foto: pexels.com

 

Auch Tierschutz muss aktiv werden

Auch Tieren erschwert der harte Boden zunehmend die Nahrungssuche. Allen voran die Regenwürmer, Nahrungsquelle vieler Vögel, ziehen sich in Richtung Grundwasser zurück. Wildschweine hingegen können die Bewässerung eines Bodens aus weiterer Entfernung riechen und kommen deswegen immer näher an die Stadtgrenze.

Im Berliner Stadtzentrum sollen die arbeitenden Tiere bei bestimmten Temperaturen nun endlich Hitzefrei bekommen. Mittlerweile plädierte die Senatsverwaltung an die Veterinärämter der Bezirke an besonders heißen Tagen die Kutschenleitlinien zu überdenken und den Pferdefuhrwerkbetrieb einzustellen. Leitlinien für den Pferdefuhrwerksbetrieb setzte Berlin erstmals vor neun Jahren auf. Sie regeln bis heute die Pausenzeiten der Zugpferde und die Dokumentation der Fahrten. Derzeit steht eine Abstimmung zur überarbeiteten und ergänzten Version der Richtlinien zur noch aus. Vor der Entscheidung möchte man jedoch bereits in diesem heißen Sommer den überhitzten Tieren lange Wartezeiten und körperliche Überlastung ersparen. Tierschützer schlagen seit Jahren besorgt Alarm, Pferde überhaupt vor Kutschen im Stadtverkehr zu spannen.

Rettet die grüne Hauptstadt

Für die Hitzewelle des Berliner Sommers ist, abgesehen von kurzen Unterbrechungen, kein Ende in Sicht. Nun müssen auch die rund 440.000 Berliner Stadtbäume vor dem Austrocknen bewahrt werden. Hinzukommen noch einmal genauso viele Berliner Parkbäume und ungezählte auf Privatgrundstücken und in Wäldern. Nachdem die Bezirke bereits Hilfe von der Berliner Stadtreinigung (BSR) anforderten, startete auch die Senatsverwaltung einen Aufruf an die Bevölkerung. Gießen, gießen und nochmal gießen. Schaden könne man den Bäumen damit derzeit nicht, auch wenn man zufällig zehn Liter Wasser dabei haben sollte.

Vor allem den Jungbäumen, die mit ihren Wurzeln noch nicht das Grundwasser erreichen, sei damit sehr geholfen, so die Straßen- und Grünflächenämter. Neben BSR-Sprühfahrzeugen und bewässernden Bürgern, sollen auch gut ausgebaute Bewässerungssysteme in den Parks, Berlin als grünste Hauptstadt Europas erhalten. Im Tiergarten werden hier über insgesamt 60 Kilometer lange Leitungen bis zu 900 Kubikmeter Wasser auf die Grünflächen verteilt. Die Reichstagswiese blickt als Vorzeige-Steppe einem ganz anderen Schicksal entgegen.

 

Die Reichstagswiese fungiert derzeit als Vorzeige-Steppe. | Foto: pixabay.com/ Peter Dargatz

 

Das regenlose Wetter, das bereits Ernteausfälle, die Betitelung „BRANDenburg“ (B.Z.), Berlins schwindende Grünflächen und Freibad-Dilemma provozierte, hat die Region weiterhin fest im Würgegriff. Ob die angekündigten Regenschauer für eine Entspannung der Großwetterlage ausreichen werden, bleibt erstmalig hoffnungsvoll abzuwarten. (cn)

Zypora Kupferberg schließt Geschäfte für Warren Buffetts Berkshire Hathaway ab

Die BERLINboxx im Gespräch mit Zypora Kupferberg, Gründerin und Geschäftsführerin von Kupferberg Transactions.

Sie gelten als Warren Buffetts „Deal-Makerin“ und suchen für Berkshire Hathaway nach Übernahmezielen in Deutschland. Was macht Deutschland und Berlin so attraktiv für Warren Buffett?

