Frauen in Führung: Wo wollen wir eigentlich hin?

„Mittelmäßige Männer in Spitzenjobs sind für eine Frau genauso eine Zumutung wie für einen Mann herausragende Frauen an oberster Stelle“, so beschreibt die Unternehmerin und Publizistin Margarita Mathiopoulos den Stand der Dinge in den Führungsetagen. Ob Managerinnen, Bürgermeisterinnen oder Senatorinnen, in keiner deutschen Großstadt sind Frauen in Führung und Führungspositionen so präsent wie in Berlin. Dennoch herrscht immer noch keine Chancengleichheit, der Aufstieg für Frauen ist weiterhin beschwerlich. Grund genug, hinter die Kulissen zu schauen und die Hauptstadt mit ihren Female Leaders auf den Prüfstand zu stellen.

Machen sich Gleichstellungsinitiativen und Frauenquote bereits bemerkbar? Wie sind erfolgreiche Frauen in der Hauptstadt organisiert und vernetzt? Was kann aus politischer und unternehmerischer Sicht für die Vereinbarkeit von Familie und Karriere getan werden? Was ist der Status Quo?

Frauen brauchen im Job einen langen Atem

„Persönlichkeiten werden nicht durch schöne Reden geformt, sondern durch Arbeit und eigene Leistung“, wusste der große Physiker Albert Einstein. In der praktischen Personalpolitik sieht es mitunter anders aus. Gute Leistung wird bei Männern und Frauen immer noch nicht gleich bezahlt. Derzeit herrscht eine Gender-Pay-Gap (Geschlechter- Gehaltslücke) von rund 21 Prozent bei gleicher Leistung. Dies ist nur eine von vielen Hürden, die Businessfrauen zu meistern haben. Die anderen lauten: Teilzeitarbeit, unbezahlte care-Arbeit und schlechte Betreuungssituationen sind nur die Spitze eines Eisberges.

Eine moderne berufstätige Frau benötigt einen langen Atem. Zwar soll die Frauenquote die Unterrepräsentanz von Frauen in Führungspositionen beheben, aber noch fehlt es an Chancengleichheit, Frauenförderung und Familienfreundlichkeit. Berlins Politik, Wirtschaft und Gesellschaft müssen allmählich nachziehen und die vorherrschende Arbeitskultur kritisch hinterfragen: Wo stehen wir und wo wollen wir eigentlich hin?

Ist die Frauenquote gescheitert?

Das Managerinnen-Barometer 2017 des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigt: In Unternehmensvorständen hat sich praktisch nichts bewegt. Bei Banken und Versicherungen haben Frauen geringe Chancen überhaupt in die Vorstände aufzusteigen. In der Bau- und Immobilienwirtschaft sieht es nicht besser aus. Ist die Frauenquote gescheitert?

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey ist zuvor als Bezirksbürgermeisterin von Neukölln vor allem durch ihre Null- Toleranz-Politik gegenüber Kriminellen bekannt geworden. Als Unterstützerin der Frauenquoten möchte sie nun meldefaulen Unternehmen an den Kragen. Welche Sanktionen die betreffenden Unternehmen erwarten könnten, bleibt abzuwarten. Fakt ist: Seit fast 40 Jahren wird die Frauenquote als Instrument der Personalpolitik kontrovers diskutiert – geändert hat sich unterdessen wenig. Die verbindliche Geschlechterquote von 30 Prozent ist seit 2016 für die Aufsichtsräte von börsennotierten und paritätisch mitbestimmten Unternehmen Pflicht. Derzeit (Stand Januar 2018) betrifft die Quote bundesweit allerdings nur 108 Unternehmen und wird schleppend umgesetzt. Grund ist unter anderem, dass die Frauenquote nur für einen geringen Anteil von Großunternehmen mit circa 2.000 Beschäftigten verpflichtend ist.

Frauen in Führung – Transparenz soll gefördert werden

Abhilfe soll durch Präsenz und Transparenz geschaffen werden. Hier fährt die Politik deutlich den Kuschelkurs. Ein Beispiel ist die bestehende Lohnlücke zwischen Männern und Frauen, die mit dem Entgelttransparenzgesetz gelöst werden sollen. Das Gesetz dient zur Förderung der Transparenz von Entgeltstrukturen (seit 6. Juli 2017 in Kraft). Lohntransparenz soll Frauen dabei unterstützen ihren Anspruch auf gleiches Entgelt bei gleicher Arbeit besser durchsetzen zu können. Viel Aufwand für wenig Nutzen. Wünschenswert wäre es in den Unternehmen anzufangen und deren Arbeitskultur unter die Lupe zu nehmen.

In Berlin sind Frauen mit Führungsfunktion keine Seltenheit – mehr als jede dritte Führungsposition ist laut den Zahlen der Arbeitsagentur mit einer Frau besetzt. 49,2 Prozent der Verwaltungs- Führungsetagen sind weiblich vertreten. Im Bereich Erziehung und Bildung ist der Anteil mit 68,5 Prozent deutlich höher. Gravierend unterrepräsentiert sind Frauen allerdings in der Bauwirtschaft: Von den 5.370 Leitungspositionen werden 5.022 von Männern beansprucht. Das macht einen mageren Frauenanteil von 6,5 Prozent (Stand Februar 2018) aus. Insgesamt sind 36,2 Prozent aller Führungspositionen in Berlin von Frauen besetzt. Dünn besiedelt ist allerdings nach wie vor die oberste Hierarchieebene.

Ursachen sind Generations- und Wirtschaftsproblem

Auf der Suche nach Ursachen wird schnell deutlich: Es handelt sich um ein Generations- und Wirtschaftsproblem. Das Generationsproblem beginnt schon im Kindesalter, indem veraltete Geschlechterrollen aus dem Umfeld übernommen werden. Aus diesem Grund werden viele Berufsgruppen weiterhin geschlechterspezifisch dominiert. In Pflegeberufen findet sich wenig männliches Personal, andersherum finden sich in der Industrie oder im Handwerk nur vereinzelt Frauen. Experten fanden heraus, dass Frauen ihren späteren Beruf überwiegend aus einer Komfortzone auswählen, die rund 20 weiblich dominierte Berufe umfasst. Verstärkt wird dieser Zustand dadurch, dass die Arbeitsbedingungen und die Bezahlungen in den Berufsgruppen außerhalb der Komfortzone noch nicht angepasst wurden. Es ist schwierig das jeweils andere Geschlecht für eine Berufsgruppe zu gewinnen, wenn die Aufstiegschancen beschwerlich oder fast unmöglich scheinen. Davon betroffen sind in Berlin vor allem Industrie, Handwerk und Rechtspflege. Ein Umstand, der nicht unter den Teppich gekehrt werden sollte.

Von ungefähr kam der Wertewandel jedoch nicht. Vorreiterinnen wie Spitzen-Managerin Vera Gäde-Butzlaff (Vivantes), haben den Weg für mehr Erfolgsunternehmen in Frauenhand geebnet. Selbst die Industrie- und Handelskammer Berlin (IHK) präsentiert sich mit einer Frau an ihrer Führungsspitze: IHK-Präsidentin Dr. Beatrice Kramm ist eine von deutschlandweit drei Frauen, die eine solche Position innehaben. Ebenso leistet Dr. Sigrid E. Nikutta als Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) großartige Arbeit und zeigt, dass Karriere auch mit fünf Kindern möglich ist. Mit dem Frauenförderplan verdeutlicht die BVG vor allem, dass die Vereinbarkeit von Familie und Karriere vom ganzen Unternehmen unterstützt werden kann. Die Erfahrung zeigt: Sobald Frauen in Führung sind, ändert sich auch die Unternehmenskultur. Häufiger begeistern sich Frauen auch für Karrieren in MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) oder in der Politik.

Initiativen finden Unterstützung

Tatsächlich werden viele Initiativen für Mädchen und Frauen vom Bund wie vom Land Berlin tatkräftig unterstützt. Bereits 2005 wurde die Landesinitiative Chancengleichheit in der Berliner Wirtschaft von der Senatsverwaltung für Wirtschaft und Technologie ins Leben gerufen. Ein weiteres Projekt der Initiative ist Kobra, ein Koordinierungs- und Beratungszentrum für die Weiterbildung von Frauen, in dem sich Betriebe unter anderem zur Frauenförderung beraten lassen können. Für mehr Frauen in Führungspositionen engagieren sich auch Institutionen aus der Wirtschaft. Beispielsweise der Verein Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI) oder die IHK Berlin, die mit ihren vielfältigen Veranstaltungen für die Vernetzung von weiblichen Führungskräften sorgt. Denn Initiativen und Events beschäftigen sich nicht ausschließlich mit der Förderung und Unterstützung von Frauen, sondern bieten darüber hinaus auch eine Plattform zum Austausch.

Dennoch haben sich die Zeiten geändert und es wird sich schon viel früher für Chancengleichheit eingesetzt. Insbesondere die Förderung der Begeisterung von Schulkindern für die verschiedensten Berufe jenseits herkömmlicher Geschlechterzuschreibungen zeigt allmählich Erfolge. Musterprojekte sind der jährliche Girls’ Day und das Äquivalent des Boys’ Day. Seit 2002 erhalten dort vor allem Mädchen einen Einblick in Technik-und Industrieunternehmen. Gerade in den Ausbildungen und Studiengängen der MINT-Fächer ist der weibliche Anteil erschreckend gering. Mit dem Aktionstag rund um die Berufswahl hat sich aber zumindest die Lage in Berlin schon positiv gewandelt. Mittlerweile ist die Hauptstadt Vorreiter, was Frauen in technischen Berufen betrifft. Ein Anfang ist geschafft, es bleibt dennoch genug Luft nach oben.

Gleichstellungskampagne und Frauennetzwerke – viele Wege führen zum Ziel

Als Meilenstein wurde auch die Kampagne „Gleichstellung gewinnt – Kulturwandel in den Unternehmen“, initiiert von der Senatorin für Gesundheit, Gleichstellung und Pflege, Dilek Kolat, auf den Weg gebracht. Gemeinsam mit IHK-Präsidentin Kramm und dem Präsidenten der Handwerkskammer Berlin (HWK), Stephan Schwarz, unterschrieben sie Anfang des Jahres eine Charta zur Gleichstellung in den Unternehmen. Vom Wiedereinstieg nach der Elternzeit bis hin zum Berufscomeback von Arbeitnehmern jenseits des 40. Lebensjahres, werden neue Arbeitsmodelle präsentiert. Politik und Wirtschaft setzen sich für mehr weibliche Führungskräfte ein, doch steht ein Kulturwandel noch aus. Er sollte nicht als Belastung, sondern aus unternehmerischer Sicht als Chance angesehen werden. Schließlich schafft eine moderne Unternehmenskultur mehr Vielfalt und Wettbewerbsfähigkeit.

