Baubeginn in der Wasserstadt Spandau. | Foto: Planung 4 Berlin/ Elke Becker Architekten

Baubeginn in der Wasserstadt Spandau: Relevanz des sozialen Wohnungsbaus

Nach heftigen Auseinandersetzung um die Planung des neuen Quartiers in der Wasserstadt Spandau, wurde gestern mit dem Bau begonnen. Die landeseigenen Wohnungsbauunternehmen Gewobag und WBM realisieren hier 362 neue Wohnungen bis 2020. Bezirk und Senat hatten zuvor um den Anteil der Sozialwohnungen im Quartier gestritten, die im Konzept der „kooperativen Baulandentwicklung“ mit Quoten von bis zu 30 Prozent festgelegt sind. Während der Senat damit Investoren zum Bau geförderter Wohnungen verpflichten möchte, hatte Spandaus Baustadtrat Frank Bewig (CDU) die Schaffung eines „sozial schwierigen Umfelds“ erahnt. Nun einigten sich beide Seiten, nachdem der Stadtentwicklungssenat unter Katrin Lompscher (Linke) dem Bezirk zuvor ein Ultimatum gestellt hatte. Nicht nur ein Teil, sondern die Hälfte aller Wohnungen sollen nun an Menschen mit Wohnungsberechtigungsschein (WBS) vermietet werden. Spandau unterzeichnete einen entsprechenden Vertrag mit der Gewobag.

Bis Ende 2023 ist sogar eine Ausweitung des Quartiers auf 2.000 neue Wohnungen geplant. Folglich würde der Bezirk nach Kalkulation der Wohnungsbauunternehmen 4.000 neue Einwohner gewinnen. Das Gebiet mit freiem Blick auf die Oberhavel wird damit zu einem der größten Berliner Wohnungsbauprojekte. Dementsprechend steigen auch die Anforderungen an die soziale und die Verkehrsinfrastruktur. Schulen und Kindergärten müssen rechtzeitig fertiggestellt werden, bis hunderte neue Bewohner im Bezirk händeringend zu suchen beginnen. Eine besser angeschlossene Nahverkehrsverbindung ins Stadtzentrum stellt jedoch bislang die größte Herausforderung dar.

Soziale Mischung und soziale Förderquote

Das Projekt begann bereits mit Verzögerungen durch den Streit um den sozialen Wohnungsbau. Die Positionen von Senat und Bezirk hätten nicht konträrer sein können. Nach Einführung des wohnungspolitischen Werkzeuges „kooperative Baulandentwicklung“ durch den Senat, gelten berlinweit inzwischen Quoten von 30 Prozent der Wohnungsbaufläche. Dies wird als wichtigster Baustein gesehen, um Investoren rechtskräftig zum Bau bezahlbaren Wohnraums zu verpflichten. Die Bezirke müssen jedoch mitziehen. Spandau sieht in der Festlegung der Quote eine rücksichtslose Vorgehensweise, ohne die soziale Verträglichkeit eines Projekts zu prüfen. Baustadtrat Bewig befürchtete bereits „den sozialen Brennpunkt von morgen“ bauen zu müssen. Denn in einigen Teilgebieten der Wasserstadt gäbe es schon derartigen Zündstoff und Problemkieze.

 

Das Entwicklungsgebiet in der Wasserstadt. | Foto: Planung 4 Berlin/ Elke Becker Architekten

 

Während die soziale Mischung in Mitte oder Pankow durch den Zuzug von Haushalten mit hohem Einkommen bedroht werde, sei es in Spandau genau andersherum. Auch die anderen elf Bezirke zeigten kein Verständnis für die Kritik Spandaus, die mit ihrer Auffassung berlinweit allein dastünden. Der rbb berichtete Spandau wehre sich weiterhin als einziger Bezirk, die Quoten in die städtebaulichen Verträge des eigenen Baulands aufzunehmen. Als noch Quoten von 25 Prozent golten, sei Spandau seiner Verpflichtung schon nicht nachgekommen und hätte vage Förderbedarfsverträge mit Investoren unterzeichnet.

Kompromiss in der Wasserstadt Spandau

„Wir brauchen eine schnelle Entwicklung und können es uns nicht leisten, uns zu streiten“, sagte Bewig der Morgenpost. Nach endgültiger Abstimmung, die den gestrigen Baubeginn schließlich ermöglichte, ist die Hälfte aller Wohnungen zukünftig ab sechs Euro pro Quadratmeter mietbar. Auch die anderen Wohnungen werden voraussichtlich ab 2020 unter zehn Euro je Quadratmeter zu haben sein. Online können sich Interessenten bereits für eine Wohnungen in den insgesamt 14 viergeschossigen Häusern vormerken lassen.