Ich denke, das große Interesse hängt mit dem Mittelstand in Deutschland zusammen. Berkshire Hathaway und Warren Buffett sind international tätig und halten Beteiligungen in der ganzen Welt. In Deutschland gibt es gewachsene Strukturen und qualitativ hochwertige Unternehmen, die von Generation zu Generation weitergeführt worden sind. Wir finden hier eine der größten Wirtschaftsstrukturen Europas vor auch geografisch in der Mitte des europäischen Marktes. Hier gibt es hochwertige Produkte im Dienstleistungssektor, aber auch im Handelssektor oder im Produktionsbereich. Nicht zuletzt ist Deutschland eines der stärksten Länder im Exportsektor, es spricht einfach vieles für ‚Made in Germany‘. Auch Berlin wird als Investoren-Standort international immer wichtiger.

Sie sind Deutsche und führen selbst ein erfolgreiches Unternehmen: Wie kam der Kontakt zu Warren Buffett zustande?

Ich hatte schon lange beobachtet, wie Berkshire Hathaway arbeitet. Neben den Beteiligungen an börsennotierten Unternehmen gibt es sehr viele mittelständische Direktinvestitionen in deren Portfolio. In Deutschland waren sie allerdings nur als Investor an der Börse bekannt. Es überraschte mich, dass Warren Buffett in Deutschland und Europa noch nicht Fuß gefasst hatte. Deshalb hatte ich die Idee, Berkshire Hathaway konkret auf die Übernahme eines deutschen Unternehmens anzusprechen, das eine Nachfolgelösung suchte. Die Investmentstrategie von Berkshire Hathaway beinhaltet nämlich, das Unternehmen vom ursprünglichen Eigentümer weiterführen zu lassen und nicht ein eigenes operatives Management zu stellen. Dies ist einem abgebenden Unternehmer sehr wichtig.

Sie haben 1997 den Schritt gewagt, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Was hat Sie dazu bewogen und wie haben Sie sich vorbereitet?

Ich bin in einem mittelständischen Unternehmerhaushalt aufgewachsen. Dort habe ich mitgearbeitet und später ebenfalls Erfahrungen in der Unternehmensberatung und mit Beteiligungsgesellschaften gesammelt. Für mich war es eigentlich immer eine logische Konsequenz, mich selbständig zu machen. Ich hatte Ersparnisse für ein Jahr, so lange hatte ich Zeit, um mein Unternehmen auf ein gesundes Fundament zu stellen. Die Frage war, ob mein bereits bestehendes Netzwerk ausreichen würde, um Aufträge zu erhalten.

Bisher hat es nur wenige Firmenzukäufe gegeben: Ist das ein Zeichen für einen Mangel an lohnenden Objekten oder die strategische Vorgehensweise?

Es ist beides. Im Augenblick sind wir in einer Niedrigzinsphase und Unternehmen sind nicht leicht zu erwerben. Zum einen sind die Bewertungen sehr hoch und auch ein Veräußerer vermag die Einnahmen aus einem Verkauf nur mit Mühe alternativ anzulegen. Um die Unternehmen, die am Markt sind, bemühen sich viele Investoren. Wir halten nach geeigneten und qualitativ hochwertigen Gelegenheiten Ausschau, sind jedoch mit Berkshire Hathaway in der Position, nicht jedes Investment durchführen zu müssen. Andererseits passt es natürlich auch nicht für jeden Verkäufer, Berkshire Hathaway als Investor aufzunehmen. Ein Auswahlkriterium ist das funktionierende Management, über das mögliche Übernahmeziele verfügen müssen, denn wir investieren nicht in Sanierungs- oder Strukturierungsfälle. (cr)

Die Hälfte der Deutschen geht frühzeitig in Rente

Bei einem derzeitigen Renteneintrittsalter von 65 Jahren über eine zukünftige Rente mit 67 oder sogar erst 70 Jahren zu debattieren, scheint realitätsfern und utopisch. Schon jetzt arbeitet nicht einmal die Hälfte der Deutschen bis zum gesetzlichen Rentenalter, mehr als jeder Zweite geht vorher in den Ruhestand. Dies geht aus dem Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse (TK) „Fit oder fertig“ hervor. Schwerpunktmäßig beschäftigte sich die Studie mit deutschen Erwerbsbiografien und wertete hierzu Krankschreibungen und Arzneimittelverordnungen von fünf Millionen Versicherten aus. Über einen Zeitraum von fünf Jahren analysierte die Studie somit 15 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zwischen 20 und 65 Jahren. Die Zahlen nehmen den Charakter eines Trends an und sprechen Bände.

