Family Summer Event am Kudamm-Beach Halensee

Die Kinder hatten einen Heidenspaß und mit ihnen die glücklichen Eltern. Das wohl schönste Kinderfest der Hauptstadt lockte am Sonntag mehr als 1.000 Kinder und Eltern in den Kudamm-Beach am Halensee. Schon von weitem konnte man die vielen bunten Luftballons sehen, die auf das kindgerecht geschmückte Gelände an der Königsallee hinwiesen. Und auf dem Gelände, das direkt zum Halensee führt, alles was ein Kinderherz erträumt.

Auf dem Halensee konnten die Kleinen Stand-up Paddling fahren oder mit bunten Gummitieren und Matratzen „in See stechen“. Die hochkreative Maria Köster von Maria’s Kinderclub – dürfte vielen als langjährige Geschäftsführerin vom Szene-Restaurant Borchardt`s bekannt sein – zeichnete mit ihren Partnerinnen Oksana Kolenitchenko (Fashion Mama Berlin) und Friederike Werner (Pepper PR) für Idee und Organisation verantwortlich. Die drei jungen Mütter überzeugten Siegfried Nehls von der Sanus AG und Tom Siebert von Allianz Roskos&Meier sowie den BMW-Händler Nefzger davon, als Sponsoren die finanzielle Grundlage für das Familienfest zu sichern.

Eltern und Sponsoren spenden für guten Zweck

Siegfried Nehls, der auch Hauptsponsor des Jüdischen Lichterfestes Chanukka am Brandenburger Tor ist, unterstützte mit Leidenschaft – insbesondere weil aus einem Teil der Erlöse des Festes krebskranken Kindern geholfen wird. Siegfried Nehls: „Wir unterstützen mit diesem Familienfest den Verein Kolibri Hilfe für krebskranke Kinder Deutschland e.V., der beispielhaft krebskranken Kindern, deren Eltern, Angehörigen und Freunden hilft und damit viel Leid zumindest mindert.

In Deutschland erkranken rund 1.800 Kinder jährlich bis zum 15. Lebensalter an Krebs. In den letzten drei Jahrzehnten haben sich die Heilungschancen für die jungen Patienten deutlich verbessert. Trotzdem ist die Erkrankung eines Kindes an Krebs nach wie vor eine extreme Belastung für die gesamte Familie. Hier ist Hilfe und Unterstützung gefragt und die geben wir mit voller Überzeugung!“

Prominenter Support

Der Verein Kolibri wird von vielen Prominenten unterstützt, so zum Beispiel von Boxtrainer Ulli Wegener, der Moderatorin Inka Brause oder Gesundheitspolitiker Mario Czaja.

Auch Tom Siebert, Partner bei Allianz RoskosMeier, der das erste Mal zu den Unterstützern des Family Summer Events zählt, betont die besondere Verpflichtung, kranken Kindern zu helfen: “Gerade wer auf der Sonnenseite des Lebens steht, sollte ein großes Herz zeigen bei diesem ernsten Thema!“

Das Kinderfest am Halensee war somit in jeder Hinsicht ein voller Erfolg: Viel Spaß und Freude für die rund 1.000 Kinder und Eltern und ein satter Scheck für den Verein Kolibri. Das sollte Schule machen! (fs)

Wegen Personalmangel: Berliner Familien warten monatelang auf Elterngeld

Von fehlenden Pflegekräften bis hin zu Lehrern – der Personalmangel in Berlin spitzt sich weiterhin zu. Nun haben auch die Bezirke mit fehlenden Mitarbeitern zu kämpfen. Deshalb warten Eltern derzeit mehrere Monate auf das Elterngeld.

Nach den Richtlinien im Bundeselterngeld- und Elternzeitgesetz soll das Elterngeld nach acht Wochen ausgezahlt werden. Allerdings sieht es in der Praxis anders aus. Grund für die Verzögerung seien laut den Bezirken unbesetzte Stellen und kranke Mitarbeiter.

Mehr als 23.000 Anträge

Das Elterngeld gehört zu den sozialen Familienleistungen in Deutschland. Es ermöglicht Müttern und Väterneine finanzielle Unterstützung von bis zu 28 Monaten und sichert somit die wirtschaftliche Existenz von Familien während der Elternzeit. Grundsätzlich erhalten alle Mütter und Väter, die nach der Geburt aufgrund der Betreuung ihres Kindes beruflich pausieren oder weniger als 30 Stunden in der Woche arbeiten, diese Transferleistung.

Abhängig von der Höhe des Nettoeinkommens beträgt das Elterngeld mindestens 300 Euro und höchstens 1.800 Euro. Ein Elternteil kann diese Leistung mindestens zwei und höchstens 14 Monate in Anspruch nehmen. Wer 25 bis 30 Stunden nebenbei arbeitet, bekommt das sogenannte Elterngeld Plus sogar für den doppelten Zeitraum – das Gehalt wird allerdings gegengerechnet. Nach Angaben der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie wurden in Berlin vom 01. Januar bis 31. Mai diesen Jahres 23.082 Elterngeldanträge gestellt. Allerdings mussten Eltern zuletzt monatelang auf die Auszahlung warten.

Eltern warten mehrere Monate auf Elterngeld

Schon seit Jahren häufen sich Beschwerden um die verspätete Auszahlung des Elterngeldes. Auch dieses Jahr hat sich nichts an der Situation geändert. Besonders in den drei Bezirken Charlottenburg-Wilmersdorf, Spandau und Treptow-Köpenick zieht sich die Wartezeit in die Länge. Dabei wurden dort nicht einmal überdurchschnittlich viele Anträge gestellt. In Charlottenburg-Wilmersdorf waren es nur 1.554 von den rund 23.000 Anträgen. Allerdings wartete man dort mit 15 Wochen am längsten. In Pankow hingegen, wo mit 2.978 die meisten Anträge auf Elterngeld eingingen, lief es jedoch schneller. Dort betrug die Bearbeitungszeit bis zu acht Wochen.

„Der Senat muss aufklären, warum die Bearbeitungszeiten so weit auseinandergehen“, fordert FDP-Abgeordnete Maren Jasper-Winter. Von der Senatsverwaltung heißt es: „Wir sind in engem Austausch mit den Bezirken, wie die Verfahren beschleunigt werden können.“ Inzwischen habe der Senat das Elterngeld auf die Prioritätenliste für den „Zukunftspakt Verwaltung“ gesetzt. Vielmehr sollte der Senat jedoch ihr Augenmerk auf den Personalmangel richten. Denn dieser ist einer der Hauptursachen für die Verzögerungen und Bearbeitungsprozessen. (dn)

Berliner Mobilität: Halbsaubere Luft und gefährliche Straßenabschnitte

Berlins Luft kann jetzt an einigen Verkehrskontenpunkten sorgenloser eingeatmet werden. Tempo 30-Strecken zur Luftreinhaltung des stark belasteten Innenstadtverkehrs haben positive Wirkung gezeigt. Die Belastung durch Stickstoffdioxid, ein Verbrennungsprodukt das hauptsächlich Dieselmotoren ausstoßen, ist seit März gesunken. Gemessene Werte in der Leipziger Straße, welche die Senatsumweltverwaltung nun veröffentlichte, lassen hoffen.

Nach den bisherigen Erfolgen der fünf Teststrecken, gibt es nun ein Datum für die Entschleunigung weiterer zentraler Streckenabschnitte. Ab dem 3. September soll auch der Tempelhofer Damm und die Hauptstraße im Bezirk Tempelhof-Schöneberg im Tempo 30 fließen. Die Kantstraße in Charlottenburg wird ab November zur Teststrecke. Prüfungen zeigten auch, dass sich bis zu 97 Prozent der Autofahrer an das Tempo in der Leipziger Straße und der seit Juni aufgenommenen Potsdamer Straße hielten. Zu bestimmten Zeiten floss der Verkehr hier jedoch auch vor dem Luftreinhaltungsgebot nicht schneller.

Tests zeigen erste grüne Wirkung

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hatte bereits 2016 gegen mindestens 28 deutsche Städte Klage eingereicht. Denn der Jahresmittelwert des gesundheitsschädlichen Stickstoffdioxids wurde in den Innenstädten aufgrund des starken Verkehrsaufkommens häufiger überschritten als eingehalten. Um seine Bürger*innen zumindest teilweise vor dem für Herzkreislaufsystem und Atemwege schädlichen Gas zu schützen, schreibt die Europäische Union einen Jahresmittelwert von 40 Mikrogramm vor. In der Leipziger Straße ergab sich nun, dass die ursprünglichen März-Werte von 56 Mikrogramm, im Mai zunächst auf 50 sanken. Im Juni waren sogar nur noch 39 Mikrogramm in der Luft vorhanden. Auch das mit den Abgasen ausgestoßene Stickstoffmonooxid sank von 48 auf 19 Mikrogramm in der Leipziger Straße. Rechnet man alle giftigen Stickoxide zusammen, reduzierte sich die Belastung in der ersten dreimonatigen Testphase bereits um 60 Mikrogramm.

