Berlin – Living Lab des digitalen Wandels | Foto: pixabay.com

Berlin – Living Lab des digitalen Wandels

Allein eine Vision zu entwerfen, genügt nicht. „Wir können nur eine kurze Distanz in die Zukunft blicken, aber dort können wir eine Menge sehen, was getan werden muss“, sagte der Erfinder des maschinellen Lernens, Alan Turing. Fakt ist: Wir bewegen uns längst im technischen Zeitalter. Ob in der Politik, Wirtschaft, Wissenschaft oder Gesellschaft, Berlin ist ein Living Lab des digitalen Wandels. Hier werden internationale Tendenzen und Entwicklungen der technischen Megatrends sichtbar und eigene Trends ausgelöst. Das macht die Hauptstadt zu einem Entwicklungszentrum und Testlabor zugleich.

Vernetzung, Mobilität, Künstliche Intelligenz (KI) und nachhaltige Energieversorgung sind die Hauptthemen der Stadt der Zukunft. So wird bereits jetzt an neuen Technologien der Themenfelder geforscht, getüftelt und ihre Anwendbarkeit in der Stadt selbst ausprobiert. Aber es liegt bei den Entscheidern aus Politik und Wirtschaft, den Raum für Bildung, Innovation, Kreativität, sozialen Austausch und eine umfassende Einbindung in Entscheidungsprozesse zu schaffen. Profitieren sollen schließlich alle aus dem gewonnenen Wissen. Daher ist es umso wichtiger zu fragen: Wie ist Berlin aufgestellt? Wo wird geforscht und was muss in Zukunft noch getan werden?

Brain City Berlin

Als Stadt der Gründer hat sich Berlin europaweit einen Namen gemacht. Doch Innovationen sind nicht nur in der Wirtschaft zu finden, auch in Sachen Forschung ist die Hauptstadt gut auf-gestellt. Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, nannte die Hauptstadt einen „Showroom für Wissenschaft und Forschung“ und das nicht ohne Grund. Abgesehen von international anerkannten Hochschulen verfügt Berlin über zahlreiche außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, die vom Bund und den Ländern mitfinanziert werden. Laut dem Förderatlas der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) 2018 gibt es in keinem anderen Bundesland so viele verschiedene wissenschaftliche Einrichtungen wie in Berlin.

Vorbildliches leistet zum Beispiel das europaweit größte Universitätskrankenhaus Charité. Hier wird akribisch geforscht, ausgebildet und der Grundstein für eine moderne Gesundheitswirtschaft gelegt. Sie gilt als Herzstück und Motor der Gesundheitsforschung in der Hauptstadtregion. Das liegt unter anderem an der Vielzahl an Kooperationen mit Wirtschaft und Industrie sowie interdisziplinären Projekten, die von der Charité initiiert werden. Zurzeit sind dort mehr als 3.700 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen an über 1.000 Forschungsprojekten tätig. Nennenswert sind auch die herausragenden wissenschaftlichen Leistungen des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI), das bereits 1988 gegründet wurde, und ein Projektbüro in Berlin besitzt. Das DFKI ist eine der führenden wirtschaftsnahen Forschungseinrichtungen Deutschlands auf dem Gebiet innovativer Softwaretechnologien auf Basis von KI. Außerdem ist es bundesweit gut vernetzt und gilt in der internationalen Wissenschaftswelt als eines der wichtigsten „Centers of Excellence“. Beispielhaftes leistet auch das Hasso-Plattner-Institut (HPI) in Potsdam. Es ist Deutschlands bekanntestes universitäres Exzellenz-Zentrum für Digital Engineering. Neben zukunftsweisenden Softwarelösungen bietet das HPI die interaktive Bildungsplattform openHPI an, die einen Gratis-Zugang zu aktuellem Hochschulwissen gewährleistet. Für sich schnell verändernde Berufsgruppen, etwa aus den Bereichen Informationstechnologie und Innovation, kann auf diese Weise ein ständiger Wissenstransfer garantiert werden. Berlin verfügt über mehr als eine respektable Forschungslandschaft. Mit dem Aufkommen der Gründerszene und der Ansiedlung vieler internationaler Großkonzerne ist die Hauptstadt nicht nur eine Brain City, sondern zu einem lebendenden Labor geworden.