Viele Wege führen zum Ziel – Wie organisieren und vernetzen sich eigentlich die Businessfrauen in der Stadt? Netzwerke gibt es mittlerweile wie Sand am Meer. Schnell wird es unübersichtlich, da sie sich thematisch überschneiden oder wie Webseiten schon jahrelang nicht aktualisiert wurden. Wichtig ist letztlich: Netzwerke müssen den eigenen Anforderungen entsprechen und mit der Lebensrealität vereinbar sein. Das setzt eine Aktualität und Nachhaltigkeit voraus sowie eine gute Organisation. Allen voran der seit 1954 aktive Wirtschaftsverband deutscher Unternehmerinnen (VdU) oder die stadtbekannte Weiberwirtschaft. Frauen in die Aufsichtsräte (FIdAR e.V.) ist eine Initiative und ein Appell zugleich – für mehr Frauen in den deutschen Aufsichtsräten. Unabhängig, überparteilich, überregional und vertraulich lautet ihr Credo. Aktuell ist ihre Präsidentin Monika Schulz-Strelow ist eine der 100 einflussreichsten Frauen der deutschen Wirtschaft. Wachsender Beliebtheit erfreuen auch international ausgelegte Frauenvereinigungen wie Business and Professional Women Germany e.V. oder das „we are PANDA“- Netzwerk. Aber was genau bewirken diese Netzwerke?

Sensibilisierung als langwieriger Prozess

Allen gemein ist: Politik, Wirtschaft sowie Gesellschaft mehr für Frauen in Führungspositionen zu sensibilisieren und sie auf diesem Weg unterstützend zu begleiten. Kontakte sind für die Karriere Gold wert. Natürlich muss differenziert werden, denn die Ausrichtung und Leistungen sind in jedem Netzwerk anders ausgerichtet. Einige bieten spezielle Mentoren-Programme für junge Frauen an, andere Wettbewerbe oder Jobvermittlungen für die Mitglieder. Zu nennen sind auch Vereine, die sich auf eine Berufsgruppe konzentrieren, wie Bündnisse für Ärztinnen, Juristinnen, Journalistinnen und oder Akademikerinnen allgemein. Aber auch für das digitale Business und die Technik gibt es eigene Netzwerke, wie Femtech Alumnae e.V. (eine Initiative der TU Berlin) oder webgrrls.de e.V.

Wegweisend sind ebenfalls unabhängige Programme, die Weiterbildungen für Frauen fördern. Ausgezeichnet wurde unter anderem sparkx, ein Leadership- Programm für Frauen in Medienunternehmen. Starke Partner hat auch der Frauen-Karriere-Index, die zum gemeinsamen Strategie- und Erfahrungsaustausch zum Thema „gleichberechtigte Teilhabe“ einladen. Bei so vielen Möglichkeiten verwundert allerdings, die scheinbar problematische Umsetzung.

Vielfalt ist Chefsache

Was muss noch geschehen, damit Frauen leichter in Führungspositionen aufsteigen können? Sicher, Kampagnen wie „Unternehmen mit Frauen an die Spitze“ leisten großartige Arbeit, aber das allein wird auf Dauer nicht genügen. Mittelständische Unternehmen müssen sich auch ohne politische Vorgaben oder Initiativen mit Themen wie Chancengleichheit auseinandersetzen. Vielfalt ist Chefsache: Je flexibler und moderner das Arbeitsmodell ist, umso mehr Bewerber, sprich potenzielle Fachkräfte sprechen sie an. Frühzeitig Begeisterung wecken, motivieren und Vorbilder etablieren, lautet beispielsweise die Unternehmensleitlinie zur Frauenförderung bei Idealo, Online-Preisvergleichsportal mit Sitz in Berlin-Kreuzberg.

Natürlich lassen sich flexiblere Modelle bei Start-ups und neugegründeten Unternehmen viel müheloser im kleinen Stil erproben. Dennoch sollten die mittelständischen Unternehmen mehr Engagement zeigen, um auch für Frauen attraktivere Bedingungen zu schaffen, nicht nur weil es vorteilhaft fürs eigene Image ist. Es muss nicht ein ausgearbeiteter Frauenförderplan sein, denn Familienplanung betrifft in der Arbeitswelt beide Geschlechter. Wichtig ist dort anzusetzen, wo es Schwierigkeiten gibt und das ist häufig die Vereinbarkeit von Kind und Karriere.

Ausblick: Arbeit 4.0 und weiter?

Woran es meist scheitert, ist der Wiedereinstieg. Familienfreundlichkeit betrifft vor allem Frauen in Führung. Viele Frauen entscheiden sich aufgrund starrer Arbeitsmodelle und wenig Verhandlungsspielraum gegen die Karriere oder den Aufstieg in die Führungsspitze. Eben dort ist die Wirtschaft gefragt. Unternehmen müssen nicht unbedingt kreativ werden, sondern nur die Vorteile der digitalisierten Arbeitswelt nutzen, indem Internet und mobile Arbeitsplätze für berufstätige Müttern und Vätern mehr Flexibilität im Arbeitsalltag gewährleisten. Arbeit 4.0 könnte als digitale Reform der bestehenden Arbeitsformen und -verhältnisse die Lösung von morgen sein. Anpassungsfähigere Arbeitsmodelle ermöglichen beispielsweise das Arbeiten per Home Office (Arbeit von Zuhause), durch mobile Zugänge (per Cloud Computing). Zudem ist Job-Sharing ein neues Modell, das durchaus von den Berliner Unternehmen aufgegriffen werden könnte. Zwei Berufstätige teilen sich in Teilzeit denselben Job und können so in gemeinsamer Abstimmung Familien und Arbeit managen.

Was wird der nächste Schritt sein? – Fragt sich selbstverständlich auch unsere Redaktion der BERLINboxx. Wird die Frauenquote bald mehr Unternehmen betreffen? Erhöht sich die Quote auf 50 Prozent? Fragen über Fragen. Der Kulturwandel in der Wirtschaft hat bereits begonnen und hat das Potenzial des Wirtschaftsfaktors Frau längst erkannt. Jedoch müssen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gemeinsam, oder auch unabhängig voneinander, familienfreundliche Infrastrukturen begünstigen. Das heißt: Unternehmen bieten Arbeitsmodelle an, die Beruf und Familie miteinander vereinbar machen. Das können Betriebskindergärten, flexible Teilzeitmodelle und vieles mehr sein.

Zurückhaltung bei neuen Modellen

Noch ist die Berliner Unternehmenskultur sehr zurückhaltend hinsichtlich neuer Modelle, aber das wird sich mit den Frauen an Berlins Spitze zunehmend wandeln. Je mehr positive Beispiele präsent werden, umso schneller wird sich der Kulturwandel vollziehen. Die Wirtschaft könnte sich ein Beispiel an den Frauen-Netzwerken nehmen, denn die folgen dem Grundsatz: zuhören, austauschen, lernen und in die Praxis umsetzen. Es schadet auch nicht, wenn Unternehmen die Frauen dort abholen, wo sie sich gerade befinden. Worauf es letztlich ankommt ist doch, wohin sie gemeinsam gehen wollen – an die Spitze. (lj)

Wohnträume der Berliner: Eigene vier Wände im grünen Umland

Das Berliner Umland wird immer attraktiver für Wohnungssuchende, die den Dilemmata des Berliner Wohnungsmarktes überdrüssig sind. Wegen steigender Mieten und dem Wohnungsmangel ziehen immer mehr Berliner in den städtischer werdenden Speckgürtel der Hauptstadt. Sie wollen sich dort ihre Wohnträume erfüllen. Die Zahlen des Wohnungsmarktberichts der Investitionsbank Berlin (IBB) erfassen ein vergleichbares Wachstum der Einwohnerzahlen im Umland wie in Berlin selbst. Von 2012 bis 2016 stiegen die Einwohnerzahlen im Umland um 5,6 Prozent an, in Berlin selbst waren es 5,9 Prozent. Besonders beliebt sind dabei die Regionen Potsdam, Falkensee und Königswusterhausen. Einfamilienhäuser dominieren weiterhin das Baugeschehen des Umlandes. Doch auch der Geschosswohnungsbau im Großstadtstil wird angesichts der Zuzüge nötig und lukrativ für Projektentwickler sein.

Mit den steigenden Einwohnerzahlen erhöhen sich natürlich auch die infrastrukturellen Anforderungen an das Brandenburger Umland und die Verbindungen nach Berlin. Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher sieht schon lange die Notwendigkeit einer engen Zusammenarbeit der beiden Länder. „Dass das Wachstum Berlins auch Auswirkungen auf Brandenburg und insbesondere die Umlandgemeinden hat, liegt auf der Hand. Wir stehen deshalb im ständigen Dialog, u.a. im kommunalen Nachbarschaftsforum, um auch die Entwicklung der wachsenden Stadtregion in einer geordneten und städtebaulich sinnvollen Art und Weise gemeinsam voranzubringen“, so Lompscher.

 

Die Anforderungen an die Infrastruktur der Umlands-Siedlungen erhöhen sich. | Foto: pexels.com

Die Anforderungen an die Infrastruktur der Umlands-Siedlungen erhöhen sich. | Foto: pexels.com

 

Die Wohnträume wären im Berliner Umland realisierbar

Rund 27.000 Wohnungen wurden im starken Wachstumszeitraum 2012 bis 2016 in Stadtnähe in Brandenburg gebaut, weitere 15.000 sind bereits genehmigt. Die meisten Fertigstellungen verzeichnete die Landeshauptstadt Potsdam. Mit einer Zunahme an Baugenehmigungen von 11,8 Prozent ist kein Ende der dynamischen Wohnungsbauentwicklung in Sicht. Die Attraktivität des Wohnens an der Schnittstelle zwischen städtischen Möglichkeiten und ländlicher Ruhe ist unangefochten. Wer im sogenannten Speckgürtel der Hauptstadt wohnt, nimmt das Beste von beidem mit. Doch stellt sich die Frage, ob die erhöhte Abwanderung ins Umland einem Wohntraum vom Leben im Grünen in städtischer Nähe entspricht. Oder ob sie vielmehr eine Konsequenz der dramatischen Wohnsituation Berlins ist.

Der Großteil der Deutschen lebt in Geschosswohnungen mit mindestens vier Zimmern, die unter 100 Quadratmeter groß sind. Dieses Profil ergab die vom Baufinanzierungsvermittler Interhyp veröffentlichte „Wohntraumstudie 2018“. Nur die Hälfte der 60 Prozent in Klein- bis Großstädten lebenden Deutschen fühlt sich dort jedoch wohl. Ganze 56 Prozent fühlen sich von dem anhaltenden Straßenlärm ihres derzeitigen Wohnortes gestört, 44 Prozent sind es in Berlin. Während die Mehrheit der Deutschen (60 Prozent) von einem freistehenden Einfamilienhaus träumt, spielen bei der Wohnungssuche auch Faktoren wie ein schöner Ausblick und die Nähe zur Natur mit jeweils 94 Prozent eine übergeordnete Rolle. Rund die Hälfte aller Befragten gibt jedoch an, dass ihre tatsächliche Situation besser sein könnte. Kompromisse werden laut 99 Prozent der Befragten keinesfalls bezüglich der Lage und Behaglichkeit gemacht. Stattdessen werden Abstriche am ehesten bei der Raumaufteilung und Bauweise der Immobilie gemacht.