 

Die Hälfte der Wohnung soll zu bezahlbaren Quadratmeterpreisen an Menschen mit WBS vermietet werden. | Foto: Planung 4 Berlin/ Elke Becker Architekten

 

Neben Gemeinschaftsgärten in den Innenhöfen, sollen auch kleiner gehaltene Gewerbeflächen entstehen. Zudem wird für Tiefgaragen und Ladestationen für Elektroautos gesorgt. Nicht zu vergessen natürlich die Nähe zum Kanal und der Blick auf die Havel. Doch genau in diesem Punkt waren die derzeitigen Anwohner in Spandau, dem Projekt mit Skepsis begegnet. Ihr freier Blick auf die Havel würde so stark eingeschränkt. Die Sprecherin der Gewobag Anne Grubert bestätigte jedoch, man habe einen guten Kompromiss gefunden und baue nun ein Geschoss niedriger. Im Endeffekt seien sich nach Dialogen auch alle einig gewesen, dass Berlin dringend neuen Wohnraum benötige, berichtete die Morgenpost. „Das bedeutet natürlich auch, dass freie Flächen verschwinden“, so Grubert. Wie in der Debatte um die Erhaltung der Kleingärtenanlagen ist Berlin derzeit an einem Punkt angekommen, an dem nicht beides möglich ist.

Verkehrskonzepte und andere Verzögerungen

Nach Anwohnerdialogen und unklaren, erstrittenen Zuständigkeiten ist die Verkehrsanbindung, die nächste Anforderung, vor dem der Kiez steht. Nach langen Beobachtungen des Senats gibt es immer noch keine endgültige Entscheidung mit welchen Verkehrsmitteln die Anbindung gewährleistet wird. Baustadtrat Bewig sieht die Einrichtung von Buslinien als einzige Option. Die langjährig aktive „Initiative PRO Spandauer Tram“ (IPROST) versucht jedoch wie einige andere Stadtteile, die Straßenbahn zurückzubringen. IPROST argumentiert für ein umweltfreundliches Verkehrsmittel, das zwei bis drei Busse ersetzt und nicht im Stau steht. Die Straßenbahn, die zwar Schienen und aufwendig zu bauende Signalanlagen bräuchte, erfülle diese Kriterien. Anstatt um die Ausweitung des U-Bahnnetzes wie in anderen Bezirken zu diskutieren, ist hier die Frage, ob oberirdisch oder oberirdisch.

Zukünftig dürfte im Bezirk Spandau jedoch vor allem noch häufiger die Zuständigkeitsfrage in der Bauplanung aufgeworfen werden. Der Senat drohte damit, dem Bezirk weitere Projekte zu entziehen, sollte sich nicht an die sozialen Wohnungsquoten angepasst werden. Hier spreche man vor allem vom Projekt am Saatwinkler Damm, wo 800 neue Wohnungen entstehen. Der Tagesspiegel berichtete auch über ein Projekt auf der Insel Gartenfeld, wo 4.000 neue Wohnungen den Berliner Wohnungsmarkt entspannen könnten. Auch hier könne das unklare Verkehrskonzept die Bauplanung verzögern.

 

Oberirdisch oder oberirdisch ist hier die Frage: Soll Spandau durch ein Comeback der Straßenbahnen oder Busse an die Innenstadt angebunden werden? | Foto: pixabay.com/ Thomas Wolter

 

Wohnen in der Trend-Stadt Berlin verschlingt das Gehalt

Die hohe Relevanz des sozialen Wohnungsbaus, auf den der Senat vehement besteht, bestätigte kürzlich eine Umfrage zu den Lebenshaltungskosten in Trend-Städten wie Berlin. Eine Analyse des Online-Jobportals StepStone und der Immobilienplattform immowelt.de lieferte besorgniserregende Ergebnisse. 24 Prozent des durchschnittlichen Bruttoeinkommens von Berliner Fach- und Führungskräften würde von Mietzahlungen verschlungen. In München, wo eine 80 bis 100 Quadratmeter große Wohnung monatlich rund 1.500 Euro kostet, seien es sogar 27 Prozent.

 

Der freie Blick auf die Oberhavel ist einer der Vorteile des grünen Quartiers. | Foto: pixabay.com

Der freie Blick auf die Oberhavel ist einer der Vorteile des grünen Quartiers. | Foto: pixabay.com

 

Bausenatorin Lompscher wird in diesem Zusammenhang ihre Befugnisse hoffentlich nutzen. Und auch der SPD-Abgeordnete Daniel Buchholz kritisierte die Politik Spandaus als „brandgefährlichen Alleingang“. Im Falle der Wasserstadt Spandau lohnten sich die baulichen Verzögerungen immerhin für die ständig wachsende Bevölkerung. (cn)

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