 

Frank Wiethoff, Regionalvorstand Ost, KPMG AG | Foto: Peter Adamit/KPMG AG

Frank Wiethoff, Regionalvorstand Ost, KPMG AG | Foto: Peter Adamit/KPMG AG

 

Living Lab

Wissenschaft und Forschung sind das Fundament unserer Zukunft. Anfang der 2000er Jahre war es erstmals möglich, mehr Informationen digital statt analog zu speichern und somit nahm die digitale Revolution ihren Lauf. Seitdem haben sich die informationstechnischen Prozesse deutlich beschleunigt. Die Digitalisierung griff in alle gesellschaftlichen Bereiche ein und veränderte sie maßgeblich. Entstanden sind Begriffe wie Bildung 2.0 sowie Arbeit und Industrie 4.0, die aus der Stadt ein Experimentierfeld machen. Auch Robotik ist in der Hauptstadt ein Thema, dennoch ist der Ausbau auf diesem Technologieschwerpunkt vergleichsweise gering. Wenige auf Robotik spezialisierte Unternehmen nutzen die vom Bund und Land geförderten Programme. Fehlen die Spezialisten? Wegweisende Rahmenbedingungen?

 

Forscher mit Kittel und Mikroskop gehören zum Teil der Vergangenheit an: Mittlerweile arbeiten Berlins Forscher überwiegend mit Computern | Foto: pexels.com

Forscher mit Kittel und Mikroskop gehören zum Teil der Vergangenheit an: Mittlerweile arbeiten Berlins Forscher überwiegend mit Computern | Foto: pexels.com

 

Die Innovationsschwerpunkte der Berliner Verwaltung sind derzeit immer noch die Digitalisierung der Verwaltungsprozesse sowie die Modernisierung der IT-Infrastruktur. Jedenfalls so der Tenor bei der Veranstaltung PoliTisch mit Sabine Smentek, Staatssekretärin für Informations- und Kommunikationstechnik, im Juni. Zukünftig sollen jährlich 80 bis 100 Millionen Euro allein dafür aufgewandt werden. Die Roboter müssen noch warten.

Zeitgleich sollen die Neuerungen aber auch der Gesellschaft Nutzen bringen. Immer mehr Berliner Projekte bestehen aus Kooperationen, die Wissenschaft, Wirtschaft und die breite Öffentlichkeit einbeziehen. Zu nennen ist Open Data Berlin, gefördert durch die Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe. Dieses Kooperationsprojekt macht nützliche Daten der Öffentlichkeit zugänglich. Die vielfachen Anwendungsmöglichkeiten von Daten werden auf der Website durch die interaktive Kitasuche, das FlatMatch und den Landeshaushaltsplan ersichtlich. Löblich sind auch die Initiativen des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastrukturen, das regelmäßige Start-up-Pitchs zur Förderung neuer Technologien initiiert.

 

Ramona Pop, Bürgermeisterin und Senatorin für Wirtschaft, Energie und Betriebe | Foto: Hoffotografen

Ramona Pop, Bürgermeisterin und Senatorin für Wirtschaft, Energie und Betriebe | Foto: Hoffotografen

 

