Dr. Frank Steffel: Deutsche zahlen am liebsten bar

Der Volksmund sagt: „Nur Bares ist Wahres.“ Nirgends hat dieses alte Sprichwort mehr Gültigkeit als in Deutschland. Jenseits des Atlantiks, aber auch um uns herum bedient man sich dagegen sehr viel häufiger der Zahlung mit dem „Plastikgeld“, der EC- oder Kreditkarte. Auch die Zahlen hinsichtlich des Zahlens mit dem Smartphone direkt am Point of Sale sind außerhalb Deutschlands geradezu innovativ zu nennen.

Dort herrscht sie schon länger: Die bargeldlose Gesellschaft. Deutsche Touristen, die jetzt im Sommer oder Herbst nach Schweden fahren, werden schnell merken, dass der von zu Hause gewohnte Umgang mit Münzen und Scheinen im hohen Norden Europas nicht mehr alltäglich ist. An der Kasse im Supermarkt heißt es immer öfter: „Es tut mir leid, wir nehmen kein Bargeld.“ Und in den großen Einkaufszentren ist die Abkehr vom Baren längst kein Einzelfall mehr. „Wir bevorzugen Kreditkarten“ prangt in großen Lettern auf Schildern in vielen schwedischen Geschäften.

Die Stockholmer Nahverkehrsbetriebe akzept ieren keine Barzahlung mehr, selbst eine Zeitung oder eine Kugel Eis werden mittlerweile mit Kreditkarte oder Mobiltelefon bezahlt. Wer sein Auto parken will, braucht entweder ein Handy oder eine Kreditkarte: Die Parkautomaten wurden schon vor einigen Jahren auf das bargeldlose Bezahlen umgerüstet. Im schwedischen Handel laufen heute rund 80 Prozent aller Zahlungen über Kreditkarten ab.

Wie tief bei den Deutschen der Widerstand gegen den Wandel ist, kann man an den folgenden Zahlen ablesen: Im Jahr 2016 wurden nach den Erhebungen des Branchenprimus, des Handelsinstituts EHI, noch immer 51,3 Prozent aller Umsätze hierzulande in Bargeld geleistet. Die Zahl der Transaktionen ist noch aussagekräftiger: Knapp 80 Prozent aller Einkäufe wurden mit Bargeld beglichen. Dagegen nutzten im selben Zeitraum US-Amerikaner nur noch bei jedem vierten Einkauf den Greenback. Bei mehr als der Hälfte aller Einkäufe zieht der US-Bürger die Kredit- oder Kontokarte. Im Vergleich dazu kommen in Deutschland die Plastikkarten gerade einmal bei einem Drittel aller Umsätze zum Einsatz. Doch woher kommt nun diese besondere Haltung zum Bargeld bei uns Deutschen und wo liegen möglicherweise die Gründe?

Die Deutschen lieben Bargeld, sie bangen um die Sicherheit ihrer Finanzen, ihrer Daten und die Kontrolle darüber. Außerdem ist die Dichte der Bankautomaten hierzulande noch immer so groß, dass man jederzeit und überall an Bargeld kommt.

Daneben hat Bargeld in der Überzeugung der Menschen hierzulande viele weitere Erfolgsfaktoren: das Zug-um-Zug-Geschäft ist vollends gewährleistet, der Schutz vor einer Insolvenz der Gegenseite entfällt. Haushalte mit geringem Einkommen haben auf diese Weise eine bessere Kontrolle über das Budget. Bargeld benötigt keinerlei technische Infrastruktur. Sogar die Bundesregierung fordert die Bürgerinnen und Bürger im Zivilschutzgesetz auf, für den Krisenfall Bargeldreserven vorzuhalten. Bargeld ist altersunabhängig. Der Taschengeldparagraph räumt auch Kindern und Jugendlichen vor dem Erreichen der Altersgrenze zur Anlage eines Girokontos einen relativen Umgang mit Bargeld im Kaufprozess ein. Hinzu kommt die Anonymität bei der
Transaktion: Das Bargeld wechselt den Besitzer, Dritte können anschließend keinerlei Rückschlüsse auf das Geschäft ziehen. Bargeld scheint in den Augen und Köpfen der Deutschen geprägte Sicherheit!

