Brexit rückt näher: Unternehmen verlagern ihre Standorte nach Berlin. | Foto: pixabay.com

Brexit rückt näher: Unternehmen verlagern ihre Standorte nach Berlin

Infolge des Brexit haben viele Unternehmen ihren potenziellen Rückzug aus Großbritannien angekündigt. Stattdessen avisieren sie die Verlegung ihres Standorts innerhalb der EU, um weiterhin vom europäischen Markt zu profitieren. Neben Amsterdam, Paris, Dublin und Luxemburg mausert sich auch Berlin, als Gründerhauptstadt und FinTech-Hub, zu einer der künftigen Wirtschaftsmetropolen, die London in kaum etwas nachstehen werden.

Im ersten Jahr nach der offiziellen Brexit-Ankündigung im März 2017, erlebte Berlin eine regelrechte Wellenbewegung. Zahlreiche Anfragen bearbeitete die Standortmarketing-Agentur Berlin Partner, die jungen und neu angesiedelten Unternehmen auch als Wirtschaftsförderer zur Seite steht. Zuerst verlagerten 20 kleinere britische Unternehmen, mit rund fünf bis 15 Mitarbeitern ihre Standorte nach Berlin. Inzwischen kann Stefan Franzke, Geschäftsführer von Berlin Partner, einen regelrechten Trend von zehn Unternehmen pro Jahr bestätigen. Während die flutartigen Anfragen abflauten, sind die Unternehmen die sich jetzt ansiedeln, wesentlich größer und beschäftigen 35 Mitarbeiter aufwärts. Auch ein großer Konzern, dessen Geschäft bislang strenger Geheimhaltung unterliegt, erwägt die Verlegung seines Headquarters von London nach Berlin. Die Morgenpost berichtete, man spreche hier von Mitarbeiterzahlen im vierstelligen Bereich und führe bereits konkrete Verhandlungen.

 

Viele Unternehmen spielen nicht nur mit der Idee ihre europäischen Headquarter nach Berlin zu verlegen. | Foto: pixabay.com

Viele Unternehmen spielen nicht nur mit der Idee ihre europäischen Headquarter nach Berlin zu verlegen. | Foto: pixabay.com

 

Abkapselung vom EU-Markt vorbeugen

Neben kleinen und mittelständischen Unternehmen hielten solche Anfragen größerer Unternehmen, die Angst vor einer Abkapselung vom EU-Markt hatten, bis heute an. Asiatische und amerikanische Firmen, die bei der Niederlassung bislang grundsätzlich über London gegangen seien, erwägen laut Franzke nun Berlin als europäisches Headquarter. Bisher wird abgewartet wie hart sich der Brexit im Frühjahr 2019 tatsächlich äußert, wenn das Vereinigte Königreich am 30. März offiziell aus der EU austritt. Für 21 Monate, bis zum 31. Dezember 2020 tritt das Land in eine Übergangsphase ein. Am Ende dieser müssten bestimmte Modalitäten nach ersten Erfahrungswerten höchstwahrscheinlich noch konkretisiert werden. Vor allem das sich in der Schwebe befindende Handelsabkommen mit der EU, wird für die Belieferung der Unternehmen ausschlaggebend sein.

„Je härter es wird, desto mehr Unternehmen werden kommen“, sagte Franzke in einem Interview mit der Morgenpost. Diese Aussage wird gestützt von einer Umfrage des britischen Wirtschaftsverbandes CIPS, die bisherige Schritte der Konzerne verdeutlichte. Laut der Umfrage hätten bereits 14 Prozent der europäischen Unternehmen mit britischer Präsenz, Schritte zur Verlegung ihrer britischen Räumlichkeiten unternommen. Darüber hinaus zögen elf Prozent bereits Mitarbeiter-Teams zur Umdisponierung in andere Länder ab. Von den 2418 befragten Managern verschiedenster Branchen, stelle sich bereits jeder Dritte auf komplizierte Handelsbeziehungen mit der EU ein. Aufgrund der Abwertung des Pfund nach dem Brexit-Volksentscheid im Jahr 2016, verteuerten sich Importe. Infolge dessen hob bereits jeder dritte Betrieb die Preise an.

 

Stefan Franzke, Geschäftsführer von Berlin Partner, hier bei einem Event im Steglitzer Kreisel der CG Gruppe AG. | Foto: BERLINboxx

Stefan Franzke, Geschäftsführer von Berlin Partner, hier bei einem Event im Steglitzer Kreisel der CG Gruppe AG. | Foto: BERLINboxx

 

Suche nach Berliner Gewerbeflächen wird sich verschärfen

Dagegen liegen für Franzke die Berliner Standortvorteile klar auf der Hand. Eine Verständigung auf Englisch sei vielleicht nicht so selbstverständlich wie in skandinavischen Metropolen, aber im Vergleich mit Paris doch problemloser möglich. Auch die Struktur der Lebenshaltungs- und Gewerbekosten sei  im Gegensatz zu Amsterdam, Stockholm, Paris und Brüssel noch „sehr moderat“, so Franzke. Jedoch warnt er vor einer Verschärfung der Situation am Markt für Gewerbeimmobilien.