 

Erweiterung der Teststrecken: Ähnliche Schilder wird man bald häufiger in der Innenstadt sehen. | Foto: pixabay.com

Erweiterung der Teststrecken: Ähnliche Schilder wird man bald häufiger in der Innenstadt sehen. | Foto: pixabay.com

 

Mit der Einführung von Testabschnitten hatte man begonnen um Fahrverbote, wie in Hamburg und kürzlich in Stuttgart eingeführt, möglichst zu vermeiden. Der Senat setzt stattdessen auf die Förderung der Elektromobilität und hatte hierfür zusätzlich zur Umweltprämie starke Subventionen in Berlin veranschlagt. Messungen sollten zeigen, ob sich auch mit langsamerem, dafür fließendem Verkehr, die gleichen Ziele ohne eine Verdrängung bestimmter Automodelle erreichen ließe. Da der Stickstoffdioxidausstoß beim Anfahren am höchsten ist, sollen für selteneres Anhalten auch Ampelschaltungen angepasst werden.

Gefahr nicht gleich gebannt: Feinstaubbelastung von außerhalb

Den bisherigen Erfolgen entgegen, steht die Anfrage des FDP-Abgeordneten Marcel Luthe an die  Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz. Mehr als die Hälfte der Feinstaubbelastung in Berlin kommt von außerhalb, berichtete der Tagesspiegel infolge der bisherigen Ergebnisse. Dies ergab eine Studie des Leibniz-Instituts für Troposphärenforschung (Leipzig, 2017) auf die sich der Senat beruft. Wind trage die Partikel der Kraftwerke, Nicht-Berliner Heizungen und auch der Schifffahrt in die Hauptstadt.

Rund 65 Prozent der luftgetragenen Partikel, die giftige Stoffe wie Blei und Arsen enthalten und etliche Zeit in der Atmosphäre verweilen, kämen von außerhalb. Durch elf Berliner Messstationen wurden 15 Prozent der Belastung auf den Straßenverkehr zurückgeführt. Hier hauptsächlich auf den Abrieb von Reifen und die Aufwirbelung der Partikel. Lediglich vier Prozent des Feinstaubs entstünden durch Abgase. Unbebaute Grünflächen, die Häuserschluchten aufbrechen, können die Belastung reduzieren. Angesichts dieser Alternativen wäre man jedoch wieder bei der Frage der Wohnungsnot gegenüber oder besser innerhalb einer lebenswerten, grünen Stadt.

 

Mehr als die Hälfte der Feinstaubbelastung in Berlin kommt von außerhalb Berlins. | Foto: pexels.com

 

Fehlgeleitete Mobilitätspolitik?

Wie die Stickoxidbelastung waren die Feinstaubwerte auf der Teststrecke Leipziger Straße zwar gesunken, sie seien jedoch stark wetterabhängig. Jahresmittelwerte könnten nur nach längerfristigen Beobachtungen zu Ergebnissen führen, erklärte der Tagesspiegel. Für Rückschlüsse der gesünderen Werte auf den eingedämmten Verkehr sei es also auch nach zwölf Monaten noch zu früh.

Luthe nahm dies zum Anlass die Mobilitätspolitik des rot-rot-grünen Senats noch einmal als fehlgeleitet und kontextlos zu kritisieren: „Wir sehen, dass es eine Vielzahl von weiteren Quellen gibt, die deutlich gravierender sind als der Pkw-Verkehr. Mit denen muss man sich zuerst beschäftigen, bevor man in die Freiheit der Berliner eingreift.“ Der Senat konterte jedoch, die Ursachen die sich in Berlin fänden, seien „vornehmlich dem Verkehrs- und Heizungssektor“ zuzuordnen.

Aggressionen, Gefahren und Kontrollen im Winterschlaf

Während sich auf insgesamt 8,2 Kilometer Teststrecken der Autoverkehr entschleunigt, geht der tägliche Kampf um die rücksichtsvolle Platzverteilung auf Berliner Straßen weiter. Der Tagesspiegel richtete online inzwischen einen #Gefahrenmelder ein. Angesichts der tödlichen Verkehrsunfälle zweier Kinder, könne mit der Beseitigung bestimmter infrastruktureller Mängel nicht mehr gewartet werden. Leser sind aufgerufen Gefahrenstellen, wie gefährliche Fahrradstrecken, fehlende Mittelinseln oder unzureichend gesicherte Baustellen, der Redaktion zu melden. Nach 500 eingegangen Mails, die letztendlichen Hilferufe aus dem alltäglichen Verkehrsleben sind, ist es Zeit eine Zwischenbilanz zu ziehen. Die Ergebnisse sind auf einem interaktiven Stadtplan visualisiert.

 

Häufigste Gefahren sind abrupt endende Radwege, die auch noch zugeparkt seien, abenteuerliche Ausweichwege an Baustellen und Umleitungen auf die Gehwege. | Foto: pixabay.com

Häufigste Gefahren sind abrupt endende Radwege, die auch noch zugeparkt seien, abenteuerliche Ausweichwege an Baustellen und Umleitungen auf die Gehwege. | Foto: pixabay.com

 

Häufigste Gefahren seien abrupt endende Radwege, die auch noch zugeparkt seien, abenteuerliche Ausweichwege an Baustellen und Umleitungen auf die Gehwege. Die schmalen Gehwege auch noch zwischen Radfahrern und Fußgängern aufzuteilen, provoziere nur erneut Aggressionen. Zum anderen werden fehlende Zebrastreifen, die sich vor allem auf viel zu locker gesicherten Schulwegen rar machen, angeführt. Passanten gaben an sich auf schmalen, selten zu erspähenden Mittelinseln nach viel zu kurzen Grünphasen zu drängen. Zahlenmäßig dominierten Infrastrukturmängel, die in den letzten Wochen nicht selten in Katastrophen endeten. Der Kontrolldruck sei jedoch auch auf das Fehlverhalten, allen voran die Falschparker, zu erhöhen.

Viele Faktoren beleuchten die Berliner Mobilität

Sinkende Einsatzzahlen der Polizei können nicht die Antwort auf kleine Erfolge des Berliner Mobilitätsgesetzes oder verantwortungsvolle Bürger in Tempo 30-Zonen sein. Nach einer gewährten Gewöhnungszeit von vier Wochen haben die Behörden nun auch in der Potsdamer Straße Radarkontrollen angekündigt. Das Hinweisportal, welches die Verkehrsverwaltung vor zwei Jahren für Bürgerhinweise auf mangelhaft gesicherte Baustellen errichtet hatte, ist jedoch im permanenten Winterschlaf. Unzählige Anträge werden dort lediglich an die Bezirke weitergeleitet, deren Aufgabe es wäre diese Mängel zu beseitigen. Von ihnen hört man jedoch meist nie wieder etwas.

Die Berliner Mobilität ist bislang nur auf dem Papier und in den Wunschträumen mancher auf dem richtigen Weg. Zuständigkeiten und reale Kontrollen werden weiterhin zu oft weitergegeben und die Mitfahrenden verunsichert über die tatsächlichen Erfolge stehen gelassen. (cn)

Uneinheitliche Standards und Personalmangel: Die Gefahr der Krankenhauskeime

Keime, die gesunde Menschen ohne gesundheitliche Folgen mit sich herumtragen, können für immun geschwächte Patienten in Krankenhäusern lebensgefährlich werden. Sogenannte Krankenhauskeime werden durch mangelnde Hygienestandards in Berliner Krankenhäusern und Resistenzen gegenüber Antibiotika zur Bedrohung. Offizielle Zahlen belegen 534 Todesfälle durch derartige multiresistente Erreger. Zudem erfassten die Gesundheitsämter in den vergangenen Jahren 3428 meldepflichtige Infektionen, die ausschließlich durch Krankenhauskeime hervorgerufen wurden. CDU-Abgeordneter Florian Graf erhielt diese Zahlen auf seine parlamentarische Anfrage an die Senatsgesundheitsverwaltung.