 

Der Großteil der Deutschen lebt in Geschosswohnungen mit mindestens vier Zimmern, die unter 100 Quadratmeter groß sind. | Foto: pexels.com

Der Großteil der Deutschen lebt in Geschosswohnungen mit mindestens vier Zimmern, die unter 100 Quadratmeter groß sind. | Foto: pexels.com

 

Eigenheim mit Garten oder Mehrfamilienhaus in Naturnähe

Im Vergleich zur 2016 veröffentlichten Wohntraumstudie ist das Zuhause sogar noch bedeutender geworden. Für 57 Prozent (2016: noch 46 Prozent) ist das Zuhause sehr wichtig, für 40 Prozent wichtig. Das Zuhause gilt als Rückzugsort, ist aber auch ein Ort der Zusammenkunft mit Familie und Freunden. Wichtige Beweggründe vom Mieter zum Eigentümer zu werden, sind vor allem der größere Gestaltungsspielraum in der eigenen Immobilie und die Unabhängigkeit vom Vermieter. Insgesamt wünschen sich 76 Prozent der Befragten ein Eigenheim. Im Hinterkopf bleibt jedoch immer die Frage, was unter den aktuellen Umständen möglich und umsetzbar ist. Der Umzug in eine größere Wohnung ist in Berliner Verhältnissen, oft mit dem Wegzug aus dem Kiez verbunden. Mietserhöhungen sowie steigende Quadratmeterpreise, die sich verglichen mit alten Mietverträgen inzwischen fast verdoppelt haben, erschweren die Wohnungssuche in direkter Nachbarschaft.

Dieser maßvolle und realistische Umgang mit den eigenen Wohnträumen lässt vor allem darauf schließen, welchen bleibenden Eindruck die derzeitige Wohnungssuche hinterlässt. Zum anderen weisen diese Abwägungen auch positiv darauf hin, wie realistisch die Wohnungssuchenden vor diesem Hintergrund ihre Finanzen einschätzen können.Trotzdem wünschen sich 73 Prozent der Befragten eine größere Wohnfläche als die durchschnittlichen 100 Quadratmeter. Auch von einem Garten träumen die meisten Befragten. Dies ist vor dem Hintergrund der Landflucht interessant. Denn die Attraktivität des Brandenburger Umlandes bemisst sich nicht ausschließlich am Wohnstil des Einfamilienhauses oder der Nähe zur Natur. Neubausiedlungen mit Mehrfamilienhäusern prägen das Bild der Fertigstellungen. Auch diese befinden sich oft in Waldnähe oder integrieren gemeinschaftliche Garten- und Spielplatz-Konzepte im Innenhof der Gebäudekomplexe.

Zufriedene Berliner und die Alternative Großstadt

Der Senat sieht weitere vorhandene Bauflächen für die Entlastung des Berliner Wohnungsmarktes im Umland. Bis 2030 werden in Berlin 194.000 Wohnungen benötigt. Hiervon könnten 65.000 Wohnungen auf bestehenden Flächen in Brandenburg realisiert werden. Vor dem Hintergrund, dass 76 Prozent der Berliner laut Interhyp angeben, mit ihrer Wohnsituation zufrieden zu sein, stellt sich jedoch die Frage, ob der Umzug nach Brandenburg nicht eher als Notlösung in der „Provinz“, verbunden mit langen Fahrtzeiten und hohen Benzinkosten, gesehen wird.

 

76 Prozent der Berliner sind zufrieden mit ihrer Wohnsituation. | Foto: pexels.com

76 Prozent der Berliner sind zufrieden mit ihrer Wohnsituation. | Foto: pexels.com

 

Zufriedener als die Berliner sind übrigens nur die Stuttgarter, 82 Prozent von ihnen würden ihre Wohnsituation nicht eintauschen. Infolge der Zufriedenheitsrate könnte also auch vermutet werden, dass Berliner, die bereits eine geeignete Wohnung gefunden haben, glücklich mit den Vorteilen des Hauptstadtlebens sind. Gründe für das Leben an einem immer teurer werdenden Standort wie Berlin sind eine Vielzahl an Kultureinrichtungen, Selbstverwirklichungsmöglichkeiten und berufliche Vorteile. Auch die bekannte Berliner Mischung ist immer wieder ein entscheidendes Kriterium für die Wahl der Großstadt. Im Speckgürtel hingegen macht die „Alternative Großstadt“ nur die Hälfte der Möglichkeiten und Wohnträume aus. (cn)

Im dritten Anlauf: Zustimmung zu Brückenteilzeit-Gesetz

Am Mittwoch stimmte das Bundeskabinett dem Gesetzesentwurf des Bundesarbeitsministers Hubertus Heil (SPD) zur Regelung der Brückenteilzeit zu. Das Gesetz soll die rechtmäßige Rückkehr von einer Teilzeit- in eine Vollzeitstelle regeln. Voraussetzung ist, dass es sich um eine zeitlich begrenzte Teilzeit handelt. Während die Zustimmung des Bundestages noch aussteht, würde der Anspruch rund 22 Millionen Beschäftigte betreffen. Diese sollen ab dem 1. Januar 2019 nach dem Inkrafttreten des Gesetzes sorgenfreier entscheiden können. Nachdem vergleichbare Entwürfe während mehrerer Amtszeiten seit 2009 gescheitert waren, möchte Arbeitsminister Heil nun „Brücken schaffen“.

Die Zahl der Teilzeitbeschäftigten hat sich laut des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) seit 1998 von acht auf mehr als 15 Millionen fast verdoppelt. Vier von fünf in Teilzeit Arbeitenden sind Frauen. Heil wies darauf hin, dass sich viele von ihnen aus Gründen der Vereinbarkeit von Beruf und Familie unfreiwillig in der sogenannten „Teilzeit-Falle“ befänden. Für den Vorstoß der aktuell entworfenen Regelung musste der SPD-Politiker einige Zugeständnisse machen. Trotzdem hagelt es weiterhin oder gerade deshalb Kritik vonseiten der Parteien und Arbeitgeberverbände.

Einschränkungen und Vorteile der Brückenteilzeit

Die notwendigen Zugeständnisse der SPD äußern sich in der Beschränkung des Anspruchs auf bestimmte Unternehmensgrößen und weitere Einschränkungen. Das Gesetz betrifft Betriebe ab einer Größe von 45 Beschäftigten. Unternehmen mit einer Größe von 46 bis 200 Mitarbeitern werden mit einer Zumutbarkeitsgrenze entlastet. Nur einem von 15 Mitarbeitern muss der Arbeitgeber die vorher genau festgelegte Brückenteilzeit gewähren.

Um die Union nach zweimaligem Scheitern der Entwürfe von Vorgängern zur Zustimmung zu bewegen, hat das Bundesministerium für Arbeit und Soziales die Beweispflicht-Klausel stark abgeschwächt. Denn derzeit sind die Arbeitnehmer in der Beweispflicht, eine freie Stelle aufzuzeigen, sollten sie wünschen, aus der Teilzeit in Vollzeit zurückzukehren. Heil wollte ursprünglich auf eine Umkehrung der jetzigen Regelung und somit eine Entlastung der Arbeitnehmer hinarbeiten.

Die befristete Teilzeit ermöglicht es nun, den Schritt auch aus anderen Gründen als den bisher gesetzmäßig legitimen mit Rückkehrrecht zu wagen. Somit wird die Aufstockung der Stunden nicht nur nach der bisher geregelten Eltern- oder Pflegezeit gewährt, sondern gesetzlich auch auf Weiterbildungen, Selbstverwirklichungen oder die Freizeit ausgeweitet. Verändert sich das Leben, kann auch die Stundenanzahl ohne Angst vor einer endgültigen Entscheidung angepasst werden. „Arbeit, die zum Leben passt – das ist für immer mehr Menschen ein entscheidender Wert und für mich ein wesentliches Ziel“, sagt Heil. Er „baue Brücken“ für eigene Pläne und besondere Lebenssituationen, betonte Heil nach dem Erfolg der Zustimmung durch das Bundeskabinett.

Vor allem Frauen sollen von der Flexibilität des neuen Brückenteilzeit-Gesetzes profitieren. | Foto: pexels.com

Bürokratie vs. Selbstverwirklichung

Der Beitrag, den er zur Gleichstellung von Frauen und dem Ausmerzen der „Teilzeit-Falle“ damit leisten möchte, wird jedoch kritisch betrachtet. So gibt die Deutsche Handwerkszeitung an, Frauen würden vor allem in kleinen Betrieben arbeiten, in denen der Anspruch gar nicht geltend gemacht werden könne. Die Linke rechnete zudem vor, dass das Gesetz aufgrund der Betriebsgröße grundsätzlich sowieso nur jeden vierten Beschäftigten beträfe (Quelle: Morgenpost). 22 Millionen oder rund 27 Prozent – das macht schon vom Klang her einen erheblichen Unterschied.

Sowohl der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) als auch der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagebau (VDMA) sorgten sich um eine Verschärfung des Fachkräftemangels. Für Arbeitgeber entstehe ein Gegensatz aus der „Verrechtlichung der Arbeitsverhältnisse“ und weiteren unbesetzten Stellen, aufgrund der neu gewonnenen Freiheit, die Mitarbeitern den Rücktritt in ein Teilzeitverhältnis ermöglicht. Eine Teilzeitbeschäftigung ist nun keine Einbahnstraße für Beschäftige mehr, könnte sich jedoch in bürokratischen Aufwand für Arbeitgeber verwandeln. Außerdem würde laut ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke nach „schon bestehenden Belastungen“, wie  dem gesetzlichen Mindestlohn, den Einschränkungen der Zeitarbeit und den Entgelttransparenzvorschriften, ein weiteres Mal „tief in die Entscheidungsfreiheit der Unternehmen“ eingegriffen.

Von den Gewerkschaften begrüßt

Der deutlich entschlackte Gesetzesentwurf zur Brückenteilzeit scheint jedoch ein wichtiger Schritt zu sein, dem aber noch weitere folgen müssen. „Das ist ein erster wichtiger Schritt in Richtung mehr Arbeitszeitsouveränität und Selbstbestimmung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Diese Reform war überfällig – insbesondere nachdem ein entsprechendes Vorhaben in der letzten Legislaturperiode an den erforderlichen Mehrheiten gescheitert war“, so DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach. Der DGB wird sich auch zukünftig für mehr Arbeitszeitsouveränität einsetzen, sodass Arbeitnehmer Beruf und Privatleben besser vereinbaren können. (cn)

 

 

Das Palmöl-Dilemma: Steht das Pflanzenfett zu Recht in der Kritik?