Das Land Berlin hatte kürzlich einen neuen Etat in Höhe von 150 Millionen Euro für den Ankauf von landeseigenen Grundstücken angelegt. Hiervon sollten 50 Millionen Euro des Investitionsfonds der Akquise neuer Gewerbeflächen für den Wirtschaftsstandort Berlin zugutekommen. Franzke schilderte, vor allem am Südkreuz, dem Gleisdreieck und der Europacity noch Potenzial zur Ausbreitung gewerblicher Flächen zu sehen. Zudem müsse man die Außenbezirke, beispielsweise Lichtenberg und Adlershof, verstärkt auch für junge Unternehmen und Start-ups attraktiv machen. Das stärkere aneinanderrücken von Wohnblöcken und Industrieunternehmen führe jedoch auch dazu, dass bestimmte Unternehmen nicht weiter wachsen könnten.

 

Stadtverträgliche Start-ups, die mit modernen und "leisen" Technologien arbeiten, bereichern das Stadtleben. | Foto: pexels.com

Stadtverträgliche Start-ups, die mit modernen und „leisen“ Technologien arbeiten, bereichern das Stadtleben. | Foto: pexels.com

 

Schon vor dem Brexit eine Gründungshochburg

„Die gemeinsame Aufgabe von Wirtschaftsförderung und Politik ist es, dafür zu sorgen, dass Büro- und Gewerbeflächen gesichert und ausgebaut werden. Dafür müssen auch so wie bisher Gebiete ausgewiesen werden, an die keine Wohnbebauung heranreicht“, so Franzke gegenüber der Morgenpost. Bestimmte Wirtschaftszweige wie die Logistiker, die viel Platz brauchen, können schon heute nicht mehr in der Stadt angesiedelt werden, sondern müssen nach Brandenburg ausweichen. Hierzu führt man Gespräche mit den Zuständigen des Umlandes, um Unternehmen zumindest in der Hauptstadtregion zu halten. Dem entgegen steht die Stadtverträglichkeit der „stillen“ Wirtschaftszweige, die mit neuen Technologien arbeite und eine geringe bis gar keine Lärmbelastung für Anwohner produzieren. Der Berlin Partner-Chef sieht hier die Chance für Berlin genau solche Firmen herzuholen und diese direkter in das Stadtleben einzubauen als riesige Fabrikhallen. In der Hauptstadt fände man außerdem die geeigneten Talente, die neue Wohn- und Arbeitskonzepte offen in ihren Alltag integrierten.

„Zum Beispiel FinTechs, da war Berlin schon vor dem Brexit eine Hochburg, jetzt erst recht. Auch der 3D-Druck verträgt sich extrem gut mit benachbarten Wohnarealen. Eine Produktion mit diesen Geräten würden Anwohner vermutlich kaum mitbekommen“, erläutert Franzke. Doch auch hier reicht die Zuversicht der Wirtschaftsförderung im aufgeschlossenen, flexiblen Berlin der modernen Arbeitsmodelle, Talente aus 190 Ländern zu finden nicht aus. Erschwingliche Gewerbeflächen für Unternehmen, die hier passende Mitarbeiter suchen, müssen trotzdem her. Laut der Industrie- und Handelskammer Berlin (IHK) verließen seit 2013 bereits rund 3700 Unternehmen die Hauptstadt. Um nicht nur bei den Verhandlungen mit den britischen Konzern stehen zu bleiben, muss Berlin endlich einen strukturierten Flächenplan entwickeln, um zu zeigen was in der Hauptstadt doch noch möglich ist.

 

Schon vor dem Brexit war Berlin eine Hochburg für FinTechs. | Foto: pixabay.com

 

Handel, Fusionen und Lebensqualität als Motivation

Neben Umzügen an andere EU-Standorte streben Konzerne auch Fusionen an, um mögliche Schwierigkeiten im Handel zu vermeiden. Nicht nur der Handel, sondern auch die Auftragslage ist für Firmen über den März 2019 hinaus schwer einschätzbar. Viele haben Schwierigkeiten Aufträge zu erhalten, die über das Datum des Brexit hinausgehen, berichtete die FAZ. Die Lizenz der britischen Finanzaufsicht für Geschäfte im Vereinigten Königreich, gilt für Finanzunternehmen nach dem Brexit nicht mehr in der EU. Rund ein Drittel der 222 größten Finanzunternehmen mit signifikanter Geschäftsaktivität in Großbritannien kündigten infolge dessen an, ins Ausland zu verlagern. Die französische Regierung ist dahingehend bestrebt die Attraktivität von Paris als Europas neues Finanzzentrum mit allen Mitteln zu erhöhen.

 

Neben Umzügen an andere EU-Standorte streben Konzerne auch Fusionen an, um mögliche Schwierigkeiten im Handel zu vermeiden. | Foto: pexels.com

Neben Umzügen an andere EU-Standorte streben Konzerne auch Fusionen an, um mögliche Schwierigkeiten im Handel zu vermeiden. | Foto: pexels.com

 

Welche der wirtschaftlich bereits gut situierten, europäischen Metropolen die zuträglichste Brexit-Beute machen wird, steht bisher in den Europa-Sternen. In jedem Fall hat Berlin nicht nur mit seinen Talenten, seiner Flexibilität und seiner bekannten Mischung eine große Anziehungskraft für Unternehmen. Vor allem für die Berliner Lebensqualität siedelten sich zuletzt viele mittelständische Unternehmen und Start-ups an, die hier ihre Netzwerke ausbauen können. (cn)

 

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