Wir brauchen mehr finanzielle Bildung

Einer der wichtigsten politischen Player bei Geldfragen in der Bundesrepublik ist Staatssekretär Jens Spahn (CDU). Mit ihm haben wir über die Digitalisierung unsere Zahlungsmittel und -Wege gesprochen.

Herr Staatssekretär, Bargeld bleibt uns vorerst erhalten. Das ist die Prognose vieler Entscheidungsträger und auch die der Deutschen Bundesbank. Allerdings ist der 500 Euroschein bereits verschwunden. Wieso sind digitale Bezahlsysteme so stark im Kommen?

Klar, das Bargeld spielt nach wie vor eine wichtige Rolle und das wird auch so bleiben. Gleichzeitig steigt die Attraktivität digitaler Bezahlsysteme. Dafür gibt es mehrere Gründe: Onlinehandel und digitale Dienstleistungen wachsen deutlich. In diesen Bereichen wird häufiger bargeldlos bezahlt. Das wird immer einfacher, schneller und bequemer, beispielsweise durch die kontaktlose Zahlung an der Ladenkasse. Die demografische Entwicklung spielt ebenfalls eine Rolle. Die junge Generation der Digital Natives, die mit Internet und Smartphone aufgewachsen ist, ist besonders offen für neue Bezahlverfahren, etwa mit dem Smartphone.

Wie bewerten Sie sogenannte Krypto-Währungen und fördern oder blockieren diese organisierte Kriminalität und Terrorismus? Wird Geldwäsche erleichtert oder erschwert?

Wir haben die Risiken, die mit der Anonymität von virtuellen Währungen einhergehen, selbstverständlich genau im Blick. Geldwäsche und die Finanzierung von Terrorismus dürfen nirgends eine Chance haben. Aus diesem Grund sollen Umtauschplattformen und sog. Wallet-Provider durch die aktualisierten EU-Regeln zur Bekämpfung von Geldwäsche, über die wir in Brüssel derzeit beraten, erstmals geldwäscherechtlich reguliert werden. In Deutschland sind bereits heute Plattformen und Börsen erlaubnispflichtig, an denen virtuelle Währungen gehandelt und in gesetzliche Währungen getauscht werden können. Dass wir hier Missbrauchsmöglichkeiten entgegentreten, ist gut und richtig. Gleichwohl dürfen wir uns nicht in einer Diskussion über Risiken verheddern. Grundsätzlich sehe ich technologischen Fortschritt positiv. Entscheidend ist doch, was mit einer neuen Technologie gemacht wird. Wenn virtuelle Währungen wie Bitcoin oder Ethereum oder die dahinter steckende Technologie, die Blockchain, als Vehikel genutzt werden, um beispielsweise internationale Zahlungen über Währungsräume hinweg schneller und günstiger zu machen, dann ist das etwas Gutes.

Welche Vorteile haben Ihrer Meinung nach Fintechs gegenüber traditionellen Banken?

Ein Vorteil ist: FinTechs können einfach bei Null anfangen. Sie starten mit einer Geschäftsidee, die zunächst oft auf einzelne Teilbereiche beschränkt bleibt. Dadurch sind sie agil und schlank, sie können schnell auf neue Marktbedingungen eingehen. Außerdem verstehen sie sich darin, Produkte oder Dienstleistungen passgenau auf die Kundenbedürfnisse zuzuschneiden. Denn häufig geht es bei technologischen Innovationen im Finanzbereich nicht um gänzlich neue Produkte, sondern um die Art und Weise, wie der Zugang zu altbekannten Dienstleistungen einfacher gestaltet wird. Die Etablierten haben demgegenüber andere Vorteile. Sie bringen langjährige Erfahrung mit, eine große Kundenbasis, regulatorisches Knowhow und auch immer noch einen gewissen Vertrauensvorsprung. Daher sehen wir derzeit auch den Trend zur Kooperation zwischen Fin- Techs und Etablierten. Das ist aus meiner Sicht der richtige Ansatz. Im Team sind sie oftmals stärker als alleine. Wie stark ist der Einfluss der Berliner Fintech- Szene auf bundesweite, europäische und internationale Entwicklungen?