Zu den Triebkräften des Hauptstadtlabors zählen aber vor allem Innovations- und Forschungseinrichtungen, darunter das Berlin Center for Digital Transformation. Unaufhörlich etablieren sich immer mehr Labs, Hubs und ähnliches, die in kürzester Zeit erbaut und in Betrieb genommen werden. Internet der Dinge (IoT), Vernetzung, Mobilität, Energieversorgung, Nachhaltigkeit, KI und Smart Data sind die Hauptthemen der Stadt der Zukunft. Um diese Technologien zu fördern, sind Kollaborationen unumgänglich. Vorbildhaft ist auch die enge Zusammenarbeit zwischen Next Big Thing AG und Fraunhofer-Forschung in Berlin. Der IoT Company Builder zwischen der Next Big Thing AG, und das „Leistungszentrum Digitale Vernetzung“ haben eine strategische Partnerschaft vereinbart. Ziel der Kooperation ist die wissenschaftliche und wirtschaftliche Förderung von technologischen Innovationen am Standort. Zentral hierfür sind der Austausch und Technologietransfer zu Themen der digitalen Transformation, vor allem zu IoT und zur Sensorik.

Factory Berlin ist der erste und größte Start-up-Campus Deutschlands. Auf über 16.000 Quadratmetern Bürofläche bringt Factory etablierte Technologieunternehmen mit early-stage Start-ups zusammen. Dabei zeichnet sich der Campus durch die außergewöhnliche Arbeitsumgebung, die lebendige Community aus Gründern und den Events aus. Viele Innovationslabs arbeiten bereits eng mit der Wirtschaft zusammen.

Smart-City-Strategie

Berlin ist gut vernetzt. Die unterschiedlichen Schichten sowie Strukturen finden sich alle an einem Punkt zusammen: Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie. Seit 1994 engagiert sich die öffentlich-private Partnerschaft für die Interessen der Hauptstadt und hat damit maßgeblichen Erfolg. Berlin boomt und ist eine der wichtigsten Gründermetropolen Europas. Mittlerweile gehören zu Berlin Partner über 280 Unternehmen und selbst der Senat ist an der Fördergesellschaft beteiligt. Vernetzung und weitreichende Förderstrukturen sind zentrale Faktoren für Urbanität, Lebensqualität und Wandlungsfähigkeit einer Stadt und machen sie zu einem Inkubator für den gesellschaftlichen und technischen Fortschritt. Seit 2015 ist die Berliner Smart-City-Strategie aktiv, mit der sechs Handlungsfelder verfolgt werden: Smarte Infrastrukturen, smarte Wirtschaft, smarte Verwaltung und Stadtgesellschaft, öffentliche Sicherheit, smartes Wohnen und smarte Mobilität.

 

Dr. Stefan Franzke, Geschäftsführer der Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie GmbH | Foto: Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie GmbH

Dr. Stefan Franzke, Geschäftsführer der Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie GmbH | Foto: Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie GmbH

 

Neben dem Bürgernutzen sind dabei Klimaschutz, Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit von besonderer Bedeutung. Die Schaffung organisatorischer Rahmenbedingungen sowie die Vernetzung von Entscheidungsprozessen in den Städten sind Voraussetzung für die Etablierung smarter Technologien. Doch auch neue Zukunftsthemen wie 3-D-Druck, Technologietransfer, aber auch die Fachkräfte- und Gewerbeflächensicherung müssen berücksichtigt werden. Das sind alles Aufgaben, die von der Politik, Wirtschaft und Wissenschaft gemeinsam gelöst werden müssen. Dass ein Zusammenspiel verschiedener Akteure funktionieren kann, beweist unter anderem das Euref-Campus. Bereits 2014 konnte der Campus das Klimaschutzziel der Bundesregierung für 2050 erreichen. Mit seinen ca. 5,5 Hektar gilt das Stadtquartier als Symbol für die Energiewende in Deutschland. Außerdem ist der Euref-Campus Standort für Unternehmen aus den Bereichen Energie, Nachhaltigkeit und Mobilität. Er ist der Referenzort für die Smart-City-Strategie des Landes Berlin.

Digitale Hürden

KI-Vorreiter und IoT-Landschaft Berlin klingen futuristisch und nach einem politischen Masterplan für die Zukunft. Entscheidend sind die Grundlagen auf denen aufgebaut wird, denn ein Wort kann den Masterplan zum Wanken bringen: Breitbandausbau. Trotz der Berliner Smart-City-Strategie hapert es am Ausbau digitaler Infrastrukturen. Senat und Netzbetreiber schafften es bisher nicht, den Glasfaserausbau voranzutreiben. Eigentlich sollten sich private Anbieter und landeseigene Unternehmen darum kümmern. Von der Digitalisierung der Berliner Verwaltung darf erst gar nicht gesprochen werden.

