Sandra Scheeres, Senatorin für Bildung, Jugend und Wissenschaft | Foto: Businessfotografie Inga Haar

Berliner Schule – Spiegelbild unserer Gesellschaft

Bildungsdesaster – so hieß es in den vergangenen Jahren oftmals, wenn von den  Schulen in Berlin die Rede war. Inzwischen hat sich viel getan und noch mehr ist geplant: Angefangen von der Schulbauoffensive, über das Quereinsteigerprogramm für Lehrer bis zur Etablierung neuer Lehrinhalte. Über die damit verbundenen Aufgaben und Anforderungen sprachen wir mit Sandra Scheeres, der Senatorin für Bildung, Jugend und Wissenschaft.

Frau Scheeres, die Situation in den Berliner Schulen wird nach wie vor kontrovers diskutiert. Wie schätzen Sie die Situation des Berliner Schulwesens ein?

Die Berliner Schule ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Das heißt: Berliner Lehrkräfte müssen mit sehr unterschiedlichen Schülerinnen und Schülern arbeiten. Dabei sehen sie sich im Schulalltag mit deren verschiedenen Lebensläufen und Lernvoraussetzungen konfrontiert. Hinzu kommen Schüler, die problematische Einstellungen und Vorurteile mit in die Schulen hineintragen, was dann zu Konflikten führen kann. Schule ist heute mehr als reine Wissensvermittlung. Es geht jetzt auch darum, die Kinder und Jugendlichen zu erreichen und das soziale Miteinander zu stärken. Problematisch ist zum Beispiel die Haltung vieler Elternhäuser, die bei Schwierigkeiten in der Erziehung, diese gern der Schule aufbürden. Das ist eine sehr schwierige und herausfordernde Aufgabe.

Die Schulen haben zurzeit mit vielen Problemen gleichzeitig zu kämpfen – steigenden Schülerzahlen, fehlende Schulgebäude und so weiter. Wie gehen Sie diese Probleme an?

In den nächsten Jahren brauchen wir bis zu 70.000 zusätzliche Schulplätze. Das ist in der Tat eine Herausforderung, an der wir auch schon sehr intensiv arbeiten. Mehr Schülerinnen und Schüler bedeuten mehr Lehrkräfte und mehr Schulplätze. Neben dem Schwerpunkt der Fachkräftegewinnung hat der Senat eines der zentralen Infrastrukturprojekte auf den Weg gebracht: Die Berliner Schulbauoffensive, durch die 5,5 Milliarden Euro in den kommenden Jahren in den Schulbau und die Schulsanierung fließen. Aktuell haben wir den Schulbaufahrplan veröffentlicht. Das ist eine übersichtliche Datensammlung, die schulscharf darstellt, wer wann was an der jeweiligen Schule saniert oder baut. Diese Transparenz ist einmalig. Der Schulbaufahrplan dient uns als Steuerungsinstrument. Die notwendigen Erweiterungen bergen auch die Chance, neue pädagogische Anforderungen in der Architektur umzusetzen. Wir haben dafür ein Raum- und Funktionsprogramm erarbeitet. Das berücksichtigt die pädagogischen Erfordernisse unserer Zeit und die Anforderungen, die neben der reinen Wissensvermittlung an Schülerinnen und Schüler gestellt werden: Kreativität, Eigenverantwortlichkeit und Teamfähigkeit. Dafür gibt es für alle schulischen Akteure ausreichend Begegnungs- und Kommunikationsbereiche, die im Rahmen einer inklusiven Ganztagsschule den Aufenthalt in den Berliner Schulen interessanter und vielfältiger gestalten.

In Berlin droht Lehrermangel. Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation?