Demnach erkrankten Patienten hauptsächlich an vier bereits meldepflichtigen Erregern, die typischerweise im Zuge einer stationären Behandlung aufgenommen werden. Niederlassen und übertragen können sich die Keime von jeder Oberfläche; eingehaltene Hygienestandards und Schutzmaßnahmen können das zum Teil verhindern. Doch wie werden diese Schutzmaßnahmen kontrolliert? Weder regelmäßig, noch einheitlich lautete das Ergebnis der Anfrage. Hinzu kämen fehlende Hygienefachärzte und der massive Personalmangel in den Kliniken.

 

Die jährlichen Hygiene-Überprüfungen der Kliniken werden nicht von allen Bezirken eingehalten. | Foto: pixabay.com

 

Viele Krankenhauskeime, wenige Kontrollen

Bundesweit sind jährlich bis zu 600.000 Patienten von Krankenhauskeimen betroffen, bis zu 30.000 dieser Krankheitsverläufe enden tödlich. Berlin liegt mit seinen Fällen weder über dem bundesweiten Durchschnitt noch auf dem Europäischen. Trotzdem klären fehlende einheitliche Hygienestandards und seltene Kontrollen über die Ursachen der häufigen Infektionen auf und verdeutlichen was verhindert werden kann.

Der bekannteste, seit 2009 meldepflichtige Keim MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus) löste in den letzten zehn Jahren in Berlin 2350 Infektionen aus. Davon verliefen 198 schwere Erkrankungen tödlich. Clostridium, ein aggressives Darmbakterium, verursachte 964 Fälle, von denen jedoch über ein Drittel (327) tödlich endeten. An zwei weiteren Krankenhauskeimen, die erst seit 2016 als meldepflichtig gelten, erkrankten in diesem Zeitraum bereits 166 Patienten. Neun von ihnen erlagen der tödlichen Infektion. Für die in der Regel gegen zahlreiche Antibiotika resistenten Keime sind die Behandlungsmöglichkeiten deshalb sehr eingeschränkt. Auch die Identifizierung kann einige Tage in Anspruch nehmen. Immun geschwächten, frisch operierten sowie Krebspatienten, setzten die Erreger unvergleichlich schnell zu. Schwere Lungenentzündungen, Blutvergiftungen, Geschwüre und Wundinfektionen können die Folge sein. Sowohl Beatmungsgeräte als auch unachtsam desinfizierte Hände des Personals oder der Besucher sind vorgezogene Übertragungsnester der Keime.

 

Der bekannteste multiresistente Krankenhauskeim verursachte bereits 534 Todesälle. (Symbolbild) | Foto: pixabay.com

 

Gesundheitsämter durch Fachkräftemangel im Verzug

Angesichts der Fülle an Bereichen und medizinischen Utensilien, die regelmäßig kontrolliert und desinfiziert werden müssen, sieht sich die Charité einer enormen Herausforderung gegenüber. Europas größtes Universitätsklinikum ist der Aufgabe bisher nicht an allen Orten und Winkeln gewachsen. Die große Mehrheit der Berliner Kliniken gibt zwar an sich an die Hygiene-Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) zu halten, die als verbindliche Grundlage gelten. Die Kontrolle dieser Standards, fällt in den Bezirken tatsächlich jedoch sehr unterschiedlich aus. Ein Bewusstsein für straffe Hygienemaßnahmen scheint sehr ungleichmäßig ausgeprägt.

Ursprünglich sind die Leiter der Krankenhäuser für das Sicherstellen der Hygienebedingungen nach aktuellem Stand der medizinischen Wissenschaft zuständig. Den Gesundheitsämtern der Bezirke obliegt die hygienische Kontrolle. Nur stünden hierfür aufgrund schlechter Gehälter viel zu wenige ausgebildete Hygienefachärzte zur Verfügung. Medien wie die Morgenpost, erhielten dementsprechend vage Antworten auf ihre Anfrage, nach der tatsächlichen Häufigkeit der Überprüfungen, die eigentlich jährlich vorgeschrieben sind. Mehrere Bezirke antworteten mit „infektionshygienischen Prüfungen, mindestens einmal jährlich“, Marzahn-Hellersdorf sprach beispielsweise schon von „in der Regel jährlichen Intervallen“. In Neukölln beschränkt man sich dann lediglich auf „anlassbezogene“ Kontrollen.

 

Würde sich an die WHO-Richtlinien, wie regelmäßige Desinfektion und den Mundschutz gehalten, könnte man jede 3. Infektion verhindern. | Foto: pixabay.com

 

Bisherige Klinik-Initiativen und ein Aktionsplan 2019

Mit einem einheitlichen Aktionsplan sei erst im ersten Quartal 2019 zu rechnen, wie die Senatsverwaltung und die Gesundheitsämter in Zusammenarbeit mit dem RKI verlauten ließen. Graf forderte infolge seiner Anfrage jedoch einen wesentlich schnelleren Vorstoß, berichtete die Morgenpost: „Es ist dringend erforderlich, dass die Bekämpfung von Krankenhauskeimen in allen Berliner Krankenhäusern nach einheitlichen Qualitätsstandards erfolgt. Für die Patientenversorgung ist das von elementarer Bedeutung. Davon ist Berlin leider im Moment noch weit entfernt.“

Die DRK-Kliniken richteten hierfür bereits ein Eingangs- und Ausgangsscreening ein, um die Infektionswege die auch außerhalb des Krankenhauses beginnen können, sichtbar zu machen. Patienten wird bei jeder erneuten Ankunft in der Klinik ein Nasen-Rachen-Abstrich entnommen, der auf den Erreger MRSA testet. Denn dieser ist in Mund und Nase jedes Dritten zu finden und bei gutem Gesundheitszustand unbedenklich. Die vorbildliche Praxis muss vom Personal dann weiter durch die gründliche Händereinigung nach den Kriterien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) unterstützt werden. Würde sich an die WHO-Richtlinien, wie regelmäßige Desinfektion und den Mundschutz gehalten, könne man jede 3. Infektion verhindern. Unter Zeitdruck und bei ständigen Personalengpässen fehle dafür jedoch oft schlicht die Zeit, kommentierte die Berliner Krankenhausgesellschaft (BKG). Dementsprechend steht man vor dem Problem zu wenige Krankenpfleger und zu wenig Kontrollen, zu vielen Keimbildungen entgegen zu halten.

Über Antibiotika muss aufgeklärt werden

Um auch die Gesundheit der Besucher und Beschäftigten besser zu schützen fordern Ärzteverbände die Ursachen des Pflegenotstandes zu bekämpfen. Gesundheitssenatorin Dilek Kolat bemüht sich schon lange um ein Nachziehen des Senats. Nicht nur das Gewährleisten der Qualitätsstandards in den Kliniken, sondern auch deren Kontrolle habe höchste Priorität. „Hygienefachärzte sind gesucht auf dem Arbeitsmarkt. Unter anderem deshalb habe ich mit dem Finanzsenator vereinbart, dass die Gesundheitsämter ihnen demnächst konkurrenzfähige Gehälter zahlen können“, so Kolat gegenüber der Berliner Zeitung. Bei gleicher Qualifizierung rechnet sich die Anstellung in einem Universitätsklinikum mit bis zu 1.600 Euro monatlich höherem Gehalt, gegenüber den Gesundheitsämtern.

 

Bisherige Klinik-Initiativen zeigen Wirkung, ein großflächig umsetzbarer Aktionsplan wird jedoch erst 2019 erwartet. | Foto: pixabay.com

 

Auch außerhalb der Krankenhäuser können bestimmte Auslöser für die Resistenz der Krankenhauskeime bekämpft werden. So müssen Ärzte zurückhaltender mit dem alternativlosen Verschreiben von Antibiotika, vor allem gegenüber Kindern vorgehen. Denn umso resistenter der Körper wird, desto resistenter werden auch die individuellen Keime. Zeigten vor zehn Jahren noch bis zu 60 verschiedene Notfall-Antibiotika Wirkung, ist man heute gerade einmal mit drei ausgestattet. Hinzukommt das massiv mit Antibiotika versetzte Tierfutter, dass der menschliche Körper aufnimmt. Der landeseigene Gesundheitsversorger Vivantes bietet im Rahmen seines Instituts für Hygiene und Umweltmedizin Schulungen zur Sensibilisierung gegenüber Antibiotika an. Ärzte und Pflegepersonal müssen gleichwohl an mindestens zwei Schulungen jährlich teilnehmen; die Teilnahme ist natürlich auch wöchentlich möglich.