Derzeit greift eine noch ganz andere Angst um sich: Berlin, als Deutschlands einzige Metropole, muss im Wettbewerb mit dem Silicon Valley oder Shezan bestehen können. Es fehlt der Wagemut, offensiver in der Forschung, KI-Entwicklungen und vor allem im Bereich Investition vorzugehen. Statt Digitalisierungs- oder Energiegipfeln gibt es jetzt KI-Gipfel. Es heißt: Tempo machen! Sonst droht ein Wettbewerbsnachteil. Appelliert wird vor allem an die Politik und die antwortet mit den Eckdaten zu einem Masterplan für Künstliche Intelligenz. Geplant sind Maßnahmen für einen verbesserten Technologietransfer in die Wirtschaft, aber auch die Start-ups in diesem Bereich stärker zu fördern. Pläne sind gut, Umsetzungen besser.

Neben der Grundlagenforschung fehlen die Gelder eben auch in Forschungssektoren wie KI. Nordamerika investiert zum Beispiel fünf bis sechs Mal mehr Kapital in Zukunftstechnologien als Europa. Zwar heißt es überall, dass dringend wirtschaftsnahe Förderprogramme benötigt werden, um mehr Geld im privaten Sektor zu mobilisieren, aber das trifft nur teilweise zu. Es fehlt vor allem an der konstanten Weiterfinanzierung und Förderung von Zukunftsprojekten.

KI-Engagement

Vorbildliches leistet seit Jahren das Tech-Unternehmen Microsoft. Mit dem Hashtag #digitalfueralle präsentierte sich Microsoft im Juli bei einem selbstorganisierten parlamentarischen Abend zu KI. Sabine Bendiek, Vorsitzende der Geschäftsführung von Microsoft Deutschland, stellte den Gästen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft den Plan der Microsoft Deutschland GmbH vor und erläuterte vor allem, dass KI ein enormes wirtschaftliches Potenzial bedeutet. Allerdings müssen ähnlich wie bereits bei der Digitalisierung viele politische und wirtschaftliche Hebel gleichzeitig in Bewegung gesetzt werden.

Seit Jahren pflegt Microsoft in Berlin eine enge Zusammenarbeit mit dem DFKI und anderen Digital- und Tech-Pionieren. Doch wurde diesen Partnerschaften wenig Aufmerksamkeit zuteil. Erst jetzt, mit medialem Interesse und politischem Interesse, bekommen Innovationen und Forschungsarbeiten wieder eine Plattform. „Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben“, sagte bereits Physiker Albert Einstein. Und die Zukunft heißt in Berlin KI. Als erster Schritt muss die breite Öffentlichkeit informiert werden.

Zukunftsängste

Geträumt wird von einem weltweit anerkannten Gütesiegel „Artificial intelligence (AI) made in Germany“. Der Wunsch nach einer internationalen Führungsrolle im Bereich KI, der Entwicklung anerkannter Kompetenzzentren, regem Fachkräftezuzug sowie der Modernisierung der Verwaltung. Die Politik ist am entscheidenden Zug etwas zu tun. Mit der Digitalisierung und den nachfolgenden Datenskandalen entwickelte sich aber auch das Bewusstsein für Datenschutz (Stichwort „gläserner Mensch“), Privatsphäre und digitale Entrechtung. Rein wirtschaftlich ist das technische Zeitalter aber eine lösbare Aufgabe. Prognosen zufolge wird die fortschreitende Technologisierung und Robotisierung trotz vieler Relativierungen Berlin eine Vielzahl an Jobs kosten. Stark betroffen sind Berufsfelder, die automatisierbare Tätigkeiten ausführen, beispielsweise Verkäuferinnen im Einzelhandel, die schon jetzt durch teilautomatisierte Kassensysteme ersetzt werden. Künstliche Intelligenz und Robotik wecken dagegen ganz andere Ängste. Früher war es Science Fiction und heute ist die Debatte aktueller denn je: Mensch versus Maschine. „Es gibt nicht nur die ewig Gestrigen, es gibt auch die ewig Morgigen“, merkte Autor Erich Kästner an. Gegen Zukunftsängste hilft nur Aufklärung und Bildung.

