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Experte Florian Nöll: Die etablierte Wirtschaft muss sich für Start-ups öffnen

Wir haben mit dem Experten für Start-ups und die digitale Wirtschaft gesprochen: Florian Nöll. Als Vorsitzender des Start-up-Verbandes fungiert er als Dolmetscher zwischen innovativen Unternehmensgründungen und der Politik.

Florian Nöll, was ist die Aufgabe des Bundesverbandes Deutsche Startups e.V.?

Als Repräsentant und Stimme der Start-ups in Deutschland engagieren wir uns für ein gründerfreundliches Deutschland. Im Dialog mit Entscheidungsträgern in der Politik erarbeiten wir Vorschläge, die eine Kultur der Selbstständigkeit fördern und die Hürden für Unternehmensgründungen senken. Wir werben für innovatives Unternehmertum und tragen die Start-up-Mentalität in die Gesellschaft. Als Netzwerk verbinden wir Gründer, Start-ups und deren Freunde miteinander. Uns gibt es seit mittlerweile fünf Jahren. Von anfänglich ein paar dutzend Mitgliedern sind wir auf 750 Mitglieder angewachsen. Wir sind die einzige politische Vertretung der Start-ups in Deutschland.

Warum ist es so wichtig, junge Start-ups zu unterstützen?

Start-ups sind bereits heute echte Jobmotoren. In Berlin sind mehr Menschen in der Digitalwirtschaft beschäftigt als im industriellen Sektor. Wenn wir unsere Wirtschaft, unsere Konzerne und unseren Mittelstand digitalisieren und somit fit für das 21. Jahrhundert machen wollen, dann geht das nicht ohne die Start-ups. Sie sind dynamisch und flexibel genug, die Digitalisierung jeden Tag neu in ihr Geschäftsmodell zu integrieren. Die etablierte Wirtschaft muss sich für Start-ups öffnen, denn nur durch das Zusammenspiel von Start-ups und etablierter Wirtschaft können wir uns unseren Wohlstand auch in Zukunft sichern.

In keiner anderen deutschen Stadt werden so viele Start-ups gegründet wie in Berlin – woran liegt das?

Hier spielen mehrere Faktoren eine wichtige Rolle. Die Lebenshaltungskosten sind in Berlin immer noch geringer als etwa in München oder Hamburg. Sowohl Büromieten als auch die Mieten für Wohnraum sind längst nicht auf dem Niveau wie in diesen Städten, auch wenn die Berliner Mieten seit Jahren steigen. Zudem treten Start-ups hier nicht mit einer Vielzahl finanziell gut ausgestatteter Industriekonzerne auf dem Arbeitsmarkt in Konkurrenz wie beispielsweise in Bayern. Zum anderen ist Berlin sehr beliebt bei jungen Menschen aus der ganzen Welt. Das internationale Flair, das reichhaltige kulturelle Angebot und die Berliner Clubs wirken wie ein Magnet.

Kann Berlin es mit anderen Start-up-Städten wie London oder Amsterdam aufnehmen?

Auf jeden Fall! In Europa ist Deutschland, insbesondere Berlin, mittlerweile der bedeutendste Start-up-Standort. Berlin hat London, unter tätiger Mithilfe des Brexit, den Rang abgelaufen, wenn es um die zukünftigen Potenziale der Start-up-Wirtschaft geht.

Nach der Bundestagswahl 2017: Was wünscht sich der Bundesverband Deutsche Startups e.V. von der neuen Regierung?

Start-ups bewegen sich nicht im luftleeren Raum. Sie sind von einem regulatorischen Rahmen umgeben, der dringend angepasst werden muss.

Dazu zählen folgende Punkte:

  1. Mehr Gründer:

Deutschland hat in den vergangenen Jahrzehnten verlernt, ein Gründerland zu sein. SAP ist das einzige Unternehmen im DAX, dessen Gründer noch leben. Eine offene Einstellung zum Unternehmertum muss bei jungen Menschen schon durch Entrepreneurship Education in Schule und Hochschule sowie in der beruflichen Bildung gefördert werden.

  1. Mehr Vielfalt:

Gründer und Fachkräfte aus anderen Ländern bleiben und arbeiten in Deutschland, wenn sie hier willkommen geheißen werden. Eine Willkommenskultur, die den Fachkräften den Einstieg in das Leben und das neue Land erleichtert, ist unerlässlich. Dazu benötigen wir ein Einwanderungsgesetz! Ein gutes Einwanderungsgesetz ist mit einer Stellenanzeige vergleichbar: Wir sagen, wen wir suchen, was wir bieten und zu welchen Konditionen und Bedingungen wir die Stelle vergeben.

  1. Mehr Kapital:

Während mittlerweile ein gutes Angebot an Kapital in der Frühphase vorliegt, mangelt es deutschen Start-ups immer noch erheblich an Wachstumskapital. Um hier Abhilfe zu leisten, müssen sich institutionelle Anleger wie Versicherungen und Pensionskassen für Investitionen in Start-ups öffnen. Dazu müssen die gesetzlichen Restriktionen, die solche Investitionen verhindern, entsprechend liberalisiert werden.

Was erwartet uns bzw. die Start-up-Szene im Jahr 2018?

Um diese Frage zu beantworten lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit. Das Start-up-Ökosystem, die Technologien und die Branchen bewegen sich in Wellen. Das deutsche Start-up Ökosystem begann sich vor über 10 bis 15 Jahren mit E-Commerce zu entwickeln. Später folgten die Plattformen. Vor drei Jahren machte die FinTech-Technologie einen Sprung, woraufhin viele FinTechs gegründet worden sind. Die Branchen und Geschäftsmodelle entwickeln sich also parallel zu neuen Technologien. Momentan reden alle über Machine Learning, Artificial Intelligence oder Blockchain. Diese Technologien machen gerade riesige Fortschritte. Ich denke, dass wir in diesen Bereichen die meisten Neugründungen im Jahr 2018 sehen werden.

Ich hoffe, dass die neue Regierungskoalition das Thema Digitalisierung endlich anpackt. Dazu gehört, dass dieses Thema in einem eigenen Ministerium abgebildet wird. Wir brauchen ein eigenes Digitalministerium, welches einen Gestaltungsanspruch an die Digitalisierung unserer Gesellschaft und der Wirtschaft hat. Dieses Ministerium muss vom zukünftigen Kabinett die dafür nötigen Entscheidungskompetenzen auf legislativer und exekutiver Ebene zugesprochen bekommen. Der momentane digitalpolitische Flickenteppich, die Aufteilung zwischen Innen-, Justiz-, Wirtschafts- und Verkehrsministerium tut der deutschen digitalen Wirtschaft, allen voran den deutschen Start-ups, nicht gut. (cr)