Die Möglichkeiten für den  Berufsausstieg werden hierzulande sehr ausgiebig genutzt. Zudem erreichen die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer in den kommenden Jahren das Rentenalter und werden eine tiefgreifende Lücke am Arbeitsmarkt hinterlassen. Experten gehen bis 2030 von fünf bis sechs Millionen fehlenden Arbeitskräften aus, der Fachkräftemangel wird sich also noch signifikant verschärfen.

Die Babyboomer kommen in die Jahre

Die Deutschen nehmen für den verfrühten Eintritt sogar erhebliche Abschläge in Kauf, wie der TK-Gesundheitsreport zeigt. So bezogen 54,7 Prozent der 64-jährigen (Jahrgang 1953) bereits 2017 eine Altersrente. Rund ein Drittel der 63-jährigen (Jahrgang 1954) verabschiedete sich 2017 ebenfalls in den Ruhestand. Jeder siebte beantragte einen früheren Renteneintritt aufgrund von Schwerbehinderung oder Erwerbsunfähigkeit. TK-Chef Jens Baas zeigt sich besorgt und gibt die ursprünglich geplante Anhebung des Rentenalters auf 67 als realitätsfern zu bedenken: „Es nützt nichts, das Renteneintrittsalter weiter hochzuschrauben, wenn schon heute nicht einmal jeder Zweite so lange arbeitet.“

Versicherer, Politik und Unternehmen seien gleichermaßen in der Pflicht eine längere Leistungsfähigkeit ihrer Arbeitnehmer zu garantieren. Durch den vorzeitigen Berufsaustritt der Babyboomer gehe sonst ein „enormes Wissens- und Leistungspotenzial“ verloren, sagte Baas bei der Vorstellung des Gesundheitsreports in Berlin. Vor allem Berufstätige körperlich belastender Arbeitsfelder, arbeiten mit einem 1,8 Mal höheren Risiko frühzeitig auszuscheiden. Berufe im Bau- und Holzgewerbe, Verkehr, Lager oder Metallbau seien hier von einem zu starren Renteneintrittsalter betroffen. Hingegen stünden Tätigkeiten in der Verwaltung, den Medien oder Lehr- und akademischen Berufen in besserer Aussicht, länger ausgeübt zu werden. Trotzdem müssen Arbeitgeber vorteilhafte Beschäftigungsmodelle für ältere Mitarbeiter ermöglichen und für langjährig Beschäftigte attraktiv bleiben. Altersgemischte Teams, interne Tätigkeitswechsel und Weiterbildungen können ältere Mitarbeiter im Betrieb und das Team auf gutem Erfahrungsaustauschniveau halten.

Signale wahrnehmen und von der späten Rente verabschieden

Während des Deutschen Kaiserreichs, lag die gesetzliche Grenze für den Bezug einer Rente ab 1889 zunächst bei 70 Jahren. Diese wurde dann auf 65 gesenkt und für bestimmte Arbeitsgruppen aufgelockert. Inzwischen geht der Trend seit 1990 wieder in Richtung einer Anhebung der Lebensarbeitszeit. Seit 2012 wird das Zugangsalter für Regelaltersrenten für jedes folgende Geburtsjahr angehoben. Später geboren zu sein bedeutet heutzutage also länger Arbeiten zu müssen. Zugleich wurden die Möglichkeiten eines vorzeitigen Rentenbezugs abgeschafft bzw. stark eingeengt. „Die Anhebung des Renteneintrittsalters bedeutet in vielen Fällen nicht längeres Arbeiten, sondern eine geminderte Rente. Das kann nicht unser Anspruch sein“, so TK-Chef Baas.