Palmöl ist wegen seiner großen Vielseitigkeit und den geringen Herstellungskosten weltweit inzwischen das wichtigste Pflanzenöl. Vor allem aus der Lebensmittel– und Kosmetikindustrie ist es nicht mehr wegzudenken. Unter den pflanzlichen Fetten ist es der Superstar – dreimal so ertragreich wie Raps, leichter zu verarbeiten als Kokosfett. Die Palmöl-Produktion steht aber zugleich für vernichtete Regenwaldflächen, strittige Landrechte und katastrophale Arbeitsbedingungen bis hin zu Menschenrechtsverletzungen. Dabei wird Palmöl längst nicht nur umfassend in Lebensmitteln, sondern vor allem auch in Kosmetika verwendet.

Alternative Ansätze: Ist eine faire Produktion von Palmöl möglich?

Unternehmen wie The Body Shop, Yves Rocher und Rituals werben für tierversuchsfreie Kosmetik, weitgehend natürliche Inhaltsstoffe und gründen oder fördern Projekte zur Durchsetzung dieser Standards. Der Kosmetikhersteller Dr. Bronner‘s hat sich bereits 2005 dazu entschieden, ausschließlich auf Rohstoffe aus Biolandbau und fairem Handel zu setzen und die Produktionsverhältnisse komplett umzukrempeln. Dazu gründete Dr. Bronner’s Tochtergesellschaften wie Serendipalm Co. oder Serendipol Co. in Ländern, aus denen das Unternehmen seine Rohstoffe für die Seifenproduktion bezieht. Außerdem werden die Projekte anderer Wohltätigkeits- und Naturschutzorganisationen tatkräftig unterstützt und zum Teil sogar weiter ausgebaut.

Dr. Bronner’s unterstützt verstärkt lokale Kleinbauern und fördert die gezielte und selbstständige Verwirklichung der Gemeinde. Als Mitglied der World Fair Trade Organization (WTFO) werden bereits 90 Prozent der verwendeten Inhaltsstoffe aus Biolandbau bezogen. So wurde 2007 das inzwischen von der ghanaischen Tochtergesellschaft geführte Projekt Serendipalm Co. für die Herstellung von Bio- und Fair Trade-Palmöl ins Leben gerufen. Über 500 Bauern von Farmen, auf denen keine Vergrößerung, Rodungen oder Artenvertreibungen stattgefunden haben, beliefern das Projekt bereits. Die örtlichen Kleinbauern wurden mit Setzlingen versorgt, die es ermöglichen, höhere Erträge auf gleicher Fläche zu erzielen.

Regenwaldrodungen und strittige Landrechte prägen das Image von Palmöl. | Foto: pexels.com

Regenwaldrodungen und strittige Landrechte prägen das Image von Palmöl | Foto: pexels.com

Fairness durch soziale Projekte

Nach ähnlichem Verfahren wurde bereits 2005 das Projekt zur Gewinnung von Bio- und Fair Trade-Kokosöl, Serendipol, in Sri Lanka und inzwischen auch in Kenia initiiert. Diese und viele weitere Projekte arbeiten durch Bodenwartung, die Vergrößerung der Abnahmefarmen, lokale Verbesserung der Lebensqualität und die Schulung der Kleinbauern darauf hin, durch die Erhöhung der Bodenqualität und Lebensqualität der Produkteure, auch eine Erhöhung der Produktivität und Profitabilität zu erreichen. Der Standort in Sri Lanka gehört inzwischen zur weltweit führenden Quelle für Fair Trade Virgin Coconut Oil (VCO). Das Projekt in Kenia wurde trotz weiterlaufender Kundschaft an lokale Partner übergeben. Ein Teil der Erlöse kam sozialen Projekten zugute. So wurden Jugendgruppen unterstützt, denen  bessere Lebensbedingungen ermöglicht werden sollen. Außerdem wurde der Aufbau öffentlicher Sanitäranlagen und einer Geburtenstation finanziert.

Umweltfreundliche Alternativen und Verantwortung

Ein bewusster Umgang mit dem Thema Nachhaltigkeit bedeutet jedoch nicht nur das Bewusstsein für Inhaltsstoffe, Produktionsbedingungen und Lokalität zu schärfen. Es erfordert beispielsweise auch, auf die verwendete Verpackung, produzierten Müll und Minimalismus zu achten. Verzicht auf Plastiktüten oder das Mitbringen von Stoffbeuteln ist schon längst common sense. Unverpackt-Läden, Vermeidung von Plastik, Ersatz durch Papierverpackungen oder Gebrauchsgegenstände aus Holz werden ebenfalls immer populärer. Dennoch wird Palmöl, das nicht nur im Ruf steht, Umwelt und Lebensräume zu zerstören, sondern auch gesundheitsschädigend sein soll, kritisch gesehen. Das Pflanzenfett schmeckt ähnlich wie Butter und ist in allerhand Fertiggerichten, Süßigkeiten, Babynahrung, Seifen und Streichcremes enthalten. Beschränkt man sich auf die Nutzung von Kosmetika, die Palmöl enthalten, dürfte die Frage nach den Produktionsstandards die Entscheidende sein.

Im Rahmen einer Round Table-Diskussionsrunde lädt Dr. Bronner‘s zur Beantwortung der Frage ein: „Kann Palmöl unter ökologisch und sozial verantwortungsvollen Bedingungen hergestellt werden?“. Im Berliner Standort in den Hackeschen Höfen wird am 26. Juni zu 19 Uhr debattiert. Diskutiert wird dabei sicher auch die Frage, ob auch nachhaltige und verantwortungsbewusste Erzeuge zu Recht oder zu Unrecht in der Kritik stehen. (cn)

Zukunft und Sichtbarkeit für die Toleranz: „Pears Jüdischer Campus“ Berlin

In der Westfälischen Straße in Berlin Charlottenburg wird bis 2020 der „Pears Jüdischer Campus“ als interkulturelle Begegnungsstätte und Bildungszentrum entstehen. Am Sonntag setzte Außenminister Heiko Maas den ersten Spatenstich für das deutschlandweit größte Projekt seiner Art. Der seit 2008 von Rabbiner Yehuda Teichtal geplante Campus soll eine Ausbildung vom Kindergarten bis zum Abitur unter jüdisch-orthodoxen Gesichtspunkten ermöglichen. Auch die Erwachsenenbildung und Flächen für Festveranstaltungen, Aufführungen, Kunst und Kultur werden planmäßig untergebracht. Als Ort der Toleranz und des Miteinanders sowie der Erhöhung der Sichtbarkeit des jüdischen Lebens in der Stadt, wird der jüdische Campus bewusst als offener Ort betont. Hier sollen auch nicht-jüdische Organisationen, Religionen und Menschen willkommen sein sowie Platz für ihre Veranstaltungen geboten werden.

Zwei Drittel der Bauinvestition in Höhe von 18 Millionen Euro sind bereits zusammengetragen. Das bisher beispiellose Projekt unterstützen neben dem Bund, dem Land Berlin und der EU, hauptsächlich die „Pears Family Charitable Foundation“, die auch Namensgeber sind. Rabbiner Teichtal ist Mitglied der orthodoxen Berliner Chabad Lubawitsch-Gemeinde, die das Bildungs- und Begegnungszentrum auch leiten werden. „Orthodox aber offen“ mithilfe von Integration, lautet der zweigleisige Fahrplan.

 

Der Campus wird eine Begegnungsstätte der Toleranz. | Foto: pexels.com/ Tirachard Kumtanom

Der Campus wird eine Begegnungsstätte der Toleranz. | Foto: pexels.com/ Tirachard Kumtanom

 

„Wunder der Vergebung“ statt erneute Antisemitismusgefahr

Außenminister Maas erinnerte an das Zitat des heutigen Bundespräsidenten Frank-Walter-Steinmeier: „Wer Häuser baut, der bleibt“. Dieses verwendete er damals bei der Einweihung des Bildungszentrums der Chabad-Gemeinde, 2011. Maas fügte zum Spatenstich diesmal zuversichtlich und erfreut hinzu: „Wer einen Campus baut, der baut die Zukunft. Denn der Jüdische Campus ist ein starkes Zeichen, ein dauerhaftes Bekenntnis zur Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland und eine hoffungsvolle Bereicherung für die Bildungslandschaft in Berlin.“ Weitere hochranginge Zeugen der Initiierung waren Kultursenator Klaus Lederer, Bundestags-Vizepräsidentin Petra Pau und der ehemalige Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit.

Der Campus sei auch in Zeiten erneuter „Herausforderungen mit dem Antisemitismus“, von Fremdenfeindlichkeit und „Berührungsängsten“ ein wichtiges Gegenbeispiel für Toleranz und Anerkennung, wie Rabbiner Teichtal  betonte (Quelle: rbb). Maas bezeichnete die durch Sport, Kultur und Offenheit getragene Bildungseinrichtung des Weiteren als „Wunder der Vergebung“. Diese Zukunft nimmt nun 10 Jahre nach Beginn der Planung durch den visionären Rabbiner und 80 Jahre nach den Novemberprogromen 1938, endlich Form an. Rabbiner Teichtal kam vor 22 Jahren aus New York nach Berlin um „Brücken zu schaffen“, die nun großflächiger den je Gestalt annehmen.

 

Damals schon beim jüdischen Lichtfest Chanukka dabei: (v.l.n.r.) Jeremy Issacharoff, Israelischer Botschafter, Heiko Maas, Bundesjustizminister, Michael Müller, Regierender Bürgermeister Berlin, Siegfried Nehls, Vorstand SANUS AG, Rabbiner Yehuda Teichtal | Foto: Dirk Lässig

Damals schon beim jüdischen Lichtfest Chanukka dabei: (v.l.n.r.) Jeremy Issacharoff, Israelischer Botschafter, Heiko Maas, Bundesjustizminister, Michael Müller, Regierender Bürgermeister Berlin, Siegfried Nehls, Vorstand SANUS AG, Rabbiner Yehuda Teichtal | Foto: Dirk Lässig

 

Orthodoxer Stil und moderne Architektur auf dem „Pears Jüdischer Campus“

Die orthodoxe Schul- und Kleiderordnung sowie das koschere Mensa-Essen, entgegen eines jüdisch-liberalen Lebensstils, werden mit der Integration aller Lernenden begründet. Durch Regeln wie beispielsweise die Geschlechtertrennung bei Tanzveranstaltungen, könnten auch Kinder aus orthodoxen Familien am gesamten Alltag auf dem Campus teilhaben. So würde keine erneute Aufteilung in den integrierten Einrichtungen Kita, Grundschule, Gymnasium und Sport herrschen. Diese wird bei den Schulfächern jedoch in weltliche und religiöse Fächer vorgenommen. 7000 Quadratmeter wird die Einrichtung auf einem Grundstück in der Westfälischen Straße umfassen. Für Rabbiner Teichtal ist der gewählte Standort, nicht nur der seiner Gemeinde, sondern Berlin zeigt sich durch die Realisierung seines Projekts, weiterhin als „offener Ort für alle Menschen aus allen Gesellschaften“ (Quelle: Berliner Morgenpost).