 

Keine Angst vor Robotik und Künstlicher Intelligenz: Beides kann mit politi- schen Zielvorgaben zum Wirtschaftswachstum beitragen | Foto: pixabay.com

Keine Angst vor Robotik und Künstlicher Intelligenz: Beides kann mit politischen Zielvorgaben zum Wirtschaftswachstum beitragen | Foto: pixabay.com

 

Die Gesundheitsbranche, der öffentliche Sektor, Kommunikation, Medien und Dienstleistungen, Einzelhandel und Großhandel werden stark von KI profitieren, ohne je einen jährlichen Nettoarbeitsplatzverlust zu erleiden. Dagegen werden IT-Dienstleistungen 2018 einen massiven Stellenabbau verzeichnen: Zwar werden 100.000 neue Arbeitsplätze geschaffen, aber wiederum 80.000 Arbeitsplätze eingebüßt. Über 2025 hinaus werden neue Branchen und Arbeitsplätze entstehen, aber diese sind schwer vorauszusehen. Ähnlich wie bereits bei dem rasanten Aufstieg von Smartphones oder sozialen Netzwerken ist es derzeit schwer abzuschätzen und vorauszusehen, wohin sich der Trend entwickelt. Vorsichtsmaßnahmen müssen trotzdem ergriffen werden, auch wenn die Auswirkungen für die Dienstleistungs- und Servicebranche bisher als gering eingestuft wurden. Mittlerweile sind aber auch die Experten uneinig. Gegenstimmen prognostizieren, dass KI-bezogene Arbeitsplätze ab 2020 stetig wachsen werden. 2021 wird der Geschäftswert von KI demnach rund 2,9 Billionen Dollar erreichen und circa 6,2 Milliarden Stunden Arbeitsproduktivität einsparen. Das würde fatale Folgen auf den Arbeitsmarkt haben. Jede Technologie bringt Vor- sowie Nachteile mit sich. Die Kunst wird es sein, in Berlin die Balance zu finden.

Mobilität der Zukunft

Ein klarer Vorteil ist die Mobilität. Für eine moderne Stadtgesellschaft bedeutet der digitale Wandel in erster Linie mehr und vor allem unterschiedliche Kommunikation. Dazu gehört unter anderem eine intelligente Vernetzung aller Bereiche des öffentlichen Lebens. So ermöglicht die Digitalisierung auch die automatisierte Verkehrsüberwachung und -steuerung und dies nicht nur im Bereich der Automobile. Sowohl der öffentliche Personennahverkehr als auch alternative Angebote wie Car-, Bike- und Ridesharing profitieren von den neuen digitalen Möglichkeiten. Es findet etwa eine Verknüpfung von unterschiedlichen Informationen für die Nutzer statt. KI und Smart-Data-Technologien ermöglichen so, die Verkehrsteilnehmer mit Echtzeitdaten aus der Verkehrsüberwachung zu versorgen. Das wiederum ist eine innerstädtische Stauprävention. Berlin hat bereits die nötigen Start-ups und das notwendige Know-how. Das, was noch fehlt, ist der Mut, neue Wege zu gehen.