Immerhin waren in den Jahren 2013 bis 2017 zwei Drittel der sozialversicherungspflichtigen Deutschen durchgehend beschäftigt. Sogar 80 Prozent der 35- bis 60-jährigen arbeiteten seit Beginn ihrer Beschäftigungen durchgängig ohne den Verlust von Beitragsjahren. Um die Mitarbeiter länger im Beruf zu  halten, müsse man als Arbeitgeber jedoch das Signal senden sich auch um ihr gesundheitliches Wohlbefinden zu kümmern, rät die TK. Denkbar wäre hier z.B. das Angebot von Seminaren zu den Themen Stress und Ernährung oder die Teilnahme an Sportveranstaltungen und Workshops. Andernfalls können Kampagnen gegen das Rauchen oder ein kostenloses Fitnessstudio auf dem Unternehmensgelände Strategien zur Gesundheitsförderung sein. In den Genuss einer frühzeitigen Rente ohne Abschläge kommen nur langjährig Versicherte, mit 35  oder besonders langjährig Versicherte nach 45 Beitragsjahren.

 

Um die Mitarbeiter länger im Beruf zu halten, müsse man als Arbeitgeber jedoch das Signal senden sich auch um ihr gesundheitliches Wohlbefinden zu kümmern. | Foto: pixabay.com

 

Beschäftigungsanstieg, der nicht lange anhalten wird

Auch Berlin verzeichnet mit einem neuen Höchststand an 97.000 Betrieben einen positiven Trend im Arbeitsmarkt. Gegenüber dem bundesweiten Durchschnitt ist man mit einem Anstieg der Beschäftigungen von vier Prozent auf der Überholspur. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse, Befristung, Leiharbeit und ein Mangel an Auszubildenden könnten in den kommenden Jahren jedoch eine Lücke in die Arbeitswelt der jungen Generation reißen.

„Die guten Rahmenbedingungen müssen deutlich stärker für gute Arbeit genutzt werden. Die Betriebe verlangen zunehmend nach qualifizierten Beschäftigten und klagen über Schwierigkeiten bei der Besetzung offener Stellen. Doch statt mit attraktiven Konditionen um Fachkräfte zu werben, wurden mehr als die Hälfte der neuen Verträge nur befristet abgeschlossen, Tendenz steigend. Das passt nicht zusammen. Wirtschaftlicher Erfolg und gute Arbeit sind kein Widerspruch, sondern bedingen einander. Fachkräftesicherung, Innovation und Wettbewerbsfähigkeit gibt es nur mit auskömmlichen Löhnen, sozialer Sicherheit und fairen, motivierenden Arbeitsbedingungen“, kommentiert Arbeitssenatorin Elke Breitenbach (Linke).

Attraktive Konditionen: Vor allem offen und anpassungsfähig

Angesichts der Studienbefunde und verkürzten Lebensarbeitszeit der Deutschen, werden die Ausgaben der Kranken- und Rentenversicherung in den nächsten Jahren drastisch steigen. Das hätte unter anderem höhere Kassenbeiträge für die Arbeitnehmer zur Folge. Neben einer betrieblichen Gesundheitsförderung plädiert TK-Chef Baas aufgrund dessen für einen Abschied vom einheitlichen Renteneintrittsalter. „Wir brauchen differenzierte Lösungen, die für besonders beanspruchte Berufsgruppen einen früheren Renteneintritt ohne große Abschläge zulassen“, fordert Baas.

 

Durch den vorzeitigen Berufsaustritt der Babyboomer geht ein „enormes Wissens- und Leistungspotenzial“ verloren. | Foto: pixabay.com

Durch den vorzeitigen Berufsaustritt der Babyboomer geht ein „enormes Wissens- und Leistungspotenzial“ verloren. | Foto: pixabay.com

 

Eine der Gesundheit angepasste Beschäftigungsdauer zu attraktiven Konditionen kann ein motivierender Faktor für den Beginn einer Ausbildung sein. Vor dem Hintergrund eines zu erwartenden, massiven Fachkräftemangels, ist ein solches Entgegenkommen der staatlich Zuständigen gefordert – auch um mehr besetzte Ausbildungsplätze zu garantieren. (cn)

Zahl der befristeten Arbeitsverträge in Berlin nimmt zu

Der Wirtschaftsboom in Berlin hält weiterhin an. Doch Arbeitsmarktboom heißt nicht gleich Jobwunder. Denn die Zahl der befristeten Arbeitsverträge ist deutlich gestiegen. So sollen mehr als ein Drittel der Beschäftigte Verträge auf Zeit, Minijobs oder einen Leiharbeitsplatz haben.

