Franziska Giffey Bezirksbürgermeisterin von Neukölln | Foto: BA Neukölln

Franziska Giffey: „Nicht nur versorgen, sondern befähigen“

Der Bezirk Neukölln durchlebt zurzeit bewegende Zeiten des Wandels. Viele Jahre Inbegriff für die Anhäufung sozialer Probleme, für Integrationsprobleme und für eine geradezu magnetische Anziehungskraft für alle Arten alternativer Lebensweisen vollzieht sich langsam ein Imagewechsel. Wie weit diese Entwicklungen bereits vorangeschritten sind und wo auf dem Weg in die Zukunft sich der Bezirk befindet, darüber sprachen wir mit Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey.

Frau Giffey, jeder Berliner Bezirk hat seine Eigenarten. Was macht Neukölln besonders?

Neukölln ist vielleicht nicht der schönste, sicher aber der spannendste Bezirk Berlins. Zwei Entwicklungen laufen hier parallel: Auf der einen Seite haben wir einen sozialen Brennpunkt, mit 75.000 Kunden im Jobcenter und über 50 Prozent Schulkindern aus sozial schwachen Verhältnissen. Aber Neukölln ist auch im Trend, wir haben jährlich über 1.000 Neugründungen und immer mehr Künstler, Kreative und Studierende wollen hier leben. Das alles macht Neukölln zum Modellbezirk. Die Themen, mit denen wir uns beschäftigen, sind auch in anderen Städten in Deutschland und Europa aktuell.

Welche sind die dringlichsten Aufgaben im Bezirk und wie sollen sie gelöst werden?

Unsere größte Aufgabe ist dafür zu sorgen, dass Menschen für sich selbst sorgen können. Etwa Dreiviertel unseres Bezirksbudgets geben wir für Transferleistungen aus. Geld, das wir nicht für Investitionen, zum Beispiel in Bildung oder die Infrastruktur nutzen können. Teilweise bis zu 80 oder sogar 90 Prozent unserer Schülerinnen und Schüler im Norden kommen aus sozial schwierigen Verhältnissen. Deshalb mache ich mich für eine frühe Kinderbetreuung in guten Kitas stark und setze auf Ganztags- und Gemeinschaftsschulen und Campus- Modelle wie beim Campus Rütli und beim Campus Efeuweg. Bildung ist die beste Chance, den Hartz-IV-Kreislauf zu durchbrechen und Kindern den Weg zu ihrem Traumberuf zu ebnen.

Welche Chancen haben Integrationsmaßnahmen hinsichtlich der Tendenzen zur Ghettobildung und zur Entstehung von Parallelgesellschaften?

Wer eine gute Perspektive für sein Leben hat, zieht sich weniger wahrscheinlich in seine Community zurück. Also geht es darum, Aufstieg zu ermöglichen und wieder um die Themen Bildung und Teilhabe. Wer sich anstrengt, kann hier viel erreichen und den unterstützen wir dabei. Übrigens ist Bildung nicht nur ein Thema bei Kindern in der Schule. Unsere Stadtteilmütter beispielsweise helfen Müttern aus anderen Kulturkreisen und klären über Themen wie Erziehung, Gesundheit und Schule auf. Sie bauen Brücken, wie es kein Integrationsleitfaden leisten kann.

Welches soziale Projekt liegt Ihnen zurzeit besonders am Herzen?

Mir liegt der Neuköllner Schwimmbär sehr am Herzen. Das ist ein Wassergewöhnungsprojekt, das Zweitklässler auf den Schwimmunterricht in der dritten Klasse vorbereitet. Ausgangspunkt war, dass Neukölln vor drei Jahren die höchste Nichtschwimmerquote bei den Drittklässlern hatte. Inzwischen ist die Quote von 42 auf 21,8 Prozent gesunken. Das ist ein toller Erfolg, an den wir weiter anknüpfen wollen. Schwimmen ist eine Überlebenstechnik, die jeder beherrschen sollte.

Was gefällt Ihnen als Neuköllnerin an Ihrem Bezirk ganz besonders?

Mir gefällt, dass bei uns Dinge gehen, die nicht 08/15 sind, weil es Menschen gibt, die etwas verbessern wollen. Gutes Zusammenleben in der interkulturellen Großstadt kann gelingen, wenn wir Menschen nicht nur versorgen, sondern befähigen, gut für sich zu sorgen. (lj)

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