Eine Stadt die nicht schläft – und die nicht baut

Berlin pulsiert rasend schnell – doch wenn es ums Bauen geht, steht die Stadt. Ein Beispiel

Über die Bauvorhaben Berlins könnte man einen Film drehen. Eine Komödie, ja, vielleicht sogar eine Satire – Lustig und unglaubwürdig! Denn das, was in dieser Stadt vor sich geht, wenn es um das Thema Bauen geht, ist kaum zu glauben. Eine Stadt wie Berlin. Fast 4 Millionen Einwohner, Hauptstadt, Sitz der großen Politik. Man könnte meinen, gerade hier sollten Planungen und Umsetzungen kein Problem darstellen – falsch gedacht. Diese Erkenntnis gibt es nicht erst seit BER, dem Paradebeispiel für Kostenexplosion, Fehlplanungen, Versäumnisse und nicht eingehaltene Absprachen.

Bereits in den 1930er-Jahren kamen Stadtplaner auf die Idee, im Osten der Stadt eine Trasse zu bauen, die den Norden und den Süden verbinden und mit ihrer Leistungsfähigkeit die angrenzenden Bezirke entlasten soll. Die Idee der sogenannten Tangentialen Verbindung Ost (TVO) wurde geboren. Der erste Abschnitt wurde schließlich in den 1970er-Jahren im Norden gebaut. Der zweite Ende der 1990er im Süden. Und die Mitte? Die fehlt. Pläne für den 6,5 Kilometer langen Abschnitt wurden in den 1990er-Jahren vorgestellt. Die Strecke soll entlang der Hauptverkehrsachsen von Karlshorst, Biesdorf, Kaulsdorf, Mahlsdorf und Köpenick verlaufen. Doch das Projekt wurde ad acta gelegt und auf das Jahr 2030 verschoben. Aufgeschoben auf vierzig Jahre, dann liegt die Verantwortung nicht mehr bei den jetzigen Planern – Das ist die beliebteste Eigenschaften von Berliner Entscheidungsträgern: Sich nicht zuständig fühlen, eben typisch Berlin!

Zwar wurden die Forderungen von Bürgerinitiativen erhört und das Projekt 2007 wieder aufgenommen, doch ein Ende der Planungen oder gar eine Umsetzung ist nicht in Sicht. Die Verzögerungen sorgen dafür, dass immer wieder neue Regierungen für die Planung verantwortlich sind. Die aktuelle rot-rot-grün Koalition beispielsweise möchte unbedingt einen Radschnellweg entlang der Trasse sehen – ein Vorhaben, welches den Bau weiter verzögern wird. Geplant ist, dass erst Anfang 2018 die endgültige Trassenvariante festgelegt wird. Mit dem Planfeststellverfahren und Genehmigungen könnte der Bau schließlich Ende 2020 beginnen – so die Idee. Ein weiteres Problem bringt natürlich die Finanzierung mit sich. Die Fördergelder laufen 2021 aus. Was dann geschieht, ist ungewiss. Und warum daran jetzt schon denken?

Doch dieses Projekt ist nur ein Beispiel und somit das perfekte Abbild von Berlins trostloser Verwaltungswüste. Aber warum immer Berlin? In der sich alles andere rasend schnell bewegt, Millionen von Menschen aus aller Welt auf den Straßen unterwegs sind und ihrem Tun nachgehen?

Gerd Nowakowski, Leitender Redakteur des Tagesspiegel, hat es mit seinem Kommentar ziemlich gut getroffen: Baustellen, verspäteter Nahverkehr und überforderte Bürgerämter sind schon längst institutionalisierte Vorkommisse bei den Berliner Bürgern. Nachrichten, wie „eine für Gleisbauten gesperrte U-Bahn-Linie 1, bei der selbst die BVG ihren Kunden abrät, den Ersatzbus zu nehmen, weil der auf der ebenfalls aufgerissenen Ersatzstrecke nur stecken bleiben wird.“ überrascht kaum noch jemanden. Jeder ist darauf eingestellt, dass die Standesämter kollabieren und Eltern Monate darauf warten müssen, dass die Geburtsurkunde ausgestellt wird und sie das Kindergeld beantragen können. Man nimmt es hin und schluckt seinen Frust runter. Ist halt Berlin.

Es ist ein Chaos, was sich in dieser Stadt abspielt. Der Senat unternimmt nichts, doch ist es nicht ein totaler Verlust des Ansehens, wenn die eigenen Bürger der Regierung die Unfähigkeit schon als festes charakteristisches Merkmal zugesprochen haben? Aber „warum auch ein System der organisierten Unverantwortlichkeit ändern, das seit Jahrzehnten beweist, dass damit kein Staat zu machen ist, geschweige denn eine Stadt voranzubringen?“ wie es Nowakowski weiter schreibt.

Der Berliner Bürger muss sich also dem Desinteresse hingeben uns sich diesem Chaos anpassen, Verlierer der Stadt, der sich weiterhin in überfüllte Bahnen quetschen muss, im Stau wartet und die Nerven in Bürgerämtern verliert. Eben typisch Berlin!

Foto: © Pexels
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