Nun fordert die Arbeitssenatorin Elke Breitenbach Betriebe dazu auf, mehr Verträge unbefristet abzuschließen. Auch sollen die Betriebe ihre Ausbildungsangebote erweitern.

Der Wirtschaftsboom der Hauptstadt

Berlin ist als Wirtschaftsstandort kaum mehr wegzudenken. Zu Recht trägt Berlin seinen Ruf als „die Start-up Hauptstadt“. Immer mehr Unternehmen wollen sich in der Hauptstadt niederlassen. So flossen im vergangenen Jahr drei Milliarden Euro in Berliner Start-ups. Darüber hinaus sinkt auch Arbeitslosigkeit weiterhin. So ist die Arbeitslosenquote im vergangenen Monat zum ersten Mal seit 1991 auf unter acht Prozent gesunken. Damit befindet sich die Zahl der Arbeitslosen auf dem tiefsten Stand seit dem Mauerfall. Mittlerweile zählt die Hauptstadt über 97.000 Betriebe mit rund 1,7 Millionen Beschäftigten.

Diesen Zahlen zufolge könnte die wirtschaftliche Lage Berlins nicht besser sein. Zwar hat die Zahl der Beschäftigten deutlich zugenommen, doch ebenso auch der Anteil von Beschäftigten ohne eine unbefristete Vollzeitstelle.

Anteil an befristeten Stellen nimmt zu

Am vergangenen Mittwoch stellte Elke Breitenbach, Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales, das Ergebnis des Betriebspanels 2017 vor: „In Berlin sind inzwischen 39 Prozent der Arbeitnehmer befristet oder teilzeit- und geringfügig beschäftigt.“ Davon arbeiten 17 Prozent in Teilzeit, 13 Prozent hatten befristete Stellen, acht Prozent wurden geringfügig beschäftigt und ein Prozent der Beschäftigten sind Leiharbeiter.

 

Die Zahl der befristeten Arbeitsverträge ist auf 39 Prozent gestiegen | Quelle: Betriebspanel Berlin 2017

Die Zahl der befristeten Arbeitsverträge ist auf 39 Prozent gestiegen | Quelle: Betriebspanel Berlin 2017

 

Die Arbeitssenatorin kritisierte diesbezüglich die Einstellungspolitik vieler Unternehmen. Denn angesichts des Fachkräftemangels bieten die Betriebe oft nur befristete Stellen an. „Die Betriebe verlangen zunehmend nach qualifizierten Beschäftigten und klagen über Schwierigkeiten bei der Besetzung offener Stellen. Doch statt mit attraktiven Konditionen um Fachkräfte zu werben, wurden mehr als die Hälfte der neuen Verträge nur befristet abgeschlossen, Tendenz steigend. Das passt nicht zusammen“, so Breitenbach.

Frauen wollen freiwillig Teilzeit arbeiten

Christian Amsinck, Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg, sieht die Situation noch differenzierter: „Viele Frauen wollen bewusst in Teilzeit arbeiten, um Beruf und Familie miteinander vereinbaren zu können. Wer mehr Vollzeit-Arbeit ermöglichen will, muss die Betreuungsangebote für Kinder verbessern. Hier gibt es in Berlin noch viel Spielraum.“

Allerdings wird die Suche nach einem Kinderplatz immer schwieriger. Denn in Berlin fehlen derzeit 3.000 Kitaplätze. Eine langfristige Lösung für die Kitaplatz-Not gibt es noch nicht. So sind zumeist Frauen gezwungen, in Teilzeit zu arbeiten. (dn)

Urbane Mitte am Gleisdreieck: Gespräche über die Stadt der Gegenwart

Wie können wir Städte abseits ferner Zukunftsszenarien anders denken, bauen und gestalten? Unter diesem Leitsatz luden die Urbane Mitte Am Gleisdreieck, COPRO, das Architekturbüro O&O Baukunst sowie das künftige Urban Ideation Lab „B-Part“ am 1. Juli zum Dialog ein. Mit Experten aus dem Transportwesen, der Start-up-Szene, der Nighttime Economy, der Kunstszene und der Literatur wurden über Zukunftsszenarien Berlins diskutiert.