Drängende Schritte trotz rückläufiger Zahlen

Wie Lösungen für weitere Infektionsausbrüche auszusehen hätten erscheint relativ klar, sie anzugehen kann jedoch nicht weiter aufgeschoben werden. Christoph Lang, Sprecher der Senatsgesundheitsverwaltung, teilte der Morgenpost mit, die Zahl der Infektionen sei in den letzten Jahren nicht gestiegen. Für den MRSA-Erreger seien die Zahlen sogar seit Jahren rückläufig. „Was wir aber beobachten, ist eine in den letzten Jahren gewachsene Aufmerksamkeit für solche Infektionen“, so Lang. Dies sei erst einmal eine gute Entwicklung, denn die Vermeidung von Gefahren beginne „mit einem Problembewusstsein“.

Sowieso ist Information einer der wichtigsten Schritte, wenn es um Übertragungen und Resistenzen geht. Zur Erkältungszeit im Herbst, stellen Kliniken wie die Charité wieder Informationsmaterial zur Verfügung. Diesmal wird auch im Sinne einer stärkeren Verhütung und Erkennung von Krankenhauskeimen informiert. (cn)

Wissen was kommt: Migräne-Therapie mit der M-sense App

Kann eine Smartphone-App dazu beitragen Kopfschmerzen, speziell starke Migräne-Anfälle, zu lindern? Bereits 2013 stellte sich der Migräneforscher Dr. Markus Dahlem diese Frage als er mithilfe von mathematischen Analysen die Vorgänge von Migräneattacken belegen konnte.Seiner damaligen, von Migräne geplagten Mitbewohnerin, die erstmals sein Interesse am Thema weckte, konnte er nun auch helfen. Sie führt nun Kopfschmerz-Tagebuch mit der M-sense App.

Während anhaltende elektrische Entladungen von Nerven, den Kopf quälen, können Patienten oft weder das Haus noch ihr eigenes Zimmer verlassen. Von allem geplagt was Geräusche verursacht oder Licht verströmt, sind rund 12 Prozent der Deutschen von Migräne betroffen. Meist wurden sie jedoch nur medikamentös behandelt. Das Berliner Newsenselab-Team hat mit der Entwicklung der App M-Sense eine alternative Behandlung entwickelt, um die extremen Kopfschmerzepisoden für Betroffene vorhersehbar und vor allem kontrollierbar zu machen. Die App ist bereits ein zertifiziertes Medizinprodukt. Als erstes dieser Art, lernt der Algorithmus der App mithilfe künstlicher Intelligenz auch noch dazu und verbessert das Modell für die Benutzer somit stetig.

 

Gründungsgesellschafter der Newsenselab GmbH (vl.n.r.): Simon Scholler, Stefan Greiner, Dr. Markus Dahlem und Martin Späth. | Foto: Newsenselab GmbH / Johannes Windolph

 

Studie zur digitalen Prävention gestartet

„Unser Ziel ist es, die Kopfschmerztage der Betroffenen um mindestens 50 Prozent zu reduzieren“, erklärt CEO und Mitgründer Stefan Greiner. Um dieses Vorhaben zu fundieren, kooperieren die BARMER-Krankenkasse und die Deutsche Telekom, unter wissenschaftlicher Betreuung der Charité für ein gemeinsames Projekt. Hierzu bewerten 1.000 von Kopfschmerzen und Migräne betroffene Mitarbeiter_innen der Deutschen Telekom, ihre Erfahrungen mit M-sense für neun Monate. Die Studie soll das Potenzial der personalisierten und mobilen Migränetherapie von M-sense sichtbar machen, mit der bis zu 40 Prozent der Schmerzattacken nicht-medikamentös reduziert werden können.

Nachdem Benutzer die App mit möglichen Einflussfaktoren der eigenen Migräne gefüttert haben, beobachtet und analysiert M-sense das Krankheitsbild. Anhand mathematischer Modelle warnt M-sense anschließend vor Trigger-Faktoren. Ziel ist es nicht nur die Häufigkeit der Attacken langfristig zu verringern, sondern auch ein individuell abgestimmtes Therapiemodell zu erstellen. Durch Entspannungs- und Bewegungstraining sowie präventive Maßnahmen kann nachgewiesen sogar der Medikamentenkonsum der Migränepatienten reduziert werden. Die von der App automatisch festgestellten Wetterverhältnisse und weitere äußere Einflussfaktoren tragen zum sogenannten Biofeedback der Patienten bei.

 

Nach der Eingabe möglicher Einflussfaktoren der eigenen Migräne, warnt die App anschließend vor Trigger-Faktoren. | Foto: M-sense

 

Arznei durch M-sense Analyse

Im Zuge etlicher Datenskandale der Plattformen und Apps von Internetriesen und kleineren Anbietern, deren Nutzungen erst möglich sind, wenn man der Speicherung und Weiterverwendung jeglicher eigener Daten zustimmt, ist das Konzept von M-sense bereits fortschrittlicher. „Wir werden [mithilfe der Patientendaten] neue biologische Zyklen ausmachen können. Man muss Patienten jedoch auch davor schützen, dass ihre Daten ungenutzt bleiben. Daten sind der Schlüssel zur personalisierten Therapie“, so Dahlem. Benutzer können selbst entscheiden ob sie ihre Daten zur Analyse auf dem Handy lassen, oder mit dem Server synchronisieren möchten.

 

Benutzer können selbst entscheiden ob sie ihre Daten zur Analyse auf dem Handy lassen, oder mit dem Server synchronisieren möchten. | Foto: M-sense / Johannes Windolph

Benutzer können selbst entscheiden ob sie ihre Daten zur Analyse auf dem Handy lassen, oder mit dem Server synchronisieren möchten. | Foto: M-sense / Johannes Windolph

 

Was bei Kopfschmerzen und Migräne beginnt soll sich mit den mathematischen Analysemodellen auch auf andere chronische Krankheiten übertragen lassen. Das vierköpfige Gründerteam von Newsenselab macht es sich zum erklärten Ziel, chronische Krankheiten für Betroffene kontrollierbar zu machen. Sodass diese sie nicht in wiederholtem Maße im Alltag außer Gefecht setzen. (cn)

Der gläserne Patient: Was passiert mit unseren digitalen Gesundheitsdaten?

Für ein simples Physiotherapie-Rezept fährt man durch die halbe Stadt. In der Arztpraxis erreicht man auch nach zwei Wochen Urlaub niemanden wegen der Laborergebnisse. Arztbriefe, Befunde, Rezepte und Diagnosen hinterlassen nicht nur bei uns Zuhause, sondern auch in Arztpraxen Stapel an Papier. Im Gegensatz zur Kontoführung ist bei der Gesundheitsakte selten alles an einem Ort – und schon gar nicht an unserem. Mitgliederstarke Krankenkassen wie die Techniker Krankenkasse (TK) und die Allgemeine Ortskrankenkasse (AOK) testeten bereits mobilere Variante die eigenen Gesundheitsdaten übersichtlich und digital zu speichern.

Was man in die elektronische Gesundheitskarte (eGK) seit zehn Jahren nicht integrierte, soll nun mithilfe einer digitalen Gesundheitsakte möglich werden. TK-Safe heißt die elektronische Patientenakte der Techniker, die alle Daten der bisherigen Chipkarte und erstmalig alle Papierstapel in sich vereint. Auch die Allianz Versicherung und die junge Online-Banking Plattform N26 schlossen sich zur Entwicklung einer „mobilen Gesundheitsakte“ zusammen. In die App Vivy können alle medizinischen Daten eingetragen, verwaltet und nur mit den zuständigen Ärzten geteilt werden. Der Patient behält bei Vivy sowie bei TK-Safe und dem Angebot der AOK die Datenhoheit. Alle Gesundheitsdaten können, solange nicht mit entsprechenden Ärzten geteilt, nur auf dem Smartphone oder der elektronischen Akte online abgerufen werden. Ziel ist es Mehrfachbehandlungen und Doppelmedikationen zu vermeiden sowie mehr Selbstbestimmung für die Patienten zu gewährleisten.

 

Unübersichtlich für Patienten: Unsere Gesundheitsdaten liegen meist an vielen verschiedenen Orten – viele davon auch noch auf den Servern der Arztpraxen. | Foto: pexels.com

 

Nicht länger warten mit den Daten

Das Angebot umfasst alle medizinischen Daten wie Rezepte, Diagnosen, Laborergebnisse, Medikamenteneinnahmen, Terminvereinbarungen und Erinnerungsfunktionen. Diese medizinischen Daten sollen in den digitalen Systemen dezentral zusammengeführt werden. Durch bisherige Kooperationen mit Kliniken und Praxen können die drei Anbieter zukünftig bundesweit über 35 Millionen Patienten erreichen. Der Umstieg auf die digitale Patientenakte ist dabei freiwillig und kostenlos. Einheitliche Standards und ein bundesweit angeschlossenes Datensystem sind bisher noch nicht aufgebaut. Das Bundesgesundheitsministerium unter Jens Spahn (CDU) erarbeitet derzeit den Aufbau der digitalen Gesundheitsakte, die  Einführung ist für 2021 geplant. Parallel ist man bisher mit dem weiteren Vorantreiben der eGK beschäftigt. Etwa auf der Karte gespeicherte Gesundheits- und Notfalldaten, die der Patient immer dabei hat, sollen die eGK zukünftig nützlicher machen.