Entworfen wird der Campus von Star-Architekt Sergej Tchoban. Seine Entwürfe sind in Berlin bereits in Form des Cubix Multiplex-Kinos am Alexanderplatz, der Mall of Berlin am Leipziger Platz und vielen weiteren Bauten zu sehen. In Potsdam realisierte der russisch-stämmige Tchoban die Wohnanlage Speicherstadt und beweist Flexibilität und Kreativität was die Nutzung seiner entworfenen Gebäude angeht. Wie die B.Z. berichtet, soll der mit glasierter Keramik zu verkleidende „Jüdische Campus“ im Blau der israelischen Flagge erstrahlen. (cn)

Berlins beste Ausbildungsbetriebe 2018 ausgezeichnet

Am Montag zeichneten die Industrie- und Handelskammer Berlin (IHK) sowie die Handwerkskammer Berlins beste Ausbildungsbetriebe in drei Kategorien aus. Unter den über 70 Bewerbern befanden sich Unternehmen aus Berlin und solche, die hier einen Standort besitzen. Ziel des Preises ist es, andere Unternehmen zur Bewerbung zu motivieren und ihre Ausbildungsattraktivität für junge Menschen zu erhöhen. In Anbetracht des erhöhten Fachkräftemangels der Hauptstadt ist es vielen Unternehmen ein Anliegen ihre ausstehenden Ausbildungsplätze überhaupt erst mit Nachwuchs zu besetzen und die Azubis durch ein gutes Image an sich zu binden. Die zehn-köpfige Jury, darunter auch Arbeitssenatorin Elke Breitenbach (Linke), zeichnete Unternehmen mit besonderer Ausbildungsaktivität und Engagement für benachteiligte Jugendliche oder Geflüchtete aus.

Solchen Einsatz können beispielsweise zusätzliche Projekte für Azubis, ermöglichte Auslandspraktika und die Übernahme der Fahrt- oder Führerscheinkosten ausmachen. Im Falle der Frisch und Faust Tiefbau GmbH, die den Preis in der Kategorie 51-249 Mitarbeiter gewannen, äußert sich das Engagement in der Nachhilfe und Prüfungsvorbereitung von Auszubildenden für ihre Berufsschule. Den Preis für eine Unternehmensgröße von mehr als 250 Mitarbeitern erhielt der Fachgroßhandel für Haustechnik und Industriebedarf, BÄR & OLLENROTH KG. Doch auch in kleineren Unternehmen, die in der Kategorie bis zu 50 Mitarbeiter ausgezeichnet wurden, bemisst sich die Aktivität und Beteiligung nicht an der Größe des Unternehmens. Der Berliner Standort des Farbenherstellers Brillux und die Kreuzberger Druckerei Druckzuck erhielten beide einen Preis. Letztere integrierten im letzten Jahr den ersten Geflüchteten in ihr Team und übernahmen somit eine größere Verantwortung, denn neben der Berufsschule findet noch Deutschunterricht statt (Quelle: rbb Abendschau).

Nachhilfe für die Berufsschule kann eine Form des besonderen Engagements sein. | Foto: pexels.com

Die Qualität der Ausbildung als gesellschaftliche Aufgabe

„Der Wettbewerb beweist eindrucksvoll, welch hohen Stellenwert die Qualität der Ausbildung in den Betrieben genießt. Denn Fakt ist: Die Berliner Wirtschaft sucht händeringend Nachwuchs und bietet mehr Ausbildungsplätze an als im vergangenen Jahr. Leider wächst auch die Zahl der unbesetzten Ausbildungsplätze. Unsere jüngste IHK-Umfrage belegt, dass bei 40 Prozent der ausbildenden Unternehmen Lehrstellen vakant bleiben. Daran etwas zu ändern ist und bleibt eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, so Tobias Weber, Vizepräsident der IHK Berlin. In diesem Zusammenhang weist er auch auf die rund 99.000 fehlenden Fachkräfte der Stadt hin.

Abgesehen von dem Imageproblem der Berufsausbildung und dem zu schnellen Suchen nach irgendeinem Studienfach, wird berlinweit auch jede dritte Ausbildung abgebrochen. Das Imageproblem hängt auch international nicht mit dem Ruf deutscher Betriebe zusammen, sondern mit der Bezahlung die sich Studierende im Gegensatz zu Auszubildenden und somit späteren Gesellen erhoffen. Auch das Studienfach wird jedoch häufig aufgrund der Fülle an Möglichkeiten und der meist lockeren Anwesenheitspflichten nach zwei Semester gewechselt oder beendet.

Die diesjährigen Gewinner und Betriebe kommen aus den verschiedensten Branchen. | Foto: pexels.com

Bei Berlins besten Ausbildungsbetrieben entscheidet der Charakter

Das 1969 von der großen Koalition verabschiedete Berufsbildungsgesetz, sorgte in Wirtschaft und Industrie damals für harsche Kritik. Für die Erlaubnis als Betrieb ausbilden zu dürfen, war damals eine Genehmigung durch Bund und Länder nötig. Auch die Berufsausbildung selbst, war in starre Formen gedrängt und weitreichende Zusatzqualifikationen waren erst nach der grundlegenden Novellierung des Gesetzes 2005 möglich. Heute kann die Wirtschaft angesichts der klaffenden Lücken, Auftragsüberbuchungen und Verzögerungen von Fertigstellungen, beispielsweise im Baufachgewerbe, weniger Ansprüche stellen.

Die diesjährigen Gewinner geben jedoch an, dass es ihnen bei der Auswahl und Einstellung der Auszubildenden vermehrt um die charakterlichen Eigenschaften und persönlichen Qualifikationen des Menschen ginge, anstatt um gute Noten (Quelle: Berliner Zeitung und rbb Abendschau). Teilnahmeberechtigt sind alle Unternehmen, die im Rahmen der dualen, betrieblichen Ausbildung Ausbildungsverträge bei der IHK oder der Handwerkskammer Berlin registriert haben und ab Ausbildungsbeginn 2015 aktiv ausbilden. Auch Start-ups und Unternehmen, die noch jünger als fünf Jahre sind, konnten sich in diesem Jahr wieder in einer eigenen Kategorie bewerben. (cn)

Was der Berliner Sommer mitbringt und was er nicht ermöglicht

Der Berliner Sommer der das Berliner Stadtleben, insbesondere den vergangenen Monat Mai bestimmte, hat gerade erst begonnen. Jeden Tag werden in den Berliner Medien neue Tipps zur Abkühlung angeboten. Die meisten Leser sitzen jedoch im Büro. Der heißeste Mai seit Rekordhalter im Jahre 1889, kam mit rund vier Grad über den gewohnten Temperaturen. Tief Wilma heißt die warme, zum Teil drückende Luft, die nicht nur Schülern Hitzefrei beschert, sondern durch extreme Trockenheit auch Waldbrände in Aussicht stellt. Der ADAC gab sogar eine Warnung hinsichtlich erhöhten Unfallrisikos aufgrund der gesteigerten Aggressionsbereitschaft mancher Verkehrsteilnehmer bei schwül-warmem Wetter heraus. Auch alten Menschen und körperlich im Freien Arbeitenden, können tägliche 30 Grad aufwärts erhebliche Probleme bereiten.

Der Berliner Sommer überraschte die Hauptstadt dieses Jahr etwas früher. Nicht nur ihre Bewohner konnten sich so schnell gar nicht frei nehmen und genießen, sondern auch die Berliner Bäderbetriebe (BBB) waren, gelinde gesagt, ein weiteres Mal nicht optimal vorbereitet. Der Senat erwägt inzwischen eine Übernahme der Geschäftsführung durch die Berliner Wasserbetriebe (BWB).

Die Hitzewelle im Mai 2018 nähert sich Rekordwerten von 1889. | Foto: pexels.com

Der Berliner Sommer der eingeschränkten Öffnungszeiten

Nur 17 der 26 Berliner Freibäder waren letzte Woche geöffnet. Der Rest sollte zum offiziellen Start der Freibadsaison am 02. Juni nachziehen. Obowhl Berlin bereits seit einem Monat Hochsommerstimmung erfährt. Wie aus den letzten Jahren bekannt, sind die BBB weiterhin unflexibel was eine frühere Öffnung der Freibäder oder längere Wasserzeiten an besonders heißen Tagen angeht. Gründe werden genügend angegeben. Das brachte den Bäderbetrieben bereits den Titel „Sorgenkind, der landeseigenen Unternehmen“ der Morgenpost, ein. Trotz wiederholter und vor allem aufgestockter Finanzierungshilfen durch den Senat, bleiben die Argumente für außerplanmäßige Schließungen oder Öffnungen dieselben. Aufgrund von Personalmangel und des schlechten Zustandes der Bäder – manche von ihnen bereits mitten in den Sanierungsarbeiten – müssen Badegäste ausharren. Zusätzlich wird eine umfangreiche Vorbereitungszeit, beeinflusst von weit zurückliegenden Frostmonaten und dem Messen der Wasserqualität angegeben.

Angesichtes des erneut verspäteten Saisonstarts, hat sich bereits der „Verband Berliner Bäderbesucher“ gegründet. Unter dem Motto „Baden im Kiez ist unser Anspruch“ (Quelle: Tagesspiegel), setzen sie sich für eine Veränderung ein. Vor allem möchte der Verband ein verstärktes Zugehen der Bäder auf die reale Nachfrage und das Wetter erreichen. Auch die Politik sieht sich der unbeantworteten Frage gegenüber, wohin die immensen Zusatzgelder verschwinden. Für die Sanierung und den ausdrücklichen Wunsch auf Personalaufbau ermöglichte der Senat den Bädern im Jahr 2017 bereits 55 Millionen Euro. Im Jahr 2018 stehen nun mehr als 57 Millionen Euro zur Verfügung. Geändert hat sich auch nach Einführung der App, die schnelle Informationen zu den Öffnungszeiten und der Wasserqualität geben soll, bisher kaum etwas.