Zu den Speakern der Veranstaltung zählten Markus Penell, Leiter des Architekturbüros O&O Baukunst, und der Berliner Künstler Christian Awe. Erster hat gemeinsam mit seinem Büro den Masterplan für das künftige Stadtquartier „Urbane Mitte Am Gleisdreieck“ entwickelt. Darüber hinaus diskutierten u.a. Dr. Meike Niedbal, Head of Business Development DB Station & Service und Project Lead Smart Cities, und Tresor-Gründer Dimitri Hegemann über die Themen Mobilität, Start-ups, Kunst und Kultur sowie das Nachtleben Berlins. Durch das Panel führte der Journalist und Sachbuchautor Dr. Christian Ankowitsch.

 

v.l.n.r. Christian Awe, Darius Moeini, Markus Penell, Dr. Meike Niebdal, Jackie Thomae | Foto: HGEsch Photography

v.l.n.r. Christian Awe, Darius Moeini, Markus Penell, Dr. Meike Niebdal, Jackie Thomae | Foto: HGEsch Photography

 

B-Part: Das Urban Ideation Lab zum Mitgestalten der Lebens- und Arbeitswelten von morgen

Den Startschuss zur Veranstaltung gab Ansgar Oberholz, Gründer des Co-Working-Pioniers „St. Oberholz“. Dort, wo zukünftig die „Urbane Mitte Am Gleisdreieck“ eine der letzten großen Lücken Berlins schließen soll, wird bereits Anfang 2019 ein temporäres Gebäude in modularer Holzbauweise errichtet. So bietet B-Part auf circa 1.000 Quadratmeter direkt am Park ein Innovation Space für Menschen, die die Lebens- und Arbeitswelten von morgen mitgestalten möchten. Zudem entstehen im B-Part rund 100 Plätze für flexibles, gesundes und inspirierendes Arbeiten. Damit wird B-Part eine Schnittstelle aus Kreativwerkstatt, Experimentierlabor und Ideenschmiede.

Ob Industrie oder Start-ups – das Urban Ideation Lab wird eine Plattform, die Know-how und Content von unterschiedlichsten Ideen und Menschen generiert und zugänglich macht. „Es soll als Pionier für die Quartiersentwicklung der Urbanen Mitte Am Gleisdreieck und das menschliche Zusammenleben von morgen fungieren“, erklärt Oberholz, der das Projekt bis zu seiner Eröffnung als Ambassador begleiten wird.

Urbane Mitte Am Gleisdreieck: Stadtquartier der Zukunft im Herzen Berlins

Danach stellte Markus Penell von O&O Baukunst unter dem Motto „Stein“ den über 150 BesucherInnen die Themen Architektur und Städtebau in der heutigen Zeit an jenem Ort vor, wo das Stadtquartier entstehen wird. Penell präsentierte in seiner Keynote u.a. das städtebauliche Konzept der „Urbanen Mitte Am Gleisdreieck“. Dort werden in Zukunft lokales Handwerk und regionale Produktion mit kollaborativen Arbeitswelten und neuen Mobilitätsideen verbunden. Die Panelgäste konnten die Gebäudekörper, die auf dem Areal entstehen werden, in Miniatur vor Ort hautnah erleben. Denn eigens für das Festival wurde ein begeh- und erlebbares Holzmodell des Stadtquartiers im Maßstab 1:20 gebaut, das als Bühne für die Veranstaltung diente.

 

Panel „Zufall, Stein und Hyperloop“ auf der Urbanen Mitte Am Gleisdreick | Foto: HGEsch Photography

 

Kultclub Tresor: Mut zu Unfertigem und Zufälligem

Dimitri Hegemann erzählte zum Element „Zufall“. So erklärte er, wie er durch eine unvorhergesehene Situation die richtige Lokalität für seinen späteren Technoclub „Tresor“ fand. Dieser entwickelte sich mit seinem unfertigen und authentischen Charme schließlich zu einem wichtigen Bestandteil der Nighttime Economy in Berlin.

Nachdem der Mauerfall die Stadt zum Explodieren brachte, entstanden viele neue Räume und kreative Ideen. Menschen feierten die unkontrollierte Eigendynamik und verliehen Berlin neue Energie. Die gereifte Subkultur wurde umbenannt in Kreativwirtschaft. In diesem Kontext plädierte er dafür, dass in der heutigen Zeit mehr Experimentierraum gegeben werden muss, um diesen Spirit auch künftig beizubehalten.