Jens Spahn ist sich sicher: FinTechs und Banken werden künftig miteinander kooperieren

Hat die Szene ihren Höhepunkt erreicht oder geht es jetzt erst richtig los?

Berlin ist derzeit sicherlich einer der wichtigsten deutschen FinTech-Standorte. Das hängt auch mit der Stadt zusammen, die attraktiv ist für junge kreative Köpfe. Die mittlerweile beträchtliche Größe des FinTech-Standorts Berlin hat auch eine gewisse Sogwirkung für neue Player in dem Bereich. In Berlin hat sich über die vergangenen Jahre ein echtes Ökosystem für FinTechs entwickelt. Insofern hat die Berliner FinTech-Szene auf jeden Fall Strahlkraft über die Landesgrenzen hinweg. Die Szene ist international sehr gut vernetzt. Was mich freut: In Deutschland entwickeln sich an mehreren Standorten starke FinTech- „Ökosysteme“. So wird Frankfurt im B2B-Segment immer stärker und auch München, Hamburg und das Rheinland mit Köln und Düsseldorf müssen sich nicht verstecken. Das zeigt, dass wir in Deutschland „in der Breite“ gut aufgestellt sind und die verschiedenen Regionen
ihre individuellen Stärken ausspielen können.

Wie werden wir im Jahr 2050 unsere Finanzgeschäfte mit Aktien und Anlagen abwickeln? Wie werden wir im Alltag bezahlen? Sind die Start-Ups und Fintechs in dieser Hinsicht unterwegs in eine Zukunft, in der jede vorstellbarem Zahlung per App und Knopfdruck funktioniert?

Leider bin ich kein Hellseher. Was technologisch im Jahr 2050 möglich sei wird, kann heute letztlich niemand verlässlich vorhersagen. Wer etwa hätte sich vor einigen Jahrzehnten vorstellen können, was heute für uns selbstverständlich ist: Onlineplattformen ermöglichen die Kreditvergabe direkt zwischen Personen, Smartphones ersetzen die Geldbörse und Robo- Adviser den Anlageberater. Darüber hinaus stehen neue Technologien wie die Blockchain und Künstliche Intelligenz in den Startlöchern. Schon heute können per Sprachbefehl Zahlungen über KI-gestützte Assistenzsysteme initiiert werden. Auch Virtual Reality ist sicherlich eine interessante Entwicklung für die Finanzwirtschaft. Vorstellbar ist da in Zukunft vieles, was heute nach Science Fiction klingt. Ich bin mir sicher, dass wir da in den kommenden Jahren noch viele spannende Entwicklungen sehen werden.

Mit der Digitalisierung wird der Zugang zum internationalen Aktiengeschäft für jedermann immer einfacher, aber die wenigsten kennen sich aus. Gibt es nicht einen großen Nachholbedarf an Informationen und Bildung für diesen Bereich, auch zum Selbstschutz der Anleger? Muss der Staat hier „Nachhilfe“ leisten?

Finanzielle Bildung ist eine wichtige Schlüsselkompetenz. Der Umgang mit dem eigenen Geld, der Vermögensaufbau oder die Altersvorsorge sind wichtige und komplexe Themengebiete. Darin allen Bürgerinnen und Bürgern eine Grundkompetenz zu vermitteln, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Der Staat leistet einen Beitrag, indem er selbst Informationen bereitstellt oder indem er über gesetzliche Regelungen dafür sorgt, dass Finanzdienstleister bestimmte Informationspflichten auferlegt bekommen, wenn sie einzelne Produkte anbieten. Auch die Digitalisierung schafft hier Möglichkeiten, beispielsweise über entsprechende Apps die eigenen Finanzen besser im Blick zu behalten.

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