Ambitionierte Schwimmer haben sich zum „Verband der Berliner Bäderbesucher“ zusammengeschlossen. | Foto: pexels.com

Erhoffte Qualitätssteigerung durch Übernahme

Die Qualität der Gewässer in und um Berlin ist in 98 Prozent der Fälle gut bis ausgezeichnet. Bäder wie das Sommerbad Humboldthain (Wedding), das Columbiabad (Neukölln) oder das Kinderbad Monbijou (Mitte) bleiben bis zum 2. Juni trotzdem geschlossen. Hinzu kommen die beiden von Legionellen befallenen Bäder in Kreuzberg und im Olympiastadion, die aufgrund von Gesundheitsrisiken den Großteil ihrer Duschen schließen mussten. Die Bakterien gedeihen vor allem in Warmwassereinrichtungen mit Sprühnebel. Sie können in bestimmten Fällen grippeartige Symptome bis hin zu lebensgefährlichen Lungenentzündungen hervorrufen. Die Kontrolle der Wasserproben ist auf gesamte zehn Tage angesetzt.

Die Überlegung auf Zusammenlegung der Bäderbetriebe mit den Wasserbetrieben ist vor allem auf den einfachen Zusammenhang zurückzuführen, dass auch nach deutlich erhöhten Zuschüssen, weniger Leistung auf Seite der BBB als Antwort kam. Wie der Tagesspiegel berichtet ist das Management der BBB aus diesem Grund, Anfang Juni in das Landesparlament geladen worden. Neben einer möglichen Andockung an die BWB, müsse jedoch erstmal ein Zukunftskonzept mit ordentlichem Wirtschaftsbetrieb und dem Kunden im Mittelpunkt erarbeitet werden (Quelle: Berliner Morgenpost). In Berlin ist es derzeit heißer als auf der Iberischen Halbinsel. Es wäre doch wünschenswert, wenn an den Orten, wo bereits gebadet werden kann, auch eine Abkühlung möglich ist. Und das auch noch nach Feierabend. (cn)

Berliner Mobilitätsgesetz: Vorrang für umweltfreundliche Verkehrsarten

Nachdem sich die Rot-Rot-Grüne Landesregierung Berlin kürzlich einigte, soll das neue Mobilitätsgesetz am 28. Juni verabschiedet werden. Fest steht bereits, dass der Schwerpunkt auf den umfangreichen Ausbau einer sicheren Verkehrslage für Radfahrer und Fußgänger gesetzt wird. Der motorisierte Individualverkehr der Autofahrer wird bislang ausschließlich in einer Präambel des Gesetzesentwurfes festgehalten. Berlin ist damit das erste Bundesland, was sich per Gesetz für umweltfreundlicheren Verkehr und ein friedliches Miteinander aller Verkehrsteilnehmer stark macht.

Der von der Fahrradlobby befürchtete Paragraf, der das Mobilitätsgesetz eben nicht mit einem „Fahrradgesetz“ gleichsetzen und Autofahrer wieder stärker hervorheben sollte, wird nicht inkludiert. Stattdessen hat auch der öffentliche Nahverkehr Vorrang und verstärkten Anspruch auf seine vorgesehenen Flächen. Für die BVG wird vorgesehen Falschparker, die nicht nur auf Fahrradwegen ungebetene Gäste sind, nun zeitiger Abschleppen zu dürfen. Zudem soll sie mit Bussen und Bahn bis 2030 komplett emissionsfrei und klimaneutral unterwegs sein. Bis zum Stichtag Ende Juni möchte man sich noch über den Wirtschaftsverkehr und die intelligente Mobilität beraten und in das neue Gesetz aufnehmen.

Berlin senkt seine Emissionen durch neues Mobilitätsgesetz. | Foto: pexels.com

Rot-Rot-Grün und die sichere, ökologische Verkehrswende

„Rot-Rot-Grün bringt mit diesem Gesetz die soziale und ökologische Verkehrswende voran und schafft Voraussetzungen, um Mobilität für alle in der wachsenden Stadt zu gewährleisten“, so Carola Bluhm von der Linksfraktion. Durch ihren verkehrspolitischen Sprecher Oliver Friederici kündigte die CDU jedoch bereits ihre Ablehnung an, wie der Tagesspiegel mitteilte. Während die CDU von einer „Drangsalierung“ und „Ausbremsung“ der Autofahrer sprach, kritisierte auch der ADAC die „Asymmetrie“ des Gesetzes (Quelle: Tagesspiegel).

Hier werden vor allem Tempo 30-Zonen und die Reduzierung der Parkplätze in der Innenstadt angesprochen. Ähnliches stand auch im Rahmen der Fahrverbote für alte Diesel zur Debatte. Im neuen Mobilitätsgesetz sollen nun nicht nur langsamere Streckenabschnitte für Autofahrer für eine „Vision Zero“ sorgen. Das Vorhaben meint eine „Stadt ohne Tote und Verletzte“ und somit verkehrsbedingte Unfälle. Von diesen gab es laut B.Z. 2017 über 2200 mehr, als noch im Vorjahr 2016. Mit Radverkehrsanlagen auf allen Hauptstraßen und einer zusätzlichen Verbreiterung der Radwege soll für mehr Unabhängigkeit vom motorisierten Verkehr gesorgt werden. Zudem werden umfangreiche Stellflächen für Räder, darunter auch Fahrradparkhäuser, versprochen.

 

Im Mobilitätsgesetz werden Fahrradparkhäuser, schnelle Radwege und Fahrradkreuzungen verpsrochen. | Foto: pexels.com

Im Mobilitätsgesetz werden Fahrradparkhäuser, schnelle Radwege und Fahrradkreuzungen versprochen. | Foto: pexels.com

Gleichwertige Realisierung in allen Stadtbezirken

Die Reform soll gleichwertige Ergebnisse für alle Stadtbezirke erzielen und beim Ausbau in jedem Fall auch die äußeren Bezirke berücksichtigen. Auch die Erweiterung der polizeilichen Fahrradstaffel kann als Methode gewertet werden, vorbildlich voranzugehen und den Umstieg auf umweltfreundliche Verkehrsarten zu fördern. Dies könnte auch das Sicherheitsbewusstsein vieler stärken, die bisher noch nicht auf Fahrräder umstiegen, da sie sich auf den engen Querschnitten der Berliner Straßen nicht genug beachtet fühlten. Antje Kapek und Silke Gebel von der Grünen-Fraktion dankten „dem Volksentscheid Fahrrad für den Rückenwind in Richtung Verkehrswende“.

In dieser Hinsicht kam es diese Woche jedoch kürzlich zu einer Eigeninitiative einiger Radfahr-Aktivisten, wie der Tagesspiegel berichtet. Zwei symbolische Poller ohne Reflektoren, wurden von Aktivisten an der Schöneberger Kreuzung Kolonnenstraße/Hauptstraße aufgestellt. Diese grenzten einen von Autofahrern oft übersehenen und in der Kurve geschnittenen Radweg ab. Während die Polizei wegen „gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr“ gegen Unbekannt ermittelt, sollen die Aktionen bis Freitag weitergehen.

Asymmetrie im Mobilitätsgesetz ausmerzen

Stadtplaner Friedemann Kunst, wies darauf hin, man müsse gerade jetzt „klarstellen, wie man mit Straßen umgehen will“ (Quelle: Berliner Zeitung). Kunst, der bis 2013 die Abteilung Verkehr der Senatsverwaltung leitete, spricht damit unter anderem die Verlängerung der A100 an. Diese wird für nötig gehalten, wolle man den Autoverkehr in anderen Stadtteilen reduzieren oder verbannen. Fließender Verkehr ist zudem wesentlich umweltschonender als Stau auf Autobahnen oder das Stop-and-Go der Stadt. (cn)

Das Mobilitätsgesetz für ein friedliches Miteinander im Straßenverkehr. | Foto: pexels.com

Das Mobilitätsgesetz für ein friedliches Miteinander im Straßenverkehr. | Foto: pexels.com

Unternehmensengagement sichtbar weit verbreitet, jedoch selten anerkannt

Der Begriff „Corporate Citizenship“ beziehungsweise Unternehmensengagement beschreibt das bürgerschaftliche Engagement in und von Unternehmen über ihre eigentliche Geschäftstätigkeit hinaus. In Kooperation mit der Bertelsmann Stiftung erhob der Stifterverband die Daten für die „Corporate Citizenship Survey 2018“. Die 7.000 zahlenmäßig dargestellten Unternehmen geben eine repräsentative Übersicht der engagierten zwei Drittel an Unternehmen. Soziales Mitwirken ist jedoch selten organisiert und findet nicht regelmäßig statt. Laut der Studie, ist das auf den Charakter der Mithilfe zurückzuführen.

Ob im Bereich Sport, Bildung, Freizeit, Kultur oder Umwelt – viele Unternehmen engagieren sich neben der Schaffung von Arbeitsplätzen auch gesellschaftlich. Oft wird dabei eine langfristige Strategie verfolgt, die jedoch nicht auf Gewinnmaximierung ausgerichtet ist, sondern auf Attraktivitätssteigerung und positiven Markenschutz. Dem guten Willen und Potenzial als wichtige, mittragende Akteure der Zivilgesellschaft ermangelt es bisher jedoch an Anerkennung der Politik.

Unternehmensengagement erfordert Netzwerke

Während größere Unternehmen vor allem Geld- und Sachspenden (80 und 70 Prozent) zur Verfügung stellen, engagieren sich kleine Betriebe häufig lokal in Vereinen (48 Prozent). Die Unterstützung findet hier oftmals mit persönlicher Bindung zu den Unterstützern statt, wie beispielsweise im ansässigen Sportverein oder bei Sommerfesten. Der okkasionelle Charakter dieser Termine trägt jedoch nicht zur regelmäßigen Organisation und genau definierten Zielsetzung des Engagements der Unternehmen bei. Ziele und Wirkung des Engagements müssen durch die Unternehmen genauer definiert werden. Ob in größeren Unternehmen, die vermehrt im Forschungs- und Bildungsbereich aktiv sind oder durch die Aktivität einzelner engagierter Mitarbeiter. In allen Fällen entstehen solche langfristigen Zielsetzungen, die eine Region betreffen vor allem durch Netzwerke. Ein Zusammenwirken untereinander kommt allerdings nur bei sieben Prozent der Unternehmen überhaupt zustande. So gibt nur ein geringer Teil (16 Prozent) der engagierten Betriebe an, ihre Reichweite, Resonanzen und Resultat zu kennen.

„Ohne die Unternehmen geht es eben nicht. Eine starke Zivilgesellschaft braucht engagierte Unternehmen. Dabei kommt es zu Kooperationen und auch mal zu Konfrontationen und beides ist für unser Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell wichtig, Zusammenarbeit und Kritikfähigkeit”, so Andreas Schlüter, Generalsekretär des Stifterverbandes.

Komplexitätsabbau als Wertschätzung

Im Gegensatz zur Unsicherheit über die tatsächliche Wirkung ihres Engagements, sind sich 76 Prozent einig, nicht genug Anerkennung zu bekommen. Diese Enttäuschung wird häufig an den Versäumnissen der Politik festgemacht, die Abläufe der Unternehmen nicht zu vereinfachen. So schätzen vor allem kleine Firmen einen Bürokratieabbau sowie eine geringere Dokumentationspflicht und auch Steuererleichterungen als hilfreich ein. Andererseits soll auch an die Kundschaft appelliert werden, ihre Kaufentscheidungen von dem gesellschaftlichen Verhalten der Unternehmen abhängig zu machen.