Sowohl die TK als auch die AOK führten repräsentative Umfragen durch, die ihnen bestätigten, dass ein Warten auf den digitalen Schritt der Bundesregierung nicht nötig sei. Die durch den AOK Bundesverband in Auftrag gegebene YouGov-Umfrage verdeutlichte: 82 Prozent der Deutschen sprechen sich für eine Zusammenführung ihrer medizinischen Daten in einer digitalen Gesundheitsakte aus. Mehr als zwei Drittel würden ein vorhandenes Angebot nutzen, während 78 Prozent die vorausgesetzte Datenhoheit befürworten. „Das reine Vorhalten von Daten bietet keinen Mehrwert, wir müssen aus ihnen Informationen machen, damit sie unseren Versicherten nutzen. Und vor allem müssen sie selbst die Hoheit über ihre eigenen Daten bekommen“, so TK-Vorstand Jens Baas.

TK-Safe und Vify bieten alle Gesundheitsdaten an einem Ort

Vify bietet neben der Verwaltung aller medizinischen Dokumente auch einen persönlichen Gesundheitscheck an. Medizinische Unterlagen werden durch ein paar Klicks über einen verschlüsselten Link von den Ärzten abgefragt. Dazu müssen die entsprechenden Arztpraxen das Angebot auch nutzen. Mithilfe des Blutbildes und anderer hinterlegter Daten ermittelt Vify das biologische Alter des Patienten. Auf einen Klick können auch Termine vereinbart oder eventuelle Wechselwirkungen bei der verschriebenen Medikation eingesehen werden. Notfalldaten und –kontakte können auch bei gesperrtem Bildschirm jederzeit abgerufen werden. Neben der Allianz sind bereits die DAK-Gesundheit, die Bahn BKK, die IKK Classic, Barmenia, Gothaer und die Süddeutsche Krankenversicherung mit an Bord. So werden durch weitere Kooperationen mit insgesamt 90 gesetzlichen und vier privaten Krankenkassen zukünftig 25 Millionen Bundesbürger erreicht.

 

Die digitale Gesundheitsassistentin Vivy auf dem Smartphone. | Foto: Vivy

 

Manuell kann der Patient die medizinische Historie der TK-Safe Gesundheitsakte durch eigene Daten ergänzen. Baute man das TK-Safe Angebot in die Basisleistungen der Krankenkasse mit ein, erreichte man die 11 Millionen Mitglieder. Interessensbekundungen habe man von vielen Kliniken erhalten, die zusammen mehr als die Hälfte aller deutschen Krankenhausbetten abdecken, so die TK. So könnten Befunde nach der Entlassung direkt an die digitale Akte des Patienten zur Vorstellung beim Hausarzt übermittelt werden. Zur Entwicklung der App, die Ende des Jahres herauskommt, arbeitete die Versicherung mit IT-Dienstleister IBM zusammen. Bisher läuft die Testphase für die sich alle TK-Mitglieder bei Interesse online registrieren können.

Digitale Vorteile erzielen große Reichweite

Die AOK testete ihr Angebot bislang ausschließlich in zwei Kliniken in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Nun kooperiere man jedoch mit Vivantes und der Sana Kliniken AG, zwei der größten sowohl kommunalen als auch privaten Klinikkonzerne. Bei einem erfolgreichen Ausbau könnten die 26 Millionen Mitglieder freiwillig auf die Nutzung der elektronischen Akte umsteigen. Umgerechnet stünden also alle drei Angebote zusammen in näherer Zukunft über 60 Millionen Bundesbürgern zur Verfügung.

Schnelle Prozesse, keine Postwege, wenig Papierkram und alle Daten selbstbestimmt und selbstverwaltet auf einen Blick. Permanent selbst auf dem neuesten Stand über die eigene Gesundheit zu sein, ermöglicht dem Patienten auch eine stärkere Souveränität. Patienten können in Arztgesprächen eine andere Position einnehmen. Auch für die interprofessionelle Kommunikation zwischen behandelnden Ärzten ist die Gesundheitsakte förderlich. Diagnosen und Therapieentscheidungen werden durch die strukturierte Einsicht so von mehreren Ärzten unterstützt.

 

Laborergebnisse, Röntgenbilder, Blutbilder: Direkt nach der Untersuchung übermittelt der Arzt aktualisierte Gesundheitsdaten an die App. | Foto: pixabay.com

Laborergebnisse, Röntgenbilder, Blutbilder: Direkt nach der Untersuchung übermittelt der Arzt aktualisierte Gesundheitsdaten an die App. | Foto: pixabay.com

 

Wer wacht wo über welche Daten?

Neben Fehldiagnosen auf die sich ein folgender Arzt möglicherweise verlässt, bleiben jedoch auch datenschutzrechtliche Fragen bisher offen. Kann eine komplette Verschlüsselung der Daten gewährleistet werden? Wem sollen die Daten zukünftig noch zur Verfügung stehen? Können sie zu Forschungszwecken abgerufen werden? Um diese Fragen vor den Krankenkassen und Unternehmen jedoch richtig für sich beantworten zu können, braucht es eine digitale Gesundheitskompetenz. Kritiker und Verbraucherzentralen pochen außerdem auf einheitliche Standards des Staates, die dem derzeitigen Konkurrenzrennen der Krankenkassen und Unternehmen entgegenstehen.

Mit Blick auf das Abwerben von Mitgliedern und die Zusammenarbeit mit Banken wie der N26, dem IT-Dienstleister IBM oder privaten Klinikgruppen, scheinen die jeweiligen Apps nicht nur die bestmögliche Behandlung ermöglichen zu wollen. Obwohl alle Angebote bislang kostenlos sind, stehen Daten heutzutage als wertvollste Währung im Kurs. TK-Vorstand Jens Baas betonte, dass es bei der technischen Basis elektronischer Akten unter den Krankenkassen keinen Wettbewerb geben solle. Denn Daten sollten bei Kassenwechseln mitgenommen werden können, wie die Frankfurter Rundschau berichtete. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz bemerkte jedoch, nur der Staat könne höchste Sicherheitsstandards garantieren. Bundesgesundheitsminister Spahn solle deshalb hierzu in näherer Zukunft ein Bundesamt für Digitalisierung im Gesundheitswesen schaffen. Mit den einheitlichen Standards ist allerdings vor 2021 nicht zu rechnen.

 

Der gläserne Patient: Kann eine komplette Verschlüsselung der Daten gewährleistet werden? Wem sollen die Daten zukünftig noch zur Verfügung stehen? | Foto: pixabay.com

Der gläserne Patient: Wem sollen die Daten zukünftig noch zur Verfügung stehen? | Foto: pixabay.com

 

Höhere Gesundheitskompetenz

Die elektronischen Gesundheitsakten werben derzeit mit schnelleren Prozessen und einer besseren Aufklärung über die eigenen Gesundheitsbedürfnisse. Um diese verbesserte Form der Versorgung für die breite Masse der Bevölkerung zugänglich zu machen, sind weitere Informationsangebote essentiell . Zudem sollten Workshops den Zugang auch für ältere Patienten ermöglichen, die möglicherweise eine Hemmschwelle gegenüber dem Digitalen zu überwinden haben.

Darüber hinaus muss, wie bei allen jungen Angeboten, das Netz an Kooperationspartnern, vordergründig in Bezug auf kleinere, lokale Praxen stärker ausgebaut werden. Damit gewährleistet ist, dass nicht nur ein Teil der relevanten medizinischen Dokumente in der App verwaltet und der Rest unbeachtet liegen gelassen wird. (cn)

Die Hälfte der Deutschen geht frühzeitig in Rente

Bei einem derzeitigen Renteneintrittsalter von 65 Jahren über eine zukünftige Rente mit 67 oder sogar erst 70 Jahren zu debattieren, scheint realitätsfern und utopisch. Schon jetzt arbeitet nicht einmal die Hälfte der Deutschen bis zum gesetzlichen Rentenalter, mehr als jeder Zweite geht vorher in den Ruhestand. Dies geht aus dem Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse (TK) „Fit oder fertig“ hervor. Schwerpunktmäßig beschäftigte sich die Studie mit deutschen Erwerbsbiografien und wertete hierzu Krankschreibungen und Arzneimittelverordnungen von fünf Millionen Versicherten aus. Über einen Zeitraum von fünf Jahren analysierte die Studie somit 15 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zwischen 20 und 65 Jahren. Die Zahlen nehmen den Charakter eines Trends an und sprechen Bände.