Die Hauptstadt ist allgemein ein Vorbild für intelligente Mobilität und doch stockt der Einsatz von neuen Technologien. Elektromobilität ist nach wie vor ein wichtiges Zukunftsthema. In Berlin vollzieht sich die Ausweitung der Ladestationen für E-Autos, die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) testen autonome Busse, die S-Bahn setzt hochmoderne Züge ein und auf dem Gelände der Charité fahren schon autonome Shuttles Patienten von A nach B. Allerdings fehlt noch der entscheidende letzte Schritt, ganz auf die neuen Technologien umzuschwenken. In Nürnberg fahren bereits seit Jahren einige U-Bahn-Linien autonom, in Berlin ist das derzeit noch nicht denkbar. Warum eigentlich? Liegt das an dem US-Skandal rundum Uber und die potenzielle Gefahr von technischem Versagen? Oder eher an Vorbehalten?

Urbaner Lebensraum

In der Immobilienwirtschaft beginnt erst ein Umdenken. Herausforderungen sind der demografische Wandel, das steigende Umweltbewusstsein, die zunehmenden Anforderungen an die Energieeffizenz, die wachsenden Städte und die nicht abnehmenden Nachfrage nach smarten Technologien. Berliner Unternehmen im Bereich Property-Technology (PropTech) waren noch nie so gefragt. Mit dem internationalen Prop-Tech Innovation Award 2018 möchte die Hauptstadt als Gastgeber zukünftig auf sich aufmerksam machen. Als international attraktiver PropTech-Standort kann Berlin auch die Innovationspotentiale der eigenen Immobilienbranche stärker fördern. Aber wie ist der aktuelle Stand? Gerade ist die Immobilienwirtschaft stark von zwei unterschiedlichen Strömungen erfasst: Technologie und Nachhaltigkeit. Für mehr Technologie spricht sich zum Beispiel Christoph Gröner, Vorstandsvorsitzender der CG Gruppe AG, aus. Allerdings möchte er nicht nur die Digitalisierung der Immobilienwirtschaft vorantreiben, sondern auch die Immobilienunternehmen dazu animieren, selbst aktiv zu werden. Wie das geht, zeigt er mit seiner BIM-Strategie (Building Intelligence by CG), eine Wertschöpfungskette für die Immobilie. Diese steigert einerseits die Risikoreduzierung und andererseits die Qualität der Wohnobjekte. Darüber hinaus setzt sich die CG Gruppe unter anderem für einen digitalen Immobilienzyklus, neue Konzepte sowie Immobilienkonzepte für den urbanen Wohnraum ein.

Innovativ ist aber auch diese Software: Mit Asset-Check haben Norman Meyer (Leiter Digitale Geschäftsmodelle bei Drees & Sommer) und Björn Bordscheck (Bereichsleiter Daten und digitale Geschäftsprozesse bei Bulwiengesa) eine Möglichkeit für Investoren, Banken und Projektentwickler gefunden, eine digitale, unabhängige Erstbewertung einer Immobilie auf Knopfdruck zu erhalten. Neben den reinen Marktdaten berücksichtigt die Software auch makroökomische Faktoren wie Beschäftigung und Kaufkraft in einem Quartier sowie Angaben zu Investitionsausgaben und operativem Betrieb der Immobilie. Vorreiter für smarte Haustechnologien ist dagegen das Berliner Start-up KIWI, dem Erfinder eines schlüssellosen Zugangssystems für Haus- und Wohnungstüren von Mehrfamilienhäusern. Über das KIWI Portal können Zutrittsberechtigungen zentral verwaltet werden.

Der Trend zur Nachhaltigkeit wird stark von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen vorangetrieben. Hierbei lassen sich neue Technologien und ökologisches Bauen sehr gut miteinander vereinbaren. So wird der Lebenszyklus eines Bauwerks – Planung, Errichtung, Nutzung, Betrieb und Rückbau – von Beginn an mit in den Bauplan integriert. Energieeffizente Lösungen und smarte Haustechnik müssen jedoch immer weiter entwickelt und den technologischen Standards angepasst werden. Hier funktioniert das Zukunftslabor Berlin als Transfer zwischen Forschung und Wirtschaft noch mit Zeitverzögerung.