„Erfolgreiches gesellschaftliches Engagement von Unternehmern lebt von deren intensiver Vernet­zung mit der Region und seinen Bürgern sowie dem Dialog zwischen den Inte­ressensvertretungen. Durch Vertrauen, Verantwortung und Wert­schätzung erhält das Unternehmen ein Gesicht in der eigenen Region”, so Liz Mohn, stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann Stiftung.

Standortfaktor Engagement

Mit Blick auf die zahlenmäßige Verteilung geben immerhin 41 Prozent an, die Standortattraktivität erhöhen zu wollen. 66 Prozent erhoffen sich davon einen guten Ruf. Daher erscheint es sinnvoll, wenn das Engagement bis zu den Unternehmen in der Region zurückverfolgt werden kann. Das Engagement in kleineren Vereinen, zu denen bestimmte Mitarbeiter möglicherweise persönliche Kontakte pflegen, ist in vielerlei Hinsicht wünschenswert. Den Unternehmenstitel allerdings unter die Förderung von größeren Bildungseinrichtungen oder Projekten der lokalen Umweltentlastung zu setzen, generiert stärkere Aufmerksamkeit. (cn)

Bildung in Berlin: Verschenktes Potenzial

„Bildung ist nicht alles, aber ohne Bildung ist alles andere nichts“ – dieser in Anlehnung an Artur Schopenhauer zugespitzten These würde heutzutage wohl niemand auch nur andeutungsweise widersprechen wollen. Ein weiteres Axiom hat Aristoteles genial auf den Punkt gebracht: „(Aus)Bildung ist der beste Reiseproviant auf dem Weg zum hohen Alter“, schrieb er und erklärte Bildung damit zu einer das gesamte Leben beherrschenden Aufgabe.

So weit, so klar – oder doch nicht? Wer in die Geschichte blickt oder sich im Hier und Heute umschaut, der sieht so einige Errungenschaften, viel häufiger jedoch Erschütterndes. Nur in wenigen Hochphasen konnte Bildung die ihr zustehende Position einnehmen – in der Antike, in der Renaissance oder in der modernen bürgerlichen Gesellschaft. Sonst herrscht überwiegend Dunkelheit. Bildung war über Jahrhunderte eine Machtfrage und erst seit einigen Jahrzehnten besteht zumindest theoretisch die Möglichkeit zur allumfassenden Bildung der Mehrheit der Gesellschaft.

Besonders das Internet scheint jegliche Bildungsgrenzen zum Einsturz gebracht zu haben. Jedem steht nahezu jede Informationsquelle offen. Kein Thema, worüber im World Wide Web nichts zu finden wäre. Doch das genau ist das Problem. Um die neuen Möglichkeiten wirklich nutzen zu können, bedarf es staatlicher Fürsorge mit gleichen Bildungschancen für alle. Wie lange darum schon gerungen wird beweist Konfuzius. „Bildung soll allen zuganglich sein. Man darf keine Standesunterschiede machen“, forderte er – Worte, die heute genauso aus irgendeinem Parteiprogramm oder aus jeder beliebigen Bildungsbroschüre stammen konnten.

Spielball der Politik

Die Forderung nach mehr und besserer Bildung ist auch vor Ort Quelle heftiger Debatten. Jahrelang Spielball der Parteien stehen wir heute im Wortsinne vor den Trümmern verfehlter Bildungspolitik. Ein ganzes System ist ins Wanken geraten und es ist völlig unklar, ob es wieder stabilisiert werden kann oder ob es in den kommenden zum bildungs- politischen Kollaps kommt, der den Standort Berlin wirtschaftlich, politisch und kulturell schwer schädigen würde.

Besonders verheerend ist die Lage in den Schulen. Rasant wachsende Schülerzahlen, akuter Lehrermangel, fehlende oder ruinierte Schulgebäude en masse und eine auch hier überhandnehmende Bürokratie ergeben ein Gemisch, dessen Unverträglichkeit neben den Kindern und Jugendlichen zunehmend auch die Berliner Unternehmen zu spüren bekommen. So ist zum Beispiel der Mangel an geeigneten Auszubildenden nicht allein dem demografischen Wandel zuzuschreiben. Mitverantwortung trägt auch eine in vielen Fällen praxisferne und unzeitgemäße Schulbildung.

Was tun?

Warum ist Jugendarbeitslosigkeit trotz Fachkräftemangel in der Bundeshauptstadt noch so hoch? Was bedeutet die Lage im Bildungswesen für den Wirtschaftsstandort? Welche Möglichkeiten der Nachwuchsgewinnung haben die Unternehmen? Was kann die Wirtschaft selber tun, um die Ausbildungssituation zu verbessern? Diesen und anderen Fragen zum Thema (Aus)Bildung werden wir im Folgenden nachgehen.

Bildungspolitischer Aufbruch

Eines der größten Probleme in Berlin ist derzeit die vergleichsweise hohe Jugendarbeitslosigkeit, trotz steigendem Fachkräftemangel. Jeder achte Teenager unter 20 Jahren ist derzeit in der Hauptstadt ohne Job (im Marz 2018 genau 13.267 junge Menschen). Die Folgen der Experimente in der Bildungspolitik der vergangen zwei Jahrzehnte sind noch überall spürbar und müssen durch einen bildungspolitischen Aufbruch schnell behoben werden. Zusätzliche Gelder für die Bildungsinfrastruktur, insbesondere Ganztagsschul- und Betreuungsangebote, Digitalisierung und berufliche Schulen werden versprochen. Aber Geld allein genügt nicht. Genauso wichtig sind klare politische Vorgaben.

 

Trotz steigendem Fachkräftemangel verzeichnet Berlin eine hohe Jugendarbeitslosigkeit | Quelle: BA

Trotz steigendem Fachkräftemangel verzeichnet Berlin eine hohe Jugendarbeitslosigkeit | Quelle: BA

 

Ursachenforschung

Experten vermuten, dass einer der Auslöser für die hohe Arbeitslosenquote unter Jugendlichen die Schulbildung ist. Die schlechte Platzierung beim bundesweiten Ranking des INSM-Bildungsmonitors 2017, spricht für diese Annahme. Dort landete die Hauptstadt auf dem untersten Rang – Platz 16. Eine Konsequenz der harten Sparmaßnahmen im Bildungssektor in den letzten Jahren. Es fehlt an Lehrern und an zeitgemäßer Ausstattung. Wie sinnvoll Quereinsteigerprojekte sind, um mehr Lehrer zu gewinnen, lasst sich jetzt noch nicht abschließend sagen. Das werden die kommenden Jahre zeigen. Bezeichnend ist allerdings die Tatsache, dass Berlin jetzt schon beim Reformkurs Bildung 2.0 deutlich im Rückstand ist. Wenige Berliner Schulen sind digital gut aufgestellt und benutzen digitale Unterrichtsmaterialien wie SMART Boards oder iPads. Die Bildungspolitik erklärt zwar, die „Schulen sind für die Schüler da, nicht für die Wirtschaft“, das bedeutet aber nicht, dass auf eine wirtschaftsnahe Ausbildung verzichtet werden kann. Im Gegenteil, es ist im Interesse der Schüler genauso wie der Unternehmen, die ausbilden.

Drohende Gefahren

Eine wirkliche Herausforderung ist die äußerst heterogene Schülerschaft. Nirgendwo sonst werden so viele Kinder unterschiedlicher Nationalität beschult und ausgebildet, wie in Deutschlands Hauptstadt. Das ist Fakt, darf aber nicht als Vorwand dafür dienen, dass die Entwicklungsmöglichkeiten für Jugendliche immer noch stark von der sozialen Herkunft abhängig sind. Jährlich brechen unter anderem aus diesem Grund rund 3.000 Jugendliche in Berlin ohne Abschluss die Schule ab. Das ist mit fatalen Folgen für ihre weitere Entwicklung verbunden, denn gering qualifizierte Arbeitskräfte werden immer weniger gebraucht. Gelingt es nicht, diese Jugendlichen zu integrieren, droht ihnen Arbeitslosigkeit und soziale Isolation. Um dem entgegenzuwirken, wollen Sandra Scheeres (SPD), Senatorin für Bildung, Jugend und Familien, und Elke Breitenbach (Die Linke), Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales, einige Veränderungen durchsetzen. Geplant sind eine Vielzahl von Maßnahmen, unter anderem mehr Sozialarbeiter an den Schulen und mehr Lehrpersonal durch die Forderung von Quereinsteigern.

Aus der Schule in den Beruf

Laut der IHK blieben 2017 nur elf Prozent der Bewerber unversorgt. Allerdings gaben insgesamt 30 Prozent der Befragten aus den Schulen nicht an, ob sie studierten, ins Ausland gingen oder was sie sonst nach dem Abschluss getan haben. Im letzten Jahr galt das für rund 6.200 junge Menschen. Diese Zahlen spiegeln sich auch am Rückgang der Bewerberzahlen für Betriebe wider, obwohl genügend Schulabgänger vorhanden sind, nutzen immer weniger Jugendliche die Möglichkeit der Vorbereitung auf das Berufsleben.

Dem soll zukünftig die engere Zusammenarbeit von dem Bund und Berlin mit der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg sowie der Bundesagentur für Arbeit entgegenwirken. „Mit Unterzeichnung der Initiative Bildungsketten unterstutzt die Bundesregierung unsere Strukturen und stärkt sie“, so Scheeres. Gemeinsam soll die Begleitung und Unterstützung von Jugendlichen beim Übergang von der Schule in den Beruf gefordert werden. Bildung soll zwar die Grundlage für ein erfolgreiches Berufsleben sein, dient aber nicht als Berufsvorbereitung. Die findet im Lehrplan der Schulen einfachen keinen Platz. Mittlerweile arbeitet allerdings die Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales schon an dem Pilotprojekt „Erprobung neuer Zugange in die Ausbildung“. So soll das alte Übergangssystem an die neuen Herausforderungen, beispielsweise Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund, angepasst werden.

 

Bildung wird für jeden eine immer wichtigere Lebensaufgabe | Foto: geralt/pixabay.com

Bildung wird für jeden eine immer wichtigere Lebensaufgabe | Foto: geralt/pixabay.com

 

Versäumnisse der Wirtschaft

Allerdings liegt die Verantwortung nicht nur in der Bildungspolitik, den Schulen oder den Elternhäusern, sondern auch bei den Unternehmen selbst. Bei aller Kritik an den ungenügenden Rahmenbedingungen im Bildungssektor, müssen sich viele Unternehmer fragen lassen, was sie selbst für die Nachwuchssicherung tun. Hier bietet sich ein ernüchterndes Bild. Nur rund 5.020 der ansässigen Industrie- und Handelsunternehmen bilden überhaupt aus – ein Bruchteil, angesichts über 152.144 steuerpflichtigen Unternehmen (Stand 2016). Befragt nach den Gründen, warum sie nicht ausbilden, schieben viele Unternehmer anderen die Schuld zu. Vorgeschoben werden der Mangel an Zeit für die Azubis, die hohen Betriebskosten und insbesondere die Ausrede in Zeiten des Fachkräftemangels keine geeigneten Bewerber zu finden. Gern wird auch der demographische Wandel als Argument angeführt, der aber bei einer so hohen Jugendarbeitslosigkeit kaum einen Einfluss haben sollte.