Die Möglichkeiten für den  Berufsausstieg werden hierzulande sehr ausgiebig genutzt. Zudem erreichen die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer in den kommenden Jahren das Rentenalter und werden eine tiefgreifende Lücke am Arbeitsmarkt hinterlassen. Experten gehen bis 2030 von fünf bis sechs Millionen fehlenden Arbeitskräften aus, der Fachkräftemangel wird sich also noch signifikant verschärfen.

Die Babyboomer kommen in die Jahre

Die Deutschen nehmen für den verfrühten Eintritt sogar erhebliche Abschläge in Kauf, wie der TK-Gesundheitsreport zeigt. So bezogen 54,7 Prozent der 64-jährigen (Jahrgang 1953) bereits 2017 eine Altersrente. Rund ein Drittel der 63-jährigen (Jahrgang 1954) verabschiedete sich 2017 ebenfalls in den Ruhestand. Jeder siebte beantragte einen früheren Renteneintritt aufgrund von Schwerbehinderung oder Erwerbsunfähigkeit. TK-Chef Jens Baas zeigt sich besorgt und gibt die ursprünglich geplante Anhebung des Rentenalters auf 67 als realitätsfern zu bedenken: „Es nützt nichts, das Renteneintrittsalter weiter hochzuschrauben, wenn schon heute nicht einmal jeder Zweite so lange arbeitet.“

Versicherer, Politik und Unternehmen seien gleichermaßen in der Pflicht eine längere Leistungsfähigkeit ihrer Arbeitnehmer zu garantieren. Durch den vorzeitigen Berufsaustritt der Babyboomer gehe sonst ein „enormes Wissens- und Leistungspotenzial“ verloren, sagte Baas bei der Vorstellung des Gesundheitsreports in Berlin. Vor allem Berufstätige körperlich belastender Arbeitsfelder, arbeiten mit einem 1,8 Mal höheren Risiko frühzeitig auszuscheiden. Berufe im Bau- und Holzgewerbe, Verkehr, Lager oder Metallbau seien hier von einem zu starren Renteneintrittsalter betroffen. Hingegen stünden Tätigkeiten in der Verwaltung, den Medien oder Lehr- und akademischen Berufen in besserer Aussicht, länger ausgeübt zu werden. Trotzdem müssen Arbeitgeber vorteilhafte Beschäftigungsmodelle für ältere Mitarbeiter ermöglichen und für langjährig Beschäftigte attraktiv bleiben. Altersgemischte Teams, interne Tätigkeitswechsel und Weiterbildungen können ältere Mitarbeiter im Betrieb und das Team auf gutem Erfahrungsaustauschniveau halten.

Signale wahrnehmen und von der späten Rente verabschieden

Während des Deutschen Kaiserreichs, lag die gesetzliche Grenze für den Bezug einer Rente ab 1889 zunächst bei 70 Jahren. Diese wurde dann auf 65 gesenkt und für bestimmte Arbeitsgruppen aufgelockert. Inzwischen geht der Trend seit 1990 wieder in Richtung einer Anhebung der Lebensarbeitszeit. Seit 2012 wird das Zugangsalter für Regelaltersrenten für jedes folgende Geburtsjahr angehoben. Später geboren zu sein bedeutet heutzutage also länger Arbeiten zu müssen. Zugleich wurden die Möglichkeiten eines vorzeitigen Rentenbezugs abgeschafft bzw. stark eingeengt. „Die Anhebung des Renteneintrittsalters bedeutet in vielen Fällen nicht längeres Arbeiten, sondern eine geminderte Rente. Das kann nicht unser Anspruch sein“, so TK-Chef Baas.

Immerhin waren in den Jahren 2013 bis 2017 zwei Drittel der sozialversicherungspflichtigen Deutschen durchgehend beschäftigt. Sogar 80 Prozent der 35- bis 60-jährigen arbeiteten seit Beginn ihrer Beschäftigungen durchgängig ohne den Verlust von Beitragsjahren. Um die Mitarbeiter länger im Beruf zu  halten, müsse man als Arbeitgeber jedoch das Signal senden sich auch um ihr gesundheitliches Wohlbefinden zu kümmern, rät die TK. Denkbar wäre hier z.B. das Angebot von Seminaren zu den Themen Stress und Ernährung oder die Teilnahme an Sportveranstaltungen und Workshops. Andernfalls können Kampagnen gegen das Rauchen oder ein kostenloses Fitnessstudio auf dem Unternehmensgelände Strategien zur Gesundheitsförderung sein. In den Genuss einer frühzeitigen Rente ohne Abschläge kommen nur langjährig Versicherte, mit 35  oder besonders langjährig Versicherte nach 45 Beitragsjahren.

 

Um die Mitarbeiter länger im Beruf zu halten, müsse man als Arbeitgeber jedoch das Signal senden sich auch um ihr gesundheitliches Wohlbefinden zu kümmern. | Foto: pixabay.com

 

Beschäftigungsanstieg, der nicht lange anhalten wird

Auch Berlin verzeichnet mit einem neuen Höchststand an 97.000 Betrieben einen positiven Trend im Arbeitsmarkt. Gegenüber dem bundesweiten Durchschnitt ist man mit einem Anstieg der Beschäftigungen von vier Prozent auf der Überholspur. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse, Befristung, Leiharbeit und ein Mangel an Auszubildenden könnten in den kommenden Jahren jedoch eine Lücke in die Arbeitswelt der jungen Generation reißen.

„Die guten Rahmenbedingungen müssen deutlich stärker für gute Arbeit genutzt werden. Die Betriebe verlangen zunehmend nach qualifizierten Beschäftigten und klagen über Schwierigkeiten bei der Besetzung offener Stellen. Doch statt mit attraktiven Konditionen um Fachkräfte zu werben, wurden mehr als die Hälfte der neuen Verträge nur befristet abgeschlossen, Tendenz steigend. Das passt nicht zusammen. Wirtschaftlicher Erfolg und gute Arbeit sind kein Widerspruch, sondern bedingen einander. Fachkräftesicherung, Innovation und Wettbewerbsfähigkeit gibt es nur mit auskömmlichen Löhnen, sozialer Sicherheit und fairen, motivierenden Arbeitsbedingungen“, kommentiert Arbeitssenatorin Elke Breitenbach (Linke).

Attraktive Konditionen: Vor allem offen und anpassungsfähig

Angesichts der Studienbefunde und verkürzten Lebensarbeitszeit der Deutschen, werden die Ausgaben der Kranken- und Rentenversicherung in den nächsten Jahren drastisch steigen. Das hätte unter anderem höhere Kassenbeiträge für die Arbeitnehmer zur Folge. Neben einer betrieblichen Gesundheitsförderung plädiert TK-Chef Baas aufgrund dessen für einen Abschied vom einheitlichen Renteneintrittsalter. „Wir brauchen differenzierte Lösungen, die für besonders beanspruchte Berufsgruppen einen früheren Renteneintritt ohne große Abschläge zulassen“, fordert Baas.

 

Durch den vorzeitigen Berufsaustritt der Babyboomer geht ein „enormes Wissens- und Leistungspotenzial“ verloren. | Foto: pixabay.com

Durch den vorzeitigen Berufsaustritt der Babyboomer geht ein „enormes Wissens- und Leistungspotenzial“ verloren. | Foto: pixabay.com

 

Eine der Gesundheit angepasste Beschäftigungsdauer zu attraktiven Konditionen kann ein motivierender Faktor für den Beginn einer Ausbildung sein. Vor dem Hintergrund eines zu erwartenden, massiven Fachkräftemangels, ist ein solches Entgegenkommen der staatlich Zuständigen gefordert – auch um mehr besetzte Ausbildungsplätze zu garantieren. (cn)

Dilekt Kolat: In der Pflege müssen wir die Ausbildungsplätze mindestens verdoppeln

Arbeit am Menschen aufwerten: Dilek Kolat, Senatorin für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung, über Pflegenotstand, Geschlechter-Stereotypen und wie Frauen für technische Berufe begeistert werden können.

Was wollen Sie tun, um die Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte zu verbessern?