Man hätte schon vor zehn Jahren die Weichen stellen müssen, um jetzt ausreichend ausgebildete Lehrer zu haben. Als ich mein Amt als Bildungssenatorin vor 6,5 Jahren übernahm, musste ich noch darum kämpfen, Lehrerstellen im System zu behalten, weil wir sinkende Schülerzahlen hatten. Inzwischen herrscht bundesweit ein Fachkräftemangel und die sogenannten Mangelfächer werden jedes Jahr mehr. Waren es am Anfang nur die MINT-Fächer, sind es heute auch Englisch, Musik und Sport. Wir waren in Berlin nicht untätig und haben die Studienplätze für Studierende im Grundschullehramt vervierfacht und die Absolventenzahlen insgesamt in den Hochschulverträgen erhöht. Aber der Wettbewerb zwischen den Bundesländern ist groß. Berlin hat neben einer guten Bezahlung mit monatlich 5.300 Euro den Vorteil, eine sehr attraktive Stadt zu sein, sodass wir auch viele Bewerbungen aus anderen Bundesländern erhalten.

Wie sollen mehr Fachkräfte gewonnen werden und welche Rolle spielen Quereinsteiger?

Fachkräftegewinnung steht für mein Haus an oberster Stelle. Ich habe vor vier Jahren den Berlin-Tag eingeführt, eine halbjährliche Informationsmesse rund um den Lehrkräfte- und Erzieherberuf. Berlin hat in der vergangenen Legislatur 10.000 Lehrkräfte eingestellt, im vergangenen Jahr waren es 3.000. Das ist ein immenser Kraftakt für alle Beteiligten. Für mich ist es alternativlos, auch Quereinsteiger in die berufsbegleitende Lehrkräfteausbildung aufzunehmen. Wer das nicht will, muss sich die Fragen stellen, ob er im Gegenzug Unterrichtsausfall, größere Klassen oder sogar eine Erhöhung der Deputatstunden für Lehrkräfte in Kauf nehmen will. Das sind nicht meine Vorstellungen. Quereinsteigende haben überwiegend zwei Schulfächer studiert. Zusammen mit den anderen Referendaren absolvieren sie den 18-monatigen Vorbereitungsdienst, an dessen Ende die Staatsprüfung steht. Berlin hat momentan einen Anteil von 4,2 Prozent Quereinsteigern, die sich mithilfe von Mentorinnen und Mentoren gut in die Berliner Schulen integrieren. Dass sie dabei Unterstützung benötigen, ist keine Frage. Die werden wir im kommenden Schuljahr weiterhin optimieren.

Im vergangenen Jahr wurde ein gigantisches Schulbauprogramm  auf den Weg gebracht. Wie weit ist die Umsetzung vorangeschritten?

Es hat sich eine ganze Menge getan. Das Bedürfnis nach Daten sowie transparenten Informationen zum Thema Schulbau ist angesichts der erforderlichen Sanierungsmaßnahmen und benötigten Schulplätze gestiegen. Wo passiert was? Wer ist verantwortlich: Bezirk oder Senat? Dazu habe ich in der vergangenen Woche eine umfassende Datensammlung Schulbau vorgestellt, die das jeweilige Maßnahmen-Controlling enthält. Ein derartiger Fahrplan ist einmalig in Berlins Schulbaugeschichte und auch in Deutschland. Eine wichtige Maßnahme war die Installierung der Task Force Schulbau. In Verbindung damit, ist die Zuordnung der einzelnen Maßnahmen an die Baudienstleiter erfolgt. Festgelegt wurde die Verteilung der Standorte, die von der Howoge oder der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen als Baudienstleister übernehmen werden. Die Mittel für das Schulbauprogramm stehen zur Verfügung und auf Landesebene wurden Partizipationsstrukturen eingerichtet. Manchmal wird übersehen, dass parallel zu dieser Aufbauphase der Berliner Schulbauoffensive natürlich auch saniert, geplant und gebaut wurde und wird. Nach über 100 Sanierungsmaßnahmen an Berliner Schulen im letzten Jahr sind hier insbesondere die ersten zehn Wettbewerbsentwürfe für neue Schulen sowie die Errichtung von dutzenden von modularen Ergänzungsbauten zu nennen. (red)

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