Einen Großteil des Nachwuchses zieht es bundesweit an die Universitäten. Im Wintersemester 2017/18 schrieben sich allein in Berlin rund 183.000 Menschen für ein Hochschulstudium ein – ein neuer Rekord! Für eine Berufsausbildung meldeten sich dagegen nur 20.816 (IHK Berlin – Stand 2017) junge Leute an. Die ganze Widersprüchlichkeit der Lage auf dem Markt für Ausbildungsstellen ist daran zu sehen, dass es trotz der der hohen Jugendarbeitslosigkeit im vergangenen Ausbildungsjahr, 1.197 unbesetzte Ausbildungsstellen und 2.348 unversorgte Bewerber gab.

Dazu kommt noch die hohe Quote derer, die ihre Berufsausbildung vorzeitig abbrechen. Eine Umverteilung der unversorgten Bewerber auf die freien Plätze wäre denkbar, aber die Rechnung geht nicht auf. Immer mehr Berliner Unternehmen beklagen sich über die mangelnde Qualifikation und Motivationen der jugendlichen Bewerber. Mittlerweile sind es neun von zehn Unternehmen, die auf die schlechte Qualifikation ihrer Bewerber sowie mangelnde Leistungsbereitschaft und Motivation aufmerksam machen. Aber auch hier muss differenziert werden, denn die Rahmenbedingungen einer beruflichen Ausbildung sind nach heutigen Maßstäben für junge Menschen einfach nicht mehr attraktiv genug, weswegen sich viele für ein Studium entscheiden. Allein steuerlich hat der Studentenstatus im Vergleich zur Position eines Azubis nicht von der Hand zu weisende Vorteile. Auch hier bedarf es, wie bereits im Koalitionsvertrag der Bundesregierung vermerkt, einer Anpassung beziehungsweise einer Auswertung der beruflichen Ausbildung. Das Berliner Bildungssystem braucht eine moderne duale Ausbildung, um gleichwertige Berufs- und Bildungschancen für junge Menschen bieten zu können.

 

Quelle: DGB Ausbildungsreport, Deutscher Gewerschaftsbund

Quelle: DGB Ausbildungsreport, Deutscher Gewerschaftsbund

 

Sinkende Ansprüche

Aus der Not wird eine Tugend gemacht – das gilt zurzeit vor allem für die Wirtschaft der Hauptstadtregion. Einige Unternehmen fuhren schon gar keine Einstellungstests mehr durch. Die nachgerückten jungen Bewerber bekommen dann auf Unternehmenskosten Nachhilfe. Andererseits lehnen Unternehmen eine Mindestvergütung für Azubis ab. „Weder ein Parlament noch ein Ministerium sollten darüber entscheiden, wieviel Geld Auszubildende bekommen. Das ist Sache der Betriebe und der Tarifparteien. Es besteht die Gefahr, dass eine politische Untergrenze eine ganze Reihe von Ausbildungstarifvertragen aushebelt“, gab der UVB-Hauptgeschäftsführer Christian Amsinck zu Bedenken. Ohne Investition herrscht allerdings auch beim Nachwuchs Stagnation. Die Wirtschaft muss sich starker in die Nachwuchsgewinnung einbringen und langfristig ihre zukünftigen Fachkräfte heranziehen. Wer am Nachwuchs spart, hat wirtschaftlich keine Zukunft.

Ausbildungsqualität

Die ehemalige Bundesbildungsministerin Annette Schavan wollte schon vor Jahren mit einer „PISA-Studie“ für Azubis die Ausbildungsqualität feststellen lassen. Letztlich scheiterte die Umsetzung bereits an der Finanzierung. Den Unternehmen hatte ein Azubi-PISA höchstwahrscheinlich nicht geschadet. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) führte bereits 2012 einen Report mit Schwerpunkt Ausbildung durch. Darf man der Auswertung des DGB-Ausbildungsreports 2017 glauben, hat sich seitdem kaum etwas getan. Neben der Quantität der Bewerber, mangelt es in der Hauptstadt auch an der Qualität der Ausbildung in den Berufsschulen und den Betrieben. Es fehlt den Berufsschulen vor allem an finanziellen Mitteln, insbesondere für Instandsetzungen, Neubauten und technische Ausrüstung. Obwohl Reformen (allen voran das Berufsbildungsgesetz) zwingend notwendig sind, plädiert die DGB-Bundesjugendsekretarin Manuela Corte dafür, auch unter Zeit- und Handlungsdruck die pädagogische Komponente, garantiert durch qualifizierte Lehrer, der berufsschulischen Ausbildung nicht zu vernachlässigen. Auch braucht es laut der DGB von der Bundesregierung einheitliche Qualitätsstandards und eine gesetzliche Regelung, um Berufsschule und Betrieb besser zu verzahnen.

Die Auswertung des Reports zeigte aber auch ein mehr als wackliges Ausbildungsfundament bei den Betrieben. Fehlende Zusicherung der Übernahme, unbezahlte Überstunden und zum Teil fehlt sogar ein gesetzlich vorgeschriebener Ausbildungsplan. Wozu dann eine berufliche Ausbildung werden sich die Jugendlichen fragen. Nicht ohne Grund sagt der Volksmund: Wie man sich bettet, so liegt man. Die Entwicklung und Sicherung des Fachkräftebedarfs ist aus bildungspolitischer Sicht eine der zentralen Aufgaben der Wirtschaft. Sie müssen letztlich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen schaffen, sodass sie für junge Menschen attraktiv sind, sie dort gut versorgt sind und zukünftig bleiben mochten. Auch die Unternehmen verkennen oft, Arbeit mit dem Nachwuchs ist eine Investition in die Zukunft.

Vorfahrt für die Ausbildung

Viele Unternehmen wurden gern mehr Beschäftigung aufbauen. Ohne die dringend benötigten Fachkräfte wird das allerdings schwer. Sie fehlen im Metall und Elektrohandwerk, im Bereich Sanitär, Heizung und Klima, im Dienstleistungsbereich und in der Bauwirtschaft, so das Fazit der UVB Kompakt 1/2018 Umfrage. Stetig sinkt die Anzahl der Jugendlichen, die sich für kaufmännische Berufe und auch technische Berufe entscheiden.

Die Industrie- und Handelskammer Berlin (IHK) befürchtete also zurecht eine weitere Verstärkung des Fachkräftemangels. Von der Bildungspolitik fordern sie eine Reformagenda unter dem Motto „Vorfahrt für die Ausbildung“. In der Verantwortlichkeit herrscht offenkundig zwischen der Bildungspolitik und der Wirtschaft noch Uneinigkeit. Berlin ist im Improvisieren recht gut, dennoch bedarf es mehr Dialogmöglichkeiten, zum Beispiel einen „Runden Tisch Bildung“, wie es die Redaktion der BERLINboxx vorschlagt. Schließlich gibt es einen nicht von der Hand zu weisen den Zusammenhang zwischen dem Bildungssystem und der Arbeitslosenquote. Wer schon als junger Mensch in die Arbeitslosigkeit gerät, rutscht schnell in die Langzeitarbeitslosigkeit ab. Das wäre verschenktes Potenzial. Die Hauptstadt hat ein stabiles Wirtschaftsklima, einen perfekten Nährboden für innovative Start-ups und genügend junge Menschen, um sich zu einem Top-Standort mit guten Fachkräften weiterzuentwickeln. Den Nachwuchs zu erreichen und eingehend zu fordern, sollte für die Politik wie auch die Wirtschaft oberste Priorität haben. Berlin muss auch aus beruflicher Sicht lebenswert sein.

Fordern und fördern

Unzählige Beispiele belegen: Kooperationen der Wirtschaft, mit Kitas, Grund- und weiterführenden Schulen früher anzubahnen. Beispielhaft ist die Gewobag mit der Lernwerkstatt am Mehringplatz. Beide sind Teil der Initiative des Berliner Handwerks „Berliner Schulpate“. Deren Ziel ist es, Grundschulen und Unternehmen in Quartieren mit erhöhtem Förderbedarf zusammenzubringen und zu starken. Dank der Schulkooperationen können sich die Betriebe sozial engagieren und frühzeitig Schüler auf sich aufmerksam machen. Gemeinsame Projekte zwischen Bildung und Wirtschaft können den Schülern wertvolle Fähigkeiten für das Berufsleben mitgeben, ihnen schon frühzeitig eine berufliche Orientierung bieten. Wenn die Schulen, die Senatsverwaltung und die Unternehmen enger zusammenrucken und gemeinsam Projekte koordinieren, können die Übergangssysteme in den Beruf für junge Menschen nicht nur erleichtert werden, sondern auch dafür sorgen, dass sich wieder mehr Betriebe zur Ausbildung des Nachwuchses entschließen.

Einige Berliner Unternehmen haben das Potenzial des Selbst-aktiv-werdens bereits erkannt. Auszubildende werden individuell von den Betrieben gefordert, Trainee-Programme erleichtern den Übergang von der Schule oder dem Studium in den Berufsalltag und viele- Firmen bilden ihre Mitarbeiter auch intern kontinuierlich weiter. Vorbildlich ist auch die Berliner IHK, die sich mit einem Programm darauf spezialisiert hat Studienabbrecher aufzufangen und für einen Ausbildungsberuf im Handwerk anzuwerben. Immer mehr Betriebe bieten schon ähnliche Angebote an – mit Erfolg.

Potenzial entfalten

Die Wirtschaft der Hauptstadt kann den jungen Auszubildenden und Absolventen den Einstieg in das Berufsleben erleichtern, indem sie gezielt auf sie zugehen oder sich mit ihren Bedürfnissen auseinandersetzen. Den einen Schuldigen zu suchen ist leicht, dabei teilen sich die Betriebe, die Schulen, die Elternhäuser und die Bildungspolitik die gesellschaftliche Verantwortung. Fakt ist: Wer sich seinen Nachwuchs selbst heranzieht, hat für die Zukunft vorgesorgt. Wenige deutsche Großstädte sind so multikulturell geprägt und besitzen ein so hohes Potenzial, bestehend aus jungen, aufgeschlossenen Menschen wie Berlin. Es fehlt nur noch der Impuls in die richtige Richtung. Das ist doch keine schlechte Ausgangslage. (lj)