Technologische Aufholjagd

Hinsichtlich der Rahmenbedingungen, die für den internationalen Tech-Standort Berlin berücksichtigt werden müssen, wird es in der Politik zu langwierigen Planungsphasen kommen. Allein weil sich Wirtschaft und Wissenschaft zum Teil bereits in der Umsetzung neuer digitaler und technologischer Verfahren befinden. Insbesondere die Technologisierung – allen voran Künstliche Intelligenz, digitale Transformation und Robotik – des Mittelstandes wird ohne politische Zielvorgaben ein mühseliges Unterfangen. Zügig wird nun geplant, gefördert, kooperiert und weiter geplant. Am 18. Juli 2018 wurden sogar die Eckpunkte für eine Strategie Künstliche Intelligenz von der Bundesregierung herausgegeben, die ausgefeilte Strategie wird bald folgen. Auffällig sind die darin großen Erwartungen, die an KI und die damit verbundenen Technologien geknüpft werden. Die Bundesregierung plant und organisiert akribisch, lotet Anwendungsfelder aus und erstellt fein säuberlich Ordnungsrahmen. Dabei verschenkt die Politik wertvolle Zeit, um sich auf dem bereits florierenden Tech-Markt einen Namen zu machen. Abgesehen davon, dass die Berliner noch mit der Digitalisierung und den Neuerungen durch Bildung 2.0, Arbeit 4.0, Industrie 4.0 und der Energiewende zu kämpfen haben.

Vorerst bleibt es also noch bei den derzeit beliebtesten Schlagworten im Entwurf der Strategie Künstliche Intelligenz: Potenziale, Möglichkeiten und Chancen. Hightech-Strategien werden angekündigt und Digitalgipfel organisiert, aber wo bleibt der dringend benötigte Aktionismus? Die detailliert aufgelisteten Handlungsfelder ihrer Hightech-Strategie ersetzen nicht die Handlung selbst. Wichtiger ist es weiterhin, Labs, Hubs und Technologiezentren zu fördern, um die Innovationen in die Berliner Wirtschaft zu integrieren.

 

Robert Bukvic, Gründer und Geschäftsführer der rent24 GmbH | Foto: rent24 GmbH

Robert Bukvic, Gründer und Geschäftsführer der rent24 GmbH | Foto: rent24 GmbH

 

Synergien schaffen

Berlin als Gründermetropole steht vor ihren ganz eigenen Herausforderungen. Für das eine oder andere Problem mag mehr Forschung, KI-Technologie oder Smart Data die richtige Lösung sein. Aber das, was oftmals vergessen wird, ist, dass die Basis stimmen muss. Nur mit den richtigen Werkzeugen können die Technologien zielgerichtet und effektiv eingesetzt werden. Es heißt nicht Mensch versus Maschine, sondern der Mensch mit der Maschine. Maschinelle Möglichkeiten und das Erfahrungswissen sowie die lokalen Kenntnisse der Experten machen Berlin erst zu einem Zukunftslabor.

Gotthold Ephraim Lessing brachte schon vor rund 250 Jahren genau auf den Punkt: „Beide schaden sich selbst: der, der zu viel verspricht und der, der zu viel erwartet.“ Die Intelligenz des Menschen ist trotz KI gefordert, die Politik braucht nichts zu überstürzen und die Forschung muss auch Lösungen für die Probleme der Zukunft finden. Technik ist letztlich nur ein von Menschen erdachtes Hilfsmittel, um die eigenen Probleme lösen zu können. Umso wichtiger sind Synergien aus Verwaltung, Wissenschaft und Forschung. Berliner Unternehmen müssen aktiv werden und neue digitale und technologische Chancen nutzen. Weniger planen, mehr machen – das gilt auch für die Politik.

Die Hauptstadt hat ihre Standortpotenziale für Energietechnik, Verkehr, Mobilität, Logistik, Informations- und Kommunikationstechnologien, Gesundheitswirtschaft, Smart Data, KI und Optik schon längst erkannt. Visionäre Ideen gibt es genug, noch fehlt das Ökosystem, um sie schnellstmöglich umzusetzen. (lj)

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