Wie sieht es nun mit der Entwicklung des Bargeldumlaufs aus? Im Jahr 2016 waren laut Deutscher Bundesbank Euro- Banknoten im Wert von mehr als 1.126 Mrd. Euro im Umlauf. Davon waren fast 600 Mrd. Euro in Banknoten von der Deutschen Bundesbank selbst emittiert. Das Wachstum der ausgegebenen Banknoten ist seit der Einführung des Euro stetig: Seit 2002 hat sie sich verfünffacht. Würde man alle ausgegebenen Euro-Banknoten aneinanderlegen, käme man nach Berechnungen der Bundesbank viermal von der Erde bis zum Mond und wieder zurück.

Daran schließt sich die Frage an, wenn schon Bargeld, dann aber bitte mit mehr Komfort und auch Verstand. Ich habe mich deshalb bereits vor Jahren und nun vor wenigen Monaten auch noch einmal erneut vor dem Hintergrund der Entscheidung Italiens, ab 2018 keine weiteren 1- und 2-Cent-Münzen zu prägen, dafür ausgesprochen, endlich 1- und 2-Euro-Scheine einzuführen. Ich halte die Entscheidung Italiens für positiv. Die Prägung von Münzgeld ist teuer und die kleinen Münzen machen das Portemonnaie unnötig schwer. Man kann sich daher die 1- und 2-Cent-Münzen sparen. Parallel sollte die Europäische Zentralbank neben den 1- und 2-Euro-Münzen endlich 1- und 2-Euro-Scheine einführen.

Die Einführung hätte viele positive Effekte für Verbraucher und Handel. Der Blick auf Amerika zeigt, dass sich dort der 1-Dollar-Schein bei kleinen Beträgen schon lange durchgesetzt hat und sich großer Beliebtheit erfreut.

Abschließend stellt sich die Frage, ob die Zukunft der neuen Bezahlmethoden wirklich aufzuhalten ist? Wird eine Gesellschaft dem Trend zum Ersatz des Bargelds durch moderne Techniken des Mobile Payments neben dem bereits lange existierenden Einsatz von Kreditkarten widerstehen? Die Vorteile der Karten- und Mobilzahlungen liegen ebenso klar auf der Hand: eine flexible Handhabung, jederzeit passend Geldbeträge in Kartenform bereitzuhalten und auch eine höhere Sicherheit bei Verlust. Das Bargeld ist weg, die Karte kann dagegen umgehend gesperrt werden, ein Verlust an Liquidität somit maximal begrenzt werden.

Das Vertrauen in eine Währung beginnt beim Bargeld. Und deshalb wird Bargeld sich behaupten. Experten sind sich sicher, dass auch in den kommenden Jahren das Bargeld seinen angestammten Platz zumindest verteidigenn wird. Konsumenten wägen demnach den Einsatz alternativer Zahlungsmethoden in einem „etwas“ schnelleren Zahlungsvorgang an der Kasse, aber deutlich höherer Risiken hinsichtlich des Datenaustausches, ab. Zugunsten des Bargeldes. Noch sehen sie hinsichtlich einer Umstellung ihrer Zahlungsgewohnheiten einen fehlenden Mehrwert.

Allein aufgrund einer nachwachsenden Generation, die sich ein Leben ohne Smartphone und Internet gar nicht mehr vorstellen kann, ist jedoch langfristig klar: Die Zahlungsarten werden sich ändern und damit die Zahlungsverkehre. Der Trend weist langsam aber sicher zu mehr „unbaren“ Geschäften. Auch in Deutschland.

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