Erstens wollen wir die Entlohnung verbessern. Ein wichtiger Schritt sind allgemeinverbindliche Tarifverträge für die Altenpflege. Hier wird auch die Bundesregierung aktiv. Tarifverträge können eine gesamte Branche aufwerten, was bei der Pflege dringend notwendig ist. Hierzu werde ich die Sozial- und Wirtschaftspartner und -partnerinnen an einen Tisch holen. Zweitens brauchen wir bessere Arbeitsbedingungen, die wesentlich von der Personaldecke in den Einrichtungen abhängen.

Ich fordere deshalb von der Bundesregierung ein Sofort-Investitionsprogramm für den raschen Ausbau von Ausbildungsplätzen. Aus meiner Sicht müssen eigentlich alle Krankenhäuser und Pflegeheime ihre Ausbildungsplätze mindestens verdoppeln, um ihren eigenen Fachkräftebedarf abzudecken.

Pflegeberufe sind meist Frauendomänen, Männer eine Seltenheit. Warum?

Bis in die 70er- und 80er Jahre hinein war jegliche Fürsorgearbeit in der Familie alleinige Aufgabe und Pflicht der Frauen – und zwar unbezahlt. Anerkennung für diese Tätigkeiten gab es nicht. Letztlich kämpfen wir noch heute gegen diesen Missstand an. In Deutschland wird die Arbeit mit Maschinen besser bezahlt, als die Arbeit mit Menschen.

In der Altenpflege liegt das Durchschnittseinkommen bei 2.400 Euro, während Facharbeiter und Facharbeiterinnen in der Metallindustrie durchschnittlich 4.300 Euro verdienen. In der Altenpflege liegt der Frauenanteil aktuell bei 77 Prozent, der Anteil der Männer immerhin bei 23 Prozent. Ich wünsche mir hier aber auch einen höheren Anteil. Meine Hoffnung ist, dass wenn sich die Entlohnung verbessert, sich dann auch mehr Männer für diese Berufe entscheiden.

Mit den Pflegestützpunkten wurden neue Maßstäbe gesetzt. Wie war die bisherige Resonanz?

Das System hat sich sehr gut etabliert. Fast 45.000 hilfe- und pflegebedürftige Menschen kommen pro Jahr in die 36 Beratungsstandorte, drei in jedem Stadtbezirk. Nach einer Befragung zur Kundenzufriedenheit sind rund 98 Prozent mit der Passgenauigkeit der Informationen sehr zufrieden bis zufrieden. Die Pflegestützpunkte sind Lotsen im System und helfen, dass Menschen so lange wie möglich zu Hause gut versorgt werden können.

Berlin hat bundesweit die meisten Auszubildenden in technischen Berufen. Wie können technische Berufe für junge Frauen noch attraktiver gemacht werden?

Technik gilt leider oft immer noch als Männersache. Mädchen und jungen Frauen werden dadurch Interesse und Kompetenzen für Technik abgesprochen und das hat natürlich Einfluss auf das Berufswahlverhalten. Sie müssen an diese Berufe herangeführt und ermutigt werden. Voraussetzung ist die Sensibilisierung von Eltern, Erziehenden und Lehrenden. In Berlin laufen dazu eine Reihe erfolgreicher Projekte.

Wir gestalten beispielsweise den „Girls‘ Day“ mit vielfältigen Aktivitäten. Das Projekt „EnterTechnik“ bietet jungen Frauen ein ganzes Jahr der beruflichen Orientierung durch direktes Kennenlernen von technologieorientierten Unternehmen und entsprechenden Berufen. Ich selbst habe damals als Arbeitssenatorin das Projekt „Girlsatec“ ins Leben gerufen. Hier wirken junge Frauen als Vorbilder, die selbst eine technische Ausbildung machen oder absolviert haben, indem sie Schülerinnen vor der Berufswahl beraten. Wenig attraktiv für Frauen ist oft auch das Klima in männerdominierten, technologieorientierten Bereichen. Besonders dort muss die Arbeitswelt frauen- und familienfreundlicher werden. Jüngst habe ich die Kampagne „Gleichstellung gewinnt. Kulturwandel in Unternehmen“ mit der Handwerkskammer und der IHK gestartet. (lj)

 

Gemeinsam mit Dr. Beatrice Kramm, Präsidentin der Industrie- und Handelskammer Berlin und Stephan Schwarz, Präsident der Handwerkskammer Berlin startete Gleichstellungssenatorin Dilek Kolat die Kampagne „Gleichstellung gewinnt – Kulturwandel in Unternehmen“. | Foto: CarinaKircher.de

Gemeinsam mit Dr. Beatrice Kramm, Präsidentin der Industrie- und Handelskammer Berlin und Stephan Schwarz, Präsident der Handwerkskammer Berlin startete Gleichstellungssenatorin Dilek Kolat die Kampagne „Gleichstellung gewinnt – Kulturwandel in Unternehmen“. | Foto: CarinaKircher.de

 

Rückenwind für Postdienstleister: Umrüstung der Lastenräder zu E-Bikes

Seit der Öffnung des Marktes für Postdienstleistungen 2008, sind private Postdienstleister nicht mehr aus deutschen Briefkästen wegzudenken. Ausgeliefert wird zumeist mit dem Fahrrad. Etwa 60 Kilo wiegt ein voll beladenes Rad, die Zusteller müssen häufig anspruchsvolle Strecken im jeweiligen Stadtdschungel bewältigen. Eine Lösung sehen viele Zustelldienste in der Nachrüstung ihrer Räder zu E-Bikes. Der private Zusteller PIN Mail AG und die Zwickauer Pendix GmbH kooperieren nun, um auch älteren Mitarbeitern weiterhin einen attraktiven Arbeitsplatz zu bieten. Die Auslieferungen werden zudem auf körperlich fordernden Strecken erheblich erleichtert. Pendix stellt Umbausätze für Fahrräder her und bietet nachrüstbare Elektromotoren an. Durch die Umrüstung vieler Postunternehmen auf grünen, klimaneutralen Transport sind diese auch für Lastenräder immer gefragter.

„Zustellräder sind teuer in der Anschaffung und nicht leicht zu fahren. Rüsten die Kurierdienste ihre Flotte nun mit einem Elektroantrieb nach, macht das das Leben für die Zusteller leichter“, sagt Thomas Herzog, Gründer und Geschäftsführer von Pendix. Er spricht damit die zu Tausenden vertretenen Fahrradflotten hierzulande an. Insgesamt könne man schätzungsweise eine halbe Million Fahrräder mit eDrive Elektromotoren nachrüsten.

Rückenwind statt Knochenjob

Seit Ende 2016 sind testweise fünf Räder des PIN Mail Zustelldienstes mit Rückenwind unterwegs. Im Herbst 2017 wurden weitere 27 Nachrüstsätze eingebaut und einem Langzeittest unterstellt. Motivation für die Nachrüstung ist es, den Zustellern den täglichen „Knochenjob“ zu erleichtern. „Wahre Helden“ hat das Unternehmen seine Mitarbeiter in einer großangelegten Öffentlichkeitskampagne genannt, denen sie nun die Arbeit erleichtern wollen. Gerade in einer Großstadt wie Berlin seien Briefzusteller täglich vor besondere Herausforderungen gestellt. Ständiges Anfahren und Bremsen, teilweise sehr anspruchsvolle Strecken gelte es zu bewältigen.

Zwar befinde man sich mit den Pendix-Antrieben noch in einer Testphase, diese sehe jedoch bisher auch auf dem „besonderen Berliner Pflaster“ sehr vielversprechend aus. Wirkliche Anfangsschwierigkeiten habe es nicht gegeben. Nur über den Ladezyklus der Akkus und die damit verbundenen Standzeiten der Räder müsse man sich noch ein messtechnisches Bild verschaffen um diese effizient in den Umschlagplan einzubauen.

Kompakter Akku, der Rückenwind für Zusteller liefert. | Foto: PIN Mail AG

Kompakter Akku, der Rückenwind für Zusteller liefert. | Foto: PIN Mail AG

Etablierte Postdienstleister unterstützen den jungen Markt

„Die Nachrüstantriebe sind ja noch ein recht junger Markt. Wir gehen davon aus, dass ein Akku etwa fünf bis sechs Jahre hält. Das Gute an dem Pendix-System ist, dass es möglich ist, den Akku auszuwechseln auch wenn neue, noch effizientere Akku-Technologien auf den Markt kommen. Der Antrieb muss dann nicht mit ausgewechselt werden, geschweige denn gleich das ganze Rad“, so Fricke. Mit leerem Akku sei noch kein Mitarbeiter ins Depot zurückgekehrt.

