Versorgungslücken bei innovativen Psychopharmaka

Oberflächlich betrachtet herrschen auf dem deutschen Arzneimittelmarkt paradiesische Verhältnisse. Übervolle Apotheken, immer bessere Medikamente, unbegrenzte Verfügbarkeit via Internet – was will man mehr! Ein genauer Blick offenbart jedoch schnell Probleme bei der Versorgung mit neuen wirksamen Medikamenten. Geradezu exemplarisch zeigt sich dies im Bereich der Psychopharmaka.

 

Bedarf

Obwohl hier der Bedarf an neuen Mitteln mit individueller Wirksamkeit und verbesserter Verträglichkeit besonders groß ist, wurden in den vergangenen Jahren fast keine neuen Substanzen eingeführt. Mehr noch: Immer häufiger melden pharmazeutische Unternehmen den Marktrückzug ihrer Neuentwicklungen oder sie verlassen Deutschland ganz. Hintergrund ist das Gesetz zur Neuordnung des Arzneimittelmarktes (AMNOG), das 2011 in einem europäisierten Pharmamarkt allein in Deutschland in Kraft trat. „Mit dem Gesetz“, heißt es im Bundesministerium für Gesundheit, „wird der Weg für fairen Wettbewerb und eine stärkere Orientierung am Wohl der Patienten freigemacht. Das AMNOG schafft eine neue Balance zwischen Innovation und Bezahlbarkeit von Medikamenten. Der Zusatznutzen der Medikamente für die Patienten bestimmt künftig den Preis der Medikamente.“

 

Stillstand

Das Ziel stimmt. In der Praxis jedoch öffnete AMNOG der Bürokratie Tür und Tor. Als folgenschwer erweisen sich insbesondere die Regelungen der Nutzenbewertung und Arzneimittelerstattung, die im Rahmen eines stark formalisierten Bewertungsprozesses keine adäquate Beurteilung des Zusatznutzens innovativer Arzneimittel ermöglichen. Dadurch haben Pharmakritiker, die meist selber keine Erfahrungen in der Patientenversorgung haben, bei der einseitigen Beeinflussung von Gesundheitspolitikern und der pauschalen Verteufelung der Pharmaindustrie leichtes Spiel. Im Ergebnis können die Hersteller heutzutage kaum noch damit rechnen, für neue Substanzen entsprechende Vergütungen zu erhalten, sodass inzwischen Stillstand in der Entwicklung neuer Psychopharmaka eingetreten ist.

 

Plattform

Dagegen regt sich bei Ärzten und Patienten zunehmend Widerstand, die auch in Deutschland ungehinderten Zugang zu hochspezialisierten Medikamenten verlangen. Diesem Ziel hat sich die 2005 von Vertretern der Wissenschaft, des Gesundheitswesens und der Industrie geschaffene Deutsche Gesellschaft für experimentelle und klinische Neurotherapeutika (GESENT e. V.) verschrieben. „Wir haben GESENT gegründet“, sagt Präsident Prof. Dr. Peter Riederer, „um eine Plattform für akademische Einrichtungen, Politik, Regulationsbehörden, Laienorganisationen und forschende Arzneimittelhersteller zu bieten und das gegenseitige Verständnis der Akteure zu vertiefen. Unser Ziel ist es, Medikamentenentwicklungen zu beschleunigen und unter Berücksichtigung von Sicherheitskriterien und sozioökonomischen Faktoren den Patienten möglichst früh zur Verfügung zu stellen.“

Das ist keine einfache Aufgabe. Das gegenwärtige System der frühen Nutzenbewertung und die darauf aufbauende Preisregulierung in der Gesetzlichen Krankenversicherung für die Behandlung chronischer Erkrankungen haben nachhaltig negative Konsequenzen ausgelöst. Hinzu kommt ein negatives gesellschaftliches Klima gegenüber der Industrie für Neuro-Psychopharmaka. „So gesehen ist es nicht überraschend, dass das Engagement von pharmazeutischen Unternehmen in Deutschland insbesondere im Feld der Neuro-Psychopharmaka stagniert“, erklärt Riederer und fügt hinzu: „Außerdem machen fehlende validierte Targets und andere regulatorische Rahmenbedingungen die Medikamentenentwicklungen teuer, aber kaum noch refinanzierbar, was sich auf die Attraktivität des Pharmastandorts Deutschland für die Industrie zusätzlich negativ auswirkt.“

 

Brückenfunktion

Dadurch und aufgrund der gesundheitspolitischen Vorgaben sind in den letzten Jahren zwischen den einzelnen Interessengruppen Divergenzen immer deutlicher geworden: Biometriker und Statistiker von Begutachtungs-Instituten, Ärzte (Kliniker, Praktiker), Krankenkassen, Krankenhaus-Konzerne, Politiker, Parteien, Patientenvertreter, Zulassungsbehörden, pharmazeutische Industrie – alle sprechen verschiedene Sprachen in ihrer eigenen Welt. Dieser Zustand muss geändert und stattdessen der gegenseitige Austausch in den Vordergrund rücken. GESENT e. V. sieht sich in der Verantwortung, in einer Art Brückenfunktion, um diesen Austausch zu koordinieren – im ersten Jahr beispielsweise durch regelmäßige Round Tables, einen Jahreskongress und eine Medienkampagne. Letzterem steht auch die einzige deutschsprachige Psychopharmaka-Fachzeitschrift „Psychopharmakotherapie“ zur Verfügung, die als GESENT-Organ in jeder Ausgabe allen Netzwerkpartnern Platz für Themen, Fragen und Vorschläge bietet. Riederer: „GESENT e.V. will Promotor sein – Promotor einer Öffentlichkeitskampagne für Medikamenten-Neuentwicklungen, die nicht nur im Ausland verfügbar sind, sondern auch in Deutschland zum Nutzen der Patienten auf den Markt kommen.“ GESENT hat die Netzwerkpartner im Mai nach Berlin eingeladen, um von hier einen solchen Prozess in Gang zu setzen. (in)

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