Mobilitätkonzepte: von der Stadt zur Smart City

Zum Abschluss der Veranstaltung verriet Dr. Meike Niedbal, Head of Business Development DB Station & Service, im Panel „Bewegung“, wie die Deutsche Bahn Mobilität als städteformendes Element erkennt und welche Rolle die Menschen bei der Gestaltung von intelligenten und flexiblen Mobilitätslösungen spielen. Sie eröffnete in ihrer Keynote „Smart Cities: Logistik, Mobilität und Bahnhöfe“ neue Blickwinkel auf innerstädtische Verkehrskonzepte der Gegenwart und Zukunft. (red)

Wie geht es am Checkpoint Charlie weiter? Öffentliche Debatte soll verfahren beflügeln

Am 4. Juli 2018 fand die dritte öffentliche Veranstaltung zur „Zukunft Checkpoint Charlie“ statt. Die Debattenreihe begleitet den umfassenden Beteiligungsprozesses, den die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen im Zusammenhang mit dem Aufstellungsverfahrens für den Bebauungsplan 1-98 „Checkpoint Charlie“ durchführt. Auch die Ergebnisse des gestrigen Abends fließen in das Planungsverfahren ein, welches die Grundlage für den Bebauungsplan bildet.

Im Rahmen der Veranstaltung wurden die Zwischenergebnisse der Arbeiten der sieben am städtebaulichen Workshopverfahren teilnehmenden Architekturbüros vorgestellt: Caramel architekten, COBE Berlin, David Chipperfield Architects, Graft, Hild und K Architektur, J.MayerH. und Partner sowie Sauerbruch Hutton. Die Besucherinnen und Besucher hatten im Anschluss die Möglichkeit, Feedback, Wünsche und Anmerkungen für die weitere Bearbeitung der Arbeitsstände abzugeben.

Städtebaulicher Workshopverfahren am Checkpoint Charlie

Der Projektentwickler hatte vor kurzem zugestimmt, sein Hotelprojekt östlich der Friedrichstraße in einem zeitnahen Workshopverfahren städtebaulich überprüfen zu lassen. Im Rahmen des städtebaulichen Workshopverfahrens für beide Grundstücke und des Realisierungswettbewerbs wird es neue Pläne zum Städtebau und zur architektonischen Umsetzung geben. Für den westlichen Bereich mit einem komplexen Nutzungsprogramm soll ein Realisierungswettbewerb folgen. Zu gestalten sind auch die Straßenräume und Freiflächen auf dem privaten Gelände (ca. 1000 qm). Hier ist besonders die Bürgermeinung gefragt ob eine Fußgängerzone, eine verkehrsberuhigte Straße oder eher weiterhin eine in der Friedrichstadt übliche Straße präferiert wird.

Die Investorengruppe Trockland beabsichtigt am Checkpoint Charlie eine städtische Bebauung zu realisieren. Das Land Berlin verhandelt um Flächen für ein Museum mit Freifläche, einen Wohnanteil sowie weitere gewerbliche Nutzungen in den Gebäuden. Um der besonderen Bedeutung des Ortes und der Vielschichtigkeit der Interessen gerecht zu werden und dabei gleichzeitig die städtebauliche Entwicklung der privaten Flächen planungsrechtlich zu steuern, stellt die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen einen Bebauungsplan auf.

Beteiligungsprozess läuft bereits

Der laufende Beteiligungsprozess findet im Rahmen des Bebauungsplan- Aufstellungsverfahrens statt und steht im Zusammenhang mit einem zweistufigen Planungsverfahren, das als ergebnisoffener Erkenntnisprozess angelegt ist. Die Ergebnisse aus der Beteiligung fließen in den Planungsprozess ein. Die Erarbeitung verschiedener Varianten und städtebaulicher Typologien unterstützt dabei die Abwägung entsprechender Vor- und Nachteile gegenüber der vormals angedachten Blockrandbebauung.

Eine Ausstellung zum Beteiligungsprozess und den städtebaulichen Entwürfen wird am 2. August 2018 eröffnet, auch hier wird wieder die Meinung der Besucherinnen und Besucher gefragt sein. (red)