Im Rahmen eines Pilotprojektes entschlossen sich auch die anderen fünf großen Berliner Postunternehmen, es der PIN AG gleich zu tun. Um den städtischen Lieferdienst und Andrang auf den Straßen zu reduzieren, legen ebenso DHL, UPS, DPD, GLS und Hermes die letzte Meile bis vor die Haustür per Lastenrad zurück. Unter dem Kürzel KoMoDo – Kooperative Nutzung von Mikro-Depots durch die Kurier-, Express-, Paket-Branche setzen sich die Postdienste für den nachhaltigen Einsatz von Lasträdern ein. Von der Senatsverwaltung für Verkehr und dem Umweltbundesamt als Forschungsprojekt gefördert, geht es bei diesem Zusammenschluss vor allem um den Umstieg auf umweltfreundliche Verkehrsarten. Für den Umschlag der Pakete von großen, häufig in zweiter Reihe parkenden Abgas-Schleudern zu effizienten, platzsparenden und klimaneutralen Lastenrädern, gibt es spezielle „Mikro-Hubs“ in Berlin. Die grüne Hauptstadtpost der PIN AG versendet bereits 100 Prozent CO2-neutral, vom Einwurf bis zur Zustellung.

Der klimaneutrale Trend der Mobilitätsbranche

„Nachhaltiger, umweltbewusster und menschenverträglicher Verkehr ist auf Dauer nur auf zwei Rädern möglich“, erklärt Pendix-Mitgründer Herzog. Auch er kommt ursprünglich aus dem Motorsport, sieht elektrisch angetriebene Fahrräder jedoch als sportliche Alternative, um auch nach 10 Kilometern nicht völlig erschöpft auf der Arbeit anzukommen. Dieses Prinzip soll nun auch den Zustellern der PIN AG ermöglicht werden. Das Unternehmen setzt neben der klimaneutralen Bilanz seiner Fahrräder, vor allem auf die gesundheitliche Förderung ihrer Mitarbeiter. „Uns geht es dabei vor allem um die Gesundheit unserer Mitarbeiter. Auch die älteren Kolleginnen und Kollegen in unserer Mannschaft sollen gerne zur Arbeit kommen und ihre Erfahrung dauerhaft einbringen können. Ihr Feedback ist uns extrem wichtig“, so Fricke.

Fahrräder oder nachgerüstete E-Bikes rücken als Verkehrsmittel der Zukunft immer mehr in den Fokus – zumindest für die Mobilitätsbranche und die Verbraucher. Während die Politik noch die Förderung von Elektroautos als oberste Priorität ausruft, legen Start-ups bereits nachhaltige Lösungen und Alternativen vor. Der Trend von Tempo 30-Teststrecken, Fahrverboten für alte Diesel, modernen Klapprädern und Fahrradkreuzungen geht zu autofreien Innenstädten. (cn)

Das Palmöl-Dilemma: Steht das Pflanzenfett zu Recht in der Kritik?

Palmöl ist wegen seiner großen Vielseitigkeit und den geringen Herstellungskosten weltweit inzwischen das wichtigste Pflanzenöl. Vor allem aus der Lebensmittel– und Kosmetikindustrie ist es nicht mehr wegzudenken. Unter den pflanzlichen Fetten ist es der Superstar – dreimal so ertragreich wie Raps, leichter zu verarbeiten als Kokosfett. Die Palmöl-Produktion steht aber zugleich für vernichtete Regenwaldflächen, strittige Landrechte und katastrophale Arbeitsbedingungen bis hin zu Menschenrechtsverletzungen. Dabei wird Palmöl längst nicht nur umfassend in Lebensmitteln, sondern vor allem auch in Kosmetika verwendet.

Alternative Ansätze: Ist eine faire Produktion von Palmöl möglich?

Unternehmen wie The Body Shop, Yves Rocher und Rituals werben für tierversuchsfreie Kosmetik, weitgehend natürliche Inhaltsstoffe und gründen oder fördern Projekte zur Durchsetzung dieser Standards. Der Kosmetikhersteller Dr. Bronner‘s hat sich bereits 2005 dazu entschieden, ausschließlich auf Rohstoffe aus Biolandbau und fairem Handel zu setzen und die Produktionsverhältnisse komplett umzukrempeln. Dazu gründete Dr. Bronner’s Tochtergesellschaften wie Serendipalm Co. oder Serendipol Co. in Ländern, aus denen das Unternehmen seine Rohstoffe für die Seifenproduktion bezieht. Außerdem werden die Projekte anderer Wohltätigkeits- und Naturschutzorganisationen tatkräftig unterstützt und zum Teil sogar weiter ausgebaut.

Dr. Bronner’s unterstützt verstärkt lokale Kleinbauern und fördert die gezielte und selbstständige Verwirklichung der Gemeinde. Als Mitglied der World Fair Trade Organization (WTFO) werden bereits 90 Prozent der verwendeten Inhaltsstoffe aus Biolandbau bezogen. So wurde 2007 das inzwischen von der ghanaischen Tochtergesellschaft geführte Projekt Serendipalm Co. für die Herstellung von Bio- und Fair Trade-Palmöl ins Leben gerufen. Über 500 Bauern von Farmen, auf denen keine Vergrößerung, Rodungen oder Artenvertreibungen stattgefunden haben, beliefern das Projekt bereits. Die örtlichen Kleinbauern wurden mit Setzlingen versorgt, die es ermöglichen, höhere Erträge auf gleicher Fläche zu erzielen.

Regenwaldrodungen und strittige Landrechte prägen das Image von Palmöl. | Foto: pexels.com

Regenwaldrodungen und strittige Landrechte prägen das Image von Palmöl | Foto: pexels.com

Fairness durch soziale Projekte

Nach ähnlichem Verfahren wurde bereits 2005 das Projekt zur Gewinnung von Bio- und Fair Trade-Kokosöl, Serendipol, in Sri Lanka und inzwischen auch in Kenia initiiert. Diese und viele weitere Projekte arbeiten durch Bodenwartung, die Vergrößerung der Abnahmefarmen, lokale Verbesserung der Lebensqualität und die Schulung der Kleinbauern darauf hin, durch die Erhöhung der Bodenqualität und Lebensqualität der Produkteure, auch eine Erhöhung der Produktivität und Profitabilität zu erreichen. Der Standort in Sri Lanka gehört inzwischen zur weltweit führenden Quelle für Fair Trade Virgin Coconut Oil (VCO). Das Projekt in Kenia wurde trotz weiterlaufender Kundschaft an lokale Partner übergeben. Ein Teil der Erlöse kam sozialen Projekten zugute. So wurden Jugendgruppen unterstützt, denen  bessere Lebensbedingungen ermöglicht werden sollen. Außerdem wurde der Aufbau öffentlicher Sanitäranlagen und einer Geburtenstation finanziert.

Umweltfreundliche Alternativen und Verantwortung

Ein bewusster Umgang mit dem Thema Nachhaltigkeit bedeutet jedoch nicht nur das Bewusstsein für Inhaltsstoffe, Produktionsbedingungen und Lokalität zu schärfen. Es erfordert beispielsweise auch, auf die verwendete Verpackung, produzierten Müll und Minimalismus zu achten. Verzicht auf Plastiktüten oder das Mitbringen von Stoffbeuteln ist schon längst common sense. Unverpackt-Läden, Vermeidung von Plastik, Ersatz durch Papierverpackungen oder Gebrauchsgegenstände aus Holz werden ebenfalls immer populärer. Dennoch wird Palmöl, das nicht nur im Ruf steht, Umwelt und Lebensräume zu zerstören, sondern auch gesundheitsschädigend sein soll, kritisch gesehen. Das Pflanzenfett schmeckt ähnlich wie Butter und ist in allerhand Fertiggerichten, Süßigkeiten, Babynahrung, Seifen und Streichcremes enthalten. Beschränkt man sich auf die Nutzung von Kosmetika, die Palmöl enthalten, dürfte die Frage nach den Produktionsstandards die Entscheidende sein.

Im Rahmen einer Round Table-Diskussionsrunde lädt Dr. Bronner‘s zur Beantwortung der Frage ein: „Kann Palmöl unter ökologisch und sozial verantwortungsvollen Bedingungen hergestellt werden?“. Im Berliner Standort in den Hackeschen Höfen wird am 26. Juni zu 19 Uhr debattiert. Diskutiert wird dabei sicher auch die Frage, ob auch nachhaltige und verantwortungsbewusste Erzeuge zu Recht oder zu Unrecht in der Kritik stehen. (cn)