Berliner Wohnungsnot – Neubau muss her

Der Berlin-Boom ist ungebrochen: Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen und Fähigkeiten kommen nach Berlin und bringen Ideen, Kultur und Unternehmertum mit. Einen Platz zum Leben brauchen sie alle. Seit einigen Jahren jedoch verkompliziert sich der ohnehin schon schwierige Berliner Immobilienmarkt. Denn anders als in den meisten Städten Deutschlands ist Berlin nicht homogen gewachsen. Dies ist vor allem historisch in der Teilung der Stadt und auch der Bildung von zwei unterschiedlichen Stadtzentren begründet.

Bei der Veranstaltung Stadtentwicklung, Wohnungsmarkt und Politik wurde gestern Abend über den aktuellen und zukünftigen Wohnungsmarkt Berlins diskutiert. Die von der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit organisierte Diskussionsrunde im Roten Rathaus behandelte Themen wie Wohnen in Berlin aus Anbieter-und Verbrauchersicht oder die Themen Mietpreisbremse und Zweckentfremdung.

Zu den Sprechern gehörten Wibke Werner (Stellvertretende Geschäftsführerin des Berliner Mietvereins), Klaus-Peter Hesse (Geschäftsführer des ZIA Zentraler Immobilien Ausschusses), Iris Spranger (Sprecherin für Bauen, Wohnen, Mieten, SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus), Nina Stahr (Landesvorsitzende, Bündnis 90/Die Grünen), Stefan Förster (Sprecher für Bauen, Wohnen und Denkmalschutz, FDP-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus). Moderiert wurde das Ganze von Gerd Nowakowski (Der Tagesspiegel).

Es zeigte sich, dass ein grundlegender Konsens unter allen Beteiligten bestand: Es muss gebaut werden – und zwar dringend. Seit 2010 sind 240.000 Neu-Berliner hinzugekommen, gebaut wurden jedoch nur 40.000 Wohnungen. Platz genug ist vorhanden, verfügt Berlin doch über viele Freiflächen, die schätzungsweise Platz für 240.000 Wohnungen bieten würden.

Viele Investoren sind verunsichert durch hohe Grundstückskosten, langwierige Bauverfahren, mangelnde Akzeptanz für Neubauvorlagen und teure Auflagen. Ein weiterer Aspekt sind die Bürger selbst. Es werden zwar Wohnungen gefordert, wenn es jedoch um die Umsetzung von Neubauten geht, fürchten viele um ihren Kiez, die Preisstruktur oder die Aussicht. Die Rede ist auch meist von den beiden Extremen Luxuswohnungen und preisgebundenem Wohnraum. Auf der Strecke bleibt dabei oft der Bedarf der Mittelschicht, für die es zunehmend schwieriger wird, passenden Wohnraum zu finden.

Dabei gilt Berlin immer noch als vergleichswiese günstig. Schaut man jedoch genauer hin, lässt sich diese Behauptung kaum aufrechterhalten: Seit 2010 sind die Mietpreise in Berlin um 94% gestiegen, das durchschnittliche Haushaltsnettoeinkommen beträgt 1.600 Euro, 22,4% der Haushalte, also fast ein Viertel, sind armutsgefährdet. Dies führt dazu, dass trotz der vergleichsweise noch relativ niedrigen Mieten, die Wohnkostenbelastung vergleichbar mit der in München ist.

Foto: © Peter Baumgärtner - Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Alle wollen das Gleiche: Berlins Wohnungen müssen bezahlbar sein und bleiben. Viele Bürger fordern daher eine stärkere Regulierung des Immobilienmarktes durch die Politik. Klaus-Peter Hesse, Geschäftsführer des ZIA, sieht das jedoch kritisch: „ Natürlich müssen Bund und Länder rechtliche Rahmenbedingungen schaffen, starke Eingriffe durch die Politik sind aber in den meisten Fällen wenig bis gar nicht hilfreich, wie man auch an der Mietpreisbremse sieht.“ Dem widerspricht Iris Spranger, Sprecherin für Bauen, Wohnen, Mieten der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, die die Mietpreisbremse durchaus als ein zielführendes Instrument ansieht, um zu verhindern, dass Mieten willkürlich angehoben werden können.

Neubau ist also die Antwort auf alle Fragen? Nicht ganz, denn viele werfen Investoren vor, am Bedarf vorbei zu bauen und nur den eigenen Profit im Blick zu haben. Tatsächlich ist Berlin eine Mieterstadt, 85 Prozent der Einwohner leben zur Miete. Entwickelt werden aber auch viele Eigentumswohnungen. Aus Sich von Klaus-Peter Hesse ist das kein Problem: „Mittlerweile denken viele über Wohnungskauf nach. Aufgrund der niedrigen Zinsen ist das nun für viele eine Option, hinzu kommt die positive Wertentwicklung. Außerdem nicht zu vergessen die zahlreichen Investoren aus dem Ausland, für die Berlin eine große Strahlkraft besitzt.“

Einige Ansätze werden durchweg positiv gesehen, so etwa die kooperative Baulandentwicklung. Die städtischen Wohnungsbaugesellschaften können den Bedarf nicht alleine decken, private Investoren müssen also dringend unterstützen. Grundsätzlich vorgeschrieben ist dann auch, 30 Prozent der Wohnungen zu sozialverträglichen Mieten abzugeben.

Es bleibt also zu hoffen, dass solche vielversprechenden Ansätze verbessert und fortgeführt werden. Denn alle eint das gleiche Ziel: Die Urbanität und die Vielfältigkeit Berlins müssen erhalten bleiben. Schließlich sind das die Gründe für die internationale Attraktivität Berlins, die nicht nur zahlreiche Touristen, sondern auch Unternehmen und Arbeitskräfte in die Stadt zieht. Denn auch in diesem Punkt sind sich alle einig: Berlin steht eine rosige Zukunft bevor. Die Stadt wird weiterhin wachsen und auch zunehmend an Internationalität gewinnen. Eine Immobilienblase oder eine „tote“ Innenstadt sind aus Sicht der Diskutanten nicht zu befürchten. (mg)

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